Suburban Hellscape

Es war mir schleierhaft, wie ich an diesem Ort gelangt bin. Soweit mein Blick reichte, sah ich nur endlose Reihen von einstöckigen Einfamilienhäusern und Schrebergärten, ein Paradebeispiel für eine suburbane Gegend. Aber es war ein Paradoxon, der Randbereich einer Stadt ohne Stadt.

Ich kletterte auf einem Baum, versuchte von dort einen besseren Überblick zu erhalten. Vielleicht gab es ja ein absehbares Ende dieser Wüste aus bedrückender Bourgeoisienormalität. Doch sobald ich die Spitze erreichte, verschwand meine Hoffnung sofort. Die Reihen von Häuser und Gärten, die keinen bewussten Muster folgten, erstreckten sich bis zum Horizont und darüber hinaus. Es gab keine Stadt, kein Industriegebiet, keine Parks, keine Wälder. Nur ein Labyrinth aus den ewig gleichen Straßen und Häusern.

Ich kletterte wieder vom Baum herab und ging zum Gehweg hinüber. Es gab keinerlei Indizien, wo genau sich dieser Ort befand. Die Architektur der Häuser war nichtssagend und zeitlos, obwohl es mich an die Randgebiete meiner Heimatstadt in Deutschland erinnerte. Doch die Parallelen waren sehr brüchig. Die Gärten wirkten zu ordentlich, die Straßen und Gehwege zu sauber und die Häuser zu perfekt.

Ich beschritt den Weg und begab mich zu einem Straßenschild an einer Kreuzung, in der Hoffnung, dass es mir bei meiner Orientierung weiterhalf. Doch wieder einmal wurde ich enttäuscht. Auf den Schildern standen nur nichtssagende Sachen: Straße.

Es gab noch eine Sache, die mir Angst einjagte: Es gab keinerlei Geräusche. Ich hörte weder das Rauschen des Windes noch das Zwitschern der Vögel noch das Zirpen der Grillen noch das Brummen von Autos und anderem Verkehr. Jegliche Geräusche schienen aus dieser Welt verbannt worden zu sein. Es war eine geradezu bedrückende Stille. Ich hörte nur mein eigenes Atmen, das Rascheln meiner Kleidung. Doch diese Geräusche klangen fremd, als würden sie nicht in diese Welt gehören. Als wären sie nicht erwünscht. Selbst meine Schritte auf dem Bürgersteig hörten sich hohl und falsch an.

Ich schaute hoch zum Himmel, doch auch der gab mir keinen Trost. Ich erwartete ein strahlendes Blau, doch ich bekam nur dieses verwaschene, nichtssagende Blassgrau. Es hatte Ähnlichkeiten mit dem Pinselbecher eines gelangweilten Malers am Ende eines langen Malprozesses. Ich konnte keine einzige Wolke erkennen, geschweige denn vorbeifliegende Flugzeuge. Aber ab diesem Punkt überraschte mich das auch nicht mehr. Wenigstens war es nicht kalt.

Ich tat etwas Unüberlegtes und rief einmal laut: »Hallo?«, in die menschenleere Gegend hinein. Es gab keine Antwort, nicht einmal ein Echo. Meine Stimme hörte sich gedämpft, kraftlos an. Als würde man versuchen in einem Traum zu schreien.

Bar jeglicher Vernunft tat ich das Nächstbeste, was mir noch übrig blieb: Ich sprang über einen der hüfthohen Holzzäune und ging zu einem der Häuser. Ich riskierte einen Blick durch die Fenster, doch die Gardinen versperrten mir die Sicht. Mit einem Ohr lauschte ich an der Tür. Nichts. Stille.

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und klopfte. Wenn es hier Häuser gab, müssten dann auch Menschen hier leben. Für wem sollten diese Gebäude sonst existieren?

Niemand reagierte auf mein Klopfen. Neben der Tür entdeckte ich eine Klingel mit Namensschild, darauf stand wie mit einer Schreibmaschine getippt: Familie Schmidt. Ein Allerweltsname. Ich drückte auf die Klingel. Ein ekelhaftes bzzzt-Geräusch erklang. Es erinnerte mich an das Summen einer Pferdebremse.

Ich wartete. Keine Reaktion. Vielleicht wohnte hier niemand, vielleicht stand das Haus auch schon seit Jahren leer. Aber wer kümmerte sich dann um den Garten? Der Rasen sah frisch gemäht aus. Die Blumenbeete waren in bester Verfassung. Das Haus war gestrichen, die Fenster geputzt. Die Gehwege waren alle frei von Müll und Unkraut. Irgendjemand musste doch hier leben.

»Scheiß drauf«, murmelte ich und drückte die Klinke hinunter. Die Tür war nicht abgeschlossen.

»Scheinen ja alle großes Vertrauen in ihre Nachbarn zu haben.«

Ich trat in das Haus hinein. Auch hier sprang einem die aufgesetzte Normalität förmlich ins Gesicht. Es war nur ein gewöhnlicher Flur mit Garderobe, an der Kleidung hing. Jacken, Mäntel, Mützen, Hüte. Mein Gefühl lag richtig, hier wohnten eindeutig Menschen. Vielleicht waren sie hier auch gefangen?

»Hallo?«, rief ich in den Hausflur hinein. »Ist jemand zuhause?«, ich überlegte kurz, »Ich bräuchte Hilfe. Ich habe mich … verlaufen. Können Sie mir vielleicht helfen?«

Noch immer kam keine Reaktion. Ich entschied mich, gegen meine sonst eigentlich guten Manieren zu handeln und ging, nachdem ich die Tür geschlossen und meine Schuhe saubergemacht hatte, tiefer in das anscheinend leere Haus hinein. Ich trat in das, wie ich vermutete, Wohnzimmer. Es war ein schlicht eingerichtetes Zimmer, es erinnerte mich an mein Elternhaus. Wir hatten sogar die selben Regale, Tische und Stühle. Anscheinend gingen alle in die selben schwedischen Möbelhäuser einkaufen. Das einzig Ungewöhnliche befand sich an der Wand zu meiner linken. Dort hingen unzählige verschiedene Schmetterlinge, aufgespießt mit Stecknadeln, verschlossen hinter Glas. Ungewöhnlich, aber nicht komplett seltsam. Mein Vater und ich teilten dieses Hobby ebenfalls.

Die Familie Schmidt war im Wohnzimmer versammelt, sie saßen alle gemeinsam auf einem Sofa. Ich zählte vier Köpfe. Ihre Rücken waren mir zugewandt. Sie alle starrten wie gebannt auf einen Fernsehapparat. Doch da war nichts zu sehen als Schnee. Sie reagierten nicht auf mich, nahmen meine Präsenz nicht einmal war. Genauso gut hätte ich auch Luft sein können.

Ich räusperte mich und sagte: »Ich … ähm … unterbreche Sie nur ungern, aber … könnten Sie mir eventuell helfen?«

Die Person am linken Ende des Sofas zuckte mit dem Kopf und erhob sich, wenn auch etwas steif. Sie drehte sich ruckartig um, ich erschrak und trat ein wenig zurück. Eigentlich gab es nichts, wo vor ich mich hätte fürchten müssen. Vor mir stand ein gewöhnlicher, mittelalter Mann. Er war vielleicht keine fünfunddreißig. Er trug eine schwarze Hornbrille und einen blauen Strickpullover. Seine Haare waren kurz und ordentlich nach hinten gegelt. Er hatte ein durchschnittliches Gesicht und einen durchschnittlichen Körper. Er sah genau so aus, wie sich jemand einen Schmidt vorstellen würde.

Das war auch nicht das, was mich erschreckte. Es war nicht sein Aussehen, sondern sein Ausdruck. Dieser war, ich konnte es nicht besser beschreiben … Er war leer. Nichtssagend. Gefühllos war das falsche Wort, es war eher die Abwesenheit von Gefühlen.

Seine blassgrauen Augen fixierten mich, sein Mund verkrampfte sich zu einem übertriebenen Lächeln. Gleich einem Roboter stakste er auf mich zu und hielt mir seine rechte Hand hin.

»Guten Tag! Ich kenne Sie noch gar nicht. Sind Sie ein neuer Nachbar?«, fragte er. Seine übertriebenen Mundbewegungen passten nicht zum Gesprochenen. Sie erinnerten mich an die alten Stop-Motion-Filme meiner Kindheit. Seine Stimme klang, als käme sie aus einem Radio. Sie klang verzerrt, hohl, kratzig. In ihr lag aber trotzdem Höflichkeit.

Ich ergriff zögerlich die Hand und schüttelte sie. Sie fühlte sich kalt und rau an.

»Nein, ich bin nicht von hier«, versuchte ich zu erklären, »aber Sie können mir doch sicherlich sagen, wo ich hier bin. Was ist das für ein Ort?«

»Schönes Wetter heute, oder?«, fragte er.

»Ähm … Wie man es nimmt«, antwortete ich leicht verwundert.

»Angenehmes Wetter, finden Sie nicht? Perfekt für einen Ausflug in den Tierpark!«

»Äh … Ja? Gibt es hier überhaupt einen Tierpark? Um ehrlich zu sein, habe ich bisher nicht einmal einen Spatz gesehen.«

»Warum bleiben Sie nicht zum Essen, neuer Nachbar? Meine Frau«, sein Kopf bewegte sich ruckartig zur Seite, »macht einen hervorragenden Auflauf. Den dürfen Sie auf keinen Fall verpassen.«

»Ich weiß ja nicht …«, mir war überhaupt nicht wohl bei der Sache. Diese Leute wirkten von Außen normal und völlig harmlos, aber ihr Verhalten war mehr als nur schräg. Gut möglich, dass die lange Isolation sie in den Wahnsinn getrieben hat. Ich sollte sie nicht allzu sehr verurteilen, mir würde es wahrscheinlich nicht anders ergehen. Außerdem … hatte ich ziemlichen Hunger. Ich wusste nicht, wann ich meine letzte Mahlzeit zu mir genommen hatte.

Nun erhob sich auch die Frau des Mannes, sie bewegte sich ähnlich steif und roboterhaft wie ihr Gatte. Sie hatte lange braune, lockige Haare. Ihr Gesicht war makellos rein, das Make-up war sorgfältig aufgetragen worden. Sie trug ein oranges Kleid. Es erinnerte mich an Werbeplakate aus den 50ern.

»Es wäre mir eine große Freude, wenn Sie hier verweilen würden, neuer Nachbar. Unsere Gemeinde ist bekannt für ihre Gastfreundschaft. Also bitte, bleiben Sie«, sie sprach ähnlich wie ihr Mann.

»Wenn Sie so freundlich bitten, kann ich wohl nicht anders«, was sollte schon Schlimmes passieren, dachte ich mir.

»Gute Entscheidung«, der Mann zeigte ein debiles Grinsen, dann wandte er sich den anderen beiden Personen zu, »Kinder! Deckt ihr bitte den Tisch? Wir haben einen Gast!«

Die beiden Kinder erhoben sich zeitgleich und rannten los. Ich bemerkte, dass sie die gleichen Klamotten wie ihre Eltern trugen. Auch vom Aussehen waren sie einfach jüngere Kopien ihrer Erzeuger. Langsam krochen Zweifel an meiner Entscheidung hoch, doch ein Blick durch einen Gardinenschlitz offenbarte mir, dass es draußen langsam dunkel wurde und das Letzte, was ich wollte, war die Nacht draußen zu verbringen.

In nur wenigen Minuten hatten die beiden Kinder, es waren ein Junge und ein Mädchen, Teller und Besteck auf dem Tisch verteilt.

Der Mann und die Frau ergriffen jeweils einen Arm von mir und brachten mich zum Esstisch. Ich bekam den Sitz am Kopfende. Der Ehemann setzte sich neben mir. Die Kinder gesellten sich zu uns, während die Frau in der Küche verschwand.

Der Rest der Familie starrte mich erwartungsvoll an.

»Um auf meine Frage zurückzukommen … Wo sind wir hier? Was ist das für eine Stadt?«

Der Mann zeigte ein breites Lächeln und sagte: »Wahrlich ein wundervoller Ort, nicht wahr? Das Wetter ist hier so schön, es ist immer so schön. Niemand, der hierher zieht, will auch wieder weg. Die Menschen sind so freundlich, hier wird Gastfreundschaft groß geschrieben. Niemand geht von hier weg, niemand will von hier weg. Warum sollte man auch? Hier hat man alles. Hier fehlt es einem an nichts. Hier in unserer kleinen Gemeinde namens«, er zuckte mit dem Kopf, sein Gesicht verkrampfte sich, aus seinem Mund drangen Klick- und Kehllaute. Ich wusste nicht so recht, was ich mit dieser Antwort anfangen sollte.

»Essen ist fertig!«, rief die Frau und balancierte mit Leichtigkeit fünf dampfende Teller auf ihren Armen. Den ersten bekam ich und mir gefiel ganz und gar nicht, was sich darauf befand. Unter Auflauf hatte ich mir etwas anderes vorgestellt. Mein Suppenteller war bis zum Rand gefüllt mit Mehlwürmern. Lebenden Mehlwürmern. Ihre langen, dünnen orangenen Körper krabbelten wild umher.

Ich spürte, wie mein Mageninhalt sich langsam einen Weg nach oben bahnte. Der Familie schien es überhaupt nicht zu stören, sie schaufelten sich förmlich die Larven hinein. Sie schmatzten und kauten und quiekten vergnügt. Sie benutzten das Besteck überhaupt nicht, sondern nutzten ihre bloßen Hände.

Ich ertrug diese Freakshow nicht mehr. Ich sprang auf und rannte, so schnell wie ich nur konnte, aus dem Wohnzimmer raus. Ich hörte noch laute Geräusche der Bestürzung, aber das war mir egal. Sollen sie doch an ihren Mehlwürmern ersticken. Ich wollte nur weg von hier, raus, raus an die frische Luft. Weg von diesen Irren.

Ich wäre fast gegen die Tür gerannt, konnte mich aber noch rechtzeitig bremsen. Ich riss sie auf und schmiss sie mit einem lauten Knall wieder zu. Ich war draußen, füllte meine erschöpften Lungen mit frischer Luft.

Mittlerweile war das Blassgrau komplett verschwunden und hatte einem tiefen Schwarz Platz gemacht. Die Straßenlaternen, die in regelmäßigen Abständen auf den Bürgersteigen standen, gingen alle gleichzeitig an. Gab es hier in der Nähe ein Kraftwerk? Irgendwoher musste doch der Strom kommen.

Ich schaute zum Himmel. Ich war nicht wirklich überrascht, als ich keinerlei Sterne erblickte. Was war das nur für ein Ort? In welche Hölle war ich hineingeraten?

Ich setzte mich neben eine der Straßenlaternen. Ich müsste völlig irre sein, um in diesem Labyrinth aus Einfamilienhäusern im Dunkeln herumzuwandern. Ich begann darüber nachzudenken, wie ich nur in diesen bizarren Ort gelandet bin. Eigentlich war es doch ein völlig normaler Tag gewesen. Ich verließ das Universitätsgebäude, Haus 10 um genau zu sein, wir hatten gerade ein Seminar über Der Prozess von Franz Kafka, ich wollte mich auf dem Weg zur Mensa begeben, doch einer meiner Kommilitonen hielt mich auf. Er saß mit mir in dem selben Kurs, ein angenehmer Zeitgenosse, sehr gebildet, er schrieb auch für die Uni-Zeitschrift. Er fragte mich, ob ich Lust hätte, ihn zum AStA-Büro zu begleiten, er hätte noch ein wenig Stoff, der weg müsste, dabei zwinkerte er mich an. Eigentlich hatte ich ziemlichen Hunger, doch eine Chance mit dem Kommilitonen Zeit zu verbringen, wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ich hatte schon seit längerer Zeit ein Auge auf ihn geworfen. Also, willigte ich ein.

Ein süßes Lächeln spielte um seine Lippen. Wir waren gerade dabei die Straße zu überqueren, als … Als … Was war eigentlich danach passiert? Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern. Den einen Moment ging ich voll freudiger Erwartung über die Straße und im nächsten war ich hier und war umgeben von spießigen Schrebergärten. Was war passiert? Wie war ich hierher gekommen?

Plötzlich merkte ich, wie sich meine Nackenhaare aufstellten und ein prickelndes Gefühl über meine Haut glitt, so als würde jemand einen mit der eiskalten Hand über den Rücken streicheln. Es lag auf einmal eine gewisse Spannung in der Luft, wie elektrisch aufgeladen. Ich richtete mich sofort auf und schaute mich um. Zuerst sah nichts als dunkle Häuser, niemand hatte Licht angeschaltet, alles lag in stiller Finsternis. Meine Augen scannten das Gebiet, suchten nach Unregelmäßigkeiten in einer regelmäßigen Landschaft. Gerade als ich mich wieder hinsetzen wollte, sicher, dass hier nichts war, erblickte ich etwas.

Ein großer, unförmiger Schatten kletterte über die Dächer der Häuser. Als ich das Ding erblickte, fiel mir eine Strophe aus einem alten Kinderlied ein:

Auf der Mauer, auf der Lauer

Sitzt ‘ne kleine Wanze.

Auf der Mauer, auf der Lauer

Sitzt ‘ne kleine Wanze.

Seht euch nur die Wanze an,

wie die Wanze tanzen kann.

Auf der Mauer, auf der Lauer

Sitz ‘ne kleine Wanze.

Das Ding war noch für einige Augenblicke zu sehen und verschwand danach einfach in diesem Meer aus Häusern.

Es überrascht wahrscheinlich niemanden, dass ich diese Nacht kein Auge zumachte.

Ich beobachtete, wie sich der pechschwarze Himmel wieder zu einem blassgrauen wandelte. Erstaunlicherweise war ich weder müde noch erschöpft. Ich konnte auch nicht sagen, wie lange die Nacht dauerte. Es hätten zwei oder auch acht Stunden sein können. Mein Zeitgefühl war völlig verschwunden. Ich verspürte auch keinen Hunger. Alles seltsam.

Die Straßenlaternen gingen alle gleichzeitig aus. Gab es eine Zentrale, die das steuerte oder war es ein Automatismus, der keinerlei Menschen benötigte? Und wenn es eine Zentrale gab, wo lag sie? Arbeiteten dort richtige Menschen oder waren es die selben Kreaturen, die die endlosen Häuser bewohnten?

Mir kam eine verrückte Idee: Vielleicht hatte dieser Ort doch ein Ende. Vielleicht befand sich hinterm Horizont etwas anderes als Schrebergärten und einstöckige Einfamilienhäuser. Theoretisch sollte es unmöglich sein, dass sich dieser Ort ins Unendliche streckt. Dann wiederum: Die Existenz dieser Welt sollte unmöglich sein.

Doch was hatte ich schon zu verlieren? Genauso gut könnte ich hier auch warten, bis ich verdurste oder verhungere. Oder bis dieses seltsame Ding mich erwischte. Was auch immer es war, es sah nicht freundlich aus, so viel stand fest. Höchstwahrscheinlich handelte es sich um eine ähnliche Abscheulichkeit wie die Bewohner dieses Ortes, wenn es nicht gar noch abscheulicher war. Allein mich an dieses Monster zu erinnern, jagte mir einen Schauer über den Rücken und meine Nackenhaare stellten sich auf. Nein, ich wollte definitiv nicht herausfinden, was hier nachts umher krabbelte.

Ich richtete mich auf und marschierte los. Was blieb mir schon anderes übrig?

Mir fiel auf, dass dieser Ort wie ein Schachbrett aufgebaut war. Straßen überkreuzten sich in regelmäßigen Abständen, in jedem Feld befand sich die gleiche Zahl an Häusern und Gärten. Trotz der Einzigartigkeit der Gebäude waren alle Grundstücke gleich groß, niemand besaß mehr Land als seine Nachbarn. Jedes Grundstück ging nahtlos in ein anderes über, nur getrennt durch einen Zaun oder eine Hecke, die ebenfalls einzigartig gestaltet waren. Gleichförmige Individualität. Wenn alle besonders waren, was hieß es dann besonders zu sein? Wie viele einzigartige Varianten gab es wohl? Oder wiederholte es sich doch irgendwann? Es würde mehrere Menschenleben brauchen, um diesen Ort vollständig zu erkunden. Eine meiner Freundinnen studierte Städtebau und Stadtplanung, sie hätte ihre Freude an dieser suburbanen Hölle gehabt.

Die Gegend erinnerte mich an das Prinzip der Planstädte, Neuruppin kam mir als erstes in den Sinn. Dieses ordentliche Schachbrettmuster … Wobei Neuruppin definitiv eine schönere Stadt war. Trotz der Planung und der Regelmäßigkeit wirkte die Kreisstadt weitaus organischer als dieser surreale Ort hier.

Welche grausame, absurde Intelligenz war verantwortlich für dieses Werk? Wenn überhaupt jemand dafür verantwortlich war … Vielleicht ist diese Gegend auch einfach aus dem Nichts entstanden, ähnlich wie unser Universum mit dem Urknall.

Mir fiel wieder auf, wie unheimlich still dieser Ort doch war. Ich hörte weder das Rauschen des Windes noch das Rascheln der Blätter noch das Dröhnen von Autos. Kein Vogelgezwitscher, kein Gelächter, keine spielenden Kinder, keine schreienden Erwachsenden. Es war stiller als auf einem Friedhof. Es befanden sich auch keinerlei Menschen auf der Straße, wobei ich darüber sehr glücklich war. Ich wollte keinem dieser Freaks wieder begegnen.

Was waren diese Dinger überhaupt? Menschen können es keine gewesen sein. Obwohl diese Kreaturen gewisse Ähnlichkeiten besaßen. Doch dieses merkwürdige Verhalten, die unnatürlichen, steifen Bewegungen, die radioartigen Stimmen … Wer waren diese Wesen? Woher kamen sie? Nannten sie diese Welt ihre Heimat? Falls sie dieses Konzept überhaupt verstanden. Falls sie überhaupt eigenständig denkende Wesen waren. Vielleicht befand ich mich ja in einem Purgatorium und diese Monster waren bestrafte Seelen, Dämonen oder dergleichen. Auf ewig dazu verdammt in dieser suburbanen Höllenlandschaft gefangen zu sein, hier zu leben. Vielleicht waren sie mal Menschen, aber durch die lange Zeit hier, verloren sie ihre Menschlichkeit, ihre Identität. Sie wurden Teil dieser Welt. Ihre ewigen Bewohner. Gefangen in einem Gefängnis ohne Ausgang und ohne Hoffnung auf Freilassung. Da würde doch jeder wahnsinnig werden, oder? Werde ich auch eines Tages so enden? Wenn ich zu lange hier verweile? Werde ich meine Kleidung wie bei einer Larve im Wachstum abstreifen? Wird auf meiner Haut einer dieser grässlichen, spießigen Strickpullover wachsen? Wird sich aus meinem Gesicht eine Hornbrille formen, die wie ein Organ mit mir verwachsen ist? Verlerne ich dann auch, was es heißt, ein Mensch zu sein? Aus der Larve wird die Imago.

Vorhin kam mir der Gedanke, dass ich mich in eine Art Purgatorium, einem Fegefeuer befinde. Darüber hatte ich noch gar nicht richtig nachgedacht. War ich tot? War meine Seele hinabgestiegen in das läuternde Feuer? Das war doch unmöglich. Woran soll ich denn gestorben sein? Meine letzte Erinnerung war … die Überquerung der Straße. Kam ein Auto angerast? Hatte mich eins erwischt? Ich hatte keins gehört. Ich versuchte krampfhaft mich zu erinnern, doch … Nichts. Da war nur Dunkelheit, Leere. Das Bild vor meinem geistigen Auge war pechschwarz. Es gab keine Erinnerung, für das, was danach passiert war. Als hätte jemand den Speicher gelöscht.

Ich war noch nie ein gläubiger Mensch gewesen. Ich war nicht getauft und hatte auch nie in Erwägung erzogen, einer der vielen Religionen beizutreten. Ich fühlte mich zu keiner hingezogen, meine Eltern erzogen mich auch in keinster Weise religiös, beide waren stramme Atheisten mit einer starken Abneigung gegenüber kirchlichen Institutionen. Ich persönlich hatte einfach kein Interesse an Religion, sie war mir schlichtweg egal. Ich fühlte keine Verbindung zu Gott. Für mich existierte er einfach nicht. Die Existenz eines Fegefeuers erschien mir doch ziemlich absurd, wenn ich genauer darüber nachdachte. Warum sollte von allen Religionen, ausgerechnet eine besondere Auslegung des Christentums Recht haben? Das erschien mir doch etwas unwahrscheinlich.

Verdammt, was Stille und Langeweile bloß mit einem anstellten. Mein Kopf hörte gar nicht mehr auf zu rackern. Gedanke reihte sich an Gedanke reihte sich an Gedanke reihte sich an Gedanke. Aber was blieb mir anderes übrig, außer diesem Gedankenstrom freien Lauf zu lassen? Es gab nichts Interessantes hier zu sehen. Alles sah unterschiedlich gleich aus. Ich spürte keine richtige Angst sondern pure Langeweile.

Ich hatte jegliches Gefühl für Entfernung und Zeit verloren. Wie lange lief ich bereits? Wie weit war ich gekommen? Es war schwer zu sagen. Es gab nichts, woran ich mich orientieren konnte. Wie viele Kreuzungen hatte ich bereits überquert? Oranges Haus mit roten Dachziegeln. Gelbes Haus mit roten Dachziegeln. Blaues Haus mit flachen Dach. Garten mit Gartenlaube. Rotes Haus mit Garage. Graues Haus mit Garage und pinken Flamingo im Vordergarten. Oranges Haus mit flachen Dach. Rotes Haus mit Giebeldach. Und so weiter und so fort. Es gab kein Ende. Ich lief nur geradeaus. Genauso gut hätten die Häuser auch alle identisch aussehen können, es hätte keinen Unterschied gemacht.

Langsam wurde es wieder dunkel. Der Himmel verfärbte sich wieder zu schwarz. Die Straßenlaternen strahlten ihr kränklich wirkendes gelbes Licht aus. Es wirkte so unnatürlich … aber sollte mich das wundern? Alles hier wirkte unnatürlich, unecht, einfach falsch. Alles war falsch mit diesem verfluchten Ort!

Ich setzte mich an eine der Laternen und seufzte. Ich fühlte mich nicht müde, aber ich war mental erschöpft. Anscheinend war ich den ganzen Tag gelaufen, ohne es geistig wirklich mitzubekommen. Eigentlich sollten meine Beine und Füße schmerzen, meine Muskeln sollten mich anschreien, doch nichts dergleichen. Anderer Ort, andere Regeln, schloss ich daraus. Ich verspürte auch weder Hunger noch Durst, obwohl ich, wie ich vermutete, bereits zwei Tage hier war. Müde war ich auch nicht. Alles war so seltsam. Wenigstens musste ich nicht Angst haben, qualvoll zu verdursten.

Ich lehnte meinen Kopf an den kühlen Stahl der Laterne und schloss für einen Moment die Augen. »Wann hat das alles ein Ende?«, fragte ich laut. Meine Stimme hörte sich noch immer gedämpft an, so matt und kraftlos. Wie ein Schrei unter Wasser.

Ich dachte an meine Eltern und meine Freunde. Ich hoffte, dass es ihnen gut ging. Ob sie mich vermissten? Ob sie sich fragten, was mit mir passiert war? Hatte der süße Kommilitone mein Verschwinden bemerkt? Suchte er nach mir?

Ich legte meinen Kopf zwischen die Beine und weinte verzweifelte Tränen. Ich wollte einfach nur nach Hause, raus aus dieser verdammten Spießerhölle.

Plötzlich hörte ich ein Geräusch und schreckte auf, mein Gesicht war nass. Ich schaute mich um. Da war das Geräusch wieder. Eine Art Schlürfen und Kratzen, als würde jemand mit Fingernägeln über den Asphalt streichen. Ich stand auf. Panik ergriff von mir Besitz. Nun mischte sich noch etwas anderes zum Geräusch dazu. Schweres Atmen wie bei einem Asthmatiker. Leise, aber wahrnehmbar.

»Gott … Bitte lass es nicht …«, weiter kam ich nicht, denn ich sah das Ding bereits. Es war nur wenige Meter von mir entfernt. Mit langsamen, unbeholfen wirkenden Gang schritt es zielstrebig auf mich zu. Ich konnte es nicht wirklich erkennen, es stand außerhalb der Lichtpegel. Doch ich konnte mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass es groß war, sehr groß sogar. Es hatte die Größe eines Familienvans.

Mit jedem Schritt stöhnte es leise. Es sah so unförmig aus, doch es hatte auch etwas insektenartiges an sich. Wie …

Auf der Mauer, auf der Lauer …

Ich ging langsam rückwärts, wandte für keine Sekunde meinen Blick von der Kreatur ab. Eine ihrer Gliedmaßen trat in den gelben Lichtpegel der Laterne. Ich sah für einen Moment eine blasse Menschenhand mit langen, scharfen Fingernägeln. Ich wollte nicht mehr sehen.

Instinktiv drehte ich mich um und sprintete davon. Meine Arme wirbelten wie Windräder durch die Luft. Das Ding schrie hinter mir auf. Welch ein grässliches Geräusch! Da war mir die Stille doch lieber! Und die Einsamkeit! Es rannte ebenfalls los.

Ich hechtete von Kreuzung zu Kreuzung, schlug Haken, sprang über hüfthohe Zäune, rannte durch penibel sauber gehaltene Gärten. Ich rannte wie von der Tarantel gestochen. So im Nachhinein betrachtet, war die Mitgliedschaft im Athletenteam der Uni doch keine so dumme Idee gewesen.

Hinter mir hörte ich das widerwärtige, angestrengte Stöhnen der Kreatur. Im Gegensatz zu mir nahm sie keine Rücksicht auf Hindernisse, sondern zerschmetterte sie einfach. Ich hörte das Brechen von Holz und das Bröckeln von Häuserwänden. Was auch immer das Ding war, es hatte es auf mich abgesehen. Es schrie und stöhnte, ich rannte und keuchte. Längst hatte ich den Überblick darüber verloren, wo ich eigentlich war. Ich wusste aber auch nicht, wo ich hin sollte.

Doch dann kam mir die rettende Idee. Ich sprang auf eines der Grundstücke und riss die Haustür auf. Mir war egal, dass dort seltsame Freaks wohnten, sie waren mir lieber als die Monstrosität, die mich verfolgte. Ich begab mich in den Flur und schmiss die Tür zu. Das Ding prallte gegen die Hauswand und gab einen, zumindest interpretierte ich das so, Schrei der Frustration ab.

Es hämmerte mit seiner menschenähnlichen Hand gegen die Tür und schrie. Zum ersten Mal in meinem Leben ging ich auf die Knie und betete zu Gott, dass die Tür diesen Angriff standhielt. Ich murmelte leise vor mich hin, während die Kreatur weiter hämmerte und schrie und hämmerte und schrie. Eine ihrer Hände klatschte mit Wucht gegen das Fenster an der Tür. Ich sah die grässliche Hand, die auch einen Menschen hätte gehören können.

Das Ding schlug noch einmal gegen die Haustür und gab dann anscheinend auf. Ich vernahm ein wütendes Schnauben, danach das Schlürfen und Kratzen. Anscheinend entfernte es sich von dem Haus.

Erleichtert atmete ich aus und richtete mich wieder auf. Nun musste ich wohl oder übel eine Nacht in diesem Haus verbringen. Keine zehn Pferde konnten mich zwingen, hinauszugehen. Ich begab mich ins Wohnzimmer. Mir fiel auf, dass das Gebäude die gleiche Struktur, wie das andere Haus hatte. An der Wohnzimmerwand hingen sogar Schmetterlinge.

Der Fernseher war ausgeschaltet. Die Bewohner des Hauses standen einfach herum. Reglos, leblos. Sie atmeten nicht einmal, zumindest fiel es mir nicht auf. Ihre Augen starrten in die Leere. Es war die gleiche Kernfamilienstruktur: Mutter, Vater, ein Sohn und eine Tochter. Die beiden Kinder waren exakte Kopien ihrer Eltern. Die männlichen Dinger trugen grüne Strickpullover und Brillen mit runden Gläsern, die weiblichen hatten sich ein rosa Blümchenkleid angezogen. Ansonsten unterschieden sie sich kaum von der anderen Familie. Anscheinend waren sie nachts inaktiv.

Ich trat näher an sie heran. Sie hatten einen Geruch von … Styropor? … an sich. Ihre Kleidung fühlte sich merkwürdig organisch, irgendwie schmierig an. Als wäre sie wirklich ein Teil ihrer Haut. Meine Vermutung lag richtig. Sie atmeten nicht. Genauso gut hätten es auch Schaufensterpuppen sein können. Ich pikste ihnen ins Gesicht, ins Auge … sie reagierten kein bisschen. Wie Roboter …

Doch ich wusste, sobald es draußen hell wurde, würden sie ihren Tagesablauf nachgehen. Sie würden sprechen, atmen, sich bewegen und … fernsehen?

Ich setzte mich auf die Couch, auch sie fühlte sich wie fettige Haut an. Ich schaute mich um, es gab keine Fernbedienung. Wahrscheinlich ging der Fernseher, ähnlich wie die Laternen, automatisch an. Das altmodische Gerät besaß auch keinerlei Knöpfe.

Irgendwie erinnerte mich dieser Ort an die menschenleere Städte, die die US-Regierung bauen ließ, um dort ihre Atombomben zu testen. Das waren auch alles nur Attrappen. Schaufensterpuppen. Geräte, die nicht funktionierten. Alles in der Zeit eingefroren. Kleine suburbane Utopien. Geisterstädte.

Das hier war auch eine Geisterstadt, nur mit echten Geistern und Monstern. Wie in den dicken Wälzern von Stephen King. In einer kleinen Stadt in Maine namens Derry …

Ich starrte auf das Fernsehgerät, als es plötzlich draußen langsam heller wurde. Ging es nur mir so oder verging die Zeit immer schneller? Sobald die Helligkeit eine bestimmte Stufe erreichte, schaltete sich der Fernseher automatisch ein. Wie ich bereits vermutet hatte, zeigte er nur schwarzweißes Schneegestöber. Ich stand auf und verließ das Haus. Ich wollte verschwunden sein, bevor die Bewohner erwachten.

Wie immer war der Himmel blassgrau. Lustlos schaute ich nach links und rechts und ging geradeaus. Welchen Sinn hatte es schon, sich über die Richtung Gedanken zu machen? Hier sah doch eh alles gleich aus. Also war es auch egal, wohin ich ging.

Aber eine Sache war dann doch anders: Der Himmel wurde wieder dunkler! Innerhalb weniger Minuten war es Nacht. Das Spiel wiederholte sich. Die Abstände zwischen Tag und Nacht wurden dabei immer kürzer.

Ich rannte los. Das ständige Abwechseln von Hell und Dunkel schmerzte in meinen Augen. Mein Kopf schwirrte. Ich rannte und rannte und rannte. Egal wohin, ich wollte nur weg von hier. Raus aus dieser verdammten Hölle.

Irgendwann konnte ich nicht mehr rennen, ich brach mitten auf der Straße zusammen. Ich konnte und wollte auch nicht mehr. Soll mich doch dieses Scheißmonster erwischen, vielleicht beendete das den Alptraum, in dem ich gefangen war.

Ich erhob meinen Kopf, der ständige Tag-Nacht-Wechsel hatte wieder aufgehört, der Himmel war zur blassgrauen Farbe zurückgekehrt. Ich schaute mich um. Auch meine Umgebung hatte sich verändert. Erheblich verändert. Das saftige Grün der Gärten war einem beigen Ton gewichen. Die Hecken waren verdorrt, die Bäume laublos und tot. Standen hier vorher unzählige, relativ schöne Einfamilienhäuser, glichen sie nun verfallenen Bruchbuden. Zerbrochene Fenster, verfaulte Zäune, abgerissene Dächer. In den Vorgärten standen brennende Tonnen, Müll sammelte sich auf dem Rasen und den Gehwegen.

»Was ist hier nur passiert?«, flüsterte ich, unfähig zu begreifen, was hier vor sich ging. Zu sagen, dass ich verwirrt gewesen bin, wäre eine Untertreibung.

Ich begab mich zu einem der Häuser, berührte die Wand, doch zog meine Hand sofort wieder zurück, als ich die widerwärtige Textur spürte. Sie gab nach, fühlte sich schwammig und pelzig an, als wäre sie durchsetzt mit Schimmel, nein, als würde die Wand nur aus Schimmel bestehen. Das ganze Gebäude gab einen muffigen und verfaulten Geruch von sich, wie nasse Kleidung, die viel zu lange in der Waschmaschine gelegen hatte.

Ich berührte den Rasen, er war das komplette Gegenteil, staubtrocken und leblos. Die einzelnen Halme der Gräser zerfielen bei der kleinsten Berührung. Es erinnerte mich an die Pflanzen im Wohnzimmer meiner Großeltern, die in einem der heißesten Sommer wochenlang nicht gegossen worden sind, da niemand mehr an sie gedacht hatte, nachdem Oma gestorben war und Opa ins Altersheim gebracht wurde. Es war schade, waren es doch ihre Lieblingspflanzen gewesen.

Ich nahm meinen Mut zusammen und betrat das verfallene Haus. Kaum hatte ich die Tür geöffnet, da zerfiel sie auch schon in einzelne Stücke. Morsches, feuchtes Holz. Weißer, flauschiger Schimmel in den Ritzen. Ob ich mir Sorgen machen musste, dass ich mir Asthma einfing, wenn ich hier zu lange verweilte? Scheiß drauf.

Das Haus war im Inneren genauso ekelhaft verfallen wie außen. Verschimmelte Bilder hingen an den Wänden, wenn sie nicht bereits zu Boden gefallen waren. Die Dielenbretter waren morsch, ab und an gab eines nach und ich drohte zu stolpern. Ich schaute in die neu entstandenen Löcher hinunter: nichts als Dunkelheit.

Der Geruch von Verfall intensivierte sich mehr und mehr, je tiefer ich in das Haus eindrang. Ich fühlte mich nicht wohl hier, ich fühlte mich wie ein Fremdkörper in einem sterbenden Körper. Ich betrat das Wohnzimmer. Die Schmetterlinge an der Wand waren längst verschwunden, aufgelöst, gefressen vom Schimmel.

Erstaunlicherweise funktionierte der Fernseher noch, obwohl die Glasscheibe zerbrochen war. Das Rauschen, das schwarzweiße Schneegestöber, rauschte weiter, so als wäre nichts gewesen. Ich konnte es sehen, ich konnte es physisch sehen. Wie unzählige Ameisen wimmelte es hinter der kaputten Scheibe. Würde ich hineingreifen, dann könnte ich ein Stück davon in meine Hand nehmen. Ich könnte es anfassen.

Es gab kein Signal. Das Rauschen befand sich im Inneren des Fernsehers, es war dort drin gefangen. Nein, es war nicht gefangen. Es war Teil des Gerätes, seine Innereien, sein Blut und seine Zellen. Seine Seele.

Wie schon beim ersten Mal fand ich die Familie auf der Couch sitzend vor. Wie auch schon beim ersten Mal erhob sich zuerst der Vater. Als er sich zu mir wandte, wäre ich am liebsten schreiend weggelaufen. Der Verfall machte auch vor diesen Freaks nicht halt.

Gingen sie vorher fast schon als Menschen durch, waren nun keinerlei Ähnlichkeiten mehr zu erkennen. Die leichenblasse Haut hing lose vom Körper. Die Augen waren pechschwarz, wenn sie denn noch vorhanden waren. Die verschimmelte Kleidung hing in Fetzen hinunter. Pilze wuchsen auf dem Kopf des Vaters, seine Brille war zerbrochen und verbogen, hing aber immer noch an seinem Gesicht. Die Bewegungen waren nicht mehr nur steif, sie waren unbeholfen. Der Vater lief wie ein Zombie, der gerade aus seinem Grab auferstanden war.

Er öffnete seinen Mund, wo nur noch schwarze Zahnstummel zu sehen waren, doch es kamen keine Worte raus, nur Rauschen. Wie bei einem Radio, das keinen Empfang hatte. Die Stimme knackste und schwankte, als würde etwas versuchen richtige Sätze zu formen, doch das Rauschen übertönte es.

Er stakste mir entgegen und versuchte mir die Hand zu reichen, doch sie klatschte mit einem feuchten Geräusch einfach auf dem Boden, wo sie noch zuckte. Der Vater ignorierte sie, er bewegte sich weiter auf mich zu, so als wäre nichts gewesen. Doch er kam nicht sonderlich weit, er brach wie ein nasser Sack zusammen.

Dann erkannte ich, was diese Wesen wirklich waren. Der leblose Fleischsack vibrierte und brach auf. Ein ekelerregender Geruch von Fäulnis und Leichen strömte hinaus und mit ihm Tausende von Kakerlaken. Sie rannten auf mich zu, ich schrie auf und versuchte, sie zu zertreten. Doch sie hatten mich gar nicht anvisiert, sie verschwanden einfach im Dunklen des Hauses.

Der Rest der Familie erhob sich, sie alle waren in einem ähnlichen Zustand wie der Vater. Grässliche untote Fleischsäcke, die von Ungeziefer gesteuert wurden. Verfallende Körper ohne Organe. Ihre Hüllen brachen genauso auf und weitere Kakerlakenschwärme krabbelten hinaus. Sie verschwanden ebenfalls und ließen ihre Fleischanzüge zurück.

Ich versuchte mich zu übergeben, doch da sich nichts in meinem Magen befand, gab ich nur ein trockenes Würgen von mir. Ich wusste nicht, was hier vor sich ging. Ich verstand nicht, welches kranke Spiel hier gespielt wurde.

Ich taumelte nach draußen. Es war wieder Nacht.

Kaum war ich aus der Tür getreten, ergriffen mich zwei starke Hände.

Das Ding hatte mich erwischt. Es drehte mich um, nun war ich gezwungen, dem Monster in die Augen zu blicken. Nicht in meinen kühnsten Träumen hätte ich mir ausmalen können, was mich die ganze Zeit verfolgte. Ich war froh, dass es Nacht war. Die dunklen Lichtverhältnisse verschleierten das Aussehen der Kreatur, doch das, was ich sah, reichte mir aus.

Es hatte entfernt Ähnlichkeiten mit einem Menschen, zumindest waren die strahlend blauen Augen menschlicher Natur. Die blasse Haut glich auch einem Menschen, doch da endeten die Gemeinsamkeiten. Der Kopf war langgestreckt und haarlos. Sechs Beine (oder waren es Arme?) waren am Körper befestigt. Zwei lange Fühler sprossen zwischen den Augen. Es hatte keinen Mund, da war nur ein langer, zahnloser Stechrüssel. Eine menschlich-insektenartige Abscheulichkeit.

Raubwanze, war das erste, was mir in den Sinn kam.

Auf der Mauer, auf der Lauer

Sitzt ‘ne kleine Wanze.

Es hielt mich fest in seinen Händen, seine langen Fingernägel bohrten sich förmlich in meine Seiten. Es schmerzte höllisch. Die Augen der Kreatur starrten tief in meine.

»Schädling. Fremdkörper«, hauchte es, »Schuld für Verfall. Gehört nicht hierher.« Seine Stimme klang wie grässliches Zischen.

Ich zitterte vor Angst, war unfähig auch nur ein Wort aus meinem Mund zu bekommen. Ich verstand nicht, was das Ding von mir wollte. Die Haare an meinem Körper stellten sich auf.

Das Monster brachte mich näher an sein Gesicht und bevor ich auf irgendeine Art reagieren konnte, schoss der Stechrüssel direkt auf mich zu und …

… Ich öffnete meine Augen. Ich lag auf der Straße zwischen dem Uni-Campus und dem AStA-Büro. Der Kommilitone war bei mir, ich war so froh. Ich atmete erleichtert aus. Es war vorbei, es war doch nur ein Traum. Eine Halluzination. Ich war ohnmächtig geworden, vielleicht war es ein Schock gewesen oder ich hatte einen Anfall. Doch es war vorbei. Ich war wieder Zuhause. Alles war wieder gut. Ich berührte den Arm des Kommilitonen, es fühlte sich gut an. Warm. Menschlich. Ich war wieder in meiner vertrauten Umgebung.

Ich schaute dem Kommilitonen ins Gesicht, doch er sah ganz woanders hin. Leute standen um mich herum, auch sie schauten in eine bestimmte Richtung. Auf ihren Gesichtern stand die pure Angst und Ungläubigkeit. Ich verstand nicht. War was passiert?

Ich richtete mich langsam auf und erkannte plötzlich, was hier los war.

Das Monster war mir gefolgt.

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