Ein Blick, im richtigen Moment, genügt

Der eisige Wind blies dem jungen Soldaten ins nackte Gesicht. Es war ein kalter Märznachmittag und obwohl die Sonne kräftig schien, schaffte sie es nicht die Luft zu erwärmen. Der Soldat schaute auf seine goldene Taschenuhr, mit einem Seufzen klappte er sie wieder zu. Er wartete bereits eine geschlagene Stunde.
Es war sein erstes freies Wochenende seit einer langen Zeit, er freute sich wieder auf sein gemütliches Zuhause. Als er aus dem Zug ausstieg und das Gleis wechselte, wurde seine freudige Stimmung jedoch erheblich gedämpft. Eigentlich hätte die nächste Bahn in fünf Minuten erscheinen sollen, doch als der Soldat am Bahnsteig ankam, plärrte die künstlich-freundliche Automatenstimme plötzlich: »Informationen zu RE1 nach …«, unverständliches Rauschen, »fällt heute aus. Grund dafür sind Reparaturen an der Bahnstrecke. Wir bitten um Entschuldigung.« Obwohl diese Lautsprecherstimmen zu keinerlei Emotion fähig waren, klang der letzte Satz in den Ohren der verärgerten Menschen, die jetzt auf den nächsten Zug warten mussten, mehr als nur höhnisch.
Ein kollektives Stöhnen ging durch die Menge, Augen wurden gerollt, es wurde geflucht und geschimpft. Einer der Menschen, ein älterer Herr mit Hornbrille und Gehstock, flüsterte: »Eines Tages werden diese verdammten Zugführer noch gelyncht werden«, ein kleiner emotionaler Anfall in der Hitze des Ärgers. Nichts, was man wirklich ernst meinte. Aber der Soldat konnte den Ärger nachvollziehen. Es war kalt, der Wind blies erbarmungslos und die Bahnhöfe waren in Stahl und Beton gegossene Unmenschlichkeit. Es gab keinen Schutz, keinen Raum, wo man sich rein setzen konnte, die Cafés und Restaurants waren längst geschlossen. Auf den wenigen Bänken, die vorhanden waren, war es nicht möglich zu setzen, außer man wollte sich eine verdammte Blasenentzündung holen.
Das kam davon, wenn der Staat, die Öffentlichen Nahverkehrsmittel und die dazugehörigen Bahnhöfe mit mitleidslosen Sparprogrammen zu Tode erdrosselte. Alles hier war verfallen, alles war verrostet, alles kalt und emotionslos. Der Soldat hatte auf seinen Einsätzen viele schöne Bahnhöfe gesehen, also die, die nicht durch endlose Bombardements zerstört worden sind. Sie waren warm, gemütlich, boten genug Schutz vor den Elementen. Geschmückt durch künstlerische Wandmalereien und Mosaiken. Sein Heimatland war diesbezüglich das komplette Gegenteil. Die einzige Kunst, die die Bahnhöfe hier boten, waren die hässlichen Schmierereien, an die Wände gesprüht von Banden von hirntoten Jugendlichen mit zu viel Freizeit, auch bekannt als Graffiti.
Das Land ging langsam aber sicher vor die Hunde. Der Staatsapparat wächst und wächst und verschlingt und verschlingt. Er schaffte es, das Paradoxon auf die Beine zu stellen, als eine gewaltige Maschine zu erscheinen und gleichzeitig zu schwach zu sein, um seine Ansprüche durchzusetzen. Wohin floss bloß das ganze Steuergeld? Anscheinend nicht in die Bahnhöfe, die Infrastruktur des Landes, so viel ist sicher. Wahrscheinlich wurde es von diesem gigantischen Schwamm namens Das Amt absorbiert. Unzählige kleine Zellen, die in endlosen grauen Blöcken leben. Überarbeitet, überaltert, überheblich. Die Zahnräder waren längst alle verrostet und zum Stillstand gekommen.
Vielleicht musste die Regierung ja eine neue Beraterfirma bezahlen, damit die Beraterfirma die Regierung darin berät, dass sie mehr Beraterfirmen benötigt. Bald wird es soweit kommen, dass jedem Soldaten, jeden Beamten und jeden Politiker ein Berater zur Verfügung gestellt wird. Irgendwie musste man ja das viele Steuergeld verbrennen. Wehe, man gab es für sinnvolle Dinge aus wie menschlichere und schönere Bahnhöfe. Oder in einen funktionierenden Öffentlichen Nahverkehr. Dann würden, oh Schreck!, die Züge vielleicht pünktlich ankommen.
Das alles ging dem Soldaten durch den Kopf, als er am Bahnhof stand und der Wind ihm durch den grauen Feldmantel fuhr. Er überlegte, ob er vielleicht Franz Kafkas »Das Schloss« anfangen sollte. Er freute sich darauf schon, »Die Verwandlung« hatte ihm schon sehr gefallen. »Der Prozess« stand auch auf seiner Liste. Oder danach doch endlich ein paar Werke von Ernst Jünger? Der »Pile of Shame« bei ihm zu Hause war so gewaltig. Er wagte sich zu erinnern, dass der Stapel bereits dreißig oder vierzig Bücher groß war. Der Krieg ließ ihm keine Zeit mehr zum intensiven Lesen.
Er entschied sich gegen das Lesen. Im kalten Wind machte es keinen Spaß. Da froren einem doch die Finger ab. Und mit Handschuhen war das Umblättern der Seiten einfach nur frustrierend und nervig.
Also starrte er einfach nur auf den schönen blauen Himmel. Das Wetter wurde langsam wieder angenehm. Vorbei waren die ewigen grauen Tage, die so früh dunkel wurden. Nun erwachte langsam der Frühling wieder zum Leben und mit ihm sprossen die Blüten der Schönheit. Die Tage wurden länger und wärmer, die Bäume bekamen ihr gesundes Grün wieder zurück. Schmetterlinge und Bienen würden wieder durch die Luft fliegen. Die Vögel trällern ihre bezaubernden Melodien. Er konnte es kaum noch erwarten. Hoffentlich war bis dahin der Krieg vorbei.
Der Soldat schaute sich um, es waren nur wenige Menschen auf dem Bahnhof. Die meisten waren aus Frust wieder gegangen, hatten Freunde oder Familie angerufen oder Taxis. Die Gesichter der Hiergebliebenen waren hart, eingefroren von Kälte und Frust.
Doch bevor der Topf wirklich überkochen konnte, fuhr der Zug endlich in den Bahnhof ein. Ein Seufzer der Freude ging durch die verstreute Menge. Die rote Bahn kam langsam angefahren, drei Waggons lang. Der Soldat war ganz glücklich darüber, dass nur so wenige Menschen hier waren. Dadurch stieg die Chance, einen Sitzplatz zu ergattern, erheblich. Er hatte keine Lust noch eine weitere Stunde stehen zu müssen. Er wollte sitzen, entspannen, sich ausruhen. Endlich mal wieder ein fühlender Mensch sein.
Der Zug hielt an, es zischte und nach einem kurzen Moment öffneten sich die Türen. Menschen, mit Gesichtern, die zu Fäusten geballt waren, strömten wie ein Fluss aus Fleisch und Kleidung hinaus. Junge Studenten in Hipster-Kleidung, Arbeiter in Blaumännern, Mütter mit Kinderwägen, Eltern mit ihren Anhängseln, Fahrradfahrer, Hundebesitzer, alte Frauen und Männer, der eine oder andere grimmig aussehende Schlägertyp mit Bierflasche in der Hand, der erst mal auf den Boden rotzen musste. Der Soldat schüttelte den Kopf.
Er schnappte sich seinen großen Rucksack und begab sich zum Zug. Natürlich ließ er die älteren Herrschaften zu erst einsteigen, so viel Zeit musste sein. Er stieg ein und suchte sich einen Platz. Zum Glück dauerte es nicht lange, es gab genügend freie. Kurz nachdem er es sich bequem gemacht hatte, setzte sich der Zug ruckartig in Bewegung. Es ging nun endlich nach Hause.
Der Soldat schaute zuerst ein wenig aus dem Fenster. Ihn überraschte es immer wieder, wie leer doch dieses Land war. Zwischen den einzelnen großen Städten gab es oftmals nichts außer Äcker und kleine Wälder. Ein wahres Ödland. Nicht das es ihm nicht gefiel, im Gegenteil. Er zog die einsame Stille der Natur der hektischen, vollen und lauten Großstadt vor. Es erinnerte ihn an die ruhigen Momente der Front. Wenn das Artilleriefeuer erloschen und die Maschinengewehre verstummt waren und das Schlachtfeld ruhig lag, als hätte es niemals Krieg gegeben, dann fühlte er eine Art von inneren Frieden.
An manchen Tagen träumte er, dass er sich eines Tages, wenn alles vorbei war, ein Stück Land tief im Wald kauft und dort ein großes Gutshaus erbaut. Er würde den Rest seines Lebens damit verbringen, die Einsamkeit und die Natur zu genießen. Auf die Jagd gehen, wandern, Schweine, Ziegen und Hühner züchten, Katzen und Schäferhunde halten, den einen und oder anderen Roman schreiben, vielleicht einen kleinen Garten bauen, Gemälde malen, skulptieren, sich völlig entfalten, frei sein.
Doch dieser Traum musste warten. Die Pflicht rief ihn. Er musste seine Heimat verteidigen, damit die Menschen hier in Frieden leben konnten, damit diese Schönheit erhalten blieb.
Der Soldat öffnete seinen Rucksack und holte das Buch von Franz Kafka heraus. Er wusste nicht warum, aber er fühlte eine tiefe Verbundenheit mit dem jungen Autor. Er schlug die erste Seite auf und begann zu lesen. Der Zug kam währenddessen wieder zum Stehen, ein weiterer Bahnhof, genauso scheußlich und verkommen wie der andere. Sie unterschieden sich nicht wirklich voneinander. Rost blieb Rost und Dreck blieb Dreck, nur die Namen der Orte änderten sich.
Es strömten Menschen in den Zug hinein, ziemlich viele sogar. Sie alle hatten einen ähnlich frustrierten Gesichtsausdruck wie die Leute davor, wahrscheinlich mussten auch sie ewig auf den nächsten Zug warten.
Der Soldat bemerkte, dass jemand neben ihn stand. Er bemerkte auch, dass seine riesige Tasche einen Sitzplatz versperrte. Er zog sie beiseite und murmelte ein »Entschuldigung«, bevor er sich wieder seinem Buch zuwandte. Er lugte einen kurzen Moment hervor und sah dann, wer sich direkt ihm gegenüber hingesetzt hatte.

Der junge Mann hauchte sich in seine Hände, die halberfroren zu sein schienen. Warum zur Hölle hatte er nur seine Handschuhe heute zu Hause vergessen? Aber das sah ihm ähnlich. Er vergaß immer irgendwas, er war schließlich ein kleiner Schussel. Seine Mutter hatte immer zu ihm gesagt: »Wenn dein Kopf nicht angewachsen wäre, würdest du ihn auch vergessen.« Vielleicht hatte sie damit recht. Erst letzte Woche hatte er seine Thermoskanne liegen gelassen, das andere Mal das Licht im Flur angelassen. Gott, was hatte er sich geärgert darüber! Und jetzt die Handschuhe, gerade heute, wo doch der Zug Verspätung hatte, wegen »Reparaturen an der Bahnstrecke«. Es war zum Kotzen. Ständig verspätete sich die Bahn. Ständig war irgendwas. Wenn nicht »Reparaturen«, dann weil es drei Tropfen geregnet oder vier Schneeflocken vom Himmel gefallen waren.
Er sehnte sich nach der Unabhängigkeit, die ein eigenes Auto versprach. Dann würde er nicht mehr von diesem scheußlichen Nahverkehr abhängig sein. Doch ein motorisiertes Gefährt konnte er sich im Moment nicht leisten. Nicht bei seinem Gehalt und nicht bei diesen stetig steigenden Spritpreisen.
Alles wegen diesem verdammten Krieg. Am Anfang hörte man noch jeden Tag davon. In den Nachrichten, in der Zeitung, in den Sozialen Medien. Doch jetzt waren es, was? Zwei, drei Jahre vergangen? Der Informationsstrom versiegte. Das ach so »nahe« Ereignis verkam zu einem weiteren fernen Hintergrundrauschen. Die Ausnahmesituation wurde wieder zur Normalität. Er konnte sich noch ganz gut erinnern, wie es war. Die Panik war groß, von einem »Dritten Weltkrieg«, gar von »atomarer Vernichtung« war die Rede. Nichts davon traf ein. Er erinnerte sich an die Unmengen an Flüchtlingsströme, die im Land ankamen. An die unzähligen Spenden- und Hilfsaktionen. Die Solidarität, die Gefühle der Einigkeit. Davon war heute nichts mehr zu spüren. Flüchtlinge kamen immer noch an, doch das interessierte kaum noch jemanden. Sie wurden nicht mehr wahrgenommen als die Musik in Kaufhäusern. In manchen Fällen sah man sie gar als Ärgernis.
Es hatte sich nicht viel für die Menschen hier geändert. Nun gut, einige Lebensmittel fehlten, die Preise für Benzin stiegen. Wahlen fanden nicht mehr so oft statt. Die Herrschenden und Regierenden hatten sich in ihre Paläste zurückgezogen, verschlossen sich vor der Öffentlichkeit, unfähig der Krise Herr zu werden, unfähig das ständig weitergehende Sterben in den Randgebieten zu rechtfertigen. Noch immer wurden Soldaten in den Fleischwolf namens Krieg geschickt. Manche kamen wieder, andere nicht. Doch auch das war nur ein weiteres Hintergrundgeräusch. Die Schreie der Sterbenden, der Leidenden wurde zu Muzak.
Wenigstens zeigten die Soldaten immer Freundlichkeit. Er stand neben einen, sein großer Rucksack versperrte einen Sitzplatz. Doch dem Mann fiel es auf, er zog ihn beiseite und murmelte ein schnelles »Entschuldigung«. Der Junge machte ihm keinen Vorwurf, konnte ja mal passieren. Er hatte wahrscheinlich andere Gedanken, da vergaß man schnell die Umgebung um einen herum. Es passierte dem Jungen häufig, besonders beim Zeichnen. Er setzte sich hin und legte seinen weitaus kleineren Rucksack zwischen seine Beine.
Er betrachtete sein Gegenüber. Er trug den typischen grauen Feldmantel, die graue Schirmmütze, die schwarze Hose und die hohen Stiefel. Sein Gesicht wirkte gleichzeitig jung und alt, einige Stoppeln waren zu sehen. Seine Haare waren unter der Mütze versteckt. Er war in seinem Buch vertieft, »Das Schloss« von Franz Kafka. Der Autor sagte dem jungen Mann etwas. In der Schule mussten sie mal »Die Verwandlung« lesen. Das war eigentlich ganz gut. Ein Mann, der eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte und sich in ein Ungeziefer verwandelt sah. Es war eines der zwei Bücher, die er gerne in der Schule gelesen hatte. Das andere war »Biedermann und die Brandstifter« von Max Frisch. Es war weitaus spannender und einfacher zu verstehen als die Werke von Goethe oder Schiller order irgendeines Dichters aus dem Frühmittelalter.

Der Soldat schielte wieder hervor und betrachtete sein Gegenüber, einen jungen, feminin wirkenden Mann. Er trug einen grauen Wollschal, einen abgetragenen schwarzen Mantel, darunter ein rot-schwarzes Karohemd. Seine Haare waren interessant, ungefähr mittellang und zweigeteilt: eine Seite schwarz, die andere weiß. Seine Jeans hatten Löcher, was wahrscheinlich Mode war, der Soldat achtete auf so was nicht wirklich. Der junge Mann trug auch schwarz-weiße Chucks mit Schachbrettmustersocken. Es fiel ihm auch auf, dass er Schminke trug, Foundation und Wimperntusche um genau zu sein.
Der Soldat versuchte sich auf sein Buch zu konzentrieren und nicht allzu sehr den Jungen anzustarren, doch es fiel ihm schwer. Die Buchstaben verschwammen und plötzlich war der Inhalt des Buches gar nicht mehr so wichtig. Eigentlich tat er nur noch so, als würde er lesen. Sein Auge fiel immer wieder auf den Jungen. Manchmal schaute er ihn auch an, doch sobald sich ihre Blicke trafen, schauten sie woanders hin. Wurde der Junge etwa rot?
Der junge Mann wollte eigentlich aus dem Fenster schauen und Musik hören, doch diese nahm er gar nicht so richtig war. Sein Blick fiel immer wieder auf den Soldaten. Er sah gut aus, das musste man ihm lassen. Schaute der Mann ihn auch an? Doch sobald Blickkontakt hergestellt wurde, wurde er genauso schnell wieder unterbrochen. Blut schoss in das Gesicht, und auch in andere Bereiche, des Jungen. Er wurde unruhig. Er hoffte, dass der Soldat nicht mitbekam, was unten in ihm vorging. Wäre ja sehr peinlich.
Eine Lautsprecheransage ertönte: »Der Zug erreicht in Kürze Bahnhof … Der Ausgang befindet sich auf der linken Seite.«
Endstation, zumindest für den jungen Mann. Schade, er hätte gerne noch etwas mehr Zeit mit dem fremden Schönling verbracht. Er schnappte sich seinen Rucksack und erhob sich. Erhaschte er einen traurigen Blick des Soldaten oder war das nur eine Sinnestäuschung? Oder eine Wunschvorstellung?
Er wollte gerade gehen, doch plötzlich kam der Zug ruckartig zum Stehen. Deswegen sollte man warten, bis das Fahrzeug wirklich zum Stillstand gekommen war. Der junge Mann überraschte das völlig, verlor das Gleichgewicht und landete mit seinen Hintern … direkt auf dem Schoß des Soldaten.
Ihre Blicke trafen sich. Der Soldat sah die schönen hellbraunen Augen des jungen Mannes, der junge Mann sah die saphirblauen Augen des Soldaten. Blut schoss in ihre Gesichter, augenblicklich waren beide knallrot.
Die Welt schien für einen Moment eingefroren zu sein. Es dauerte gefühlte Jahre, bis jemand etwas tat. Der Junge machte den ersten Schritt. Er berührte mit seiner Hand sanft das Gesicht des Soldaten, streichelte es. Es fühlte sich gleichzeitig sanft und rau an. Der Soldat blickte ihn vertraut an. Seine Hand lag auf den Beinen des Jungen, er streichelte sie.
Und dann sprach der Junge die wichtigen Worte: »Hättest du Lust, mich nach Hause zu begleiten?«
Es war ein riskanter Move, doch: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Warum nicht mal etwas riskieren?
Der Soldat schluckte, nickt dann: »Ja, das würde ich gerne machen.«
Beide grinsten sich an. Der Junge bemerkte jetzt erst, worauf er eigentlich saß und das er seinen Arm, um den Hals des Soldaten gelegt hatte. Auch der Soldat bemerkte es. Dann lachten beide herzhaft und erhoben sich. Die beiden schnappten sich ihre Rucksäcke und verließen den Zug.
Draußen war es bereits dunkel geworden. Die Sterne schienen hell, der Mond war aus seinem Versteck gekommen. Plötzlich war der Zustand des Bahnhofs dem Soldaten gar nicht mehr so wichtig, er achtete nicht darauf, es war ihm schlichtweg egal. Er ergriff die Hand des Jungen, die so schön weich war. Er hauchte ihn sanft in den Nacken, sofort bekam er eine Gänsehaut. Beiden stand den ganzen Weg über ein breites Grinsen im Gesicht.
Die Wohnung des jungen Mannes war nicht weit vom Bahnhof entfernt, vielleicht gerade mal zehn Minuten. Auf ihren Weg begegneten sie kaum Menschen. Der Junge schloss die Haustür auf und beide gingen hoch. Sobald sie die Wohnung betreten hatten und die Tür hinter ihnen zugefallen war, presste der Soldat den Jungen an die Wand, hielt seine beiden Hände fest umklammert. Er schaute ihn tief in die hellbraunen Augen, der junge Mann schmolz fast dahin. Er hörte den schweren Atem des Soldaten, spürte sein schnell schlagendes Herz, seines drohte auch aus seinem Brustkorb zu springen.
Der Junge schloss seine Augen und küsste dem Soldaten auf die feuchten Lippen. Es war ein inniger Kuss, ihre Zungen umschlossen sich. Der Soldat umklammerte den unteren Rücken des jungen Mannes, griff ihn fest in den Hintern. Der Junge legte seine Arme hinter die Schultern seines Liebespartners.
Die Hand des Soldaten wanderte in den Vorderbereich, berührte das steife Glied des Jungen, streichelte es, bewegte es hin und her. Sein Gegenüber keuchte schwer, stöhnte, küsste den Soldaten noch mehr, steckte seine Zunge tiefer in den Mund hinein.
Nach einiger Zeit stoß der Jüngere den wilden Hengst von sich und flüsterte lüstern: »Ich kenne einen bequemeren Ort als meinen Flur.« Er löste sich aus der Umgebung und machte ein Zeichen, dass der Soldat ihm folgen soll. Er bewegte dabei seine schmalen Hüften verführerisch.
Sie begaben sich in das kleine Schlafzimmer, ein spärlich eingerichteter Ort. Ein Bett befand sich in der Ecke, zwei Regale und ein Schreibtisch in den jeweils anderen. Der Junge setzte sich mit breiten Beinen auf das schmale Bett. Der Soldat ging auf seine Höhe, küsste seinen Hals, saugte und leckte. Er knabberte an seine Ohrläppchen, hauchte ihn mit heißen Atem ins Ohr hinein. Der Junge stöhnte voll sexueller Begierde.
Er griff den Soldaten am Kragen und begann seinen schweren Feldmantel aufzuknöpfen. Darunter befand sich ein ebenfalls graues Hemd. Er berührte die straffe Brust des trainierten Mannes, liebkoste seine Brustwarzen, kniff in sie hinein. Der Soldat keuchte schwer, der legte seinen Mantel ab und warf ihn achtlos zu Boden, ebenso wie die Schirmmütze. Der Junge schnappte sich daraufhin seine Hose und begann den Gürtel zu öffnen und ihn herauszuziehen, sofort fiel sie ebenfalls zu Boden. Er berührte das harte Glied des Soldaten, welches deutlich sichtbar in der Unterhose war, nahm es in die Hand und bewegte es hoch und runter. Der Soldat schloss seine Augen, atmete schwerer und schwerer.
Der Soldat drückte den Jungen an den Schultern nach unten auf das Bett und kniete sich dann über ihn. Er zog ihn dem Schal vom Hals, half ihm aus den schwarzen Mantel und knöpfte sein rot-schwarzes Karohemd auf. Er betrachtete voller Begierde die gänzlich unbehaarte Brust des Jungen, streichelte sie sanft, spielte mit den Nippel. Der Junge biss sich auf die Unterlippe und schaute seinen Partner mit feuriger Begierde an.
Der Soldat ging vom Bett runter. Er schnürte die Chucks auf, zog sie aus, ging zur Hose über und zog sie ebenfalls aus. Doch er hörte da nicht auf. Er zog auch die Boxershorts des jungen Mannes aus. Er sah den beinahe aufrecht stehenden Penis und nahm ihn ohne zu zögern in den Mund. Leckte, saugte, spielte mit der Zunge an der Eichel. Die Hände des Jungen verkrampften sich, er stöhnte heftig.
Der Soldat hörte auf und begab sich auf die Höhe des Gesichts des Jungen, der packte ihn am Hemdkragen und zog ihn zu sich hin, küsste ihn innig, steckte seine Zunge tief in seinem Rachen. Der Soldat rieb sein Unterleib an dem harten Glied des Jungen. Dieser packte ihn und drehte ihn auf den Rücken. Nun war er der Obere und begann die hohen Stiefel des Soldaten und seine schwarze Hose auszuziehen. Auch er spielte das selbe Spiel. Er zog die Boxershorts aus und schmiss sie achtlos in irgendeine Ecke seines Zimmers. Wem kümmerte es schon, wo sie landete? Es gab wichtigeres zu tun.
Der Junge nahm den Penis des Soldaten in die Hand und bewegte sie hoch und runter. Ab und zu nahm er das Glied auch in den Mund, spielte mit der Eichel, massierte die Hoden, leckte den straffen Bauch. Der Soldat warf seinen Kopf hin und her, seine Augen waren geschlossen.
Nach einiger Zeit schaute er den Jungen lüstern an und flüsterte: »Ich will mehr«, der junge Mann grinste. Er stieg vom Soldaten ab, nicht bevor er die harten Brustwarzen noch mal berührte und ging zu seinem Nachttisch. Er wühlte einen Moment darin und holte zwei Kondome heraus. Sicherheit ging vor.
Er wollte es sich gerade sein erregtes Glied ziehen, als der Soldat sagte: »Das hättest du wohl gerne«, und grinste dabei lustvoll. Er packte den Jungen, warf ihn aufs Bett und presste sein Gesicht in die Decke hinein. Der blanke Hintern ragte hoch. Der Soldat zog sein Kondom über, schaute sich um und sagte: »Hast du vielleicht …?«
»Auch im Nachtschrank«, antwortete der Junge mit gedämpfter Stimme. Der Soldat begab sich dorthin, suchte ein wenig und holte dann das Gleitmittel heraus. Danach war er wieder in der gleichen Position.
»Ich mach das zum ersten Mal …«, gestand der Soldat.
»Keine Sorge, ich auch.«
»Ich kenne das nur aus … Pornos.«
»Dito«, der Junge musste kichern.
Nachdem die Vorbereitungen abgeschlossen waren, stieß er sanft hinein. Der Junge schrie auf.
»Alles okay?«, fragte der Soldat besorgt.
»Ja, alles gut. Mach weiter, es gefällt mir.«
Der Soldat ließ sich das nicht zweimal sagen. Er stieß rein, bewegte sich hin und her. Zuerst langsam, dann schneller. Der Junge stöhnte.
»Fuck. Oh, yeah. Nimm mich, nimm mich.«
Gleichzeitig nahm er auch den Penis des Jungen und spielte daran herum, was die Lustschreie noch steigerte.
»Okay, okay. Oh Gott. Geil«, kam es stoßweise aus ihm heraus, »jetzt … jetzt … jetzt lass mich mal.«
Der Soldat zog seinen Penis raus und sie wechselten Positionen. Das gleiche Spiel wie vorhin. Der Junge drang sanft in den Soldaten ein. Bewegte sich zuerst langsam, dann schneller. Auch er spielte am harten Glied, bewegte es hoch und runter. Erst langsam, dann schneller. Auch der Soldat stöhnte heftig, schrie und biss in die Decke rein. Sie wechselten noch zweimal die Position, bis beide fast gleichzeitig kamen. Der Soldat verteilte sein weißes Sperma auf der Decke.
»Mach dir keinen Kopf. Die muss eh in die Wäsche«, beruhigte ihn der Junge.
Beide lagen erschöpft, sichtlich befriedigt, nackt auf dem Bett. Der junge Mann kuschelte sich an den Soldaten heran, lag in seinen starken Armen, sein Kopf auf der Brust, hörte das Herz schnell schlagen.
»Werde ich dich eigentlich wiedersehen?«, fragte der Junge hoffnungsvoll.
»Ich hoffe«, der Soldat war sich nicht mal sicher, ob er das nächste freie Wochenende erleben wird.
»Sag, wie ist es so?«
»Was?«
»Der Krieg. Wie ist der Krieg? Wir hören kaum etwas davon.«
Der Soldat schwieg zuerst, der Junge dachte, er hätte ihn irgendwie verletzt, die falsche Frage gestellt. Er schämte sich dafür, diesen schönen Moment ruiniert zu haben, doch dann begann der Soldat zu sprechen: »Es ist schrecklich, sagen wir es so. Schmeiß alles aus dem Fenster, was du in Filmen gesehen oder in Büchern der Massenkultur gelesen hast. Es gleicht dem nicht. Es ist kein Abenteuer. Es gibt keine Helden, keine Schurken. Kein klares Gut, kein klares Böse. Es gibt nur dich und die Männer auf der anderen Seite der Front. Und die sind keine Monster, nicht so wie die Propaganda es darstellt. Es sind junge Männer wie du und ich. Manchmal sind sie sogar noch jünger, fast noch Kinder, frisch aus der Schule heraus. Doch es gibt keine Unterschiede zwischen denen und uns. Es gibt keine Unterschiede zu den Offizieren und den einfachen Soldaten. Im Schützengraben sind wir alle gleich, der Schlamm, der teuflische Schlamm macht uns alle gleich. Plötzlich spielen Abzeichen, Ränge und Länderflaggen keine Rolle mehr.«
Der Junge lauschte gespannt, er wollte den Soldaten nicht unterbrechen.
»Ich bin schon vielen Atheisten im Krieg begegnet. In der Regel waren es frische Rekruten, Frischfleisch zum Weichklopfen, wie mein Ausbilder immer sagte. Sie glaubten nicht an Gott, doch sobald das Artilleriefeuer begann und die Einschläge näher kamen, begannen auch sie zu beten. Krieg ist schrecklich. Im Krieg bringen die Alten und Verbitterten, die Jungen und Naiven dazu sich gegenseitig abzuschlachten. Ich habe noch nie einen Verteidigungsminister an der Front gesehen oder einen Regierungschef, außer es ging um Pressefotos, aber sie waren nie auch nur in der Nähe der Gefahr. Nein, sie saßen in ihren Palästen aus Beton, die Tore fest verschlossen und abgeriegelt, während ihre Opferlämmer zur Schlachtbank geführt werden. Und wofür? Ich kämpfe seit drei Jahren und habe den Sinn bisher nicht verstanden. Wir zogen in einen Krieg, den wir niemals gewollt, als Söldner ohne Sold.«
»Wie lange wird er noch dauern?«, fragte der Junge.
»Ich weiß es nicht. Die Frontlinie hat sich seit Monaten nicht mehr bewegt. Die Panzer kommen nicht mehr voran. Die Luftwaffe fliegt täglich ihre Angriffe, doch was sind die Ziele? Was gibt es denn noch zu zerbomben? Haben wir nicht ihre Städte, ihre Infrastruktur, ihre Militärbasen zu Staub zerbröselt? Müssen denn hunderttausend weitere Zivilisten sterben? Kinder, Frauen, alte Menschen? Der Frontverlauf ändert sich nicht, aber das sinnlose Sterben geht ungebremst weiter. Und die Politiker schreien vom Sieg. Wir müssen doch nur noch ein wenig mehr durchhalten. Ein wenig länger. Es müssen noch ein paar mehr sterben, dann schaffen wir es. Dann wird der Sieg unser sein.«
»Doch du glaubst nicht daran?«
»Nein, ich hab diesen Glauben verloren. Ich glaube, ich verlor ihn schon im ersten Kriegsmonat.«
Der Junge legte seinen Kopf auf die sich sanft hebende und senkende Brust des Soldaten, schloss seine Augen und schlief ein.
Als er wieder erwachte, war der Soldat, und seine Sachen, verschwunden. Auf dem Nachtschrank lag eine kleine Notiz. Darauf stand:

»Es war nur ein kurzes Wochenende. Nun ruft die Pflicht wieder. Zurück an die Front. Ich liebe dich. Ich bin froh, dass dein Blick meinen traf.“


Der Junge nahm die Notiz in seine Hand und legte sie an sein Herz.
»Ich liebe dich auch«, flüsterte er.

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