Republik Rügen

Prolog

[Eine Taube fliegt am wolkenverhangenen Himmel. Sie ist nur ein kleiner Punkt, man hätte sie leicht übersehen können. Ihr fällt es schwer, gegen den starken Ostseewind zu fliegen. Sie kommt kaum von der Stelle. Immer wieder schlägt sie schnell mit den Flügeln. Sinkt einige Meter ab, steigt wieder auf. Doch letztendlich bewegt sie sich kein Stück. Für sie scheint es, keinen Fortschritt in ihrem Tun zu geben.

Es handelt sich um eine gewöhnliche Taube, wie man sie überall in Deutschland finden kann – besonders in den größeren Städten, wo sie zu Dutzenden in den Bahnhöfen marschieren, statt zu fliegen, und ständig Brotkrümel aufpicken, die die Reisenden verlieren. Die Taube besitzt ein blau-graues Gefieder, ein paar schwarze Punkte auf der Brust und den Flügeln, nichts Auffälliges. Eine Taube wie jede andere auch. Was hat dieses Tier hier zu suchen? Hat es sich verflogen? Ist es durch den Wind vom Kurs abgekommen? Sucht es nun verzweifelt nach einer Möglichkeit, in die alte Heimat zurückzukehren? Gut möglich, aber angesichts nahender Ereignisse, sind diese Fragen belanglos, denn plötzlich stürzt sich ein Raubvogel, ein Falke, von oben auf die Taube herab. Was auch immer in ihrem Kopf vorgeht, ist nun vorbei. Der Falke trifft sie mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit, als würde eine Interkontinentalrakete ein Sportflugzeug zerschmettern. Der erste Zusammenstoß lässt die Taube straucheln, beim zweiten fällt sie wie ein Stein zu Boden, unter ihr nur das graue Nass, die tobenden kalten Wellen der Ostsee. Doch bevor sie ins Wasser stürzt, schnappt der Falke sie sich. Seine scharfen Krallen schneiden in ihren schwächlichen Körper. Er bringt sie zu einem Felsen, wo er ihr das Herz und die Gedärme rausreißt und verspeist. Der schwarz-gelbe Schnabel schimmert nun im hellen Rot. Nur eine Handvoll Federn berührt die Wasseroberfläche.

Das alles hat der Gesandte ZEHRER von dem Schnellboot der Marine aus beobachtet. Das Boot schlängelt sich durch die gewaltigen Kriegsschiffe des ARSV – des »Amerikanisch-Russischen Sicherheits- und Verteidigungsbündnisses«. Er fühlt sich wie ein Fisch, der durch einen Schwarm urzeitlicher Riesenhaie schwimmen muss. Mit ihm sind noch vier Soldaten an Bord; einer steuert, die anderen halten Ausschau. Sie alle sind schwer bewaffnet. Die Truppen des ARSV gelten als Männer mit kurzer Lunte und schnellen Fingern. Sie gehören nicht zu den regulären Streitkräften, sondern sind erfahrene Söldner, Veteranen zahlreicher Kriege – Irak, Iran, Afghanistan, Tschetschenien, Ukraine, Georgien, Moldawien, Venezuela, Mexiko. Einige der Offiziere sollen angeblich gesuchte Kriegsverbrecher und Massenmörder sein. Für sie ist ein einzelnes Menschenleben nicht viel wert.

Vor ihm erhebt sich sein Ziel: die Insel Rügen. Sechzehn Jahre lang hat kein Bundesdeutscher mehr diesen Ort betreten, ZEHRER ist der Erste. Sechzehn Jahre ist die heiße Phase des Konflikts bereits her. Diese Zeit einen »Bürgerkrieg« zu nennen, wie es einige Kommentatoren tun und taten, wäre eine Übertreibung gewesen. Der Konflikt hatte weniger Ähnlichkeiten mit dem amerikanischen, Spanischen oder Russischen Bürgerkrieg, es handelte sich mehr um eine Aneinanderreihung von Scharmützeln, kurze bewaffnete Auseinandersetzungen. Es standen sich nicht zwei gleichartige Armeen gegenüber, sondern staatliche und freiwillige Ordnungskräfte gegen Milizen. Das soll nicht heißen, dass es nicht schlimm war. Es war eine grausame Zeit. Tagtägliche Straßenschlachten, unsichere Zonen, ethnische Säuberungen, Attentate auf Politiker und Personen der »Zivilgesellschaft«. Einmal sah ZEHRER, wie ein berühmter Sänger, der sich immer lautstark für »Demokratie und Menschenrechte« einsetzte, bei einem Konzert erschossen wurde.

Auf der einen Seite standen die Bundesrepublik und die »demokratisch-antifaschistischen Kräfte«, auf der anderen befand sich eine Koalition aus Nationalisten, Neurechten, Nationalkonservativen, Libertären, Liberalkonservativen und Rechtspopulisten, die zusammen die »Partei des Freiheitlich-Nationalen Wegs« bildeten. Im Zentrum der Front stand der »Fürst von Ostfalenburg«, ein Mann mit ergrautem Haar und dem Gesicht (und Gemüt) eines preußischen Freikorpsführers. Er war der Meister der nationalkonservativen Denkfabrik »Institut der nationalen Wende« und Herr des neurechten Verlags »Pallaneus«. Alles hörte auf sein Kommando, er war der Erschaffer des »Freiheitlich-Nationalen Wegs«, er war der Ideengeber der rechten Intellektuellen. Er brachte die Denker der Konservativen Revolution zurück ins Bewusstsein der Nation. Er hob die Rechte aus dem Sumpf neo-nationalsozialistischer Verwesungen und formte sie zu einer schlagkräftigen und geistig wachen Truppe, die Anschluss an die Diskurse der Bundesrepublik finden konnte. Er schmiedete einen Speer und richtete diesen auf das Herz des Staates.

Dieser Mann ging einst durch die Flammen des Krieges, sein verlorenes Auge war Zeuge dessen. Früher nannten seine Jünger ihn »Wotan«, heute verehrt man ihn als »Staatspräsidenten«.

Am Anfang stand die Idee einer Abspaltung überhaupt nicht zur Debatte, es ging schlichtweg um die Übernahme der Macht im Staat. Beide Seiten repräsentierten die jeweils eine Hälfte des Landes, es gab kein Vorankommen, kein Entgegenkommen. Die »demokratischen« Parteien weigerten sich konsequent, mit den »Sozialpatrioten« zusammenzuarbeiten oder auch nur mit ihnen auf Augenhöhe zu sprechen. Während die »Aufrichtigen« sich in immer absurder werdenden Koalitionen zwangen, eroberte die rechte Partei auf parlamentarischem Wege nach und nach Ostdeutschland und begann, auch in westliche Hochburgen einzuziehen. Sie erreichten bei Wahlen vierzig, fünfundvierzig, fünfzig Prozent – doch all das reichte nicht aus, die Brandmauer stand. Niemand von den »Demokraten« wollte mit den »Neo-Faschisten« zusammenarbeiten.
Und so starrten sich beide Seiten, die »demokratisch-antifaschistische Front« und der »Freiheitlich-Nationale Weg«, hasserfüllt an. Emotionen kochten hoch, die Rhetorik wurde brutaler und radikaler, beide Seiten rüsteten auf, bis … bis der erste Schuss fiel. Ein junger Anhänger einer überregionalen Antifa-Gruppierung erschoss einen hochrangigen freiheitlich-nationalen Politiker bei einer Wahlkampfveranstaltung. Dann brachen die Dämme. Ein Teil des bundesrepublikanischen Sicherheitsapparats schloss sich den »Sozialpatrioten« an. Es folgte der Marsch auf Berlin. Und darauf die Niederschlagung.

Der »Freiheitlich-Nationale Weg« stand mit dem Rücken zunehmend zur Wand und zog sich gezwungenermaßen auf Rügen zurück. Auf den Weg dorthin wurden wortwörtlich alle Brücken verbrannt.

Die »Sozialpatrioten« proklamierten die Bildung einer Gegenregierung. Sie seien die einzige legitime Regierung Deutschlands und hätten somit Anspruch auf das gesamte Staatsgebiet. Die Kleinstadt Bergen wurde zur provisorischen Hauptstadt der neuen »Freiheitlich-Nationalen Deutschen Republik auf Rügen«.

Sechzehn Jahre lang gab es keinen diplomatischen Kontakt zwischen der BRD und der FNDR.

Mit pochendem Herzen nähert sich ZEHRER der Insel – einst war sie ein blühendes Naturparadies, die größte Insel Deutschlands, der Touristenmagnet des Ostens; nach der rechten Massenflucht verwandelten die »Sozialpatrioten« die Insel in eine schwimmende Festung. Neunhundertsechsundzwanzig Quadratkilometer beträgt die Größe des Reiches der FNDR, zweiundfünfzig Kilometer von unten nach oben, eine maximale Breite von einundvierzig Kilometer im Süden.

ZEHRERs Boot legt an.]

  1. Akt, 1. Szene

[ZEHRER betritt allein die Insel. Angehöriger der Bundeswehr, als Mitglieder einer »feindlichen Organisation«, haben kein Zutritt zu der Republik. ZEHRER wird auf der Stelle von sechs Männern mit schwerer Bewaffnung umringt. Ihre Gesichter verbergen sie hinter Totenkopfmasken und schwarzen Sonnenbrillen. Sie sprechen kein Wort mit ihm, sondern führen ihn zu einem schwer bewachten militärischen Grenzposten – überall Stacheldraht, Milizen, hohe Betonmauern, Wachtürme, Soldaten mit Gewehren. ZEHRER muss durch drei Metalldetektoren gehen. Er muss sich bis auf die Unterwäsche ausziehen. Grobe Männerhände betatschen ihn. Die Wachen schauen ihn abschätzig, voll Verachtung an. Sechsmal muss er sich ausweisen. Zweimal bei derselben Person, einfach weil diese es für nötig erachtet. Erst nach dieser Tortur darf er »freiheitlich-nationalen Boden« betreten.
Hinter dem Grenzposten wartet ein alter Bekannter auf ihn. Fünfundzwanzig Jahre war es her, seit sie miteinander gesprochen hatten. Ernst Leon ZESAR – einst war er der Vordenker der neuen Rechten und der Gründer sowie Chefredakteur der rechts-ästhetischen Zeitschrift »Das Neue Reich«, später herausgegeben von »Pallaneus«, jetzt dient er dem Regime auf Rügen als Berater. Den »Obersten Freiheitlich-Nationalen Ideologen« nennt man ihn. Er hat sich kaum verändert. Noch immer hat er die sehr definierten und markanten Gesichtszüge. Sein Kiefer sieht aus, als könne er Granit zerbeißen. Ein paar Falten sind dazugekommen. Die Haare hat er nach hinten gekämmt, das Schwarz wandelt sich langsam zu Grau. Seine braunen Augen fixieren ZEHRER. Sein Mund lächelt, doch sein Blick ist kalt. Gekleidet ist er in einem langen schwarzen Ledermantel, an seinem Arm ist eine Binde mit dem Symbol der Staatspartei gewickelt. Über ihn weht die Flagge der Republik: gold-rot-schwarz, in der Mitte ein nach unten zeigendes weißes Schwert.]

ZESAR: Es ist schön, dich zu sehen. Es ist so lange her.

ZEHRER: Gut siehst du aus, ZESAR.

ZESAR: Danke. Das liegt an der Meeresluft. Die hält frisch. (breitet seine Arme aus) Ich weiß, du bist aus geschäftlichen Gründen hier, aber wie wäre es, wenn wir einen kleinen Rundgang machen? Ich möchte, dass du die großartigen Errungenschaften unseres neuen Staates siehst.

ZEHRER: Sightseeing stand nicht unbedingt auf meiner Liste, aber ich werde dein Angebot nicht ausschlagen. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, ich wäre nicht neugierig.

ZESAR: Hervorragend! Es wird auch nicht lange dauern, das verspreche ich dir. Du weißt wahrscheinlich nicht viel über unsere Republik, nicht wahr?

ZEHRER: Nein, nicht unbedingt. Es gibt kaum verlässliche Quellen, die zuverlässige Informationen liefern, wenn man von einigen geflohenen Ex-Freiheitlich-Nationalen …

ZESAR: (oberflächliches Lächeln verschwindet, starrt ZEHRER an, schneidet ihm das Wort ab, spricht mit kühler Stimme) Niemand flüchtet aus der Republik.

ZEHRER: (abwehrend) Verzeih mir. Es waren nur die Berichte von Leuten, die …

ZESAR: Man sollte nicht auf die Meinung von Tunichtguten und Saboteuren hören, besonders von solchen, die das Geld des Feindes nehmen. Ich versichere dir, was auch immer diese Menschen euch erzählen, sind nichts weiter als Lügen. Sie sind neidisch auf unseren Erfolg. Im schlimmsten Fall handelt es sich um Betrüger.

ZEHRER: (zweifelnd) Wir werden das überprüfen, sobald ich wieder zurück bin. Danke für den Hinweis.

ZESAR: Ihr wart doch immer diejenigen, die so sehr über Fake News herumgeschrien haben. Erinnert euch daran. Vertraut nicht immer jedes Gerücht. Man muss die Dinge mit eigenen Augen sehen, um die Wahrheit zu erkennen.

ZEHRER: Wohl wahr.

ZESAR: Weißt du, ich bin sehr froh, dass du hier bist.

ZEHRER: Bist du?

ZESAR: Ja, durchaus. Wir können die Vergangenheit endlich hinter uns lassen. Wir können das persönliche Kriegsbeil begraben. (schaut ZEHRER an) War es deine eigene Entscheidung, hierher zu kommen?

ZEHRER: Um ehrlich zu sein, der Kanzler hatte es vorgeschlagen. Weil wir Freunde waren. Er meinte, ich sei für diese Aufgabe bestens geeignet. Es gäbe keinen anderen in der Bundesrepublik, der diese Reise unternehmen könnte.

ZESAR: Verstehe. Und was machst du heutzutage so? Erzähl mal, ich bin neugierig.

ZEHRER: Ich arbeite als Berater für die Regierungspartei.

ZESAR: Interessant, da sind wir uns ja ähnlich. Wie ist es mit der Familie?

ZEHRER: Die ersten Enkel sind schon da.

ZESAR: Du Glücklicher.

1. Akt, 2. Szene

[ZESAR bringt den Gesandten ZEHRER zu einem großen Marktplatz. Milizen und ARSV-Soldaten patrouillieren. An wichtigen Orten hängen Banner des Bündnisses – die US-amerikanische und russische Flagge diagonal geteilt. Die Fenster an den Häusern sind verbarrikadiert. Mit Ausnahme der schweren Schritte der Söldner ist nichts als beunruhigende Stille zu hören.

Sie gehen in eine Gaststätte, die definitiv schon bessere Tage gesehen hat, so verfallen wie sie ist, hinein. Es sind keine Gäste anwesend. Nur ein alter Mann mit grauer Haut poliert lustlos mit einem dreckigen Lappen den Tresen.]

ZESAR: Zwei Bier, mein Guter.

(Ohne ein Wort zu sagen, stellt der Wirt zwei Gläser mit hellgelber Flüssigkeit hin und verschwindet aus dem Sichtfeld.)

ZESAR: Es ist zwar ein amerikanisches, aber … es schmeckt ganz in Ordnung. (hebt sein Glas) Wohlan, auf gute Beziehungen und ein gutes Gelingen deiner Aufgabe!

ZEHRER: Auf gute Beziehungen.

ZESAR: Prost!

(Beide stoßen an, die Gläser klirren. ZEHRER trinkt einen Schluck, verzieht angewidert das Gesicht.)

ZESAR: Und? Wie schmeckt es?

ZEHRER: Um ehrlich zu sein … abgestanden, schal.

ZESAR: (zuckt mit den Achseln) Nun, es ist ein amerikanisches Bier. Nicht so gut wie aus Deutschland. Aber von dort bekommen wir ja keins … Exportverbot und dergleichen. Es gibt keine wirtschaftlichen Beziehungen zur BRD. Warum auch? Mit einem feindlichen Staat und seiner unrechtmäßigen Regierung brauch man nicht wirtschaftlich handeln.

ZEHRER: (schaut sich um) Wo sind denn eigentlich alle?

ZESAR: Was meinst du?

ZEHRER: Die Gäste. Es ist Freitagmittag. Hier sollte es doch brechend voll sein.

ZESAR: Nun … Die Leute bleiben eher unter sich.

ZEHRER: Ich beiß doch nicht. (lacht unsicher) Und stinken tue ich auch nicht. Oder etwa doch?

ZESAR: Ja ja, aber weißt du, das hat auch seine Vorteile. Dann können wir ungestört miteinander reden. Ansonsten wäre es ja auch ziemlich laut. Ich finde, so kann man sich wenigstens vernünftig unterhalten.

ZEHRER: Wenn du meinst.

ZESAR: Ja, meine ich.

(Beide trinken einen Schluck aus ihrem Glas, beide verziehen das Gesicht.)

ZEHRER: Schon irgendwie ironisch, findest du nicht?

ZESAR: Was genau?

ZEHRER: Früher – da haben wir so sehr dafür gekämpft, dass Europa frei von den Amerikanern und Russen ist.

ZESAR: Das stimmt.

ZEHRER: Weißt du noch, als dieser bescheuerte Sowjetbonze zu Besuch in Ostfalenburg war?

ZESAR: Ich erinnere mich. Der war früher Berater der dortigen Stasi. Gott, wie ich diesen Kerl gehasst habe. Mit seiner Arroganz und seiner Hochnäsigkeit. Dieses fette Gesicht. Und dann hatte er auch noch den Nerv hier wieder aufzutauchen. Weswegen nochmal?

ZEHRER: Für die 8. Mai-Feier.

ZESAR: Ah ja. Der »Tag der Befreiung«. Das ich nicht lache.

ZEHRER: (kichert) Du hast ihn eine Sahnetorte mitten ins Gesicht geworfen.

ZESAR: (lacht laut auf) Ja, stimmt! Das hatte ich fast vergessen. Oh, das war so ein herrlicher Tag. Ich hab jetzt wieder seine erbärmliche Fratze vor Augen. Wie der geguckt hat!

ZEHRER: Und nun sind beide Hegemonen hier …

ZESAR: (schaut in sein Glas) Was bleibt uns denn anderes übrig? Das Bündnis gibt uns Schutz, ansonsten würde die BRD wie ein tollwütiger Hund über uns herfallen.

ZEHRER: Das glaubst du doch selbst nicht.

ZESAR: (schaut ihn an) Wenn ARSV nicht wäre, würdet ihr dann nicht mit dem Militär sofort Rügen stürmen? Würdet ihr nicht sofort die große antifaschistische Armee losschicken? Würdet ihr nicht eine Blockade errichten? Würdet ihr nicht Bomben auf all die unschuldigen Menschen herabregnen lassen? Eure Panzer würden jedes Dorf und jede Stadt plattwalzen. Rügen würde in Flammen aufgehen. Liege ich damit etwa falsch?

(ZEHRER schweigt.)

ZESAR: Schließlich haben wir die größte Sünde der BRD begangen: Wir haben gegen das Grundgesetz verstoßen. Wir haben es gewagt, gegen die Kartellparteien und das Unrechtssystem vorzugehen. Wir haben uns gewehrt.

ZEHRER: (leise) So nennt ihr das also …

ZESAR: Wir wurden gebrandmarkt. Wir waren nun die bösen Faschisten und Nationalsozialisten und völkischen Nationalisten. Wir waren das ultimative Böse. Wir waren das braune Gespenst. Wir waren das Monster, von denen ihr dachtet, man hätte es längst vernichtet. Man musste uns bekämpfen, um die Republik zu retten. Wir waren die Antidemokraten, die Antithese zur »offenen, bunten, vielfältigen, pluralistischen Gesellschaft« – Gott, wie ich diese Wörter hasse. Da zieht sich bei mir alles zusammen. (umklammert sein Glas fest mit beiden Händen) Alles, was wir wollten, war ein gutes Deutschland, ein lebenswertes Europa. Für uns und die kommenden Generationen. War das denn zu viel verlangt? Ist es so böse, sein Land zu verteidigen? Ist es falsch, die Kultur seiner Nation bewahren zu wollen?

ZEHRER: Nein, natürlich nicht …

ZESAR: Schon bevor die wirklichen Kämpfe losgingen … Was wir alles ertragen mussten. Anfeindungen, Beschimpfungen, Angriffe aus uns und unsere Familien, die Jobverluste, die Zerstörung von Karrieren, Beobachtungen durch Geheimdienste, (wirft einen Seitenblick auf ZEHRER) Verrat … So etwas vergisst man nicht so schnell, nicht wahr?
ZEHRER: Wohl wahr, wohl wahr.

  1. Akt, 3. Szene

[Nachdem ZEHRER und ZESAR ausgetrunken haben, verlassen sie das Lokal wieder. ZESAR zeigt einen Teil der Stadt, erklärt, dass demnächst große Renovierungsarbeiten anstehen, sobald die Investitionen aus dem Ausland kommen. Es haben sich sogar schon kleinere regionale Unternehmen gebildet. Doch durch die Isolation und die Blockade »feindlicher globaler Mächte« sei das wirtschaftliche Wachstum stark gehemmt.

An jeder großen Wand ist das Konterfei des »Staatspräsidenten« abgebildet. Es war kein freundliches Gesicht. Der »Große Landesvater«, wie er des Öfteren betitelt wird, wirkt mehr wie ein Tyrann eines winzigen europäischen Staates aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Neben dem Porträt hängt ein Plakat, darauf kann ZEHRER lesen: »Gegen den BRD-Stalinismus! Für ein freiheitlich-nationales Deutschland!«]

ZESAR: Die USA, Russland, der Iran, Argentinien, Nordkorea und Weißrussland erkennen uns an. Sie haben sich bereit erklärt, die einzige legitime Regierung zu unterstützen und in unser nationales Großprojekt zu investieren. Du wirst es kaum glauben, aber amerikanische Rechte pilgern hierher, um das Wunder von Rügen am eigenen Leib zu erfahren.

ZEHRER: Glaubt ihr denn wirklich, dass ihr noch länger Bestand haben werdet?

ZESAR: Wieso sollten wir nicht?

ZEHRER: Ich sehe hier keine normalen Menschen. Keine einzige normalsterbliche Seele in dieser Stadt.

ZESAR: Was meinst du mit ›normale Menschen‹?

ZEHRER: Du weißt ganz genau, was ich meine. Normale Menschen – Menschen, die nicht wie wir sind. Keine Politiker. Keine Staatsvertreter. Keine Soldaten. Keine Milizen. Keine Parteibonzen. Keine Aktivisten. Keine Propagandisten. Verstehst du? Handwerker, Verkäufer, junge Familien, Jugendliche, Kassierer, Kellner, Rentner, Mütter und Väter mit Säuglingen, Schüler, Künstler, Musiker, Fahrradfahrer, gewöhnliche Passanten, Arbeiter, spielende Kinder. Du weißt schon, die Menschen, die eine Nation ausmachen. Die Menschen, die man für gewöhnlich Volk nennt. Du weißt schon – die Menschen, für die du dich so sehr eingesetzt hast … Für die wir uns so sehr eingesetzt haben.

(ZESAR schaut weg, meidet den Blick von ZEHRER.)


ZESAR: Wie schon gesagt: Sie arbeiten. Sie leben. Sie haben zu tun.

ZEHRER: Haben sie die Möglichkeit, zu gehen?

ZESAR: Wie meinst du das?

ZEHRER: Haben sie die Möglichkeit, die Insel zu verlassen? Haben sie Bewegungsfreiheit?

ZESAR: Selbstverständlich haben sie das. Jeder hat die Möglichkeit, die Insel wieder zu verlassen. Wir zwingen niemanden, hier zu sein. Aber ich kann dir versichern, dass die Menschen freiwillig in unserer Republik leben wollen. Sie haben die Alternative gewählt. Sie haben den besseren Staat gewählt. Und das ganz ohne Zwang.

ZEHRER: Die Waffen hier sprechen aber eine andere Sprache.

ZESAR: Irgendwie müssen wir uns ja schützen.

ZEHRER: Versteh mich nicht falsch, ich mein das nicht böse, aber irgendwie wirkt dieser ganze Ort wie ein Potemkinsches Dorf. So als wollt ihr mir nur irgendeine Kulisse verkaufen. Oder die Menschen sollen nicht merken, dass jemand aus der Bundesrepublik gekommen ist.

ZESAR: (leicht passiv-aggressiv) Mach dich nicht lächerlich. Wir haben solche Taschenspielertricks hier nicht nötig. Ich versichere dir, den Menschen geht es gut. Sie wollen hier leben. Sie leben hier gerne. Wir sind nicht die DDR. Oder Nordkorea.

ZEHRER: Belassen wir es dabei. Ich habe eine andere Frage. Warum hat deine … Regierung eigentlich abgelehnt, dass wir uns auf neutralen Boden treffen? Eure Bedingung war, dass ein Vertreter der Bundesregierung alleine auf Rügen kommt. Das ist … gelinde gesagt äußerst ungewöhnlich.

ZESAR: Ich kann nicht genau sagen, warum der Herr Staatspräsident so entschieden hat. Seine geistigen Mechanismen sind mir nicht immer … schlüssig. Er wird seine Gründe dafür gehabt haben. Wahrscheinlich ging er davon aus, dass ihr uns eine Falle stellen würdet. Schließlich sind wir gesuchte Verbrecher. Und ich erinnere dich daran, dass der Internationale Gerichtshof Anklage gegen Mitglieder unserer Partei, ihn eingeschlossen, erhoben hat.

ZEHRER: Deswegen hätten wir uns ja auf neutralen Boden getroffen. Und wir hätten euch schon die nötige Sicherheit gegeben. Wir waren ja diejenigen, die euch das Treffen angeboten haben.

ZESAR: Es ist, wie es ist.

ZEHRER: Wie steht es eigentlich um die Demokratie in der … FNDR?

ZESAR: Es haben sich einige libertäre und liberalkonservative Vereine gebildet. Kleine Gruppen. Aber sie sind noch nicht als Parteien zugelassen. Bisher gibt es nur die »Freiheitlich-Nationale Deutsche Staatspartei«. Das wird sich in den nächsten Jahren aber ändern.

ZEHRER: Es sind bereits sechzehn Jahre vergangen …

ZESAR: (schaut seinen Gesprächspartner an) Wir befinden uns im Belagerungszustand. Wir können uns noch keine Demokratie leisten. Wichtig ist es, Einheit und Stärke zu zeigen. Ein demokratisches Parlament steht dem nur im Weg. Sobald der Konflikt beseitigt ist, können wir demokratische Reformen einleiten. Nach und nach, versteht sich.

ZEHRER: Dann hoffen wir mal, dass dieses Treffen positive Ergebnisse erzielen wird.

  1. Akt, 4. Szene

[Die beiden verlassen die trostlose Geisterstadt, gehen zum Strand hinunter. Auf dem Weg dorthin kommen sie an einen Baum vorbei. Drei Menschen hängen von den Ästen herab. Ein brauner Strick um ihren Hals. »Vergewaltiger«, »Saboteur« und »Spion« werden sie genannt. Krähen hatten die Augen ausgehackt. Die Sonne trocknete ihre Haut zu Leder. Die Kleidung besteht nur noch aus Fetzen.

Wie lange hängen sie schon? ZEHRER erinnert sich an die ersten Wochen der Republik und an die Bilder, die die Drohnen heimlich von der Insel gemacht hatten. Auf diesen waren Massengräber zu sehen. Er kann sich kaum vorstellen, was in der Anfangsphase hier geschah. Manchmal konnte man Flammen vom Festland aus lodern sehen. Manchmal hallten Schüsse hinüber. Sechzehn Jahre – wie viele Menschen mussten in dieser Zeit leiden? ZEHRER fragt sich, wie viele von den ursprünglichen Bewohnern Rügens überhaupt noch übrig waren. Die Insel hatte fünfundsechzigtausend Einwohner. Ungefähr einhunderttausend Mitglieder und Sympathisanten des »Freiheitlich-Nationalen Wegs« traten die Flucht an. Hunderttausend plus fünfundsechzigtausend, das macht einhundertfünfundsechzigtausend Menschen. Und da sind die Touristen in dieser Rechnung noch gar nicht enthalten. Was geschah mit diesen Menschen? Mit den Unerwünschten? Den Ausländern? Den »Nicht-Deutschen«?]

ZESAR: Große Unternehmen von Übersee wollen hier übrigens Land kaufen. Der Präsident arbeitet bereits die ersten Deals aus. Sie werden Wohlstand und Arbeitsplätze in unsere Republik bringen. Wir wollen sogar die alten KdF-Hotelanlagen wieder in Betrieb nehmen. (lacht) Eines Tages werden wir die BRD überflügeln. Du wirst sehen, unsere Republik wird ein wahres Paradies werden! Die Leute werden sich darum streiten, hierher kommen zu dürfen.

(ZEHRERs Blick hängt noch an den baumelnden Leichen. Er scheint gar nicht wirklich zuzuhören. Ein Lächeln huscht über das Gesicht von ZESAR. Er zeigt auf die drei Gestalten.)

ZESAR: Sieh, mit was wir es zu tun haben. Was wir bekämpfen müssen. Jeden Tag aufs Neue. Immer und immer wieder. Es mag in deinen Augen hart erscheinen, aber wenn diese Republik Bestand haben will, dürfen wir vor schweren und mitunter grausamen Entscheidungen nicht zurückschrecken. Nur so überleben wir. Die Schlechten müssen ausradiert werden, ansonsten breiten sie sich wie Unkraut aus. Unter uns leben viele Feinde, ZEHRER. Wenn wir sie in ihrem Tun nicht stoppen, schaden wir uns nur selbst. Manche mögen unsere Maßnahmen ›autoritär‹ nennen – wir nennen sie ›notwendig‹.

(ZEHRER wendet seinen Blick langsam von der grausigen Erscheinung ab. Mit Angst in den Augen schaut er zu ZESAR.)

ZEHRER: Hast du schon mal jemanden umgebracht?

ZESAR: Ich habe getan, was getan werden musste. Sobald wir wieder zurück in der Heimat sind, werden wir die autoritären Maßnahmen nicht mehr benötigen – zumindest wenn alle Probleme und Hindernisse beseitigt worden sind.

ZEHRER: Das kann … Das kann nicht dein Ernst sein. Sehen deine Augen nicht das, was meine sehen? Siehst du nicht die Realität. Ich versuche wirklich, auf dich zuzugehen und mit unvoreingenommenem Blick das alles hier zu betrachten, aber: Das hier hat nichts mit freiheitlichen Patriotismus oder Nationalismus oder Sozialpatriotismus zu tun. Das ist nur eine hässliche Imitation, eine billige Kopie, ein infantiler Abklatsch, erdacht von Parteisoldaten, Opportunisten, Landesverrätern, Extremisten, Wahnsinnigen, Glücksrittern und pseudo-revolutionären Bürgerlichen. Sieh mir in die Augen, und sag mir, dass das hier, genau das ist, was wir uns damals erdacht und gewünscht haben!

ZESAR: (schnauft verächtlich) Du musst gerade reden von Verrat und Opportunismus!

ZEHRER: Bin ich derjenige, der sein Land an irgendwelche fremden Großmächte verkauft hat?

ZESAR: Deinen Idealismus in allen Ehren, aber die geopolitische …

ZEHRER: Ernst, schau dich doch nur mal um. ARSV-Wappen, ARSV-Flaggen, ARSV-Soldaten. Das ist keine Unterstützung, das ist eine Okkupation! Das hat nichts mit Souveränität zu tun!

ZESAR: Du wirfst uns all die Schandtaten vor, aber ich darf dich daran erinnern, dass du es warst, der uns verraten hat! Du bist derjenige, der zum ›Komitee für antidemokratische Umtriebe‹ gegangen ist. Du warst es, der seine eigenen Kameraden ans Messer geliefert hat. Wie viele Freiheitliche mussten ins Gefängnis, weil du die Informationen an den Staat weitergeleitet hast?

ZEHRER: Ihr befandet euch auf einem Pfad, dem ich nicht folgen konnte. Das, was ihr tun wolltet, war nicht richtig. Ich habe nichts gegen die Partei, aber ihr habt sie in den Extremismus und in die Radikalität getrieben. Jemand musste euch Einhalt gebieten.

ZESAR: (wütend) Ihr habt die Staatsmacht auf uns gehetzt!

ZEHRER: Ernst, ihr wolltet die Regierung gewaltsam stürzen! Was habt ihr denn erwartet, was passiert? Um Schmitt zu paraphrasieren: Wenn die Staatsmacht bedroht wird, hat sie durchaus das Recht, autoritäre Mittel gegen ihre Feinde einzusetzen.

ZESAR: (wischt die Aussage mit einer Handbewegung beiseite) Komm mir nicht mit Schmitt. Ich habe meinen Schmitt gelesen. Ich war derjenige, der Schmitt wieder populär gemacht hat! (schlägt sich auf die Brust) Ohne mich würden die Rechten doch gar nicht wissen, wer er überhaupt war! Also bitte, verschon mich mit deinem Bücherwissen! (leise) Ihr hättet einfach uns unsere Remigration durchziehen lassen können, und alles wäre in Ordnung gewesen …

ZEHRER: Das hätte Deutschland ins Verderben gestoßen …

ZESAR: (zornig, verbittert) Verderben, Verderben … Deutschland war bereits verdorben! Verstehst du das denn nicht? Dieses Land war bereits verdorben, als es geboren wurde. Die Geburt der BRD war ein Fehler, es war eine hässliche Missgeburt. Erbaut auf einem brüchigen, falschen, verrotteten Fundament. Was hätten wir denn noch schlimmer machen können? Wir wollten Deutschland zu neuem Glanz, zu neuem Ruhm führen. Wir wollten ein besseres Deutschland. Ein stärkeres Deutschland. Ein glorreicheres Deutschland. Wir wollten uns nicht mit diesem elendigen Schatten abgeben, für den ihr ach so heldenhaft euer Leben gabt. Ich verstehe es einfach nicht. Es geht mir nicht in den Kopf. Euer demokratischer Fanatismus. Euer blinder Glaube an dieses korrupte System. Die BRD war und ist das komplette Gegenteil von nationalem Stolz und von Patriotismus, von Identität und Solidarität. Ein linksliberales Konstrukt, aufgesetzt von Fremdmächten. Mit einer Verfassung, wenn man sie denn so nennen kann, die von den Siegern des Zweiten Weltkriegs diktiert wurde. Das hat nichts mit Souveränität zu tun. Nichts mit Freiheit! Du wirfst uns vor, wir hätten uns an andere Mächte verkauft, dabei seid ihr es, die noch immer fremdbestimmt sind.

ZEHRER: Ernst, ich möchte dir doch nur helfen … Ich hasse euch nicht. Ich bin nicht hier, um zu streiten. Ich will doch nur, dass du den Ernst der Lage begreifst.

ZESAR: (mit zusammengepressten Zähnen, zischend) Ich weiß, ich weiß – Ich weiß, was du willst. Ich habe es schon verstanden. Lass uns … lass uns einfach weitergehen.

ZEHRER: Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht beleidigen.

ZESAR: (mit verärgerten Blick) Schon gut, schon gut.

  1. Akt, 5. Szene

[Die beiden älteren Herren laufen am grauen Strand. Der Wind bläst eisig. Die Wellen toben. Möwen kreischen. In der Ferne sieht ZEHRER die ARSV-Kriegsschiffe, die wie grässliche schwarze Leviathane die Insel belagern. Er sieht zu seinem alten, wohlgemerkt ehemaligen, Freund und Weggefährten. Auf dem zweiten Blick hatte er sich doch verändert. Früher wirkte er ruhiger, besonnener, gelassener. Über die Jahre schien er sich eine animalische Qualität angeeignet zu haben. Seine Augen sind zu Schlitzen verengt, selbst im ruhigen Zustand sieht man leicht seine Zähne, und es handelt sich um spitze Zähne, die Muskeln sind angespannt, die Adern am Hals ploppen deutlich hervor. ZESAR wirkt wie ein eingesperrtes Raubtier, was nur darauf wartet, dass ein unachtsamer Besucher aus Versehen die Tür öffnet, damit es endlich aus dem kleinen Käfig entkommen kann. ZEHRER läuft nicht gemeinsam mit einem Menschen am Strand entlang, sondern mit einem ausgehungerten Wolf, mit einer Bestie aus einer grimmschen Geschichte.]

ZESAR: (mit einem gewissen ironischen Unterton) Wie steht es denn mit der Überfremdung in der BRD, mein lieber ZEHRER?

ZEHRER: Wir bekommen sie langsam in den Griff. Abschiebungen sind auf ein Allzeithoch. Es gibt eine Nulltoleranzpolitik gegenüber ausländischen Straftätern und illegalen Grenzübertritten. Die Grenzen sind gut gesichert. Erhöhte Polizeipräsenz in Problemviertel, eine harte Bekämpfung der Parallelgesellschaften. Sozialleistungen für Ausländer wurden erheblich gekürzt. Die Bewegungsfreiheit von Flüchtlingen wurde massiv eingeschränkt. Aber die meisten verlassen das Land sowieso freiwillig. Diejenigen, die auf geregelten Weg kommen und bleiben möchten, werden gedrängt, sich zu integrieren und schlussendlich zu assimilieren. Wenn wir sie nicht vorher aussortieren. Wer kommt, muss was bringen, und sich unseren Regeln und unserer Kultur unterwerfen.

(ZESAR schaut ihn verwundert an.)

ZEHRER: Was glaubst du denn, wie die konservativ-sozialistische Partei es geschafft hat, viermal hintereinander an der Spitze zu stehen? Das dänisch-japanische Modell erwies sich als der richtige Weg.

ZESAR: Das glaube ich einfach nicht …

ZEHRER: Glaub es ruhig. (lächelt leicht) Weißt du, aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet, hattet ihr schon recht. Ihr habt die Probleme unserer Gesellschaft erkannt. Gewalt war kaum für die Lösung nötig. Ebenso wenig wie der Sturz der Regierung oder die Beseitigung von Verfassung und Demokratie. Die Renegaten des ›Freiheitlich-Nationalen Wegs‹, und das waren ja am Ende nicht wenige, haben das rechtzeitig erkannt und schlossen sich uns an. Wir nahmen sie mit offenen Armen auf. Wir konnten sie gut gebrauchen. Ein paar von ihnen sind jetzt gar Minister in der Regierung. Das sind kluge Menschen.

ZESAR: Verschon mich mit deinem Gerede über diese Verräter! Das waren nichts weiter als lauwarme Konservative, elendige Spießer, Opportunisten, Linke, Stalinisten. Sie waren Sozialisten in der aufgenähten Haut von Rechten – genauso wie du!

ZEHRER: (seufzt) Ernst, ich bin rechts. Ich war damals rechts und ich bin es auch heute noch. Daran hat sich nichts geändert. Noch immer bin ich für Freiheit, für unser Volk und die Nation, für Europa, für eine edle und ehrenhafte Aristokratie, für Gerechtigkeit, für die Familie, für Gott. Noch immer glaube ich an die Unterschiedlichkeit der Menschen. Es gibt nichts, was mir ferner steht als die egalitäre Illusion der Linken. Ein gutes Deutschland, ein lebenswertes Europa war und ist immer mein Ziel gewesen. Für meine Generation, und für all die Nachkommenden.

ZESAR: (wütend) All das hättest du hier haben können. Hier auf Rügen, der Keimzelle eines neuen Deutschlands, haben wir das Modell für einen freiheitlichen Staat mit effizienter und leistungsfähiger Wirtschaft errichtet. Das Primat der Inkompetenz ist vorbei, es gilt nun das Primat des Volkes …

ZEHRER: Weder habt ihr einen Staat noch eine Wirtschaft aufgebaut. Das Einzige, was ihr erschaffen habt, ist ein Freiluftgefängnis – und die Menschen hier sind nicht nur eure Gefangenen, sondern auch eure Geiseln. (seufzt) Diese Republik, und selbst das ist schon zu viel gesagt, hat keine Überlebenschancen. Es gibt kaum vernünftige Infrastruktur, keine stabile Wirtschaft und die Bevölkerung ist hilflos überaltert. Wie wollt ihr die Population aufrechterhalten? Was ist das Männer-Frauen-Verhältnis bei euch? Fünf zu eins? Acht zu eins? Das hat keine Zukunft. Ihr lasst kein neues Blut hinein und das alte stirbt euch nach und nach weg. Sobald das ARSV seine Hilfslieferungen einstellt, weil die hohen Tiere in Washington und Moskau das Interesse an euch verloren haben, werden die Menschen entweder auf der Insel verhungern … oder beim Versuch zu fliehen, ertrinken. Ihr verkauft den Menschen die falsche Hoffnung, dass sie eines Tages über Deutschland herrschen werden. Siehst du das denn nicht?

(ZEHRER legt seine Hand auf die Schulter von ZESAR. Er merkt, wie sein Gegenüber sich sofort anspannt.)

ZEHRER: Alles, was ich will, ist den Menschen hier zu helfen. Wir können diese Situation lösen – gemeinsam.

(ZESARs Mund ist nur noch eine schmale Linie. Die Pupillen in seinen Augen haben die Größe von Nadelköpfen. ZEHRER wendet sich ab, schaut gedankenverloren aufs Meer.)

ZEHRER: Die Bundesregierung, insbesondere der Kanzler, möchte ein Angebot unterbreiten. Bevor du irgendetwas sagst, höre es dir bitte an. Es lautet wie folgt: Ihr gebt eure Rebellion auf, Rügen wird wieder in die Bundesrepublik eingegliedert, einschließlich der Beendigung des Schutzwalls des ARSV, ihr gebt eure Waffen ab, kommt zurück ins Land, oder auch nicht, wenn ihr es wünscht, und alle erhalten eine Amnestie. Der Bürgerkrieg wird damit endlich beendet und es herrscht Frieden. Keine politische Verfolgung, keine Tribunale, keine Strafen.

(ZEHRER dreht sich wieder zu ZESAR.)

ZEHRER: Was hältst du davon? Ihr könnt wieder nach Hause kommen.

(ZESARs Gesicht glüht rot. Die Adern auf seiner Stirn stehen deutlich hervor. Er atmet schwer. Er betrachtet seine Hände.)

ZESAR: Ich habe meine Familie verloren, weißt du? Sie wurden erschossen. Von ›antifaschistisch-demokratischen‹ Milizen. Wie sie sich halt nannten. Von BRD-Loyalisten. Meine Familie war nicht mal politisch, weißt du? Weder meine Frau noch meine vier Söhne. Keiner von ihnen war in der Partei. Aber trotzdem wurden sie umgebracht. Sie wurden umgebracht, weil sie meine Familie waren. Da, wo es am meisten wehtat. Direkt ins Herz. Ich habe es gesehen. Mit eigenen Augen. Was glaubst du, was das mit einem Mann macht?

(Noch bevor ZEHRER antworten kann, springt ZESAR auf ihn zu. Seine Hände hatten sich zu Krallen verwandelt. Die beiden stürzen ins Wasser. ZESAR umklammert den Hals seines einstigen Weggefährten. Der versucht, sich zu wehren, versucht die Arme, wegzuschieben, den eisernen Griff zu lösen. Doch ZESAR ist stärker, wesentlich stärker.)

ZESAR: (schreit voller Zorn) Ich scheiß auf dein vergiftetes Angebot! Ihr wollt uns nur alle umbringen! Das ist euer Plan! Ihr wollt beenden, was ihr begonnen habt! Darauf lassen wir uns nicht ein, hörst du? Nicht mit uns! Wir sind besser, klüger, stärker! Wir werden es euch heimzahlen! Es ist unser Schicksal!

(ZESAR drückt zu, drückt gleichzeitig den Kopf von ZEHRER unter Wasser. Der schnappt panisch nach Luft.)

ZESAR: (schreit) Ist dir eigentlich bewusst, wie viel ich opfern musste? Was ich alles tun musste? Was ich alles getan habe? Und das soll alles für nichts gewesen sein?

(Salziges Ostseewasser dringt in ZEHRERs Lungen ein. Ihm wird schwarz vor Augen. Der Kampf zieht sich ewig hin.)

(ZESAR erhebt sich. Sein Gesicht ist nass von Schweiß und Salzwasser, die Haare hängen wild durcheinander. Die Ärmel seines Mantels sind zerrissen. Sein alter Freund liegt tot vor ihm.)

ZESAR: (schnauft völlig erschöpft) Ihr werdet sehen. Wir werden siegen. Wir werden triumphieren.

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