Das Ende der Bronzenen Zeit – Christopher Nolans »Die Odyssee« (2026)

Wohl kein Film in den letzten Jahren wurde noch vor seinem Erscheinen so kontrovers diskutiert und war so polarisierend wie die Verfilmung des homerschen Epos »Die Odyssee« von Christopher Nolan. Als der erste Trailer veröffentlicht wurde, kamen Kommentatoren aus dem rechten Spektrum und beschwerten sich auf Xitter darüber, dass die Figur der Helena von Troja von einer schwarzen Person (Lupita Nyong’o) besetzt wird. Aber auch über den rechten Rand hinaus sorgte die Auswahl der Schauspieler für Stirnrunzeln: Travis Scott als Barde, Elliot Page als Sinos (man vermutete zuerst, dass er Achilles spielt) und wie bei großen Hollywood-Blockbuster-Produktion üblich dürfen natürlich auch das Zweiergespann Tom Holland (in der Rolle des Telemachos) und Zendaya (als Athene) nicht fehlen. Was wäre denn eine millionenschwere, auf Hochglanz polierte Hollywood-Blockbuster-Produktion ohne Tom Holland und Zendaya? Unsehbar wäre diese! Was an dieser Aufzählung besonders deutlich wird, ist die Tatsache, dass (alt-)griechische Figuren von nicht-griechischen Schauspielern gespielt werden.
Die Trailer entfachte auch eine Debatte über die historische Genauigkeit des Epos, denn die Krieger des Films sehen nicht aus wie Krieger aus der Zeit des Troja-Krieges aus, sondern wie stereotypische antike griechische Soldaten. Auf der einen Seite der Diskussion standen die Verfechter der »historischen Genuaigkeit«, die akkurate bronzene Ausrüstung und eine angemessene Sprache verlangten (also einen eher griechischen Akzent statt US-amerikanischen). Und auf der anderen Seite befanden sich diejenigen, die darauf beharrten, dass es sich bei der »Odyssee« um »Mythologie« und um »Fantasy« handelt, nicht um echte Historie, und es daher egal sei, wie die Rüstung aussieht, welche Schauspieler welche Figuren verkörpern und wie diese sprechen. Schließlich sei es nur »Fiktion«. Da kann man schließlich machen, was man möchte.
Persönlich tendiere ich mehr zu der »Pro-Historische Genauigkeit«-Fraktion. Mir gefallen die für moderne Augen surreal und phantastisch anmutenden Rüstungen der alten, vorchristlichen Bronzezeit mehr als das, was uns im Trailer und letztendlich im Film präsentiert wird. Hier wirken die Rüstungen mehr wie glattpoliertes, billiges Plastik aus dem 3D-Drucker. Allgemein fehlen sowohl im Trailer als auch im Film Farbe. Alles wirkt grau und ausgewaschen. Die Rüstungen sind grau-schwarz, die Schiffe sind grau, der Himmel ist grau, das Gras ist grau, die Landschaften sind grau, die Menschen sind grau und wenn etwas nicht grau ist, dann ist es dunkel, wodurch der geneigte Zuschauer kaum etwas erkennt. Aber das ist etwas, woran die meisten zeitgenössischen Filme und ganz besonders die Hollywood-Blockbuster-Produktionen, kranken. Es ist fast so, als hätten heutige Filmstudios und Regisseure eine ausgewachsene und tiefsitzende Phobie gegenüber Farbe. Der Look hat auch dazu geführt, dass einige Kommentatoren die Vermutung aufstellten, dass der Film in einer dystopisch-postapokalyptischen Zukunft spielen wird. Das wäre zumindest interessant gewesen. Aber nein, Nolan erzählt eine durchaus konventionelle Version der »Odyssee«. Das einzig wirklich »Unkoventionelle«, wenn man das so nennen kann, ist die Erzählstruktur. Diese ist nämlich nicht chronologisch, Ereignisse werden grundsätzlich in verschiedener Reihenfolge erzählt. Wir springen also in der Vergangenheit und Gegenwart hin und her.

Starten tun wir acht Jahre nach Ende des Trojanischen Krieges – ein Barde (der Rapper Travis Scott) erzählt die Geschichte des Krieges, indem er mit seinem Stab auf die Erde schlägt und einzelne Wörter in die Halle ruft (»Ein Mann! Ein Krieg! Eine Stadt!«). Odysseus (Matt Damon) ist noch immer nicht nach Hause zurückgekehrt und in Ithaka speisen und feiern fremde Männer auf Kosten des Königreiches. Sie bedrängen die Frau Odysseus, Penelope (Anne Hathaway) dazu, endlich einen aus ihrer Mitte zu heiraten, schließlich sei es doch offensichtlich, dass ihr Mann nicht mehr zurückkehrt. Immer wieder provozieren sie den Sohn des Odysseus, Telemachos, in der Hoffnung, dass er sie angreife und sie ihn somit töten können, damit auch ja keine Möglichkeit hat, den Thron zu besteigen. Währenddessen irrt Odysseus an wie zehn Jahre lang durch die altgriechische Weltgeschichte, nachdem er zusammen mit Agamemnons Truppen fast ein Jahrzehnt am Strand von Troja herumlungerte, bis sie die Trojaner mit einem hölzernen Pferd übertölpelten und die Stadt endlich einnahmen. Nach dem Sieg entschied Odysseus, sein Schiff »vom Wind führen zu lassen«, statt der Flotte des Agamemnons nach Hause zu folgen, da er sich erhoffte, neue Orte zu sehen (und weitere Reichtümer zu rauben). Hier entspinnt sich dann die klassische Odyssee. Odysseus und seine Männer treffen auf den Zyklopen Polyphem, auf Kannibalen, Riesen, Hexen, Sirenen und Seeungeheuern. Am Ende, nachdem die Männer Odysseus den Zorn des Zeus auf sich gezogen hat, landet er auf der Insel der Kalypso. Von dort aus befreit er sich, gelangt endlich nach Ithaka und rächt sich auf blutige Weise an den Freiern.

Eins muss man dem Film definitiv lassen: Er ist bildgewaltig und sehr unterhaltsam. Kaum eine Minute in den fast drei Stunden habe ich so etwas wie Langeweile verspürt. Besondere Highlights waren die Szenen mit dem Zyklopen, beim Hades und auf der Insel der Laistrygonen. Es ist beeindruckend, mit anzusehen, wie sich plötzlich Bäume bewegen und aus dem Nichts Riesen in Eisenrüstungen erscheinen und die Mannschaft des Odysseus massakrieren.
Odysseus ist kein tapferer Held in diesem Film, sondern ein gebrochener Mann, der sich für seine Verbrechen in Troja schuldig fühlt. Visionen der Athene plagen ihn. Er muss hilflos dabei zuschauen, wie nach und nach jeder einzelne seiner treuen Kameraden stirbt. Agamemnon auf der anderen Seite besteht hingegen nur aus Hype- und Aura-Momenten. Er tut im gesamten Film nichts außer aurafarming und sterben. Definitiv der großartigste Teil des Films. Aber kehren wir zurück, bevor wir uns verlieren. Das Epos zeichnet das Bild einer sterbenden, dem Untergang geweihten Zivilisation. Der Fall Trojas öffnete die Tore für Barbaren und Ungeheuer. Die Gesetze der Gastfreundschaft zählen nicht mehr. Brüder töten Brüder, Griechen ermorden Griechen. Antonio Gramsci sagte es sehr zutreffend: »Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: in diesem Interregnum kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen.«(FN Antonio Gramsci, Gefängnishefte, H. 3, §34, S. 354f.FN) Im Film heißt es: »Wenn die Mauern Trojas fallen, dann fällt die Welt.« Durch die ultimative Verletzung des »Gesetzes des Zeus« durch Agamemnon, Odysseus und ihre Männer versetzen sie ihrer Welt den tödlichen Dolchstoß, zerstören die Bande ihrer Zivilisation und lassen grausame Monster hinein. Immer wieder wird von den »Völkern von der See« gewarnt, die mordend und brandschatzend durch den Mittelmeerraum ziehen. Stellt sich heraus: Die Griechen sind die wahren »Völker von der See«.

Ein paar Kritikpunkte habe ich allerdings: Wie bereits angesprochen, ist der Film sehr grau. Das ist auf Dauer sehr eintönig. Ein wenig Farbe hätte dem Ganzen nicht geschadet. Ständig werden Phrasen wie »Völker von der See« und »das Gesetz des Zeus« wiederholt. Auch das wird auf Dauer sehr anstrengend. Wir verstehen es. Es muss nicht alle zehn Minuten gesagt werden. Einige Dialogzeilen sind sehr merkwürdig – »Wir sind die Völker von der See«, »Das Ende unserer bronzenen Zeit ist gekommen«. Allgemein hätte ich mir mehr Poesie in der Sprache gewünscht. Einer der Soldaten sagte, als die Truppen vor der Stadt Troja lagerten: »Zehn Jahre verbringen wir schon an diesen beschissenen Strand.« In der englischen Tonfassung wird u. a. das umgangssprachlich-moderne »Dad«, statt das passende und mehr erhabene »Father« verwendet.
In einer Szene erklärt Penelope ihrem Sohn, dass Agamemnon den Krieg gegen Troja nicht anfing, weil der Jüngling Paris die schöne Helena raubte, nein, das war nur ein Vorwand, sondern um Handelsrouten zu sichern. Penelope hält Telemachos auch eine Predigt darüber, dass sie ja die eigentliche Herrscherin von Ithaka sei, aber ihr der Thron verweigert wird, weil sie eine Frau ist. Sie kritisiert also das altgriechische Patriarchat. In eine ähnliche Richtung geht die Szene mit der Hexe Kirke, die die Männer des Odysseus in Schweine verwandelt, also die wortwörtliche Umsetzung von »Männer sind Schweine«, da sie, so wird es angedeutet, in der Vergangenheit von fremden Männern vergewaltigt wurde. Diese Kleckse von »historischen Realismus« bzw. zeitgenössischen Denkweisen wirken in diesem mythologischen Epos doch sehr deplatziert. Abgesehen davon, dass die »feministischen Anklänge«, wenn man diese so nennen möchte, ins Nichts verlaufen. Penelope kehrt treu an die Seite ihres Mannes zurück, Telemachos besteigt den Thron und bei Kirke lässt sich der Fakt nicht ignorieren, dass sie Männer, die in diesem Moment einfach nur Schutz und Proviant suchten, auf grausame Weise in Schweine verwandelte, um diese später zu schlachten. Die Handelsrouten werden auch bei keiner Stelle mehr erwähnt.
In dieser Welt voller Magie und phantastischer Kreaturen sind die realen griechischen Götter sehr abwesend. Ihre Anwesenheit wird zumindest angedeutet, sei es durch die Visionen der Athene, durch den Ruf des Polyphems nach seinen Vater Poseidon oder durch den Zorn des Zeus gegen Ende des Films. Wer auch bemerkbar abwesend ist, ist der Held Achilles. Zwar ist mir bewusst, dass er seine großen Momente in der »Ilias« hat, aber er spielt auch eine Rolle in der »Odyssee«. Und zwar als Odysseus zum Hades reist und die Toten beschwört. Dort erscheint ihm nämlich Achilles. Nachdem Odysseus fragt, wie es ihm als König im Reich der Toten erginge, antwortet dieser in der Version von Gustav Schwab: »Es gibt nichts Tröstliches am Tod, Odysseus! Lieber würde ich als Tagelöhner auf Erden das Feld bestellen, ohne Eigentum und Erbe, als über sämtliche Scharen der Toten zu herrschen!«(FN Gustav Schwab, Odysseus, in: ders., Die schönsten Sagen des Klassischen Altertums. Ausgewählt und bearbeitet von Hans Friedrich Blunck. Neu bearbeitet von Burkhard Heiland, Bindlach 2015, S. 499.FN) In der deutschen Übersetzung der Odyssee von Homer klingt es ähnlich: »Preise mir jetzt nicht tröstend den Tod, ruhmvoller Odysseus. / Lieber möcht ich fürwahr dem unbegüterten Meier, / Der nur kümmerlich lebt, als Tagelöhner das Feld baun, / Als die ganze Schar vermoderter Toten beherrschen.«(FN Homer, Odyssee, XI. Gesang, in: ders., Ilias. Odyssee. Aus dem Griechischen von Johann Heinrich Voß, Köln 2018, S. 680.FN) Es ist wirklich seltsam, dass die Figur komplett aus dem Film entfernt wurde. Stattdessen erfüllt die Rolle gewissermaßen Sinon.
Wir müssen noch kurz über Odysseus selbst sprechen. Dieser verhält sich nämlich nicht wie der listige, trickreiche Held, der er eigentlich ist, sondern wie ein trauriger, deprimierter Kriegsveteran, der kurz davor ist, unter der Last seiner schändlichen Taten zusammenzubrechen. Wenn man von der Idee mit dem hölzernen Pferd, was der Film nicht als Heldentat bezeichnet, sondern als der Anfang vom Ende der Zivilisation, und der Verkleidung als Bettler absieht, dann vollführt Odysseus nicht einen einzigen genialen Trick. Nicht mal die Sache mit »Ich bin Niemand« ist im Film enthalten. Odysseus schießt dem Zyklopen mit einem Pfeil ins Auge, als er und seine Männer vor dem Monster fliehen. Einfach so.
Die meiste Zeit schaut Odysseus traurig in die Leere. Auf Dauer auch sehr anstrengend. Es ist eine Perspektive, die man wählen und durchaus interessant sein kann. Die Griechen als die wahren Barbaren, das Ende der Zivilisation, der Missbrauch des Gesetzes des Zeus, Odysseus vom Krieg traumatisiert – alles sehr interessante Ideen, aber das führt mich zu meinem letzten Punkt …

Was bleibt, ist, dass der Film an manchen Stellen an einer Identitätskrise leidet. Möchte er ein phantastisches Epos sein? Ein historisch-genaues Drama? Möchte er über die sozio-ökonomischen Verhältnisse des homerschen Epos reden? Möchte er einen modernen Blick auf das Altertum werfen? Soll der Film eine Kritik an unserer Zeit sein? Ist er Popcorn-Kino? Reines Spektakel? All diese Teile liegen auf dem Tisch, aber sie ergeben kein hundertprozentig stimmiges Bild.
Nichtsdestotrotz empfehle ich den Film. Wie bereits gesagt, er ist sehr unterhaltsam. Damit kann man eigentlich nichts falsch machen. Aber vielleicht sollte man seine Erwartungen etwas zurückschrauben. Es ist immer noch Hollywood.

Verwendete Literatur

Gramsci, Antonio: Gefängnishefte, H. 3, §34.
Homer: Odyssee, XI. Gesang, in: ders., Ilias. Odyssee. Aus dem Griechischen von Johann Heinrich Voß, Köln 2018.
Schwab, Gustav: Odysseus, in: ders., Die schönsten Sagen des Klassischen Altertums. Ausgewählt und bearbeitet von Hans Friedrich Blunck. Neu bearbeitet von Burkhard Heiland, Bindlach 2015.

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