»If youre not careful and you noclip out of reality in the wrong areas, youll end up in the Backrooms, where it`s nothing but the stink of old moist carpets, the madness of mono-yellow, the endless background noise of fluorescent lights at maximum hum-buzz, and approximately six hundred million square miles of randomly segmented empty rooms to be trapped in
God save you if you hear something wandering around nearby, because it sure as hell has heard you«
Diese Zeilen, die einen unmöglichen, unheimlichen Nicht-Ort beschreiben, die sogenannten »Backrooms«, zusammen mit einem Bild von endlosen Büroräumen, gekleidet in geschmackloser kränklich-gelber Tapete, wurden am 12. Mai 2019 auf 4chan`s /x/-Forum (für paranormale Thematiken) gepostet. Von dort verbreitete sich die Idee, wie sich Ideen nun mal nach den memetischen Gesetzen verhalten, über das gesamte Internet aus und erlangte immense Popularität. Was wir hier vor uns haben, ist eine sogenannte »Creepypasta«, eine Art Internet-Horrorgeschichte – man denke an Slender Man, Jeff the Killer, Ben Drowned, Red Mist oder das SCP-Universum. In der Regel beginnen sie als text- oder foto-basiertes Medium, andere Nutzer fügen dann neue Details, weitere Perspektiven hinzu, verarbeiten die Geschichten, remixen sie. Die Creepypasta wird so zu einem kollektiv erarbeiteten Mythos. Die (Kurz-)Geschichten handeln von verfluchten Videospiel-Cartridges, die auf Flohmärkten erworben worden sind; von verlorenen, verstörenden Folgen von Kinderserien; von wortwörtlichen Geistern in den Maschinen; von unheimlichen Kreaturen und Serienkillern; von Flüchen und Ritualen. Man nehme das Prinzip des verfluchten Kettenbriefs und übertrage es auf das Internet. Es sind Urban Legends; Geschichten, die man sich nur flüsternd auf dem Pausenhof erzählt oder von denen man nur Andeutungen in Forenbeiträgen macht. Creepypastas sind die Folklore des 21. Jahrhunderts.
Die Backrooms reihen sich in diese Tradition mit ein. Wie immer bei solchen Phänomenen entwickelte sich, besonders auf Reddit, TikTok, Youtube, X und Discord, ein regelrechtes Fandom. Internetnutzer bauten auf die Idee auf, fügten dem Ursprungsbild neue »Level«, neue Orte hinzu. Es waren bald nicht mehr nur verlassene Bürogebäude, sondern auch Kinderzimmer, leere Nachbarschaften, Schwimmbäder, Arcade-Hallen, Fastfood-Restaurants. Die Backrooms verschmolzen mit den »Liminal Spaces« – den nostalgisch-wirkenden, unheimlichen (»eerie«) Orten unserer verklärten Kindheit und Jugend. Es gab nun Monster, »Entitäten«, viele verschiedene davon. Und eine mysteriöse Regierungsorganisation, die die Backrooms erforscht. Was mit einem einfachen Bild und ein paar Zeilen Flavortext begann, entwickelte sich zu einem eigenen Kosmos, komplett mit einem vollständigen Ökosystem, mit einer Flora und Fauna, die nun die endlosen Hallen bevölkerte.
Im Januar 2022 veröffentlichte der damals sechzehnjährige Kane Parsons (»Kane Pixels«) einen Kurzfilm auf YouTube mit dem Titel »The Backrooms (Found Footage)« (9:14 Minuten lang). Er handelt von einem jungen Mann in den 1990ern, der beim Skateboardfahren durch einen Zufall in die Backrooms »noclipped« (»Noclipping« ist ein Videospielbegriff und bedeutet so viel wie »durch Wände gehen«; es wird in der Regel von Entwicklern verwendet, um leichter durch die Levels zu manövrieren; Spieler können durch die Entwicklerkonsole ebenfalls darauf zugreifen). Der namenlose Protagonist landet in den endlosen gelben Hallen, die sich willkürlich bis in die Ewigkeit erstrecken. Die Backrooms befinden sich »out of bounds«, ähnlich wie bei einem Videospiel, wo man die Grenzen der Map verlässt und auf etwas stößt, was die Entwickler zurückgelassen haben, etwas, was man nicht hätte finden sollen. Wir erleben das Geschehen aus der Ego-Perspektive, der Protagonist hält über den gesamten Verlauf des Films eine Kamera in der Hand. Hier sieht man die Überschneidungen mit einem anderen populären Internet-Genre, dem »Analog Horror«. Der junge Mann merkt auch relativ schnell, dass er in dieser falschen, surrealen Welt nicht alleine ist. Etwas verfolgt ihn.
Der Kurzfilm ist überaus erfolgreich, bis zum heutigen Tag hat er insgesamt 86 Millionen Aufrufe auf YouTube erzielt. Der Film gebar eine komplette Serie über die Backrooms und die geheimnisvolle Organisation ASYNC, die sich mit der Erforschung beschäftigt.
Das führt uns nun zum Film, der am 18. Juni 2026 in den deutschen Kinos kam und auf diesem Fundament aufbaut. Wir durften ihn uns an genau am Veröffentlichungstag im Lichtspielhaus anschauen, und so viel sei bereits verraten: Wir sind überaus begeistert.
Die Story handelt von Clark (Chiwetel Ejiofor), einen gescheiterten Architekten, der das Möbelhaus »Captain Clarks Ottoman Empire« führt und, gelinde gesagt, an einigen Problemen leidet. Er ist Alkoholiker, hat ein mangelndes Selbstwertgefühl, seine Frau hat ihn aus »seinen« Haus herausgeschmissen, Rechnungen wachsen an, es kommt kaum Kundschaft und er schläft in seinem Laden, wo er bis spät in die Nacht fernschaut und sich betrinkt. Er trifft sich regelmäßig mit seiner Therapeutin Mary Kline (Renate Reinsve), um über seine Probleme zu sprechen – typisch für Therapeuten leidet auch sie an ihren eigenen psychischen Problemen, wie das Trauma um das verlorene Kindheitsheim und das Leben mit ihrer psychotischen Mutter, die an Agoraphobie litt und in eine Psychiatrie gebracht wurde. Die beiden arbeiten sich durch die psychischen Leiden von Clark, aber dieser macht keinerlei Fortschritte.
Clark bemerkt immer wieder merkwürdige Stromausfälle in seinem Laden, die kein Elektriker erklären kann, was dazu führt, dass er eines Tages den Eingang zu den Backrooms findet. Sie werden seine neue Obsession. Immer wieder geht er hinein, kartographiert das schier endlose Gebiet, versucht, einen Sinn daraus zu machen. Er erzählt seiner Therapeutin davon, die ihm natürlich nicht glaubt (warum sollte sie auch). Was ihn dazu treibt, mit seinen beiden Angestellten in die Backrooms zu gehen, um Beweise zu finden. Die Sache geht schief, sie geht überaus schief. Irgendetwas lauert in diesen Hallen. Etwas jagt die Menschen. Clark zieht sich daraufhin in die Backrooms zurück. Er will dort bleiben.
Seiner Therapeutin spricht er eine letzte Message auf den Anrufbeantworter, sie entscheidet sich dafür, ihn zu folgen. Und landet ebenfalls in den Backrooms, wo sie von einem sichtlich verstörten und wahnsinnig gewordenen Clark überwältigt und gefangen genommen wird. Stellt sich heraus, dass ihr ehemaliger Patient nun in den Backrooms lebt, und nicht nur das, er findet es toll, es fühlt sich für ihn wie ein Zuhause an. Menschen scheint es auch in den Backrooms zu geben. Nun … keine echten Menschen. Es sind »Still Lifes«. Sie fühlen keinen Schmerz, sie scheinen nicht wirklich zu denken, reagieren nur ab und an. Clark hat eine eigene Erklärung für das Backrooms-Phänomen: Es handelt sich um kollektive Erinnerungen, Erinnerungen, an die sich immer wieder erinnert wurde, bis sie verformt und verfälscht wurden. Die Still Lifes sind Kopien von Menschen, fehlerhafte Kopien. Die Räume sind fehlerhafte Kopien. Es wird zumindest angedeutet, dass die Backrooms wahrscheinlich sogar lebendig sind, dass sie versuchen, menschliche Erinnerungen nachzuahmen. Eine extra-dimensionale Entität, die sich von nostalgischen Empfindungen quasi ernährt.
Clark zwingt Mary in das Rollenspiel zu Beginn des Films. Er skalpiert ein rotschöpfiges Still Life und setzt die Frisur auf das Haupt der Therapeutin, um sie zu seiner Ex-Ehefrau zu transformieren. Alles, was er hören möchte, ist, dass er nichts falsch gemacht hat. Er möchte hören, dass seine Frau schuld ist, dass sie »gefälligst ihren fetten Arsch hochkriegen soll«, dass sie, statt Jura zu studieren, arbeiten solle. Er will hören, dass er Recht hat. Er will bestätigt haben, dass er für sein Verhalten nichts kann. Doch Mary gibt ihn diese Befriedigung nicht, ganz im Gegenteil. Sie sagt ihn offen und ehrlich, dass er selbst für sein Versagen verantwortlich ist. Nicht das System ist schuld, nicht seine Frau, nicht die Menschheit – er allein ist für seine Fehler verantwortlich, aber er ist unmöglich in der Lage, dies zu erkennen. Sie sagt Clark, dass sie ihm nicht helfen kann. Er ist einfach so.
Clark bricht in Tränen aus. Er löst die Marys Fesseln, lässt sie gehen, doch bevor er das tun kann, erscheint das Ungeheuer, was das endlose Labyrinth heimsucht. Es ist der monströse Schatten Clarks, die Manifestation seiner schlechten Persönlichkeit und die Dinge eskalieren von dort an von 0 auf 100. Das Ende soll hier nicht vorweggenommen werden.
Dem gerade einmal zwanzigjährigen Kane Parsons ist hier ein großartiger Wurf gelungen. Was er uns präsentiert, ist eine Neuinterpretation des Mythos vom Minotaurus und dem Labyrinth. Mit den Backrooms zeigt er uns eine auf der einen Seite sehr vertraute, aber gleichzeitig fremde Welt, die unsere Sucht nach Nostalgie und dem ewigen Recyceln des Bereits-Existierenden offenbart. Die Backrooms sind die Vergangenheiten, die unsere Kultur heimsuchen, das Gespenst der 1980er und 1990er. Wir klammern uns an unsere Erinnerungen wie Rettungsbojen, durchleben immer wieder Erlebtes, zerkauen, zerdenken, verformen es, bis es mit dem Ursprünglichen kaum mehr etwas gemeinsam hat. Wir hängen an der nostalgisch verklärten Vergangenheit, verlieren uns in ihr. Wir wandern in der Ruine eines Labyrinths, unmöglich weiterzugehen, unmöglich sich zu verändern. Wir wollen gar nicht mehr aus diesem kulturellen Friedhof heraus. Die Backrooms sind Fragmente der Wirklichkeit, ein falsches Gefühl von Vertrautheit und Sicherheit. Alles unter dieser Sonne ist bereits einmal gewesen. Die Vergangenheit existiert nicht mehr, wir leben nur noch in ihrem Schatten. Wir verwalten und verwerten nur noch die Überreste. Wer könnte das besser verstehen als ein Zoomer?
Wir sind uns sicher, dass wir gerade die Geburt eines neuen modernen Horror-Klassikers erleben.