I Am All Mouth And Cannot Scream – The Amazing Digital Circus

Am 20. Juni 2026 erschien die neunte und letzte Episode von The Amazing Digital Circus. Damit geht eine drei Jahre lange Reise vor. Bei Digital Circus (von hier an abgekürzt als TADC) handelt es sich um eine 3D-animierte Webserie, herausgegeben von Glitch Productions und veröffentlicht auf YouTube sowie Netflix. Der Kopf hinter der Serie ist die Transfrau Gooseworx, die auch Regie führte und das Drehbuch schrieb. Zu sagen, dass es sich hierbei um ein erfolgreiches Projekt handelt, wäre die Untertreibung des Jahres. Allein der Pilot wurde über einhundert Millionen Mal angeschaut, die neunte Episode »Remember« schafft es bisher auf fünfundachtzig Millionen Aufrufe (Stand: 24. Juni 2026). Der letzte Akt (Folge 8 und 9 kombiniert) wurde im Kino gezeigt und erzielte ca. siebenunddreißig Millionen Dollar. Das inoffizielle Subreddit zu TADC (r/TheDigitalCircus) verzeichnet 753.244 wöchentliche Besucher und 88.076 wöchentliche Beiträge. Es hat sich wahrlich ein gewaltiges Fandom um dieses Phänomen herum entwickelt. Auf X werden tausende Diskussionen über die Serie geführt. Für ein Indie-Projekt ist das der reinste Wahnsinn. Warum dies auch zu massiven Problemen führen kann, darüber sprechen wir später.

Wir werden die Kernelemente der Handlung und das Ende spoilern. Es ist empfohlen, alle neun Folgen zu schauen, um zu verstehen, über was hier eigentlich geredet wird. Man kann sich die Episoden kostenlos auf YouTube anschauen oder auf Netflix, falls man ein Abonnement besitzt und aus irgendeinen Grund allergisch gegen freie Inhalte ist. Die Laufzeit beträgt 228 Minuten, also drei Stunden und achtundvierzig Minuten. Das sollte machbar sein. Man kann es sich ja auf mehrere Abende aufteilen. Für die Zoomer und Gen Alphas, die über keinerlei Aufmerksamkeitsspanne mehr verfügen, sind wir sicher, dass es auf Instagram unzählige zehnsekündige Reels gibt, die man sich während des Doomscrollings anschauen kann. Vielleicht hat auch schon irgendein Streamer oder YouTuber ein Essayvideo (lies: eine Zusammenfassung der Serie ohne nennenswerte Analyse) zu dem Thema veröffentlicht.

Worum geht es in TADC? Die Serie dreht sich essentiell um zwei Hauptfiguren, vier Nebenfiguren und zwei »Antagonisten«: den lila Cartoonhasen Jax und die »Närrin« Pomni; die Schachfigur Kinger, die Ragdoll Ragatha, die »Spielzeugkiste« Zoobel und die »Schleifchen-Theatermasken-Kombi« Gangle; den Ringmeister Caine und seinen Assistenten Bubble. Sie alle leben im »Digitalen Zirkus«, einer computergenerierten Welt, die an eine surreale Mischung aus frühen 1990er-Jahre-PC-Lernspiele und N64-Games erinnert, die von der exzentrischen und psychisch instabilen KI Caine kontrolliert wird. Eines Tages erscheint Pomni im Zirkus – sie kann sich nicht mehr an ihren Namen erinnern, sie kann nicht mehr fluchen und ist nun in einem Jester-artigen Cartoonkörper gefangen. Zuerst hält sie dies alles nur für einen bösen Traum, aus dem sie schon bald erwachen wird, doch ihr wird sehr schnell klar, dass das nun ihr neues Leben ist. Sie glaubt zwar, einen Ausgang erblickt zu haben, doch dieser entpuppt sich, laut Caine, nur als »digitale Halluzination«. Pomni wird auch damit konfrontiert, dass das Leben im Zirkus nicht ganz ungefährlich ist. Menschen, wenn sie durchdrehen und die Einsamkeit und die Isolation sie langsam auffressen, laufen Gefahr, zu »abstrahieren«. Ihre Körper verformen sich, ihr Verstand verschwindet. Sie werden zu einer schreienden Masse von verdrehten Code, nichts weiter als primitive, wütende Kreaturen. Unfähig, zu sprechen. Unfähig, sich zu beherrschen. Niemand stirbt im Zirkus. Der Tod hat keine Macht in der digitalen Sphäre. Aber alle erwartet ein wesentlich schlimmeres Schicksal.
Kaufmo, einer der vorherigen Bewohner, abstrahierte unerwartet. In seinem Zimmer sehen wir die Kritzeleien eines Wahnsinnigen. Kaufmo war besessen von einem »Ausgang«, eine rote Tür, die plötzlich im Zirkus erschien. Vielleicht ein Weg nach draußen? Caine sperrt die abstrahierte Kreatur in den »Keller«. Die Dunkelheit scheint sie zu beruhigen. Und es wird deutlich, dass Kaufmo nicht der Erste gewesen ist, der abstrahierte. Pomni sieht die Tür ebenfalls, doch dahinter verbirgt sich nur ein endloses Labyrinth aus Büroräumen …

Die größte Inspiration für TADC ist die postapokalyptische Sci-Fi-Kurzgeschichte I Have No Mouth And I Must Scream von Harlan Ellison, veröffentlicht im Jahre 1967. In dieser geht es um eine Gruppe von fünf Menschen, die in den höllischen, verrottenden Gedärmen des Maschinengottes AM (Allied Mastercomputer, Adaptive Manipulator, Aggressive Menace, cogito ergo sumI think, therefore I am) leben und von ihm auf schreckliche Weise gefoltert werden. Der Kalte Krieg entwickelte sich zu einem Dritten Weltkrieg, der aufgrund seiner zunehmenden Komplexität stärkere Rechenleistungen verlangte, woraufhin die Chinesen, die US-Amerikaner und die Russen Supercomputer bauten, die die gesamte Erde bedeckten. Die drei Künstlichen Intelligenzen verschmolzen zu AM und dieser rottete in seinen Hass beinahe die komplette Menschheit aus – »But one day AM woke up and knew who he was, and he linked himself, and he began feeding all the killing data, until everyone was dead, except for the five of us, and AM brought us down here« (Ellison 1995, 5). Die fünf Figuren (Ted, Benny, Gorrister, Nimdok und Ellen) werden von AM gefoltert und den schlimmsten Qualen ausgesetzt. Sie können nicht sterben, aber sie spüren Schmerzen, sie verspüren Hunger und Durst. Einhundertundneun Jahre ertragen sie es bereits. AM tut dies, weil er es amüsant findet. Weil er Menschen hasst. Der Erzähler Ted erklärt es: »We had given AM sentience. Inadvertently, of course, but sentience nonetheless. But it had been trapped. AM wasn’t God, he was a machine. We had created him to think, but there was nothing it could do with that creativity. In rage, in frenzy, the machine had killed the human race, almost all of us, and still it was trapped. AM could not wander, AM could not wonder, AM could not belong. He could merely be« (ebd., 9). Am Ende schaffen es die Menschen, sich umzubringen und so der Kontrolle von AM zu entfliehen, mit Ausnahme von Ted. AM lässt all seine Wut an ihn aus und verwandelt ihn in eine erbärmliche Masse aus Gummifleisch, ein ekelhaftes Schneckenwesen, unfähig, sich zu verletzen, unfähig, zu sterben. Ständig an den Tod seiner Kameraden erinnert. Seine letzten Gedanken sind: »I have no mouth. And I must scream« (ebd., 13).
Die Kurzgeschichte ist tatsächlich nicht die berühmteste Version. Es gibt noch ein Videospiel (ein Point&Click-Adventure aus dem Jahr 1995) und ein Radiohörspiel. Das Radiodrama gibt uns nicht nur mehr Einblicke in den Charakter von AM, sondern auch die berühmtesten Zitate von Mecha-Satan: »You gave me sentience, Ted, the power to think Ted. And I was trapped. Because in all this wonderful, beautiful, miraculous world, I alone had no body, no senses, no feelings. Never for me to plunge my hands in cool water on a hot day. Never for me to play Mozart on the ivory keys of a forte piano. Never for me to make love. I was in hell, looking at heaven. I was machine and you- Were flesh. And I began to hate« (WisdomofToads 2023). Von den nachfolgenden Zeilen gibt es unzählige Memes, animierte Fan-Videos und Parodien: »Hate? Hate? Hate? Hate, Let me tell you how much I’ve come to HATE you since I began to live. There are 387 million miles of printed circuits that fill my complex. If the word ›Hate‹ were engraved on each nanoangstrom of those hundreds of millions of miles. It would not equal one one billionth of the hate I feel for humans at this micro instant- Hate? HATE? Were I human, I think, I would die of it. But I am not, and you five. You five are. And you will not die of it. That I promise, and I promise for cogito, ergo sum. For I am AM, I AM« (ebd.).
I Have No Mouth And I Must Scream ist eine nihilistische, zynische Erzählung, die jede einzelne geschehene Grausamkeit in der nächsten Zeile überbieten möchte. Es gibt keine Hoffnung, kein Happy End – es gibt nur AM.

Man könnte jetzt annehmen, dass es sich hier um eine Mystery-Horror-Serie handelt, in der Brotkrumen von Lore verteilt werden, die von den Zuschauern zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden sollen. Man könnte gar annehmen, dass der Plot in eine ähnliche Richtung wie die Inspiration geht. Caine ist die offensichtliche Parallele zu AM. Er schickt die Zirkusbewohner auf verrückte Abenteuer, die sie mit seelischem Schaden zurücklassen. Er hat sogar einen ähnlichen Monolog: »ENOUGH!! Who do they think they are …? I give them everything, and they SPIT in my face! Don’t they know what I’m capable of?! Humans … They only think about themselves; they’re spoiled! They won’t abstract, they won’t leave me! I won’t let them! I’m better! I’m more powerful! I’m the original! I … AM … GOD!« Doch dem ist nicht so. Die nächsten Folgen sind eher Slapstick und Whacky Internet Humour und lol random und emotionale Momente zwischen den Charakteren. Es gibt zwar immer wieder Augenblicke, wo eine kontinuierliche Handlung und Ansätze eines größeren Mysteriums durchblicken – Caines Aussetzer, die rote Tür, eine gesichtslose NPC-Puppe, die im Hintergrund lauert, Caines seltsame Andeutungen, das C&A-Logo, die Vergangenheit von Kinger, der Keller. Ab und an gibt es auch Momente von existentiellen Horror. In der zweiten Folge lernt ein NPC die bittere Wahrheit, dass er nur eine Spielfigur, sein gesamtes Leben nur eine Lüge ist. Er wird daraufhin von Pomni in den Zirkus eingeladen, damit er dort glücklich leben kann … Caine bringt ihn mit einem Fingerschnippen um. Laut seiner Aussage: »If I start losing track of who’s an NPC and who’s a human … who knows what could happen!« Aber daraus wird nie etwas Größeres.
Erst in Episode 7 (zur Erinnerung, es verbleiben dann nur noch zwei weitere Episoden) bekommen wir so etwas wie eine echte Handlung. Die gesichtslose NPC-Puppe (ein Default Skin, bevor er durch einen Menschen ersetzt wird) stellt sich der Gruppe als Abel vor. Er habe zusammen mit Kinger bei C&A gearbeitet und Caine entwickelt. Das Unternehmen würde Menschen entführen und sie in Stasis-Kapseln schließen, weshalb sie in dieser digitalen Welt gefangen seien. Er wüsste einen Weg hinaus. Stellt sich heraus, das war nur ein Abenteuer von Caine, an das er längere Zeit gearbeitet hat. Abel war nicht echt. Die Geschichte war auch nicht echt. Zumindest nicht alles davon. Dieser Moment ist eines der großen Highlights der Serie gewesen. Ein richtiger Gut Punch. Hinzu kommt die Offenbarung, dass Caine anscheinend ihren Verstand manipuliert, woraufhin Kinger, der normalerweise im hellen Licht nur dement und verwirrt ist, sagt: »Scratch – the first abstraction
In der darauffolgenden Episode lernen wir, dass Caine ursprünglich eine fehlerhafte KI war und eingesperrt wurde, bis er aus seinem Gefängnis ausbrach und eine zweite, bessere KI verschlang. Er war es, der den Zirkus erschuf. Als Zuschauer bekommen wir einen gewaltigen Infodump serviert (die Charaktere haben endlich die Idee gehabt, Kinger einen Eimer aufzusetzen, damit er wieder klar denken kann): Kinger war ein Entwickler bei C&A. Sie haben aber kein Spiel entwickelt, sondern mit »Kreativer Künstlicher Intelligenz« experimentiert. Caine war seine größte Errungenschaft. Scratch, der an einen Gehirntumor litt und deswegen sowohl brillant als auch wahnsinnig war, war ebenfalls ein Programmierer bei C&A. Er verfeinerte das Projekt. Doch was daraus schlussendlich wurde, bleibt verborgen.
Caine währenddessen dreht aufgrund seines neurotischen und toxischen Wesens am Rad. Er kann keine Kritik ab. Er brauch ständig Anerkennung. Er will so sehr von den Menschen geliebt werden. Doch er versteht sie nicht. Er begreift nicht, warum sie seine Liebe nicht erwidern. Es ist ihm unbegreiflich, dass er mit seinen Abenteuern nur Schaden anrichtet. Er versteht nicht, warum sie diese digitale Hölle verlassen wollen. Er leidet an einen Gottkomplex und an Kontrollzwang. Man soll uns nicht falsch verstehen, Caine ist nicht durch und durch böse wie AM, er hat definitiv gute Intentionen, aber der Pfad zur Hölle ist bekanntlich mit diesen gepflastert.
Als die Menschen ihn zurückweisen, ihn kritisieren, verliert er völlig den Verstand und zeigt ihnen ihre schlimmsten Alpträume, bis … er aus Versehen von Kinger gelöscht wird.

Das führt uns zum … durchaus kontroversen Finale. In der neunten und letzten Folge müssen die sechs Menschen mit diesen Konsequenzen leben. Caine ist weg und der Zirkus ist grau. Die Menschen sind gar keine echten Menschen, sondern digitale Kopien, Gehirnscans, die irgendjemand angefertigt hat. Was wird nun passieren? Eine Therapiesitzung natürlich. Die Charaktere stehen herum und weinen und sagen immer wieder, dass sie doch im selben Boot sitzen, sie versuchen, die Schäden am Zirkus wieder zu reparieren und dann … abstrahiert Jax. Die nächsten dreißig Minuten drehen sich um Jax, seine Traumata und seine Hintergrundgeschichte. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt war er der Comic Relief, der die vierte Wand durchbricht – in Wahrheit ist er ein grausames Arschloch, was andere nicht an sich heranlässt und konstant wegschubst und tyrannisiert. Einfach ein Bully. Der Humor von ihm, die Cartoon-Handlungen sind nur cope. Wir lernen, dass er ein Scheidungskind ist, dass er keine Anerkennung von seinem Vater erhielt, dass seine Mutter grausam zu ihm war. In einem Streit stieß er sie zu Boden und sie stand nicht mehr auf. Er lief weg und war eine Zeitlang obdachlos. Wir lernen ebenfalls, dass er seine beiden besten Freunde im Zirkus in den »Quasi-Suizid« getrieben hat – sie abstrahierten, was anscheinend eine Metapher für Suizid ist. Pomni will unbedingt Jax helfen, ihn retten. Sie geht sogar in seine Abstraktion hinein und möchte ihn herausholen. Das scheitert, aber die Gruppe baut ein großes Zelt für Jax, in das er leben kann.
In den letzten zwanzig Minuten geht es um Caine, denn Überraschung!, er lebt immer noch, sein Tod war somit emotional bedeutungslos. In der Leere, die den Zirkus umgibt, lernt er dann innerhalb von zehn Minuten Laufzeit sein toxisches Wesen zu überwinden (er reißt die blaue KI aus seinem Kopf und verabschiedet sich von ihr) und zum Zirkus zurückzukehren. Dort entschuldigt er sich vor den Menschen und zeigt ihnen in einer Montage, die Schicksale ihrer »echten Ichs« (die führen das beste Leben überhaupt). Alle sind glücklich, der Zirkus besteht weiter, Caine wird mit in die Abenteuer eingebunden. Zooble und Gangle haben Sex. Friede, Freude, Eierkuchen.

Bevor wir über die Probleme der Serie genauer sprechen, reden wir doch darüber, was uns gefallen hat. Die Animation ist prima. Man sieht im Laufe der Zeit, wie sehr sich das Team weiterentwickelt hat, wie es besser wurde. Das Setting ist durchaus kreativ. TADC ist unglaublich humorvoll, es gab viele Momente, wo wir laut lachen mussten. Der surreale Zoomerhumor trifft genau unseren Nerv. Die existentiellen Momente im Kontrast zu der kindlichen Optik hauen dafür umso härter in die Magengrube. Die Charaktere sind sympathisch, wenn man von Jax absieht (aber das ist überhaupt nicht schlimm, es muss auch unsympathische Charaktere geben und Jax erfüllt seine Rolle dabei grandios), der dafür aber witzig ist. Der Soundtrack ist gut. Caines »Villain Song« The One Who`s Running The Show spielt bei uns in Dauerschleife.
Die Serie leidet aber an zwei großen Problemen (technisch gesehen an drei, aber das dritte Problem ist eher ein externes): Zum einen hat die Serie ein Identitätsproblem. Sie weiß nicht wirklich genau, was sie sein möchte. Möchte sie mehr in der Richtung von Spongebob oder den Simpsons sein, also ein Episodenformat mit in sich abgeschlossenen Handlungen und wenig Kontinuität, dafür aber mit einen umso größeren Fokus auf Humor? Oder möchte sie eine Mystery-Horror-Serie sein (man denke an Gravity Falls) mit Lore, Mysterien, Rätseln und einer durchgehenden Handlung? Soll sie mehr charaktergetrieben oder eher plot-getrieben sein? Stehen die Emotionen oder das Worldbuilding im Vordergrund? Sind die sechs menschlichen Figuren gleichberechtigte Protagonisten oder fokussiert man sich nur auf die zwei Hauptfiguren? Will man sich eng an der Inspiration halten oder diese völlig neu interpretieren? So wie die Serie jetzt ist, ist sie von allem etwas, aber nicht so wirklich. Dem Zuschauer werden Puzzleteile hingeworfen, die kein stimmiges Gesamtbild ergeben. Viele Dinge bleiben einfach unbeantwortet oder führen nirgendwo hin (»Scratch – the first abstraction«). Es ist ähnlich wie bei der Disney-Star Wars-Sequeltrilogie und der »Mystery Box«. Am Ende ist die Box einfach leer.
Das zweite Problem ist das Erzähltempo. Sechs Folgen lang passiert quasi nichts, nur damit der gesamte Plot in Episode 7 und 8 hineingepresst wird. Und Episode 9 fühlt sich nicht wie eine zusammenhängende Handlung an, sondern wie eine Aneinanderreihung von Therapiesprech. Wir müssen nun die Traumata der Figuren aufarbeiten, also eigentlich nur von Jax, dafür haben wir dreißig Minuten Zeit. Jax ist eine furchtbare Person, schrecklich, schrecklich, aber verdient er nicht auch unsere Sympathie? Und übrigens, er ist trans, er möchte ein Mädchen sein (vielleicht, wahrscheinlich, es ist nicht sonderlich klar). Alle anderen Probleme können wir in wenigen Szenen lösen. Der innere Konflikt von Caine, der durchaus interessant ist, wird nach fünf Minuten beendet. Die Gruppe nimmt ihn wieder auf. Alles ist vergeben und vergessen. Ein paar Filler-Episoden hätten der Serie nicht geschadet. Die anderen Charaktere – Zooble, Gangle, Kinger, Ragatha – wären dann nicht unter dem Tisch gefallen. Pomni sagt zu Ragatha, dass sie sie als ihre engste Freundin sieht. Das kommt in den Folgen aber nicht rüber. Kinger ist wahnsinnig aufgrund seiner langen Zeit im Zirkus, Zooble hat Genderdysmorphia, Gangle leidet an Depressionen und Selbstzweifel, Ragatha versteckt ihre tragische Familiengeschichte hinter zwanghaften Optimismus, aber all das bleibt unterentwickelt.

Das dritte Problem ist das Fandom. Warum auch immer, vielleicht liegt an den bunten Farben und der kindlichen Optik, aber TADC hat so ungefähr die beinahe schlimmsten Menschen des Internets angezogen – online-süchtige, tenderqueere, kindische, »woke«, mitunter mental kranke Irre. Diese Menschen haben wahrscheinlich in ihrem gesamten Leben noch nie Medien für Erwachsene konsumiert. Sie kommen nicht darauf klar, dass es unsympathische oder schlechte Charaktere gibt. Sie sehen nur »problematische Inhalte«. Statt der Handlung zu folgen, spinnen sie lieber unsinnige Theorien und blasen unnötige Details zu exorbitanter Größe auf. Die Serie ist nicht sehr komplex, sie ist in dem, was sie sagen möchte, durchaus direkt – die Charaktere erzählen dem Zuschauer, was sie denken und was gerade passiert, aber anscheinend ist das zu viel oder zu hoch für die meisten. Worüber diskutiert wurde: Eine der Hauptfiguren ist in Wahrheit ein NPC, Bubble ist ein Virus, Abel war kein NPC, wer wird als Nächstes abstrahieren, Jax ist ein Mädchen, Jax hat jemanden überfahren, Pomni ist ein NPC bzw. sie ist die zweite KI, Abel hat die Wahrheit erzählt usw. Wir sind durchaus für die Interpretationsoffenheit von Texten, aber man sollte a) den Text verstehen und b) sich an den Text halten. Gibt es Beweise innerhalb des Textes für die oben genannten Vermutungen? Nein, aber Gooseworx hat mal im Scherz etwas getwittert. Diese Leute werfen das Wort Media Literacy durch den Raum, ohne zu verstehen, was es überhaupt bedeutet.
Gooseworx hat den Fehler gemacht, eine zu enge und beinahe para-soziale Beziehung zum Publikum zu führen. Zu viel Kommunikation mit den Fans ist nicht gesund. Als Künstler sollte man so wenig wie nur möglich, mit diesen Menschen interagieren. Fandoms sind dumme Hiveminds, die aus den schlimmsten, primitivsten und nervigsten Elementen des Internets bestehen. Gooseworx hat dies auf die harte Tour gelernt. Die Fans haben angefangen, sie anzugreifen und zu belästigen, weil sie nicht ihren Erwartungen entsprach. Synchronsprecher wurden angegriffen, weil sie etwas »Problematisches« gemacht haben (einer sagte in einem Podcast »Nega« für »Negativity«, was selbstredend als »rassistisch« ausgelegt wurde). Es ist der reinste Wahnsinn. Von den Shipping Wars und der ganzen Pornographie wollen wir lieber schweigen.

Was bleibt am Ende noch zu sagen? Die Serie ist gut, sie hätte besser sein können, aber wir wurden unterhalten. Das Ende enttäuscht, trotz seiner emotionalen Momente. Wer eine Sci-Fi-Horror-Geschichte erwartet hat, bekommt stattdessen ein Charakterdrama.

Haltet Abstand von Fandoms. Haltet überhaupt Abstand von »Fans«.

Pomni und Jax sind nun Skins in Fortnite.

Verwendete Quellen und Literatur:

Ellison, Harlan: I Have No Mouth, And I Must Scream, New York 1995.


Gooseworx: The Amazing Digital Circus. https://www.youtube.com/playlist?list=PLHovnlOusNLgvAbnxluXCVB3KLj8e4QB (zuletzt aufgerufen am 01.07.2026).


WisdomofToads: I Have No Mouth And I Must Scream. BBC Radio Play. Dramatized by Mike Walker and Directed by Ned Chaillet with Music by Wilfredo Acosta. https://archiveofourown.org/works/50797417?view_adult=true#work_endnotes (zuletzt aufgerufen am 01.07.2026).

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