Der Lektor

Alleine sitzt er in seinem Zimmerlein,
Erhellt vom warmen Kerzenschein,
Die Augen verdeckt hinter Glas, 
vor ihm der Text, den er las. 
Die Uhr schlug abends zehn,
Der Text soll morgen in Druck geh`n. 

Welch ein Wirrwarr an Wörtern, 
wer kann das alles nur erörtern? 
Kreuz und quer gehen die Markierungen,
Fremde denken, es seien schnöde Verzierungen. 
Den Sinn erkennt er, 
schon lange nicht mehr. 

Die Schönheit der Texte geht verloren, 
muss er doch den Wortsalat durchbohren. 
Er seziert, 
und analysiert, 
Grammatik und Syntax. 
Zerstückelt jeden Denkansatz. 
Reißt jedes Wort und jeden Satz auseinander, 
jeden Buchstaben einzeln nacheinander. 

Der Rotstift fliegt und fliegt, 
bis das Rot über das Blatt obsiegt. 
Bis Markierungen, 
und Verzierungen, 
und Kommentar,
den Text verdecken, ja wunderbar. 
Bis nichts mehr lesbar sei, 
ei, ei, ei. 

Dies ist das Los des Lektor`, 
steht er doch alleine an des Textes Tor, 
die Anmut kann er nicht mehr bewundern, 
er muss alle Gefühle ausklammern. 
Für ihn ist es nur noch Prozedur, 
Jeder Text muss haben seine Struktur. 
Egal, ob nun belletristisch, 
oder fiktional-realistisch, 
ob nun wissenschaftliches Sachbuch,
oder einen Bericht über einen Opernbesuch. 
Der Lektor kennt da keine Gnaden, 
er löst des Werkes Faden. 

Bis das Buchstabenwollknäuel, 
so liegt, wie gewollt. 
Trotz aller Beschwerlichkeiten,
soll man nicht meinen, es seien Krankheiten. 
Es ist eine hohe Kunst, 
zu durchschreiten des Wortes Dunst. 
Und trotz des hohen Berg`, 
hat der Lektor Freude am Werk. 

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