Du sollst nicht stehlen

Bild: Du sollst nicht stehlen (Roland R. Maxwell).

»Und du bist dir sicher, dass wir hier richtig sind?«, das orange Licht der Laterne warf lange schwarze Schatten auf die sandfarbenen Gänge.

»Vertrau mir. Hab ich dich jemals in die Irre geführt?«

»Ich erinnere dich nur an die eine Sache in den Katakomben.«

»Ach, bist du immer noch sauer deswegen?«

»Wir waren zwei Tage da unten! Zwei Tage! Zwei volle Tage, wo wir von nichts anderem umgeben waren als Knochen und Totenschädeln! Und von den Ratten, so groß wie beschissene Katzen, will ich gar nicht erst anfangen!«

»Keine Sorge. Ich verspreche dir, dieses Mal gibt es kein hungriges Ungeziefer, was auf uns lauert. Der Herzog hat mir versichert, dass der Job leichter wäre, als ein Kleinkind von der Straße wegzuschnappen.«

»Das hast du bereits in Paris gesagt … und in Rom … und in Athen … und in Cottbus. Ständig passiert irgendwas. Jedes Mal kriege ich was auf die Mütze. Oder wir durften die Nacht in irgendeinem feuchten Polypenkeller verbringen.«

»Gottfried … Vertrau mir. Diesmal wird es anders laufen. Ich schwöre es dir hoch und heilig. Beim Grab meiner geliebten Mutter.«

Gottfried drehte sich um, das Licht seiner Laterne erhellte das blasse Gesicht seines Kollegen. Blutunterlaufene, braune Augen starrten ihn aus tiefen Höhlen an. Er hatte seit Tagen nicht mehr richtig geschlafen, die Aufträge wurden rarer. Das schien ihm zu schaffen zu machen.

»Du meinst das Grab, bei dem ich geholfen habe, es zu plündern, damit du deine beschissenen Spielschulden begleichen kannst? Das Grab, Hermann?«

Hermann versuchte, ein Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern. Das Licht der Laterne in Kombination mit dem schlechten Zustand seiner Zähne ließ es mehr als nur grotesk wirken. Gottfrieds Augen verengten sich zu Schlitzen.

»Bitte … Vertrau mir«, flehte Hermann.

Der starre Blick Gottfrieds schien ein wenig aufzuweichen, er seufzte: »Gut. Ich hoffe, dass du Recht behältst. Sollte das wieder ein Desaster werden, kannst du in Zukunft alleine losziehen. Ich habe keine Lust mehr, für dein Versagen den Kopf hinzuhalten. Verstanden?«

Hermann nickte, Gottfried drehte sich wieder um.

Sie gingen weiter, an den Wänden waren verblichene, alte Hieroglyphen zu sehen. Die Pyramide, in der sich die beiden befanden, wurde erst kürzlich entdeckt. Ein Rivale des Herzogs ersteigerte eine uralte Landkarte, wo der Standort der bis dato völlig unbekannten Grabstätte markiert war. Selbstverständlich trommelte er sofort ein Ausgrabungsteam zusammen und begab sich nach Ägypten. Ungewöhnlicherweise, im Gegensatz zu anderen Monumenten dieser Art, war diese Pyramide fast vollständig im Wüstensand vergraben. Das hielt die selbsternannten Archäologen aber nicht davon ab, diese letzte Ruhestätte zu stören. Sie waren schließlich Europäer.

Das Team riss sich alles unter den Nagel, was es finden konnte: Sarkophage, Vasen, altertümliche vergammelte Lebensmittel, unbezahlbaren Grabschmuck, Steintafeln mit Hieroglyphen, Kunstwerke von unermesslichem historischen Wert, Mumien. Alles wurde ins gleißende Tageslicht gezerrt, ohne jegliche Vorsicht in Kisten verpackt und dann ins Deutsche Reich geschickt. Ging dabei etwas zu Bruch? Natürlich, aber das spielte keine Rolle. Hier ging es nicht um so alberne Sachen wie »Wissenschaft«, »Respekt vor den Toten« oder den »Erhalt menschlicher Vergangenheit«, sondern darum alte, wertvolle Gegenstände reichen Leuten unter die hohe Nase zu reiben, damit man seine eigene Stellung in der aristokratischen Gesellschaft zu erhöhen.

Der Rivale war sich sicher, dass er damit den Herzog zur Weißglut trieb, doch der Herzog war ein gewiefter Fuchs. Kurz bevor die Expedition aufbrach, »bat« der Herzog ein paar der Arbeiter, dass sie doch bitte die Augen offen halten sollen nach »geheimen Orten«. Und sie wurden fündig.

»Was genau suchen wir hier eigentlich?«, fragte Gottfried.

»Der Herzog meinte, dass sich hier eine versteckte Kammer befinde. Eine, die noch nicht geplündert wurde.«

»Eine Kammer? Und woran erkennen wir die? Hier sieht doch alles gleich aus …«

»Er sagte, dass an der Tür ein Skarabäus aufgemalt ist«, erklärte Hermann.

»Ein was?«

»Ein … Das ist so ‘ne Art von Mistkäfer.«

»Ein Mistkäfer? Meinst du so ein Vieh, dass den ganzen Tag Scheiße durch die Gegend rollt? Warum denn ausgerechnet so etwas?«

»Keine Ahnung, frag mich doch nicht. Die alten Ägypter waren halt ein komisches Volk. Die haben auch ihre Katzen angebetet. Oder ihren Königen das Gehirn aus der Nase gesaugt, ihren vergammelten Körper in Tüchern eingewickelt und sie dann in irgendwelche dunklen Kammern geschmissen. Und dann haben sie ihre Sklaven Göttern mit Tierköpfen geopfert, damit der König eine gute Reise ins Jenseits hat. Meinst du, ein Volk, dass solch barbarischen Rituale praktiziert, denkt darüber nach, warum sie irgendwelche Krabbelviecher an die Wände malen?«

»Ich wollte ja nur fragen … Ich kenne mich nicht so gut mit Ägypten aus, nicht so wie du oder dieser Herzog.«

Hermann schüttelte den Kopf und schnaubte: »Ach, der Herzog! Was weiß der schon über Ägypten? Gar nichts! Den interessiert nur alte Schätze auf seinen Partys zu präsentieren, damit der adlige Pöbel begeistert ist. Und jetzt genug davon! Schau nach vorn und konzentriere dich, sonst laufen wir an der Geheimtür vorbei!«

Lange Zeit herrschte Stille, nur die Schritte alter lederner Stiefel waren zu vernehmen. Wie um das peinliche Schweigen zu brechen, sagte Gottfried: »Wie lange müssen wir denn noch in diesem Gang herumwandern? Sollte nicht irgendwann diese Tür aufkreuzen? Ich hab das Gefühl, dass wir bereits seit Stunden durch dieses verdammte Grab wandern.«

»Dass du immer so mürrisch sein musst«, erwiderte Hermann. »Der Herzog hat mir den Weg genau beschrieben, es sollte nicht mehr allzu weit sein.«

»Ich hab irgendwie das Gefühl, dass wir hier nicht erwünscht sind. So als würde uns die Pyramide absichtlich in die Irre führen. Damit wir endlos in der Dunkelheit umherwandern, bis wir elendig verhungern.«

»Humbug! Pyramiden sind nichts weiter als Ansammlungen von Steinen … Und die können bekanntlich nicht denken, geschweige denn, jemanden in die Irre führen.«

Gottfried seufzte: »Ach, wäre ich doch bloß in der Gewerkschaft geblieben. So wie mein alter Herr vor mir …«

Hermann schüttelte den Kopf: »Die Sozialisten haben dir nichts als Unsinn erzählt. Und du frisst es, als wäre es eine Weihnachtsgans. Ich sage dir, unsere Arbeit ist lukrativer als jede Tätigkeit in irgendwelchen Fabriken und Parteien.«

»Hab bisher nicht das Gefühl, aber wenn du meinst …«

Die beiden marschierten weiter. Plötzlich rief Hermann: »Halt! Hier sollte es sein!«

Gottfried schaute sich um, dabei schwenkte er seine Laterne durch die Gegend.

»Wo? Ich sehe nichts.«

Hermann schmiegte sich förmlich an die Wand zu seiner linken. Seine Hände tasteten wie die Fühler eines Insektes am Stein entlang.

»Die Tür ist versteckt, sonst wäre es ja keine Geheimkammer. Es gibt eine Art Schalter … Du weißt schon, der Skarabäus.«

Gottfried schaute sich die Wand genauer an, wurde aber nicht schlau aus der Sache.

»Ja, als ob ich wüsste, wie so ein Scheißkäfer aussieht.«

»Kein Problem«, Hermanns Gesichtszüge formten sich zu einem Ausdruck des Triumphs, als er das Symbol erblickt. »Dafür hast du ja mich«, er drückte mit seinem Zeigefinger sanft auf den saphirblauen Pillendreher. Wie durch Zauberhand öffnete sich eine versteckte Tür, die einen geheimen Treppengang offenbarte.

»Sesam, öffne dich!«, rief Hermann, sein Gesicht strahlte vor Freude, in seinen Augen blitzte die Gier.

»Wie funktioniert das eigentlich?«, fragte Gottfried.

»Was?«

»Die Tür. Wie hat sie sich geöffnet?«

Hermann öffnete den Mund, um zu antworten, doch er blieb in der Bewegung stecken, ein Ausdruck von Verblüffung spiegelte sich auf seinem Gesicht. Er hatte keinerlei Ahnung. Aber es war eine gute Frage.

»Ähm … Was weiß ich … Wahrscheinlich irgendeine antike mechanische Vorrichtung, oder so. Irgendeine Form von … primitiven Mechanismus«, versuchte er zu erklären.

Die beiden Grabräuber gingen die Treppe hinunter, Gottfried mit der Laterne voran. Die Treppe war aus dem selben Material erbaut worden wie der Rest der Pyramide, sie schien aus dem Stein herausgemeißelt worden zu sein. Es war ein tiefer Abstieg, tiefer als es eigentlich möglich sein sollte, doch davon merkten Hermann und Gottfried nichts. Sie waren zu sehr auf ihr Ziel fixiert, das direkt vor ihnen zu liegen schien. Aber eine Sache bekam zumindest Gottfried mit: Die Temperaturen stiegen an, parallel mit dem Abstieg in die Dunkelheit. Dicke Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn, seine Haut begann zu jucken und zu brennen, seine Kleidung klebte an seinem Körper.

»Merkst du das auch?«, fragte er seinen Partner.

»Was?«

»Es wird zunehmend wärmer.«

»Hm … Ja … Scheint ein wenig stickig hier zu sein.«

»Das meine ich nicht«, erwiderte Gottfried. »Es ist nicht ein wenig stickig hier. Es ist warm, feuchtwarm, um genau zu sein. Als wären wir mitten im Dschungel. Wie ist das möglich?«

»Angestaute Wärme. Was weiß ich … Denk nicht allzu sehr darüber nach, wir haben es bald geschafft«, erklärte Hermann. Obwohl er versuchte, den Starken Mann zu spielen, kroch langsam aber stetig Unbehagen seine Gedärme hoch. Gottfried hatte recht, irgendetwas stimmte hier nicht, irgendetwas war ganz und gar nicht in Ordnung. Das Innere einer Pyramide sollte sich nicht wie ein Backofen anfühlen. Und auch das mit der Tür war merkwürdig, es gab keine Erklärung dafür.

Doch Hermann musste sich zusammenreißen, er stand so kurz vor seinem Ziel. Jetzt aufzugeben wäre töricht. Sollten die beiden mit den Artefakten nach Deutschland zurückkehren, wird sie der Herzog sicherlich fürstlich belohnen und sie müssen nie wieder in stickige Grabkammern steigen. Hermann könnte endlich die Schuldner in seinem Nacken loswerden. Sie müssen jetzt nur noch durchhalten.

»Ich glaube, wir erreichen das Ende«, sagte Gottfried. Der Schweiß floss in Strömen sein Gesicht hinunter.

»Gott sei Dank«, murmelte Hermann.

Die beiden betraten eine Kammer. Gottfried leuchte mit seiner Laterne den Raum aus. An der hinteren Wand in der Mitte stand ein gewaltiger, mit Gold verzierter Sarkophag und eine seltsame Statue, die einen androgynen Menschen mit Skarabäuskopf darstellte. An den beiden Seiten der Kammer standen jeweils Vasen und andere Behältnisse, alle gefüllt mit Gold und Edelsteinen. Auf dem Boden lagen Amulette verstreut, sie trugen das Symbol des Skarabäus.

Hermann konnte sich kaum noch beherrschen, seine Augen funkelten wahrlich vor Gier. Er konnte sich gar nicht satt sehen. In seinem Kopf ratterte es schon, er überlegte, wie all diese Schätze wieder an die Oberfläche gelangen könnten. Seine Gier kannte keine Grenzen, schon jetzt plante er den Herzog zu hintergehen und einen Teil der wertvollen Gegenstände für sich zu behalten.

Gottfried begab sich zum Sarkophag und begutachtete ihn genauer. Normalerweise war am Kopf des Sarges das Gesicht eines Menschen abgebildet, meistens von einem Pharao, doch hier war es der grässliche Kopf eines Skarabäus. Auch auf der Brust war ein Heiliger Pillendreher abgebildet, seine Flügel waren ausgebreitet, über seinem Kopf schwebte eine rote Sonne. Gottfried gefiel es nicht. Auch die seltsame Statue machte ihm Angst. Die kleinen Augen des Mistkäfers schienen direkt in seine Seele zu starren. Er wollte so schnell wie nur möglich weg von hier.

»Okay«, sagte Hermann und gesellte sich zu Gottfried. Seine Taschen waren vollgestopft mit Goldmünzen, Amuletten, bemalten Specksteinen und Edelsteinen. Seine Augen leuchteten wild im Schein der Laterne, die Schweißperlen auf seiner Stirn glitzerten.

»Gottfried, hier ist so viel Gold, das glaubst du gar nicht. Wenn wir nur einen Bruchteil davon verkaufen, haben wir für unser ganzes Leben lang ausgesorgt. Nie wieder Grabstätten plündern. Nie wieder kalte Zimmer in elendigen Mietskasernen. Nie wieder Schuldeneintreiber.«

»Aber Hermann … Was ist mit dem Herzog?«, das Unbehagen wuchs in Gottfried.

»Der Herzog? Was soll mit dem beschissenen Herzog sein? Der wird schon nicht merken, dass etwas fehlt. Denn«, Hermann packte den Deckel des Sarkophags, »wir werden ihm einen viel größeren Schatz mitbringen.«

»Du willst doch nicht …«, jetzt bekam Gottfried es mit der Angst zu tun.

»Oh doch. Da drin befindet sich eine Mumie, wahrscheinlich von irgendeinem König oder dem Schwiegersohn des Königs, ist ja auch egal. Von mir aus kann es auch die Kusine dritten Grades der Mutter des Pharaos sein. Mumie ist Mumie. Und der Herzog wird solche Augen machen, wenn er sieht, was wir ihm bringen. Dann hagelt es noch was extra. Darauf kannst du einen lassen. Gold, Gold, Gold! Bis ans Ende aller Tage!«

»Ich weiß ja nicht …«

»Komm schon, Gottfried! Nur noch diese eine Sache und du musst nie wieder mit mir Gräber plündern. Nie wieder in stickigen Katakomben gefangen sein. Das ist doch was, oder?«

»Ja … Da hast du recht …«, sein Blick wanderte noch einmal zur seltsamen Statue. Noch immer starrte sie ihn an.

Die beiden packten den Deckel, hoben ihn mit einem Schnaufen hoch und legten ihn zur Seite. Ein ekelhafter Gestank verbreitete sich in der Kammer. Es roch nach Verwesung und Scheiße. Gottfried hielt sich die Nase zu, sein Mageninhalt kroch seine Speiseröhre hinauf. Er kämpfte dagegen an. Hermann schien es nicht zu stören. Seine wilden Augen waren auf die Mumie fixiert.

»Sieh sie dir an. Sie ist bezaubernd«, schwärmte er.

Gottfried konnte die Faszination nicht nachvollziehen. Es sah nur eine alte Leiche, eingewickelt in Bandagen. Auf der Brust lag ein aus Stein gefertigter Skarabäus.

»Okay, wir müssen jetzt ganz vorsichtig sein. Es darf nichts kaputt gehen«, erklärte Hermann.

»Was? Du willst das Ding anfassen? Riechst du nicht diesen widerwärtigen Gestank?«

»Ach, was! Jetzt hab dich nicht so! Wie sollen wir das Teil denn sonst nach oben schaffen?«

Gottfried stöhnte, der Mageninhalt kam wieder hoch. Er fasste am Kopf an, Hermann tat es ihm an den Füßen gleich.

»Okay … Auf eins heben wir sie gemeinsam hoch … Eins … Zwei …«, weiter kam er nicht.

Plötzlich richtete sich die Mumie auf. Sie drehte ihren Kopf zu den beiden Eindringlingen, die erschrocken zurückwichen. Ihre Bewegungen machten ein Geräusch, das nach trockenen Papier und knackenden Knochen klang. Die Mumie erhob sich und stieg aus ihren Sarkophag aus. Gottfried schnappte sich die Laterne und stellte sich hinter Hermann. Seine Augen waren vor Panik weit geöffnet.

»Was soll das?«, schrie er.

Hermann wusste darauf keine neunmalkluge Antwort, er war starr vor Angst.

Die Mumie drehte sich zu den beiden hin. Sie tat ein, zwei Schritte und fiel dann zu Boden.

Gottfried und Hermann starrten ungläubig auf die in Bandagen eingewickelte Leiche, die sich doch vor ein paar Augenblicken noch bewegt hatte.

»Das wird uns niemand glauben«, flüsterte Gottfried, als hätte er Angst, dass das Ding ihn hören könnte.

Sein Partner machte ein paar Schritte auf die Mumie zu.

»Hermann? … Was machst du da? Lass das Ding in Ruhe!«

»Nein … Wir brauchen sie … Ich werde nicht ohne leere Hände zurückkehren«, sprach er leise.

»Hermann! Hast du den Verstand verloren? Hast du keine Augen im Kopf?«, schrie Gottfried.

Sein Partner hörte ihn nicht, seine Hand kam näher und näher an die Mumie heran. Doch bevor er sie berühren konnte, bewegte sich etwas unter den Bandagen. Erschrocken wich er zurück. Der leblose Körper schien zu pulsieren. Hermann hörte plötzlich lautes Klicken und Rascheln, ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter.

Auf einmal schrie Gottfried vor Entsetzen, Hermann war zunächst nicht klar, warum. Doch dann sah er es sehr deutlich. Die Bandagen der Mumie rissen auf und zum Vorschein kamen hunderte von schwarz glänzenden Käfern, Heilige Pillendreher um genau zu sein. Hermann musste sich korrigieren, es waren nicht hunderte, sondern tausende Käfer, sie strömten in unmöglichen Massen aus der Leiche. Eine Flut aus schwarzen Chitin. Ein krabbelnder Fluss, der nicht abreißen wollte. Hermann konnte sich gerade so aus der Schockstarre befreien. Er rannte los. Der Blick von Gottfried war immer noch auf das Insektenspektakel gerichtet, die Kammer füllte sich langsam mit Pillendrehern. Als er realisierte, dass sein Partner sich aus dem Staub machte, befand Hermann sich bereits auf den Treppenstufen.

»Warte!«, schrie Gottfried und rannte hinterher. Der Schwarm folgte den beiden.

Hermann keuchte, er hetzte auf allen Vieren die Treppe hoch. Weg von der Kammer. Weg von lebenden Mumien. Weg von der Hitze. Weg von Skarabäen. Sollte er es nach draußen schaffen, wollte er nie wieder etwas von Pyramiden hören.

Gottfried kam kaum hinterher, er schnaufte wie eine Dampflok. Doch das grässliche Krabbeln in seinem Nacken spornte ihn an. Er hörte das Klickern der Mandibeln und das Klackern ihrer kleinen Beine auf den Steinwänden. Er wollte nicht wissen, was passiert, wenn sie ihn erwischen.

Hermann glaubte, so langsam die Umrisse der Geheimtür erkennen zu können. Es war bald geschafft, bald war er in Sicherheit. Im Augenwinkel sah er, wie das Licht von Gottfrieds Laterne wild umher schwang. Sein Partner war einige Meter von ihm entfernt. Auch er hörte das diabolische Klicken des Schwarms.

Seine Hand berührte den Rand der Tür, er hatte es geschafft! Mit aller Kraft zog er sich in den Gang. Er drehte sich um und sah seinen Partner und Freund, wie dieser verzweifelt die steinernen Stufen erklomm.

»Warte … Warte auf mich …«, keuchte er.

Hermann sah noch etwas anderes. Etwas, was in ihm blanke Angst verursachte. Hinter Gottfried war eine krabbelnde, klickende, klackende schwarze Masse, die den gesamten Gang ausfüllte. Es waren Unmengen an Skarabäen. Hermann fasste einen Entschluss. Gottfried hatte es endlich geschafft seinen Partner einzuholen. Verzweifelt sah er ihn an.

»Komm … Verschwinden wir …«

Hermanns Gesicht wurde zu Stein. Er hielt sich an den Rändern der Tür fest. Mit voller Wucht trat er gegen die Brust von Gottfried.

»Was zum …«, konnte dieser nur stammeln, bevor er das Gleichgewicht verlor und rückwärts auf die Treppe fiel. Hermann hörte das eklige Knacken von Knochen. Der Schwarm hatte seinen Partner schon bald eingeholt, er zögerte auch keine Sekunde, um sich auf ihn zu stürzen. Die Schreie Gottfrieds gingen im Klicken von Millionen von Mundwerkzeugen unter. Hermann wollte das nicht mitansehen. Er schloss die Augen und rannte davon. Wenigstens hatte er die Taschen voller Gold und Schmuck.

Das Innere der Pyramide bebte, Staub und Sand fielen von der Decke. Der Gang drehte sich um seine eigene Achse. Hermann schwankte, wackelte, fiel hin und rappelte sich wieder auf. Vielleicht hatte Gottfried mit seinem Gedanken recht gehabt, dachte Hermann, vielleicht will die Pyramide uns wirklich nicht haben.

»Wir sind für sie nur Fremdkörper, Parasiten«, murmelte er.

Steine begannen auf ihn herabzuregnen, die Pyramide zerbröselte wortwörtlich. Hermann rannte, so schnell er konnte. Er sah das Licht am Ende des Ganges, er sprintete, sammelte alle verfügbaren Energien für einen letzten Sprung. Hinter ihm schloss sich der Gang wie Backenzähne, wahrscheinlich in der Hoffnung, den lästigen Eindringling zu zerquetschen.

Hermann sprang, und das gerade noch rechtzeitig, denn die Pyramide schnappte zu wie ein tollwütiges Nilkrokodil. Der Eingang war nun für immer verschlossen. Hermann lag nach Luft schnappend im warmen Wüstensand. Erschrocken drehte er sich um. Die Pyramide war verschwunden, wahrscheinlich im Erdboden versunken. Auch die Ausgrabungsstätte war nicht mehr da.

»Soll mir recht sein. Ich hab genug von der Scheiße«, sagte Hermann. Er fasste in seine Taschen, spürte das kalte Metall und atmete erleichtert aus. »Wenigstens habe ich noch die Schätze. Hat sich gelohnt. Schade nur um Gottfried. War ein guter Mann, leider musste sich jemand opfern.«

Er richtete sich auf, klopfte sich den marmorweißen Wüstensand von der kaputten, löchrigen Hose und schaute sich um. Langsam realisierte er, dass etwas nicht stimmte. Soweit das Auge reichte, war nur weißer Wüstensand zu sehen. Keine Städte, keine Menschen. Nur eine endlose Wüste.

Der Himmel hatte auch eine seltsame Färbung angenommen, er schimmerte wie Smaragde. Was Hermann aber am meisten verblüffte, war das, was er am Horizont erblickte. Eine dunkelorange Sonne, ähnlich wie sie am Abend zu sehen war, leuchtete in der Ferne. Doch das Erschreckende war, was sich neben der Sonne befand: ein gewaltiger Pillendreher. Das wahrlich monströse Insekt hatte seine Hinterbeine an die rote Kugel geheftet und schob sie den Horizont entlang. Hermann glaubte, seinen Augen nicht trauen zu können.

»Scheiße … Ist mir ein Stein auf den Kopf gefallen? Gott, ich hoffe doch …«, er drehte seinen Kopf zur Seite und schon erwartete ihn die nächste Überraschung. Neben ihm stand ein Mensch, weder männlich noch weiblich, der ihn um mehrere Köpfe überragte. Er trug nichts an seinem Körper mit Ausnahme eines sandfarbenen Schurzes mit saphirblauen Rändern.

Der Kopf flößte Hermann am meisten Furcht ein. Statt eines Menschenkopfes saß auf seinem Hals ein Skarabäus. Ähnlich der Statue in der versteckten Kammer.

Hermann fiel auf die Knie.

»Wer … Wer bist du?«, fragte er.

Das Wesen starrte ihn mit unbeweglichen, schwarzen Facettenaugen an. Die Fühler des Kopfes bewegten sich, schmeckten die Luft. Die gepanzerten Beine strampelten.

Chepre, hallte eine geschlechtslose Stimme in Hermanns Schädel. Er konnte sie beim besten Willen nicht identifizieren. Sie klang gleichzeitig vertraut aber auch fremd.

»Wo bin ich hier?«, fragte Hermann. In seiner Stimme war blanke Verzweiflung zu hören.

Chepre antwortete darauf nichts, sondern starrte den bemitleidenswerten Grabräuber nur an. Die Mandibeln gaben klickende Geräusche von sich. Für Hermann war es so, als würde jemand mit Fingernägeln an einer Tafel entlang kratzen.

»Was willst du?«, schrie er, der Panik nahe.

Es ist Gold, das du begehrst. Nicht wahr?, fragte Chepre.

Hermann war verwirrt, doch er bejahte es wahrheitsgemäß. Welchen Sinn hatte es schon in diesem Moment zu lügen?

Nun gut. Wenn es Gold ist, was du begehrst, dann sollst du Gold bekommen. Gold, Gold, Gold! Bis ans Ende aller Tage! Mehr Gold als du jemals in einem einzigen Leben erhalten kannst. Mehr als du jemals ausgeben kannst. Alles Gold dieser Welt soll dir gehören.

Chepre streckte seinen linken Arm aus. Plötzlich hörte Hermann, wie es in seinen Taschen klimperte. Er steckte seine Hand hinein und staunte nicht schlecht, als er einen Berg voll Goldmünzen sah. Mehr als er sich vorher eingesteckt hatte. Doch nicht nur das, die Münzen multiplizierten sich. Wurden mehr und mehr. Er musste seine Hände zu einem Korb formen, um sie halten zu können. Doch die Münzen hörten nicht auf sich zu vermehren. Mit jeder verstrichenen Sekunde wuchs der Berg. Gold und Schmuck wurden in seinen Taschen auch immer größer. Die Kleidung zerriss, Flüsse aus Edelsteinen und Münzen flossen heraus. Auf dem Gesicht Hermanns wurde das Grinsen immer breiter. Er schrie vor Freude auf.

Nun regnete es Gold, Amulette, Ringe, Halsketten, Goldbarren und Edelsteine vom Himmel. Hermann fühlte sich wie im Paradies. Seine Augen funkelten wild. Der Berg aus Schätzen wuchs und wuchs und wuchs. Der Sand wurde zu Goldmünzen. Hermann kam gar nicht mehr mit dem zählen hinterher. Irgendwann traf ihn aber doch eine Erkenntnis.

»Warte! Warte! Das reicht! Das ist genug!«, rief er hüfthoch im Gold.

Chepre sagte nichts und unternahm auch nichts, um die goldene Flut zu stoppen.

Langsam geriet Hermann in Panik. Er begann zu schwimmen. Der Berg wurde zu einem Teich, zu einem See, zu einem Meer aus Schätzen. Der Boden unter seinen Füßen verschwand. Noch immer regnete es Münzen und Kostbarkeiten vom Himmel. Es war kein leichter Schauer mehr, sondern eine Sintflut biblischen Ausmaßes.

Verzweifelt schnappte er nach Luft. Er fand keinen Halt in diesem goldenen Meer. Es war, als wäre er in Treibsand gefangen. Er rief nach Hilfe, doch das harte Wasser stieg unerbittlich an.

Er sah Chepre, der über ihm schwebte. Er streckte seine Hand nach dem Gott aus, doch dieser tat nichts. Goldmünzen drangen in den Mund von Hermann ein. Er spuckte sie aus, doch es half nichts. Die Sintflut kannte keine Gnade.

Ihn verließen langsam die Kräfte, er versank in einem Meer aus unermesslich wertvollen Schätzen.

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