Samsa

S a m s a (Bild: Roland R. Maxwell).

Das Zimmer lag im Dunklen, die Vorhänge waren zugezogen. Eigentlich war es ein schöner, sonniger, leicht windiger Tag in dieser mittelgroßen brandenburgischen Stadt, die irgendwo in der ostprignitz-ruppinischen Einöde lag, wo sich meistens nur Berliner hin verirrten, getrieben von der Suche nach Natur, fernab der lauten und dreckigen Großstadt, ansonsten wurde der Ort so gut wie gemieden.

Eigentlich war es eine kleine hübsche Stadt, sie hatte halt nur nicht viel zu bieten. Ein geschlossenes Schwimmbad, drei Supermärkte, eine Provinzschule, die das Digitale Zeitalter bisher erfolgreich ignoriert hatte und einen kleinen Park. Umgeben von Forstwäldern und landwirtschaftlich genutzten Äckern war sie das perfekte Bild einer Stadt, die es in Brandenburg beinahe tausendfach gab.

Das Wetter war herrlich, die Außentemperatur betrug angenehme zweiundzwanzig Grad, keine einzige Wolke ließ sich am strahlend blauen Himmel blicken. Ein Tag, an dem man rausging und etwas unternahm. Eis essen, zum Beispiel. Oder spazieren gehen. In den Pool springen. Oder sich mit Freunden treffen. Aber einem jungen Mann interessierte das alles gar nicht, er war viel zu sehr mit seinem Hobby beschäftigt, das er über alles liebte.

Die Vorhänge waren zugezogen, das Zimmer war dunkel und Gregor saß gebeugt über seinen Schreibtisch. Eine Lampe erhellte seinen Arbeitsplatz. In der einen Hand hielt er eine Pinzette, in der anderen eine Glaskopfstecknadel. An seinen Kopf hatte er sich eine Lupe angeschnallt, durch diese betrachtete er das ihm vorliegende Prachtexemplar. Papilio machaon, der Schwalbenschwanz. Er war einer von Gregors Lieblingsfaltern. Seine gelben Flügel mit dem schwarzen Muster und dem leichten Blau und die roten Punkte haben es ihn wirklich angetan, die Natur brachte doch die wundervollste Ästhetik hervor.

Wenn der Schwalbenschwanz an seinem Platz war, zwischen Danaus plexippus1 und Anthocharis cardamines2, dann war der Präparatsschaukasten fertig, der fünfte in Folge. Gregor war gerade dabei die Nadel in den Thorax zu stecken, als plötzlich ein markerschütternder Schrei ihn aus seiner meditativen Ruhe riss, woraufhin er die Glaskopfstecknadel versehentlich in den Kopf des unschuldigen Falters rammte. Verwirrt blinzelte er und schüttelte den Kopf, erst dann realisierte er seinen Fehler. Traurig blickte er auf das ruinierte Resultat.

»Schöne Scheiße aber auch«, seufzte er.

Auf einmal hörte er, wie schnelle Schritte sich auf seinen Zimmer zubewegten. Bevor er auch nur reagieren konnte, wurde seine Tür mit einer Wucht, die einem Orkan glich, aufgerissen. Vor ihm stand Johanna, blanke Furcht stand in ihrem Gesicht geschrieben. Mit weit aufgerissenen Augen blickte Gregor sie an.

»Ist was pas…«, begann er, doch er konnte den Satz gar nicht beenden. Johanna packte ihn am Arm und zog ihn von seinem Arbeitsplatz weg.

»Johanna! Was … Was ist denn …«, stammelte Gregor.

Doch seine Mitbewohnerin sagte nichts, sondern zog ihn einfach nur hinter sich her. Gregor stolperte, doch Johanna war unerbittlich und ignorierte sein Quengeln. Sie schleppte ihn in das Zimmer von Finn und da verstand Gregor endlich die Aufregung. Die grünen Vorhänge waren weit aufgerissen, Kleidungsstücke lagen wild auf dem Boden verstreut. Doch das Highlight befand sich auf Finn seinen Bett. Jetzt konnte Gregor auch die Furcht und die Angst Johannas nachvollziehen. Auf dem Bett lag ein riesiger Käfer, ein Goldglänzender Rosenkäfer um genau zu sein.

»Cetonia aurata«, murmelte Gregor ehrfürchtig.

Er traute sich gar nicht zu fragen, aber: »Wo … ist eigentlich Finn?«

Johanna sagte nichts, sondern zeigte nur mit zitternden Zeigefinger auf das Biest, das auf dem Rücken lag und mit seinen Beinen in der Luft strampelte.

»F… Finn?«, Gregors Stimme brach fast weg, »Finn? Was … Was ist … Was ist mit dir passiert?«

Und dann passierte das Unmögliche, dieses Geräusch wird Gregor nie wieder vergessen, der Käfer begann zu sprechen!

»Ich erwachte aus unruhigen Träumen und fand mich in meinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt«, die Stimme, die aus der Kreatur wich, glich in keinster Weise der von Finn, sie glich dem Klickern von Zahnrädern.

Johanna sah völlig verzweifelt aus, sie wusste nicht, was sie mit ihren Händen anfangen sollte, weshalb sie mit ihnen einfach sinnlos gestikulierte, kein Wort drang aus ihren trockenen Mund, ihre Augen zitterten, sie stand den Tränen nahe. Finn sagte nichts, seine smaragdgrünen Beine strampelten weiter, so als würde er sich auf einem unsichtbaren Laufband befinden.

Gregor war ratlos und auch ein wenig überfordert mit der Situation. Als er heute morgen aufgestanden war und die Sonne und den blauen Himmel erblickte, hätte er sich nie denken können, dass er es mit einem ein Meter achtzig großen Rosenkäfer zu tun bekommen würde. Er versuchte die angespannte Lage etwas aufzulockern.

»Hat schon was kafkaeskes, nicht wahr?«, witzelte er verzweifelt.

Johanna funkelte ihn böse an, ihre Augen brannten vor Wut.

»Das ist nicht witzig! Wie wäre es, wenn du dich verdammt nochmal nützlich machst und einen Arzt oder so etwas anrufst?«, befahl sie im barschen Ton.

»Ich bezweifle, dass ein Arzt da helfen kann. Hierbei scheint es sich um ein bisher gänzlich unbekanntes medizinisches Phänomen zu handeln. Zumindest habe ich noch nie von einem Fall gehört, wo sich ein Mensch plötzlich in ein monströses Insekt verwandelt hat. Wer soll uns in solch einer Situation schon behilflich sein?«

Johanna ließ kraftlos die Schultern fallen, sie begann zu schluchzen und schlug sich die Hände vor ihr Gesicht. Gregor wollte sie trösten, wollte sie berühren, sie aufmuntern, doch er fand nicht die richtigen Worte, stattdessen kniete er sich ans Bett und berührte eines von Finns Beinen. Das Chitin fühlte sich kalt an, fast leblos, doch unter der metallisch wirkenden Oberfläche konnte er ein Pulsieren spüren. Er schluckte, sein Hals fühlte sich trocken und rau an, wie eine Wüste aus Fleisch. Nach längeren Überlegen fand er endlich den Mut zu sprechen: »Finn? Hörst du mich? Was ist mit dir passiert?«

Der Käfer schien seinen Kopf in Richtung Gregor zu drehen, seine Beine hörten auf sich zu bewegen. Mit ausdruckslosen Facettenaugen starrte er seinen Mitbewohner an, in ihnen spiegelte sich kein Verstehen der Worte. Die Mandibeln bewegten sich und heraus kam die grässliche, klickende Stimme: »Ich hab verschlafen. Es ist schon so spät. Ich muss los, ich muss arbeiten. Ich muss los, sonst komme ich zu spät zur Arbeit. Mein Chef gefällt es nicht, wenn ich zu spät komme. Er wird mich feuern, er wird mich feuern. Ich brauch doch das Geld.«

»Finn …«, Gregor versuchte seinen Freund zu beruhigen, »Finn, das ist doch jetzt völlig egal. Ich glaube, dein Boss kann warten. Du bist jetzt wichtiger. Wir müssen uns um dich kümmern!«

Finn schüttelte seinen Käferkopf.

»Es ist warm, mir ist so warm, warum ist es so warm? Die Hitze macht mir zu schaffen. Atmen fällt mir schwer, ich bekomme keine Luft. Warum ist es hier so stickig? Luft, ich brauche Luft. Mir ist so warm, so warm«, die Gliedmaßen von Finn wedelten wie wild in der Luft. Sein Abdomen hob und senkte sich. Gregor sah Johanna entschlossen an.

»Finn scheint eine Panikattacke zu haben. Wir müssen etwas unternehmen«, Gregor dachte nach, »Wir müssen ihn auf dem Bauch drehen, dann sollte er besser Luft bekommen. Wahrscheinlich werden seine Stigmen von der Decke blockiert.«

Johanna schüttelte wild den Kopf.

»Auf keinen Fall fasse ich dieses … dieses Ding an! Das kannst du vergessen!«, jammerte sie.

»Es ist kein Ding! Es ist Finn. Unser Freund, unser Mitbewohner. Den, den wir schon seit dem Abitur kennen, mit dem wir gemeinsam studieren wollten. Und wenn wir ihn nicht helfen, dann könnte er sterben! Also, hör auf zu heulen und fass mit an!«

Gregor packte Finn an der rechten Seite, Johanna, nach ein paar Schluchzern, tat es ihm auf der linken Seite gleich. Die Deckflügel waren kalt, sie fühlten sich beinahe wie lebendes Metall an, doch da war auch eine gewisse Feuchte, wie eine leichte Schleimschicht, die die Elytren überzog. Gregor hatte noch nie erlebt, dass ein Käfer so dermaßen schwitzte.

»Okay … Ich hab ihn«, verkündete er Johanna, »Bei drei drehen wir ihn um … Okay?«, Johanna nickte, »Okay … Eins … Zwei … Drei!«

Die beiden Studenten hoben den Käferkörper hoch. Gregor war überrascht davon, wie schwer doch dieses Insekt war. Wobei es doch keine wirkliche Überraschung war, wenn man bedenkt, dass es sich um einen ein Meter achtzig großen Rosenkäfer handelte, das ganze Chitin musste schließlich auch etwas wiegen. Gregor fragte sich auch, wie es überhaupt möglich war, dass ein solch gigantisches Insekt existierte. Nach den normalen Naturgesetzen sollte es eigentlich kollabieren und an seiner eigenen Größe ersticken. Doch trotzdem war es hier, vor seinen Augen und in seinen Händen. Eine weitere Frage drängte sich in seinen Kopf hinein: Konnte Finn eigentlich fliegen?

Nach einigen Schnaufern und Seufzern und Wendungen schafften es die beiden Studenten doch noch, ihren verwandelten Freund auf den Bauch zu drehen. Doch dann geschah ein Missgeschick. Gregor wusste nicht, was genau dazu führte, ob nun Johanna zu früh losließ oder ob seine Hand am Chitin abrutschte. Durch was auch immer es geschah, es passierte viel zu schnell, um es aufzuhalten.

Eine Kralle von einen von Finns Beinen raste hinab und traf Johanna am Arm. Ein ekliges, nass-feuchtes Reißgeräusch war zu hören, auf ihren Arm zeichnete sich ein langer roter Graben ab. Die Wunde war nicht sonderlich tief, aber sie blutete stark. Johanna ergriff ihren Arm und schrie vor Schmerzen, oder was wahrscheinlicher ist: vor Schreck. Sie fluchte, ihr standen die Tränen in den Augen, schnell rannte sie ins Badezimmer und schloss die Tür hinter sich zu. Das alles geschah innerhalb weniger Minuten, Gregor hatte gar nicht genug Zeit zum reagieren und zum geistigen verarbeiten der Situation.

Er schaut zu Finn, der jetzt auf seinem Bauch lag, seine Fühler wedelten neugierig in der Luft. Sogleich erhob er sich mit seinen sechs Gliedmaßen und krabbelte vom Bett hinunter. Er hob seinen Kopf und sah Gregor an, doch in seinen grün-grauen Facettenaugen war kein Erkennen, er hätte genauso gut irgendeine x-beliebige fremde Person anstarren können. Gregor spürte einen Stich in seinem Herzen. Er kannte Finn schon sehr lange, ungefähr seit der Mittelstufe. Sie hatten sich von Anfang an gut verstanden, waren so etwas wie beste Freunde geworden, die sich gegenseitig unterstützten und den Rücken freihielten. Finn beschützte den körperlich schwachen und eher feminin wirkenden Gregor vor stumpfsinnigen Raufbolden und verklemmten Schlägertypen. Im Gegenzug half er Finn in Biologie, Chemie und Mathematik weiter, Fächer in denen der eher auf Sport und Literatur fixierte arge Probleme mit hatte. Die beiden hatten gemeinsam an der selben rückständigen Provinzschule ihr Abitur gemacht und nun studierten sie gemeinsam an der selben (etwas weniger rückständigen) Universität. Sie haben Partys gefeiert, sind nachts von Kneipe zu Kneipe gewandert, haben gemeinsam für Klausuren und Hausarbeiten gebüffelt, haben gelacht, geweint, waren verzweifelt und haben siegreich gebrüllt, wenn sie ein weiteres Semester bestanden hatten.

Und nun sollte das alles vorbei sein? In Finns glasigen Augen konnte Gregor kein Erkennen sehen. Der Finn, der früher mal existierte, schien nicht mehr da zu sein, nur noch Käfer-Finn. Vielleicht steckte sein alter Geist irgendwo noch in dieser Hülle drin, umgeben von Zentimeter dicken Chitin. Doch in der jetzigen Situation waren die Erinnerungen verloren, verschlossen in einem Käferkörper, das Ich als Geisel des Es.

»Ich muss los. Ich muss zur Arbeit. Ich habe Hunger. Großen Hunger. Essen. Ich brauche Essen. Essen. Muss raus. Muss los. Arbeit. Essen«, klickerte Finns Stimme, die aber irgendwie auch nicht seine war. Die Sätze wurden kürzer, die Wörter einfacher. Der Geist von Finn schien den Kampf gegen Käfer-Finn zu verlieren.

Gregor stellte sich demonstrativ vor ihn und streckte seinen alten Freund die Hände entgegen, die Stopp! signalisieren sollten. Zuerst klickte Finn erbost mit den Mandibeln und schaute sich verwirrt um, doch schließlich schien er sich eingeschüchtert umzudrehen. Gregor ging langsam rückwärts aus den Raum hinaus, nicht für eine Sekunde wandte er seine Augen von dem riesigen Käfer ab, der sich in die hinterste Ecke trollte. Schmollte er etwa? War er beleidigt? War er zu diesen Gedanken überhaupt in der Lage? Oder suchte er sich einen Alternativweg? Diese Fragen schossen Gregor in den Kopf, doch er hatte keine Zeit über sie nachzudenken.

Als er den Flur erreichte, warf er die Tür ins Schloss und drehte den Schlüssel um. Daraufhin schlich er langsam an die Badtür, klopfte einmal und sagte dann: »Johanna? Johanna, ist alles in Ordnung mit dir? Geht es dir gut?«

Verstohlen öffnete sie die Tür und schaute hinaus. Ihr Gesicht war aschfahl, ihre Augenringe waren größer als die Ringe des Saturn, sie zitterte leicht. Johanna streckte ihren Arm aus, Gregor sah ihn sich genauer an. Es sah schon übel aus. Die Wunde begann sich bereits zu entzünden, weißgelbe Eiterblasen bildeten sich. Erstaunlich wie schnell es doch passierte, aber wahrscheinlich lag es daran, dass die Krallen eines Käfers einfach unhygienisch waren.

»Wie geht es dir?«, fragte er seine Mitbewohnerin sanft.

»Es schmerzt, es brennt höllisch, als hätte dir jemand Salzsäure auf dem Arm gekippt«, sie verzerrte das Gesicht.

»Lass mich mal gucken, was wir an Medizin haben«, Gregor begab sich ins Badezimmer und öffnete den metallenen Medizinschrank, wo er noch ein paar Schmerztabletten und einen Verband fand. Zwar nur eine magere Ausbeutung, aber immerhin besser als Nichts. Soldaten im Krieg hatten weniger zur Verfügung.

Er ging zurück zu Johanna und behandelte die Wunde. Gott sei Dank, erinnerte er sich noch an den Erste-Hilfe-Kurs, den er vor ein paar Jahren für die Fahrschule absolvieren musste, sonst wäre das Anlegen des Verbandes ein ziemlich peinliches Unterfangen geworden. Gregor gab Johanna noch zwei Schmerztabletten, die sie erstaunlicherweise ohne ein Glas Wasser hinunter bekam. Danach beorderte er sie auf die Couch. Zuerst protestierte sie scharf, sie wolle sich nicht ausruhen und womöglich einschlafen, während dieses … (sie sprach es nicht aus, aber sie wollte sicherlich Ding sagen, Gregor konnte es ihr nicht verübeln, Käfer-Finn war nicht mehr ihr Finn) im Zimmer nebenan krabbelte. Doch sie fing an zu gähnen und sah dann ein, dass vielleicht ein wenig Ruhe nicht schaden könnte, besonders mit einem verletzten Arm. Also begab sie sich auf die Couch im Wohnzimmer und schien auch bald schon einzuschlafen.

Gregor machte sich große Sorgen, er überlegte, ob er den Notarzt rufen sollte, doch wie sollte man diese absurde Situation irgendeinen vernünftigen Menschen erklären. Mein Freund hat sich in einen Rosenkäfer verwandelt, gibt es da gegen vielleicht eine Salbe? Niemand würde ihn diese Geschichte abkaufen, man würde ihn als verrückt oder geisteskrank abstempeln. Nein, Gregor musste sich an jemanden wenden, den er vollen Herzens vertrauen konnte. Er griff zum Haustelefon und wählte die Nummer von Professor Doktor Stefan Entmann, Dozent an der Universität Potsdam, wo er der Fachmann für Entomologie war. Gregor arbeitete für ihn als Wissenschaftlichen Mitarbeiter, was bedeutete, dass er für ihn Klausuren austeilen, Blätter ausdrucken und Seminare abhalten konnte. Das klang jetzt ziemlich negativ und nach Sklavenarbeit, aber Gregor mochte es. Er mochte auch Professor Entmann und hegte zu ihm ein lockeres, freundschaftliches Verhältnis. Er konnte ihn vertrauen, außerdem … als Wissenschaftler würde ihn dieser Fall sicherlich brennend interessieren.

Gregor lauschte, das Freizeichen war zu hören. Einige Sekunden vergingen und dann hörte der junge Student die Stimme seines Professors: »Hier ist Stefan Entmann. Leider bin ich im Moment nicht zu erreichen. Wenn Sie eine Nachricht hinterlassen wollen, sprechen Sie bitte nach dem Piepton.«

Verdammt, nur die Mailbox. Aus Erfahrung wusste er, dass Entmann sich nie die hinterlassenen Nachrichten anhörte, weil er immer vergaß, dass er eine Mailbox überhaupt besaß. Gregor legte enttäuscht wieder auf.

Plötzlich hörte er ein lautes Stöhnen aus dem Wohnzimmer kommen. Johanna!, dachte Gregor und rannte so schnell wie möglich in das Zimmer. Ihr schmerzerfülltes Stöhnen hatte sich zu einem qualvollen Schreien gesteigert. Sie lag auf dem Boden und krümmte ihre Rücken. Ihre Adern pulsierten, ihre Finger hatten sich zu Krallen verkrampft. Sie sah Gregor flehend an, aus ihren geweiteten Augen flossen die Tränen.

»Hilf mir … Hilf mir … Hilf mir doch …«, stöhnte sie und streckte ihren Arm nach Gregor, doch der stand nur da und schaute hilflos zu. Sie schrie, er beobachtete mit Entsetzen, wie ihre Haut begann aufzuplatzen, ihre Kleidung zerriss … und sich grüne Chitinplatten durch die offenen Wunden schoben. Doch da hörte die schreckliche Metamorphose nicht auf. Johannas Kiefer verrenkte und weitete sich, wodurch sie wie die gequälte Seele aus Edvard Munch‘s Der Schrei aussah. Ihr Gekreische mutierte zu einem erstickten Röcheln. Ihr Haut löste sich in großen Stücken von ihrem Körper, dahinter war nichts als kaltes, grünes Chitin. Nicht einmal ihre schönen blauen Augen wurden von der Verwandlung verschont, sie teilten sich. Einmal, zweimal, dreimal, dutzendmal, hundertmal. Mit jeder Teilung ähnelten sie mehr und mehr den Facettenaugen eines Käfers. Das kühle, meergleiche Blau verschwand, ersetzt durch ein ausdrucksloses Grün-Grau. Ihre Finger, wo sie sich doch immer so viel Mühe bei der Pflege gab, faulten einfach ab, grüne, scharfe Krallen nahmen ihren Platz ein. Und während all das passierte, gab Johanna nur dieses schreckliche, schmerzerfüllte Röcheln von sich, es drangen aus ihren aufgerissenen Mund keine menschlichen Worte mehr. Sie starrte ihren Mitbewohner mit ihren deformierten Käferaugen an. Tränen flossen schon lange nicht mehr, es war einfach nicht möglich, schließlich waren Insekten zum Weinen nicht in der Lage.

Die Gedanken wirbelten nur so in Gregors Kopf, er war mit der Situation völlig überfordert. Es war eine Sache seinen besten Freund als einen gigantischen Käfer zu sehen, es war eine völlig andere Sache die schreckliche Verwandlung live mitansehen zu müssen. Gregor konnte es nicht ertragen, er konnte es nicht ertragen Johanna so zu sehen. Auch sie kannte er seit dem Abitur, sie war eine enge Freundin Finns, wahrscheinlich hegten sie sogar Gefühle zueinander. Johanna war immer nett zu ihm, er hatte nicht viele Freundinnen, doch sie konnte er definitiv so nennen. Sie jetzt so zu sehen, brach Gregor einfach das Herz. Sein Gehirn machte da einfach nicht mehr mit, es folgte eine Kurzschlussreaktion. Er packte die immer noch röchelnde Johanna am Arm, woraufhin sich Fleisch und Haut löste, dahinter war nichts als Chitin. Gregor konnte nicht mehr, sein Magen rebellierte und er übergab sich, sein Frühstück verteilte sich als grün-braune Suppe über den Linoleumboden.

Er wischte sich den Mund ab und zog Johanna weiter, sie gab weiterhin nur gurgelnde Schreie von sich und verwandelte sich weiter. Hautfetzen und Fleischbrocken lösten sich von ihr, ihre Haare fielen ihr aus. Er öffnete die Tür zu Finns Zimmer und versuchte Johanna hineinzuziehen, doch sie begann sich zu widersetzen, sie strampelte mit den Beinen, berührte ihn mit ihren widerlichen Krallenhänden. Sie röchelte und spuckte eine braune Flüssigkeit aus. Wie eine Schlange wandte sie sich in seinen Armen.

»Bitte … Hör auf … Mach es nicht schwerer, als es ist …«, flehte er sie an. Gregor wusste nicht, was er tun sollte. Er wollte Johanna nicht wehtun, doch er hatte auch Angst, dass sie ihn verletzen könnte und das er dann genauso wie sie und Finn endete. Er atmete tief ein und nahm all seinen Mut zusammen. Er ballte seine Hand zur Faust und schlug Johanna mit voller Wucht auf den Hinterkopf. Sofort sackte sie zusammen, zumindest für einen Moment bewegte sie sich nicht. So schaffte er es endlich sie in das Zimmer zu zerren, er verschwendete keine Sekunde und schloss sofort die Tür zu.

»Tut mir leid … Tut mir so leid«, Tränen flossen seinen Gesicht hinunter.

Einige Momente später hörte er ein Poltern an der Tür, erschrocken fuhr er zusammen. Johanna schien wieder bei Bewusstsein zu sein. Sie klopfte und kratzte an der Tür.

»Gregor … Gregor … Mach die Tür auf … Gregor … Gregor«, stöhnte sie, ihre Stimme wirkte verzerrt.

Voller Angst entfernte er sich von der Tür, die Augen waren weit aufgerissen.

»Gregor … Mach die Tür bitte auf … Lass mich nicht allein … Bitte lass mich nicht allein … Gregor … Gregor …«

Er schlug sich die Hände gegen die Ohren und kniff die Augen zusammen.

»Das ist nicht real, das stimmt alles nicht, nichts davon ist wahr, das ist alles nur ein Alptraum, ich liege in meinen Bett, ich wache wieder auf, dann ist alles in Ordnung, nichts, was gerade passiert, passiert wirklich, das ist alles nur in meinen Kopf, nur in meinen Kopf, ich träume, ich halluziniere, ich hab mir den Kopf angeschlagen, ich bin über meine Arbeit eingeschlafen, deshalb träume ich jetzt von Käfern, Käfer, große Käfer, menschengroße Käfer, grüne Käfer, ich träume, ich träume«, stammelte er immer und immer wieder.

Wie in Trance torkelte er in das Wohnzimmer und ließ sich auf das Sofa fallen. Mit leeren Blick griff er nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher an, im Hintergrund war immer noch Johanna zu hören, doch er versuchte es auszublenden. Das Fernsehgerät ging an und Gregor wurde von einer Sondersendung der Tagesschau begrüßt. Der Moderator im blauen Studio sah aus, als hätte er vier Tage lang nicht geschlafen. Die Haare waren zerzaust, die Tränensäcke waren deutlich zu sehen und die Haut war fast so weiß wie Schnee. Das blaue Hemd war unordentlich und die Krawatte hing locker. Seine Hände zitterten, seine Lippen bebten, er schien Schwierigkeiten zu haben die richtigen Worte zu finden.

»Verehrte Zuschauer und Zuschauerinnen … uns ereilen immer mehr Meldungen … von Polizei, Feuerwehr, Angehörigen der Bundeswehr und besorgten Bürgern, dass … dass sich momentan eine mysteriöse Seuche in Deutschland ausbreitet, die … ich weiß nicht, wie ich das erklären soll … es klingt so absurd, wenn ich ich es ausspreche … eine Seuche, die Menschen in riesige Käfer verwandelt, die der Art Cetonia aurata oder auch Goldglänzender Rosenkäfer ähneln … hier einige Aufnahmen von Zeugen des seltsamen Phänomens«, es wurden amateurhafte Handy-Aufnahmen eingeblendet, die zeigten wie massenweise Käfer aus Wohnungen, Krankenhäusern, Supermärkten, Schulen, Fabriken, Sporthallen und Freizeitorten herauskrabbelten. Eine schier endlose Armee aus grünen Chitin, begleitet vom Summen der Flügel und Klicken der Mandibeln. Im Hintergrund konnte man Rufe und Schreie von Menschen hören. Bei eine der Aufnahmen sagte der Besitzer des Handys: »Gott steh uns bei. Wenn ich nicht dabei wäre, würde ich es nicht glauben. Zur Hölle, ich stehe hier und ich kann es nicht glauben! Margarete! Schau dir das doch mal an! Ich fasse es nicht. Margarete, hast du schon die Polizei gerufen? Margarete? … Scheiße!«, irgendetwas schien den Filmenden anzugreifen, man hörte nur aggressives Summen und Fluchen, das Handy fiel zu Boden und die Aufnahme endete.

Wieder zurück zum Moderator, nervös fummelte er an seinen Blättern.

»Das Robert-Koch-Institut empfiehlt … allen Bürgern und Bürgerinnen in ihren Häusern zu bleiben … jeglicher Kontakt zu den Käfern muss vermieden werden … nach bisherigen Informationen überträgt sich … Ach, scheiße … überträgt sich die Krankheit über Hautkontakt … oder Verletzungen … Sollte einer Ihrer Angehörigen oder Freunde infiziert sein, halten Sie bitte Abstand von ihnen … Lassen Sie sich nicht kratzen oder beißen! Die Regierung … «, der Moderator musste schlucken, »Die Regierung wird in wenigen Stunden den Ausnahmezustand verhängen. Die Bundeswehr soll dabei im Kampf gegen die Horden von Käfern eingesetzt werden, um … die Krankheit einzudämmen. Eine entsprechende Verordnung liegt bereits vor … die Möglichkeit einer Umkehr der Infektion wird nach bisherigen Kenntnisstand … ausgeschlossen. Die Kanzlerin sagte in einer Pressekonferenz, dass schwere Zeiten auf uns zu kommen und dass wir nur aus dieser Krise kommen, wenn wir uns an die Regeln halten … und gemeinsam … und gemeinsam …«, der Moderator schmiss wütend die Blätter weg.

»Scheiße! Ach, scheiß doch darauf! Ich kann das nicht mehr, ich kann einfach nicht mehr. Die Regierung erzählt Bullshit, nichts als Bullshit! Schaut doch aus den Fenster! Das ist nicht normal, das ist doch keine x-beliebige Katastrophe, das ist keine Überschwemmung oder ein Scheißtornado oder eine beschissene Flugzeugentführung oder die verdammte Vogelgrippe! Das sind Käfer, riesige Käfer, die da durch die Straßen marschieren. Das sind Menschen, die sich in Käfer verwandelt haben! Hat das noch keiner geschnallt? Es wird so getan, als würde das jeden Tag passieren! Das ist die fucking Apokalypse da draußen!«, seine Rede schlug in Hysterie um.

Er kreischte die Zuschauer an: »Scheiß auf das Robert-Koch-Institut und die Regierung und die Kanzlerin. Von Minute zu Minute werden das immer mehr Käfer! Und schon bald haben sie ganz Deutschland überrollt. Alle werden zu Käfer! Sie, Ihre Frau und Ihr Man, Ihre Kinder, Ihre Freunde, Ihre Kollegen, alle die Ihnen am Herzen liegen, werden zu Käfern. Zu riesigen, gigantischen Käfern. Zu Monstern. Wie in diesen Zombie-Filmen. Nur mit dem Unterschied, dass die Leute nicht tot sind, sondern etwas viel Schlimmeres mit ihnen passiert. Ich kann nicht mehr … Beten Sie zu Gott oder Allah oder Jehova oder Buddha, oder was weiß ich denn, dass Sie diesen Tag noch überleben werden … Was?«, irgendjemand schien im Hintergrund mit ihm zu sprechen.

»Das ist nicht dein Ernst, oder? Du scherzt, oder? Sag mir, dass du scherzt! Sag es! Sie können nicht schon hier sein, das dürfen sie nicht! Ich will nicht einer von ihnen werden! Ich will nicht!«, der Moderator rannte schreiend aus dem Studio, dabei riss er eine Kamera zu Boden. Verschiedene Schreie waren zu hören … und das Klicken von Mandibeln. Und dann … Störbild.

Gregor saß mit offenen Mund vor dem Fernseher, er versuchte zu verstehen, was er da gerade gesehen hatte. Mit zitternder Hand nahm er die Fernbedienung und schaltete das Gerät aus. Der schwarze Bildschirm zeigte einen jungen Mann, der mit den Nerven am Ende war.

Plötzlich hört er Kratzen an der Wohnungstür, erschrocken sprang er auf. Er rannte zur Tür und schaute durch den Spion. Zu seinen Entsetzen musste er feststellen, dass sich dort ein Käfer befand. Ohne nachzudenken schnappte Gregor sich den Schlüssel und schloss ab, sicherheitshalber stellte er noch einen schweren Schrank vor die Tür. Doch seinen Moment der Sicherheit konnte er nur kurz auskosten, denn als er sich umdrehte, bemerkte er, dass bereits mehrere von den Käfern am Fenster klebten und versuchten hineinzukommen. Er hörte das Klicken der Mandibeln und das Kratzen ihrer Krallen und es machte ihn wahnsinnig. Er fühlte sich wie der Protagonist in einer Horrorgeschichte, doch in solch einer wüsste der Held, was er zu tun hätte. Doch Gregor wusste es nicht, sein Kopf war völlig leer.

Die Käfer kratzten am Fenster und sie sprachen zu Gregor, zumindest glaubte er, dass sie es taten, vielleicht bildete es sich sein armer Verstand das auch nur ein, vielleicht war er jetzt völlig am Ende. Die Käfer sprachen im uniformen Ton: »Komm, häute dich. Lass dein Fleisch fallen und begrüße das Chitin.«

Gregor konnte nicht mehr, er wollte schreien, doch er konnte nicht, es drang nur ein winselnder Ton aus seinen Mund. Ihm fiel nichts anderes ein, als in das Bad zu rennen und sich dort zu verbarrikadieren. Das Bad hatte wenigstens kein Fenster, dort sollte er zumindest für einen Moment sicher sein. Er drehte den Hahn auf und spritze sich kaltes Wasser ins Gesicht. Seine Hände zitterten, sein ganzer Körper zitterte wie Espenlaub. Seine Augen waren blutunterlaufen. Er hörte das Klirren von Glas und das Brechen von Holz. Er hörte das Kratzen von Krallen auf den Fußboden. Sie kamen. Und es waren nicht wenige, wahrscheinlich würden sich Johanna und Finn zu ihnen gesellen.

»Gregor …«, wahrscheinlich drehte er jetzt völlig durch oder flüsterten die Käfer etwa wirklich seinen Namen?

Sollte die Menschheit wirklich daran zugrunde gehen? An einer Krankheit, wenn es denn eine Krankheit war, die aus dem Nichts kam und an Absurdität nicht zu überbieten war? Das Zeitalter der Menschen war vorbei, das Zeitalter der Käfer war gekommen. Bald schon werden sie diese blaue Kugel beherrschen, bis alles Cetonia aurata war, ein Meer aus grünen Chitin. Wir werden nie erfahren, woher diese Seuche stammt oder warum sie überhaupt existierte, aber das war auch nicht mehr wichtig.

Gregor hörte Kratzen an der Tür.

1Monarchfalter

2Aurorafalter

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