Stille Nacht, beinahe wolkenloser Himmel. Ein einsamer Bomber flog wie ein riesiger prähistorischer Vogel über die öde brandenburgische Landschaft, ein Geflecht aus Wäldern, Feldern und unbekannten Dörfern.
Der Pilot am Steuer gähnte, sein Dienst war lang und anstrengend. Alles, was er wollte, war zur Kaserne zurückzukehren und sich endlich ins Bett zu legen. Um schneller zu fliegen, und um Sprit zu sparen, befahl er die Ladung abzuwerfen: mehrere Bomben, die zusammen einhundertfünfzig Kilo wogen.
Mit hohem pfeifendem Geräusch fielen sie zu Boden und schlugen dort mit einer heftigen Explosion auf. Nichtsahnend flog der Bomber weiter Richtung Heimat. Der Pilot glaubte, dass er schon keinen Schaden anrichten würde, schließlich befand sich unter ihnen nichts als Niemandsland. Die nächste Stadt war Dutzende von Kilometern entfernt. Niemand würde verletzt werden. Er würde nicht nochmal denselben Fehler machen. Diesmal war er sichergegangen, dass sich keine zivilen Ziele unter ihnen befanden. Keiner würde zu schaden kommen. Leider lag der Pilot sehr weit daneben … wie schon einmal.
Verschollen und vergessen stand ein altes Mausoleum mitten in der Einöde. An den Namen der Familie, die dort begraben lag, erinnerte sich schon lange kein Mensch mehr. Die Leichen waren verdorrt, die Inschriften verblasst. Die Bomben trafen das antik wirkende Gemäuer, zerrissen es in Stücke, verteilten Bruchteile von Särgen und Knochen im Umland. Da wo einst eine stolze Gruft lag, war nur noch ein hässlicher Krater, eine offene Wunde in der grauen Landschaft.
Doch diese Ruhestätte barg ein furchtbares Geheimnis. Die adligen Herrschaften, die auf ewig in den kalten Mauern verweilten, sperrten hier einst ein großes Übel ein. Ein Fluch, der diese Ländereien bereits vor vielen Jahrhunderten, damals als noch Kaiser Barbarossa über die Erde wanderte, heimsuchte. Immer wieder brach er hervor und versprühte sein tödliches Miasma über deutsche Landen. Nur mit viel Mühe und Leid konnten tapfere Helden dieses Ungetüm in die dunklen Tiefen verbannen. Doch die Siegel wurden gebrochen und das Monster kroch wie eine mörderische Fehlgeburt aus dem Krater, umgeben von Rauch, Dreck und Schmutz. Schon lange hatten die Menschen seinen Namen vergessen, dieses Biest aus grauer Vorzeit, hergekommen aus den Tiefen des kalten Kosmos. Doch nun sollte es wieder seinen Schatten auf die Existenz werfen und noch einmal Pein und Qualen bringen. Wann immer es seine Schwingen ausbreitete, starben Unzählige. Und diesmal waren keine legendären Helden zur Stelle, um es aufzuhalten. Denn auch die Namen der Edlen und Tapferen waren längst dem Vergessen verfallen. Und diese Welt, diese erschöpfte und entzauberte Welt, gebar keine Helden und Ritter mehr.
Ein Schrecken brach in dieser Nacht unheilvollen Nacht, in der selbst die Sterne schwiegen, über ein kleines, nahegelegenes Dorf im Niemandsland ein.
Ein schriller Schrei riss Mensch wie Tier aus süßen Träumen und fror ihre Herzen ein. Ein alter Mann lag in seinem Bett, schreckte plötzlich mit einem Keuchen hoch. Er erinnerte sich an eine Geschichte aus seiner Kindheit, die ihm seine Großmutter einst erzählte und es erfüllte ihn wie damals, als er noch ein kleiner Knabe war, mit furchtbarer Angst.
Die Augen weit aufgerissen, die Haut feucht und kalt vom Schweiß, hauchte er: »Der Schwatte Deibel kriecht wieder über die Erde«, bevor er zurücksank und seinen letzten Atemzug tat.
Ungefähr eine Woche später erschien ein junger Mann in dem namenlosen Dorf, das auf keiner Landkarte zu finden war. Der Akademiker aus Potsdam war gekommen, um für seine Arbeit zu forschen, fernab der Wirren von Revolution, Umstürzen und Putschversuchen. Ihm gefiel es, unterwegs an der frischen Luft zu sein und endlich aus seiner verstaubten Kammer zu entkommen, wo er Gefahr lief, in einem Meer aus Manuskripten, Transkripten und Schriftrollen zu ertrinken. Eigentlich hatte er sich erhofft, mehr Abenteuer als angehender Historiker zu erleben, auf Forschungsreisen zu gehen und große Entdeckungen zu machen, so wie Francisco Pizarro, Alexander von Humboldt, Charles Darwin und Giacomo Casanova. Stattdessen durfte er wochenlang in irgendeinem verwinkelten Archiv verbringen und Akten für einen ergrauten Professor suchen. Dieser erbarmte sich schlussendlich auch und entschied, den jungen Mann in seiner Forschung zu fördern.
Auf seinen Reisen wurde er Zeuge der Zerstörung, die dieser furchtbare Krieg angerichtet hatte. Verwaiste Dörfer, ausgelöschte Existenzen; Archive, die in Flammen aufgingen. Tagebücher und Dokumente, die unwiederbringlich zu Asche verbrannt waren. Einmal sah er in einem Dorf, das er durchquert hatte, ein Denkmal zur Völkerschlacht von Leipzig. Einst ein stolzer Reiter auf einem hohen Ross, war es zu einem Haufen von unidentifizierbaren Metall reduziert worden. Geplünderte Kirchen, abgeholzte uralte Wälder, zerstörte Burgen und Festungen, verbrannte Relikte und Gemälde – der industrialisierte Massenkrieg raubte wie ein schwarzer Wolf auch die letzten bisschen Mystik und Romantik aus dieser Welt.
Der Akademiker betrat die einzige Gaststätte des Dorfes, das nur noch eine Handvoll Bewohner besaß. Mit seinem Umhang und seinen abgetragenen, dreckigen Klamotten wirkte er eher wie ein Vagabund als ein Forscher.
Er setzte sich an die Theke, der Wirt betrachtete ihn skeptisch, fragte aber trotzdem, was er gerne hätte. Geld war schließlich Geld. Und davon konnte man nie genug haben.
»Bier, bitte.«
Der Wirt mit dickem Schnauzer und Wampe füllte ein Glas voll Hopfensaft. Es hatte eine hellgelbe, kränkliche Farbe und schmeckte abgestanden, schal. Aber es war besser als nichts.
»Was führt Sie in die schöne Gegend, Fremder?«, fragte er mit sarkastischem Unterton.
»Forschung.«
Er hob eine Augenbraue, die in demselben grau wie sein Schnauzer war. »Forschung? Inwiefern? Was gibts hier Interessantes? Nur alte Drecksäcke von Bauern und abgemagerte Schweine und Kühe. Und hässliche Weiber, wenn ich das so sagen darf.« Kehliges, raues Lachen ertönte. Die Gaststätte war gähnend leer, obwohl es Abend war. Auf den Tischen sammelte sich grauer Staub. »Wobei … auch die haben sich verpisst. Also, ich kann Ihnen nicht einmal Frauenzimmer anbieten.«
Der Akademiker trank den Rest des ekelhaften Gesöffs aus und stellte das Glas auf die Theke. »Eure Kirche interessiert mich. Die Kirche des Heiligen Georg, um genau zu sein.«
»Ah, das schöne Ding … Erstaunlicherweise unversehrt geblieben. Was gibts da?«
»Kennen Sie den örtlichen Priester?«
»Unser alter Pfarrer? Klar kenn ich den, sind schließlich aufm Dorf.«
»Wo ist er?«
»Ungefähr sechs Fuß unter der Erde«, antwortete der Wirt lakonisch.
Der junge Mann war sichtlich schockiert. »Was? Wieso?«
»Starb vor ungefähr einer Woche, möge seine Seele in Frieden ruhen. War ein guter Kerl. Konnte ordentlich saufen und hat auch immer ein Auge zugedrückt.«
»Wissen Sie, wie ich dann in die Kirche reinkomme?«
»Ist das hier ein Verhör oder was?« Der Wirt schien langsam genervt von seinem Gast zu sein.
»Verzeihen Sie … Ich bin das nicht so gewöhnt. War lange allein. Kam selten unter Menschen. Augustin, der Name. Komme aus Potsdam.«
Er reichte seine Hand, der Wirt schlug ein. Ein schwieliger, fester Griff.
»Endlich mal ein paar Manieren. Können mich Heinrich nennen. Wenn Sie in die Kirche wollen, müssen Sie den Dorfschulzen fragen. Straße runter, können es nicht verfehlen.«
Augustin bedankte sich und bezahlte das widerliche Bier mit ein paar Mark, die er noch in der Tasche hatte. Seine Ersparnisse waren fast aufgebraucht.
Bevor er das Etablissement verließ, rief ihm Heinrich hinterher: »Seien Sie vorsichtig. Etwas liegt in der Luft, das spüre ich in den alten Knochen. Der Tod unseres Pfarrers war nur der Anfang …«
Das Haus des Schulzen war wirklich nicht zu übersehen, es war nämlich die einzige Hütte in dem Dorf, die zwei Etagen und ein vernünftiges Mauerwerk hatte. Beim Bürgermeister handelte es sich ebenfalls um einen alten Mann, diesmal aber von dürrer Statur und mit dem traurigen Blick eines Welpen. Seine Augen schienen ständig zu tränen. Und anscheinend litt er unter einer stetig verstopften Nase.
»Ach, werter Herr«, schniefte er, »die Zeiten sind nicht gut zu uns gewesen. Erst unsere Söhne, die verschwunden sind, dann der Pfarrer, die gute Seele unseres Dorfes und jetzt … Es ist so furchtbar.« Er schaute Augustin an, als würde er ihm zum ersten Mal richtig sehen. »Wegen was sagten Sie, wären Sie hier?«
Der junge Mann seufzte. »Ich brauche Zugang zu Ihrer Kirche. Das Tor ist verschlossen.«
»Ach ja, ach ja. Verzeihen Sie mir. Solange kein Ersatz da ist, habe ich sie abgeschlossen. Wir wollen ja nicht, dass irgendetwas gestohlen wird. Aber ich frage mich, wer denn dafür noch da wäre …«
Plötzlich kam ein Bauer hereingestürmt. Sein Gesicht war rot angelaufen. Er keuchte und hustete, seine Brust pumpte.
»Ludwig, Ludwig!«, rief er völlig außer Atem.
»Was denn, Friedrich?«
»Es ist … Es ist schon wieder passiert!«
Der Dorfschulze wurde bleich im Gesicht, seine Augen wurden noch wässriger, als sie bereits waren. »Gott steh uns bei …«
Augustin begleitete die beiden Herren zu einer Wiese. Im gelborangen Schein der Lampe erblickte er ein totes Lamm mit schwarzer Wolle und sechs Beinen. Am Nacken funkelte das nackte Fleisch, eine perfekt kreisförmige Wunde. Um das Lamm herum lagen noch weitere tote Schafe, alle mit derselben Verletzung, in einer Spirale angeordnet.
»Das waren meine letzten Tiere! Was soll ich jetzt nur machen?«, rief Friedrich völlig verzweifelt.
Der Schulze zitterte, seine Augen hatten sich vor Entsetzen geweitet. »Großer Gott, großer Gott … Das ist bereits die dritte Herde. Die Schweine vom Hans hatte es erst gestern erwischt. Und die Kühe und Hühner von Ernst … die Küken mit den vielen Köpfen … Oh, ich habs bereits gesagt. Hier wütet ein teuflischer Vampir! Da bin ich mir sicher!«
Augustin hob eine Augenbraue. »Was soll denn eine slawische Kreatur in germanischen Landen? In der Regel verbleiben die auf dem Balkan, außerhalb ihres Bodens können sie nicht existieren …«
»Nein, nein«, mischte sich Friedrich ein. »Das war der Schwatte Deibel!«
»Der was?«, fragte der junge Forscher.
»Der Deibel, mein Junge, der Deibel! Die Alten flüsterten von ihm in den Wintertagen, wenn die Sonne bereits früh verschwand und draußen das Heulen des Windes und der Wölfe zu hören war! Ein Biest aus vergangener Zeit, schlimmer als der wahrhaftige Teufel! Selbst der alte Rotbart fürchtete sich vor ihm!« Schnell bekreuzigte er sich.
»Interessante Legende …«
»Keine Legende, keine Legende!«
Ludwig versuchte, die Situation zu beruhigen. »Fremder, wir wollen Sie nicht mit unseren Problemen belästigen. Es ist schon spät. Ich schließe Ihnen morgen die Kirche auf. Aber versprechen Sie mir, dass Sie sich beeilen. Es ist hier nicht sicher!«
»Das tue ich, werter Herr.«
»Gut. Sie dürfen bei mir übernachten. Da ist ein Zimmer frei. Mein Sohn ist momentan … Sie verstehen.« Augustin nickte einfühlsam.
Die zwei Männer machten sich auf dem Weg zurück, Friedrich folgte ihnen hastig, ängstlich warf er einen Blick auf seine massakrierte Herde zurück. Auf keinen Fall wollte er allein und im Dunkeln zurückgehen. Keine zehn Pferde hätten ihn dazu getrieben. In dieser Nacht wird er zum ersten Mal in seinem Leben die Tür hinter sich zuschließen und die Fenster verriegeln.
Am nächsten Morgen in aller Frühe öffnete Schulze Ludwig die Tore zur Kirche des Heiligen Georg, er sah müde und erschöpft aus.
Augustin betrat den Kirchenraum, schlicht und einfach. Früher ein katholisches Gotteshaus gewesen, heute ein protestantisches. Der Altar war ein Überbleibsel dieser längst vergangenen Zeit. Dahinter war ein kunstvoll gefertigtes Buntglasfenster, das St. Georg auf einem weißen Ross zeigte, wie er einen teuflischen Drachen mit seiner Lanze tötete. Es war eines der Lieblingsmotive von Augustin. Er liebte auch das Bild des Erzengels Michaels, der mit seinem himmlischen Speer auf die Schlange hinabstürzte und ihre Kehle durchbohrte. Er wusste nicht wieso, aber es sprach etwas Tiefes in seiner Seele an.
»Wenn ich fragen darf, was wollen Sie eigentlich in unserer bescheidenen Kirche?«
Augustin betrachtete den Altar, das große Kreuz, an dem Jesus mit der Dornenkrone auf dem Haupt hing. »Ich forsche zu einer uralten Sekte. Meine Recherchen führten mich an diesen Ort, wo sie nach den Berichten des Mönches Jakob von Lüttgendreetz, ›unter den stets wachsamen Augen des Heiligen Georg wahrlich abscheuliche Blasphemie gegen den Herrn flüsterten.‹«
»Oh je!«
»Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich hier alleine arbeite?«
»Keineswegs! Ich möchte Sie nicht bei Ihrer Arbeit stören!«
»Danke, ich brauche nämlich Konzentration.«
Ludwig verschwand und Augustine konnte endlich in Ruhe die Kirche untersuchen. Laut alten Aufzeichnungen, die er in einem verlassenen Archiv fand, sollte der Eingang zu den Katakomben sich in der Mitte befinden. Und fürwahr – unter einem Teppich befand sich eine Falltür, die sich mit einiger Anstrengung öffnen ließ. Sie offenbarte eine steinerne Treppe, die zu einem verborgenen Keller führte.
Augustin entzündete eine Fackel und stieg in die gähnende Dunkelheit hinab. Unten fand er tatsächlich, wonach er suchte – Spuren der Sekte. Auf einem Altar aus pechschwarzem Obsidian lag eine verrottete, von kleinen Käfern angefressene Ausgabe von Ludwig Prinns ›De Vermis Mysteriis‹, die Sekte hatte also länger existiert als ursprünglich angenommen. Auf dem Boden war ein merkwürdiges Symbol eingraviert worden: ein Löwe mit einem Schlangenkörper.
In den Gängen der Katakomben fand er auch einen Sarkophag, der sich leider nicht öffnen ließ. Er müsste die Dorfbewohner fragen, aber würden sie ihm auch helfen? Wahrscheinlich waren sie mit dieser Deibel-Sache beschäftigt. Augustin müsste lügen, wenn er sagen würde, dass es ihm nicht interessiere. Aber ob sich wirklich solch eine sagenhafte Kreatur hier herumtrieb? Ein deutscher Vampir?
Er schaute auf das Symbol und für einen kurzen Moment erhielt Augustin einen Blick hinter dem Vorhang. Er starrte in einen Abgrund hinein, eine kosmische Spirale, die sich ewig drehte, und er bemerkte mit Entsetzen, dass der Abgrund zurück starrte. Nachdem er wieder in der Realität war, füllte sich sein Kopf mit Ideen und Theorien.
Augustin kam wieder nach oben, dort wartete bereits Ludwig, nur noch ein Schatten seiner selbst.
»Es wird immer schlimmer …«
Sie gingen zum Gasthof. An einem Balken hing Heinrich mit ausgestreckten Armen, sein Mund zu einem ewigen Schrei verzerrt, an seinem Hals dasselbe runde Stigma. Augustin untersuchte seinen Körper. Die Haut fühlte sich pergamentartig an.
»Ein Vampir! Das sage ich! Den Friedrich hats auch erwischt!«, rief Ludwig mit schriller Stimme.
»So langsam glaube ich Ihnen …« Augustin überlegte. »Sie haben nicht zufällig etwas Dynamit, oder?«
»Ähm … Ja, der alte Wilhelm sollte was haben. War früher Kumpel unten in der Lausitz.«
»Gut. Bringen Sie es zur Kirche.«
»Was haben Sie vor?«
»Lassen Sie das mal meine Sorge sein. Ich möchte eine Theorie ausprobieren.«
Es war natürlich sehr heikel, sich selbst als Köder zu präsentieren. Doch Augustin war neugierig, ob es wirklich ein Vampir oder ein anderes Monster war. Die Zeichen deuteten darauf hin. Und endlich eine Gelegenheit, um etwas zu testen, an dem er schon lange arbeitete.
Die Tore der Kirche standen weit offen, der Raum war hell erleuchtet. Unten in den Katakomben wartete Augustin, meditierte dabei, las zwischendurch in einem kleinen, braunen Buch.
Pünktlich um Mitternacht hörte er etwas die Treppe herunterkommen. Krallen auf Stein, ein schabendes Geräusch. Der Keller wurde noch kälter, die Flammen der Fackeln zitterten. Für einen kurzen Moment hatte Augustin die Sorge, dass sie ausgehen könnten, doch das Feuer blieb standhaft.
Ein Schatten breitete sich aus, ein übler Leichengeruch kroch in die Nase von Augustin. Tod und Verwesung gepaart mit primordialem Moschus. Er richtete sich auf und drehte sich um. Da stand er, Auge in Auge mit dem Biest. Ein groteskes Ungeheuer, dessen Kopf bis zur Decke ragte. Seine Präsenz schien die gesamten Katakomben auszufüllen. Dieses Wesen hatte nichts mit Strokers ›Dracula‹ oder mit den slawischen und rumänischen Nachtgeschöpfen gemein, von denen er so oft gehört hatte. Nein, das Monster war eine gigantische Fledermaus, die auf zwei Beinen stand. Das Gesicht verdeckt hinter einer ledrigen, schmutzigen Maske, wenn es denn eine war, mit den glasigen Augen eines dämonischen Käfers. Sie erinnerte Augustin an die Gasmasken, die die Soldaten in den Schützengräben trugen. Das war es: eine abartige Kreuzung aus Fledermaus und Sturmtruppsoldat. Aus dem Filterstück kroch weiß-grüner Nebel.
»Menschenkind«, hauchte der Vampir mit tiefer Stimme. »Ich hatte mir schon gedacht, dass ich dich hier finden werde. Leider bist du am falschen Ort zur falschen Zeit gekommen. Hättest du doch nur ein bisschen gewartet, dann hättest du nichts als Asche in diesem jämmerlichen Dorf gefunden und ich wäre bereits weitergezogen.«
Augustins Nackenhaare stellten sich auf. Sein ganzer Körper schrie: »Lauf!«, doch er blieb eisern. Sein Verstand sagte ihm, dass diese Abscheulichkeit nicht erlaubt werden darf, weiter auf dieser Erde zu verweilen.
»Was willst du?«, sagte er mit zusammengepressten Zähnen.
Das Monster trat näher, verbeugte sich. »Das, was ich schon vor vielen Jahrhunderten wollte und bei dem mich deine Art gestört hatte: Fressen. Ich lebe, um zu verschlingen. Eure Existenz hat nur einen Zweck: mich zu ernähren. Denn ich bin Teil der Kraft, die stets das Böse schafft und stets das Gute verneint.«
»Deine Boshaftigkeit grenzt am Klischee. Selbst der Gehörnte rollt mit den Augen!«
Der Vampir lachte mit tiefer Stimme. Er war sichtlich vergnügt. »Ja. Während die sterbliche Welt ohne Unterlass zweifelt und ziellos umherstreift, weiß ich genau, wer und was ich bin.« Er richtete sich zu voller Größe auf, überragte Augustin um mehrere Köpfe. »Ich bin ein Gelehrter in den Wegen des Schwarzen Königs! Ich bin so alt wie die Furcht vor der Nacht! Ich bin … das Ende!«
Das Monster sprang vor, dorthin, wo Augustin es haben wollte – direkt auf das Symbol. Der junge Akademiker hatte die Überlegung angestellt, dass es sich nicht nur um ein herkömmliches, wahrscheinlich alchemistisch-motiviertes Ritual handelte, sondern um etwas wesentlich Größeres. Als der Vampir die Löwen-Schlangen-Chimäre berührte, schossen plötzlich grüne Blitze aus dem Boden, das Symbol begann zu leuchten, das Licht erfüllte den gesamten Raum. Es handelte sich um einen Bannkreis – einer, der stark genug war, um Archonten gefangen zu halten.
»Was? Nein! Nicht schon wieder«, schrie der Vampir frustriert.
Augustin zögerte keine Sekunde und nutzte die Chance zur Flucht. Das Biest tobte, während der Forscher förmlich aus der Kirche sprang. Walter wartete bereits mit einem Sprengzünder in der Hand, der Dorfschulze schaute mit schlotternden Knien zu.
Augustin gab das Zeichen, Walter betätigte den Zünder und mit einem lauten Knall brach die Kirche in sich zusammen, begrub den Vampir unter Schutt und Geröll. Es war schade, um das Gotteshaus, doch ein notwendiges Opfer für den Fortbestand der Welt.
Als der Staub sich legte, trat der Schulze auf Augustin zu.
»Ist es vorbei?«, fragte Ludwig besorgt.
»Fürs Erste, ja.«
Er klopfte sich den Dreck von den Knien und schaute dann auf den Steinhaufen, der einst eine jahrhundertealte Kirche war. »Aber es gibt noch größere Dinge – Im Zentrum des Kosmos lauert ein Parasit, eine immer wiederkehrende Krankheit, ein chaotischer Mahlstrom, dessen Einfluss über die gesamte Existenz reicht. Aus seinem Schlund kriechen Kreaturen und Geschöpfe, die wir uns nicht vorstellen können. Diese Krankheit … Schlimmer und grässlicher als der Demiurg, der über unsere jetzige Welt herrscht.«