Revolution ohne Utopie – Eine Novelle (Erstes Kapitel)

1. Kapitel – Von Bären verschlungen

Das Dorf lag in Trümmern, wahrscheinlich eine Racheaktion der Allpreußen, hier gab es nichts mehr zu holen, außer vielleicht verkohlte Überreste. Aber ein Mann konnte nicht nur von Kohle leben, ab und an brauchte er auch etwas Vernünftiges zwischen den Zähnen. Ein saftiges Stück Fleisch, für den Anfang. Ein Apfel hätte es auch getan, wenn ich ehrlich war.
Den verbrannten Ruinen nach zu schätzen, hatten wir die Truppen nur um wenige Stunden knapp verpasst. Die Spuren waren noch frisch, der Rauch stieg nach oben, das Holz strahlte Hitze aus. Eins musste man den Allpreußen lassen – sie waren gründlich in ihrem Tun. Ließen keinen Stein auf den anderen, zeigten keine Gnade. Erbarmungslose Spießer. »Fürchte den Bürgerlichen in seinem entfesselten Zorn«, sagte mein alter Herr zu mir, kurz bevor er erschossen wurde. Schon früh brachte er mir bei, dass es nichts Furchterregenderes gäbe, als den konservativen Spießbürger, der um sein Hab und Gut bangt.
Ich schaute mich um. Klarer Himmel, kaum Wolken. Es war früh am Morgen, die Sonne war noch nicht lange hervorgekrochen, sie begrüßte uns mit feurigem Schein. Das Dorf war plattgewalzt, mit Ausnahme der Kirche in der Mitte stand kein Haus mehr. Es war wie auf einem Elefantenfriedhof, überall lagen Gerippe – von Häusern … wie auch von Menschen.
Friedrich Jung stand an unserem Panzerwagen angelehnt und rauchte seelenruhig eine Zigarette, den fleckigen Stahlhelm hatte er sich unter dem Arm geklemmt. Eigentlich versuchte er, seinen Konsum zu reduzieren, schließlich waren die Sargnägel Mangelware, er wollte sie für »besondere Augenblicke aufsparen«. Vielleicht war das gerade solch ein Moment. Er wirkte wie ein Knabe im Vergleich zum kolossalen Gefährt, das wir vor einigen Monaten erbeutet hatten. Der graue »Roßbach«, wie wir ihn nannten, war ein Radtank, ehemals im Besitz der Ordnungspolizei des Deutschen Kaiserreiches, später Eigentum des Freikorps »Benn«, danach wechselte er zu den Lausitzer Todesschwadronen, bevor wir ihn dann in die Finger bekamen. Natürlich völlig legitim und legal, fair and square, wie der Inselaffe sagen würde.
Ausgestattet mit einem Allradantrieb und Geschützturm, zwei MG 08/17, einem Vier-Zylinder-Motor und einer zwölf Millimeter dicken Panzerung war dieser Wagen ein Biest von einem Automobil, der Alptraum eines jeden Infanteristen und roten Möchtegernrevolutionären. Ein Wunder deutscher Ingenieurskunst.
Früher, als alles noch Bestand hatte, war dieser Tank nur eine Androhung, ein Bote kommenden Unheils, nach der »Großen Katastrophe« wurde er eifrig benutzt, um Proletarier niederzumähen. Ich erinnerte mich noch gut daran, wie ich zum ersten Mal diesem Monster begegnet war. Es herrschte dichter Nebel und dieses Ungetüm rollte wie ein Dreadnought aus der weißgrauen Wand. Die Maschinengewehre zerfetzten mit lautem Knall Menschen wie trockene Herbstblätter. Ich konnte von Glück reden, dass ich auf der Seite der MGs stand. Trotz alledem war es furchterregend. Es war die eine Sache davon zu hören, es war die andere die Industrialisierung des Krieges hautnah mitzuerleben. Vorher vernahm ich immer nur Gerüchte, von den Zeppelins, von den großen Maschinengewehren, der Artillerie, den Flugzeugen, den Gaswaffen – den Tanks. Ich war damals zu jung, um das mit Stacheldraht umzäunte Niemandsland betreten zu können. Als die Besiegten mit ihren ausdruckslosen, verhärteten Gesichtern heimkehrten, erblickte ich in ihnen eine neue Rasse von Automaten, Maschinen des Krieges, eine Verschmelzung von Fleisch und Stahlhelm, die Waffe war eine Verlängerung der Gliedmaßen geworden. Da wusste ich: Das ist die Zukunft!
Arthur von Brück gesellte ich zu uns, ein schlanker Mann mit kalten Augen, das Gesicht ewig zu einer Faust geballt. Die Maschinenpistole hing lustlos über seine Schulter. Er schnaufte.
»Nichts, absolut nichts, nicht mal ein Hahnenschiss. Die Allpreußen haben schon alles mitgenommen, diese elendigen Ratten. Hätten uns ja wenigstens ein paar Krümel übrig lassen können. Oder ist das zu viel verlangt? Gierige Bastarde, schlimmer als die Juden. Ich sage euch, in deren Blut fließt bestimmt auch …«
»Übertreib es nicht, Arthur.« Es sprach unser Anführer, Hauptmann Florian Geyer. Einst führte er eine Armee aus Bauern an, das war noch vor der »Großen Katastrophe«. Er träumte von einer bessarabiendeutschen Republik, frei von den Klauen Moskaus und Berlin. Doch sein Marsch scheiterte, die Rumänen verleibten sich Bessarabien von den Russen, die mit sich selbst beschäftigt waren, ein, schlugen den Aufstand der deutschen Siedler nieder und deportierten Hauptmann Geyer zurück nach Deutschland, wo er eine Haftstrafe absitzen durfte.
Nach der »Großen Katastrophe« floh er aus dem Gefängnis, schloss sich einigen Freikorps, Räuberbanden und Widerstandsbewegungen an (manchmal waren sie ein und dasselbe), doch er sah darin keinen Sinn mehr. Er wandte sich ab … und fand uns.
Der Hauptmann kniete in der grauen Asche. Sein Blick starrte zum Boden, er schien in Gedanken versunken zu sein. In der Regel war es schwer zu deuten, was in seinem Kopf vor sich ging. Er war ein Mann voller Mysterien und Rätsel, in die er uns selten einweihte. Wer wusste überhaupt, ob das, was er uns mitteilte, der Wahrheit entsprach. Doch trotzdem liebten wir ihn wie einen älteren Bruder, der er am Ende des Tages für uns war.
»Was glaubst du, wer das Ziel war, Chef?«, fragte ich.
Er stand auf und klopfte sich den Dreck von der Hose. Seine Stiefel und sein alter Staubmantel hatten schon bessere Tage gesehen. Sein stählerner Blick fixierte mich. Blassgrüne Augen, eine Narbe verlief über Wange, Mund und Kinn. Handelte es sich um eine Kriegsverletzung oder war er früher in einer Burschenschaft gewesen? Mit seinem Stahlhelm und seiner schwarzen Kleidung verkörperte er die neue Rasse, die diesen Planeten bevölkern wird, perfekt.
»Schwer zu sagen, Salomon. Ich vermute, es waren Brandenburgische Separatisten – die Lausitzer wagen sich normalerweise nicht so weit nach Norden. Die fühlen sich in der Nähe von Cottbus pudelwohl und haben keinen Grund, hier zu marodieren. Aber es lässt sich nicht sagen, die Allpreußen haben sicherlich alle Banner und Flaggen verbrannt. Und die Überlebenden wurden ins Landesinnere verschleppt, da bin ich mir sicher.«
»Die Brandenburger? Die werden doch von diesen jüdischen …«
»Reicht jetzt wieder, Arthur«, entgegnete ich. Jung lachte und schnippte die Zigarette weg.
»Heb sie wieder auf«, befahl der Hauptmann. »Die ist nicht einmal zur Hälfte aufgeraucht, die kann man noch benutzen. Sei nicht immer so verschwenderisch.«
Er wollte zuerst protestieren und eine Schimpftirade loslassen, doch er besann sich eines besseren und hob reumütig den Stummel auf, verstaute ihn in seiner Tasche.
»Was suchen wir überhaupt in dieser trostlosen Gegend, Boss? Vorräte können es ja nicht sein. Dann hätten wir ja weiter nördlich schauen können. Du weißt, da wo auch Zivilisation ist.« Das war Oswald Paetel– einst kämpften wir auf gegenüberstehenden Seiten, heute nannte ich ihn Kamerad. Er war vielleicht ein oder zwei Jahre älter als ich. Anfangs verstanden wir uns nicht, doch wir lernten, die Perspektive des anderen einzunehmen und die Wogen zu glätten.
»Ich hatte ein Gefühl, dass hier …«
»Ein Gefühl?«, fragte Paetel verwirrt.
»Egal. Helme auf und festgezurrt, wir ziehen los! Wir haben lange genug getrödelt. Es gibt noch eine Menge zu tun!«
»Chef, wie wäre es, wenn wir die Kirche da noch durchsuchen?«, sagte Jung und zeigte auf das unbeschadete Gebäude, ein Gotteshaus im gotischen Stil. Die Allpreußen hatten dem Gebäude kein einziges Haar oder besser gesagt: keinen einzigen Stein gekrümmt.
Hauptmann Geyer überlegte für einen Moment. »Warum nicht? Ich bezweifle zwar, dass wir noch etwas finden werden, aber es kann ja nicht schaden.«
»Sicher ist sicher«, pflichtete von Brück bei.
Wir entsicherten unsere Pistolen und marschierten geordnet auf die Kirche zu. Jung und Paetel nahmen Position bei den Fenstern ein, konnten aber aufgrund der Dunkelheit nichts erkennen. Von Brück und ich stellten uns an die Tür, bereit sie auf Befehl aufzustoßen. Der Hauptmann zielte mit seiner Maschinenpistole. Wir warteten auf sein Zeichen.
»Es ist immer eine gute Idee, die Vordertür zu nehmen«, sagte von Brück im scherzhaften Ton.
»Niemand rechnet je mit einem Frontalangriff.«
»Wohl wahr, Salomon, wohl wahr.«
Ich hielt die Maschinenpistole fest umklammert, Schweißtropfen flossen an meiner Schläfe entlang, die Haut juckte. Meine Nerven waren wie Bogensehnen gespannt, gleich einer Mausefalle drohte ich, bei der kleinsten Bewegung zuzuschnappen. Geräusche, Gerüche, die Umgebung – alles wirkte intensiver. Meine antrainierten Instinkte begannen fieberhaft zu arbeiten. Es war wie ein Schweizer Uhrwerk, jedes Zahnrad griff in das nächste. Mein Körper gierte nach Blut, nach dem Aroma von Blei und Schießpulver.
Ich blickte in das Gesicht von von Brück, seine hellblauen Augen waren auf den Eingang fixiert. Seine Atmung war flach, sein Brustkorb senkte und hob sich nur leicht. Er hielt seine Waffe so fest, dass das Weiße an den Knöcheln hervortrat. Ich sah sehr deutlich, wie eine einzelne Schweißperle den Weg von seiner Stirn nach unten suchte.
Zeit wirkte anders, deutlich gedehnt. Alles war so viel langsamer. Ich hörte meinen Herzschlag, das Pochen in meinen Schläfen. Es war wie die Kriegstrommel eines primitiven Stammes. Ein uraltes Gefühl aus den Tiefen des Unterbewusstseins drang an die Oberfläche.
Wir waren ausgehungert, die letzte Auseinandersetzung war zu lange her. Was würden wir im Inneren erwarten? Ein zurückgebliebener Trupp Allpreußen? Separatisten? Eine Bombe? Eine heimtückische Falle? Ich konnte es kaum noch erwarten, herauszufinden.
»Sturm!«, rief Hauptmann Geyer und wir stießen die großen Flügel der Holztür auf. Währenddessen zerbrachen unsere beiden anderen Kameraden die kostbaren Buntglasfenster und rollten in die Kirche hinein. Danach folgten von Brück, ich und der Chef durch das Haupttor. Was wir fanden, überraschte uns doch ein wenig. Zuallererst, die Kirche war nahezu leer. Die Bänke waren rausgerissen und der Altar geplündert worden. Alles, was nicht angenagelt war, hatten die Allpreußen mitgenommen. Wenn ich es mir recht überlegte, hatten sie sicherlich auch die Nägel mitgenommen.
»So viel zum frommen preußischen Protestantismus«, kommentierte Jung. »Lassen das Haus Gottes stehen, bestehlen Ihn aber trotzdem. Was für elendige Hunde. Wahrscheinlich haben sie die Reliquien entweder eingeschmolzen oder sie verstauben jetzt in irgendeiner hässlichen Kirche.«
Vorne am Altar kniete ein älterer Herr und betete leise. Seine Kleidung, einfache Leinensachen, verrieten ihn als Bauern aus der Gegend. Er schien unser Kommen gar nicht gehört zu haben. Dabei hatten wir uns so viel Mühe gegeben.
Hauptmann Geyer schritt zu ihm hin, packte den Knecht an der Schulter und riss ihn auf die Beine. Er schrie, entweder vor Schreck oder vor Schmerzen, das ließ sich schwer sagen. Sein grauer Bart stand in allen Richtungen ab, sein Gesicht war rußbedeckt. Er hielt seine Arme schützend hoch, die Knie waren leicht gebeugt. Eine unterwürfige Haltung, die diesem Mann sicherlich im Blut lag. Die alten preußischen Reformer mochten die Bauern befreit und den Feudalismus abgeschafft haben, doch das änderte im Verhalten der adligen Gutsbesitzer nicht viel. In solchen Gegenden reichte ein Edikt nicht weit. Auch die Reichsgründung und die Modernisierung gingen diesen dörflichen Tyrannen wahrscheinlich am Arsch vorbei. Sie lebten in ihrer eigenen kleinen Welt, wo die feudalen Gesetze für immer gültig waren.
»Bitte … Bitte, mein Herr … ich habe Euch doch schon alles gegeben. Was wollt Ihr denn noch?«, wimmerte er.
»Hör auf zu flennen, Alter. Wir wollen dir nichts tun … vorausgesetzt, du erzählst uns, was hier vorgefallen ist. Wer hat hier wem getötet? Und mach schnell, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!«
»Mein Herr … Mein Herr!« Er heulte und flehte.
Hauptmann Geyer schlug ihn einmal kräftig ins Gesicht. Der Alte schien wieder ein wenig zur Besinnung zu kommen. Manchmal wirkte Schmerz wahre Wunder.
»Hauptmann, du hast ein richtiges Händchen für die kleinen Leute«, rief Paetel und kicherte.
»Ruhe auf den billigen Plätzen«, entgegnete er ernst, doch konnte er sich ein Lächeln nicht verkneifen.
»Verzeiht mir, mein Herr …«, sagte der Bauer schwach.
»Rede, sonst kriegst du noch eine. Und das zweite Mal tut definitiv mehr weh, das kann ich dir versprechen.«
»Gewiss, Herr, gewiss doch.«
»Na dann, ich warte!«
Er zuckte. »Die Allpreußen! Die Allpreußen waren es! Sie kamen in unser Dorf! Ohne Ankündigung!«
»Wie viele waren es?«
»Ich weiß nicht, ich kann mich nicht erinnern …«
»Streng dich an!«
Die Stirn des Bauern legte sich in Falten. »Vielleicht … vielleicht drei Dutzend, vier Dutzend, fünf Dutzend. Es waren viele, sehr viele. Sie kamen einfach hierher, stellten Fragen!«
»Was wollten sie?«
»Sie …«, er stammelte, versuchte Worte zu finden, »sie suchten die … die Brandenburger … die Separatisten. Sie glaubten, dass wir welche versteckt hätten.«
»Und hattet ihr?«
Er schwieg, sah betreten zu Boden, spielte mit den Händen. Seine Lippen pressten aufeinander. Der Bauer verheimlichte etwas. Hauptmann Geyer schlug ihn gegen die Schulter.
»Hey! Frage-Antwort! So einfach ist das!«
»Mein Sohn war … einer von ihnen.«
»Verstehe. Und dann?«
Der Mann kämpfte mit den Tränen. »Sie brachten uns alle auf den Marktplatz. Sie … Herr im Himmel … sie teilten uns auf. Die eine Hälfte verblieb an Ort und Stelle, die andere … brachten sie aufs Feld. Dann … dann sagten sie uns, dass wir nun eine Wahl hätten: Entweder wir verraten ihnen, wo die Separatisten sind oder …«
»Oder was?«
»Oder sie richten nach jeder Frage fünf Menschen hin. Sie fragten, wir schwiegen. Ich wollte nicht, dass mein … Ich konnte es nicht. Sie wiederholten das Spiel so lange, bis jemand vortrat. Ich kannte ihn, er war kein schlechter Mensch, verstehen Sie, mein Herr? Er war ein guter Vater und ein guter Brandenburger, doch seine Kinder und seine Frau waren an der Reihe und da … da konnte er nicht mehr. Gott, so viele …« Tränen liefen seinen dreckigen Wangen hinunter. Er schluchzte.
»Erzähl weiter, lass dich jetzt nicht ablenken.«
»Sie hörten nicht auf! Sie hörten nicht auf! Sie fanden meinen Sohn und seine Freunde und sie haben ihn an Ort und Stelle erschossen! Sie hatten keine Chance! Die Allpreußen stellten sie an die nächstgelegene Wand und schossen! Dann nahmen sie unsere Tiere weg und brannten unsere Häuser ab und plünderten unsere Kirche! Mein Herr, mein Sohn, er … Er wollte für eine bessere Welt kämpfen, frei von der Tyrannei dieser Monster, er war kein schlechter Kerl, verstehen Sie?«
»Was ist mit den anderen geschehen?«
»Den anderen? Sie wurden verschleppt, weiß Gott wohin … Ich konnte fliehen, sie waren beschäftigt, versteckte mich in der Kirche. Sie verbrannten oder verbuddelten die Leichen. Irgendwann zogen sie ab … Dann sind Sie erschienen, mein Herr.«
»Sehr interessant, hatte ich es mir doch gedacht«, der Hauptmann streichelte sein Kinn, während er den älteren Herrn betrachtete.
»Nun, Chef … Sollen wir ihn umlegen?« Von Brück trat an unseren Anführer heran. Der Bauer machte aufgrund der einfach in den Raum geworfenen Aussage große Augen und begann, heftig zu zittern und zu wimmern. Er fiel auf die Knie, flüsterte schnell Gebete. Er war sich sicher, dass seine letzte Stunde geschlagen hatte. Der arme Kerl war den tollwütigen Allpreußen entkommen, nun musste er trotzdem um sein Leben fürchten. Seine Zukunft lag in den Händen von unbekannten Soldaten, die wie Sensenmänner für ihn aussahen. Wie hungrige Werwölfe waren wir über ihn hergefallen, eine Truppe von Dämonen aus Stahl, Leder und Fleisch.
»Feinfühlig wie immer … Nein, wir lassen ihn in Ruhe. Er ist schon genug bestraft worden. Ich sehe keinen Sinn darin, ihn zu töten. Soll er Zeuge der Bestialität der Allpreußen sein.«
»War ja auch nur ein Scherz, Hauptmann«, von Brück versuchte zu lächeln. Das gelang nicht wirklich, es sah grotesk aus.
»Ja ja, ich kenne deine Scherze, Arthur. Manchmal stehen sie mir bis hier.« Er machte eine schnelle Handbewegung am Hals.
»Tut mir leid, Hauptmann.«
»Es sei dir verziehen … fürs Erste.«
Jung nahm seine runde Brille ab, auf ihren Gläsern hatte sich Staub angesammelt. Er wischte sie mit seinen Mantel sauber. Nachdem er wieder den Durchblick hatte, fragte er in den Raum hinein: »Und nun?«
»Was ›und nun‹?«, antwortete Hauptmann Geyer. »Wir taten das, was wir vorhin tun wollten: Abziehen. Satteln wir Roßbach und hauen dann ab. Ich hab genug von dem Geruch von Asche am Morgen.«
»Unter der Schwarzen Sonne blüht nichts als Asche …«
»Wie war das, Arthur?«
»Nichts, ich hab ich mich nur an eine Zeile aus einem Gedicht erinnert. Damals im Reichshammerbund …«
»Wir haben jetzt keine Zeit für die alten Kamellen! Marsch!«
»Was wird eigentlich aus dem armen Schlucker?«, fragte Paetel noch schnell.
Wir drehten uns um, doch dem Bauer war nicht mehr zu helfen. Die ganze Aufregung war dem Kerl zu Kopf gestiegen und er hatte das Bewusstsein verloren.
»Der wird schon wieder«, bestätigte der Chef und damit war die Sache abgehakt.
Wir stiegen in Roßbach hinein, zufälligerweise bot das Gefährt Platz für genau fünf Personen und fuhren davon, ließen das abgebrannte Dorf und den übriggebliebenden Bauern mit seinen düsteren Gedanken zurück.
Allpreußen – der Name ließ Furcht in den Herzen eines jeden Deutschen und Polacken hochkommen. Sie waren für ihre Grausamkeit und ihren paranoiden Wahnsinn bekannt. In allen Gebieten des zersplitterten Vaterlandes hörte man ihren Namen – und zitterte. Egal ob nun in den besetzten Westgebieten, im Bayerischen Königreich, in Mecklenburg, in der »Sozialistischen Republik Vorpommern«, in der »Fränkischen Räterepublik«, in der »Baden-Württembergischen Union« oder in den Freien Städten. Sie waren gefürchtet.
Nach der »Großen Katastrophe« hatten sie es mit Demokratie versucht, doch anscheinend war das nicht nach ihren Geschmack. Die Massen wollten mehr, sie wollten Sozialismus, sie wollten Sowjets, sie wollten die »vollendete Revolution«, statt mit dem zufrieden zu sein, was sie hatten. Aufgestachelt von Radikalen probten sie den Aufstand. »Brot, Land und Frieden«, schrien sie in den Äther hinein. Ihr Ruf wurde gehört, aber der Empfänger war mit der Nachricht alles andere als zufrieden. Die Revolution wurde niedergeschlagen, ihre Anführer hingerichtet, das demokratische Experiment abgeblasen. Die »Allpreußische Vaterlandspartei« übernahm die Macht, sie war ein schwacher Widerhall vom »Vaterländischen Verband«, der vor der »Großen Katastrophe« existierte.
Angeführt wurde Allpreußen von einem alten Feldmarschall, der sich im Osten Europas einen Namen gemacht hatte. Er galt als kalt, unbarmherzig und überaus reaktionär, doch sein monarchistischer Zorn konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er einer sterbenden Idee, die in dieser neuen Welt keinen Platz mehr hatte, nachhing. Dieser greise Heerführer regierte von seinem Mausoleum aus, mitten in der Totenstadt Potsdam, einst ein architektonisches Kronjuwel, der Stolz des alten Fritzen – heute nur noch ein infektiöses Krebsgeschwür aus Ruinen und verblassten Träumen. Früher eine Residenzstadt, wo Könige und Kaiser herrschten, wanderten nun lebende Leichen in ihren leeren Hallen.
Die Verlegung des Machtzentrums von Berlin nach Potsdam war nicht nur symbolischer Natur, sondern hatte auch einen pragmatischen Ansatz. Die einstige Hauptstadt des Kaiserreiches, damals eine der größten Städte der Welt, war zu einem ewigen Kriegsschauplatz verkommen, wo die Überreste der deutsch-preußischen »Roten Armee« erbittert gegen »weiße« Truppen kämpften. Der Feldmarschall pumpte Unmengen von Ressourcen in diesen Konflikt, nicht um die Hauptstadt zurückzuerobern, nein, mit diesen Gedanken hatte er bereits abgeschlossen, sondern um »kaiserliche Artefakte« zurückzuholen. Dafür starben junge Männer in den dreckigen, verwinkelten Gassen von Berlin. Dieser Krieg hatte keinerlei strategischen Sinn, es ging nur um Symbole, Prestige, Ehre und falschen Stolz.
Die Allpreußen träumten von der Wiederherstellung der preußischen Nation, ihr Reich soll an die Spitze Europas klettern, ein Kraftwerk im Herzen des Kontinents. Dafür gingen sie massenhaft über Leichen und legten sich mit jedem an, der auch nur in ihrer Nähe war: Sachsen, Polacken, Mecklenburger, Thüringen, Franzmänner und Briten. Die Sachsen und Thüringer bekamen ihre Grausamkeit zuerst zu spüren. In den ersten Tagen hörte man oft von Massenerschießungen, Niederbrennen historischer Städte und Bombardements ganzer Landstriche – in manchen Gegenden gab es keine Menschen mehr, das erinnerte mich an die Geschichten, die ich als Kind über den »Dreißigjährigen Krieg« gelesen hatte.
Trotz ihrer Antiquiertheit waren die Allpreußen Vorreiter in der industrialisierten Kriegsführung. In ihren Hinterlanden bauten sie Netzwerke von Schinderhütten auf, die in ihrer Effizienz mehr Fabriken als herkömmlichen Kriegsgefangenenlager glichen. Dorthin verschwanden die Menschen, wenn sie in die Fänge der Allpreußen kamen und sich weigerten, in die immer größer werdende Armee einzutreten. Sie nutzten auch jedes zur Verfügung stehende technische Wundermittel der Moderne: Tanks, Panzerzüge, Flugzeuge, gigantische Artilleriegeschütze, Minenwerfer, riesige MGs. Würde ihre Grausamkeit nicht solch einen Widerstand in den Menschen wecken, hätten sie das Zeug, Deutschland wieder zu vereinen.
Doch daraus wurde nichts, dafür waren sie zu sehr mit Rebellengruppen beschäftigt. Ständig mussten Truppen von den Fronten abgezogen werden, um Widerstandsnester auszuräuchern. Eine dieser Gruppen war die »Bewegung für ein unabhängiges Brandenburg«, eine große, regionalistische Separatistenorganisation, die die Allpreußen zum Schwitzen brachten.
Die andere Gruppe waren die Lausitzer mit ihren Todesschwadronen, die durch den Süden Brandenburgs reisten und jeden »Blaurock« lynchten, der sich in ihr Blickfeld wagte. Es hieß, sie kämpften mit umgebauten Bergbaufahrzeugen.
Dann gab es natürlich noch allerhand sozialrevolutionäre und sozialistische Vereinigungen, wobei diese mehr in und um Berlin konzentriert waren. Seit die finanzielle wie materielle Förderung vom russischen Zentralkomitee aber nachließ, sahen sie sich zunehmend mit dem Rücken an die Wand gestellt. Nur dank des urbanen Häuserkampfes waren sie in der Lage, sich noch über Wasser zu halten. Die Frage lautete nur: Für wie lange noch?
Übrig blieben noch die polnischen Nationalisten, die unbedingt ein Stück vom deutschen Boden haben wollten. Nach der »Großen Katastrophe« konnten sie ihren Witz von einem Staat wiederherstellen, natürlich nur mit der großzügigen Hilfe der verfluchten Schangelbrut. Allein hätten die Polacken es niemals geschafft. Und sobald ihre glorreiche Nation wieder stand, nach ach so vielen Jahren der Unterdrückung, fiel ihnen nichts Besseres ein, als einen allumfassenden Krieg gegen Deutsche, Russen, Tschechen, Slowaken, Ungarn, Ukrainer und Weißrussen zu führen. Alles nur für ein Groß-Polen! Die Allpreußen waren nicht die einzigen mit alten Träumen …
Der Wagen schaukelte über die holprige Straße und ich döste ein. Ich fand mich in den Straßen von Wien wieder, das ich als Bursche besucht hatte. Früher hoffte ich, nach Österreich-Ungarn ziehen zu können. Ich wusste nicht, was mich dorthin zog, vielleicht die Geschichte, vielleicht die Kultur – die Habsburger-Monarchie konnte es jedenfalls nicht gewesen sein. Es war stille Nacht, die Straßen waren menschenleer. Die Gaslaternen leuchteten hell. Ich fühlte mich wieder wie ein Kind. Ein schwarzer Schatten huschte über meinen Kopf hinweg. Etwas Großes landete hinter mir, ich bekam es mit der Angst zu tun. Ich versuchte zu rennen, doch es war, als wäre mein Körper von dickflüssigem Honig umgeben. Es packte mich an den Schultern, scharfe Krallen schnitten in mein zartes Fleisch, ich spürte warmes Blut an meinen Armen. Das Ding drehte mich um, ich starrte in ein mit Reißzähnen überquellendes Maul. Pechschwarze Augen lugten aus den viel zu kleinen Schädel hervor. Es stank nach Verwesung.
Eine tiefe, gurgelnde Stimme drang aus dem Inneren dieses primordialen Biestes hervor.
»Wohin geht eigentlich die Reise, Chef?«
Ich riss erschrocken die Augen auf. Da war kein Monster, kein Wien, wir waren im Panzerwagen. Von Brück schnarchte vor sich hin, Jung schnitzte eine Holzpfeife, das kleinteilige Handwerk nahm all seine Aufmerksamkeit ein. Hauptmann Geyer saß vorne.
»Was?«, fragte.
»Oh, du bist wach. Gut geschlafen?« Paetel, es war Paetel, der gesprochen hatte. Er fuhr Roßbach, vor der »Großen Katastrophe« arbeitete er als Mechaniker. Er war einer der wenigen, die sich mit diesem Koloss auskannten.
»Ich hatte den Chef gefragt, wohin die Reise geht.«
»Wir werden unseren lieben Nachbarn einen kleinen Besuch abstatten. Ein kurzer Abstecher in feindliches Gebiet.« Der Hauptmann hatte die Arme vor der Brust verschränkt, sein Stahlhelm lag auf dem Schoß. Ich konnte ganz klar den weißen Totenkopf erkennen, der mich freudig anlächelte.
»Ist für uns nicht überall ›feindliches Gebiet‹?«, fragte Paetel kichernd.
»Wohl wahr, da hast du durchaus recht, mein kameradschaftlicher Genosse. Aber dieses ›feindliche Gebiet‹ ist etwas Besonderes. Man könnte behaupten, dass dieses kleine Volk uns noch mehr hasst, als die Franzacken es bereits tun.«
»Dieses minderwertige Trümmervolk wurde lange genug von uns verschont! Lass uns ein paar Hohlköpfe von Hälsen absäbeln!« Von Brück war aus seinem Schlaf erwacht.
»Normalerweise würde ich dich für deinen fehlgeleiteten völkischen Nationalismus tadeln«, erklärte der Chef, »aber diesmal mache ich eine Ausnahme. Es ist schließlich nicht aller Tage, dass wir einen Abstecher ins gelobte Land machen!«
»Was gibt es dort, Hauptmann?«, fragte ich neugierig.
Er legte die Fingerspitzen zusammen. »Eine mögliche Spur …«
Das Ziel war damit festgelegt: Der Schwarze Haufen fährt nach Polen!

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