Die mysteriösen Fälle von Rookie und Seth – Episode 3: Zweites Leben

Einsam fuhr das rote Auto durch die weite, menschenleere Landschaft. Die Straße, wenn man sie denn so nennen konnte, war nichts weiter als ein staubiger Pfad, der wahrscheinlich vor hundert Jahren mal asphaltiert war. Das Auto, das nur durch Rost und Glaube zusammengehalten wurde, bretterte durch jedes Loch. Es war sinnlos ihnen auszuweichen, es waren einfach zu viele. Man sollte nur hoffen, dass das Auto es aushielt. Sonst konnte es schnell böse enden. Wer in dieser Gegend einen Platten hatte, dem blieb eigentlich nur noch Beten. Die nächste Stadt war unzählige Meilen entfernt. Doch selbst wenn eine Siedlung mit einem guten Fußmarsch zu erreichen sei, sollte davon abgeraten werden alleine und ohne Bewaffnung loszumarschieren. Die Wildnis von Belikajastran war nichts für unerfahrene Wanderer und Touristen. Schon so manch irrgeleitete Seele fand sich später in irgendeiner schmutzigen Lagerhalle gefangen oder von einem Rudel streunender Hunde zerfleischt. Und selbst wenn der Verlorene nicht in eine solche Gefahr geriet, gab es andere Dinge, die einem nach dem Leben trachten konnten. Die Nächte von Belikajastran konnten bitterkalt sein, weit unter dem Gefrierpunkt. Die Tage waren so heiß, da schmolz einem schnell das Gehirn weg. Hoffentlich hatte man genug zu trinken eingepackt. Seen und Flüsse waren rar gesät. Kleiner Tipp falls jemand ein Gewässer finden sollte: Nicht daraus trinken, ist nicht gesund.

Die Landschaft von Belikajastran war nicht saftig grün und voller Leben. Sie war braun, gelb und grau. Eher geprägt von Sträuchern, Gräsern und vereinzelten Wäldern. Im Süden Steppe und im Norden Tundra, wo nur Moos und Berggräser wuchsen.

In dem rasenden Gefährt saßen zwei Personen. Man könnte sie als obskure Persönlichkeiten beschreiben. Der Fahrer war ein älterer Herr. Außenstehende würden ihn wahrscheinlich als Mitte fünfzig, Anfang sechzig beschreiben. Glaubt mir, er war weitaus älter. Seine Haare waren grau und ungekämmt. Der Bart war genauso wild. Die Augen strahlten ein tiefes Selbstbewusstsein aus. Die Augen und das Gesicht passten nicht so recht zueinander. Sie schienen eher zu einem jugendlichen Draufgänger als zu einem alten, faltigen Mann zu gehören. Nach all den Jahren hatten die Augen noch immer diese Kraft. Er trug eine schwarze Lederjacke, die schon bessere Tage gesehen hatte und darunter ein einfaches, weißes Hemd. Sein Blick schaute konzentriert auf die löchrige Straße.

Neben ihn saß seine Partnerin. Böse Zungen würden munkeln, sie wäre die Freundin oder die Geliebte vom Fahrer. Doch bevor die Zungen den Gedanken vollständig ausgesprochen haben, hätte der alte Mann sie bereits raus gerissen. Gleich nachdem die Partnerin den Besitzern der bösen Zungen kräftig in die Weichteile getreten hätte.

Trotz ihres katzenhaften Aussehen, sollte man sie nicht unterschätzen. Sie hatte ordentlich Biss und scharfe Krallen. Und sie war sich nicht zu schade, die beiden auch zu benutzen.

Ihre Augen funkelten smaragdgrün. Der richtige Mann könnte darin ertrinken. Es gab diesen einen Mann, doch über den reden wir erst später. Ihr schwarzes Fell glitzerte in der langsam untergehenden Sonne. Ab und zu wurde das Schwarz durch blasse, braune Flecken durchbrochen. Ihre kastanienbraunen Haare trug sie kurz und offen. Sie war nie ein Fan von Pferdeschwänzen gewesen. Oder langen Haaren. Sie kleidete sich in einem rotschwarz-karierten, ausgewaschenen Flanellhemd, einer gewöhnlichen Jeans mit einigen Löchern und schwarzen Stiefeln mit hohen Absätzen. Die Männer schauten ihr immer lustvoll hinterher, wenn sie auf dem Gehweg spazierte. Das Klackern der Absätze machte sie wild. Sie gierten nach der Exotik. Doch niemand sollte auch nur daran denken, sie blöd anzumachen. Man konnte sich schnell ein paar tiefe Kratzer einfangen. Ihre beiden Mütter haben ihr immer beigebracht: Nimm dich in Acht vor Männern, besonders von der menschlichen Sorte. Wenn sie dir zu nahe kommen, zeig ihnen wozu eine Neko fähig ist.

Sie schaute aus dem Fenster, Sträucher und Büsche zischten vorbei. Doch ihr Auge blieb an etwas Interessantes hängen. Ein paar hundert Meter von der Straße entfernt, befand sich eine Panzerkolonne, ungefähr fünf Stück. Wie große Metallkühe standen sie einfach auf der Weide herum. Längst vergessen, vor unzähligen Jahren zuletzt bewegt. Der Lack war längst abgeblättert, der Rost hatte übernommen. Zwischen der Laufrolle wuchsen Gräser und kleine Wurzeln. Auf einem der Panzertürme hatte ein Vogel sein Nest gebaut. Eine kleine, braune Maus kletterte in das Kanonenrohr hinein, wahrscheinlich hatte sie dort Jungen. Das jetzige Bild stand im völligen Kontrast zu der Funktion dieser Maschinen. In der Vergangenheit waren sie todbringendes Kriegsgerät, jetzt dienten sie als Unterschlupf und Lebensraum für Tiere und Pflanzen.

»Sag mal, Oldtimer«, begann die Katzendame, »Wir sind jetzt schon öfters an solchen Panzern vorbeigefahren. Was sind das für Teile? Woher stammen die?«

»Bringt man euch in den gonzzolischen Schulen eigentlich nichts mehr bei?«, grummelte der alte Mann.

»Das Thema Belikajastran wird gerne … ignoriert.«

»Hab ich mir eigentlich schon gedacht. Eine nationale Schmach vergisst man selten schnell. Das sind Panzer aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges, wahrscheinlich sogar welche von den Slavaken. Oder von den Freikorps. Schwer zu sagen, ohne die Farbe. Entweder die hatten kein Benzin oder keine Lust mehr. Desertionen waren damals nicht selten … Krieg zehrt an den Nerven, das macht keiner lange mit.«

»Der Krieg muss ziemlich furchtbar gewesen sein.«

»Jeder Krieg ist furchtbar, Rookie. Doch dieser Krieg … dieser Krieg war einer der furchtbarsten«, sein Blick wurde leicht glasig, so als würde sich vor seinem Auge eine alte Erinnerung abspielen. Ja, dieser Krieg war furchtbar. Unzähliges Leid. Belikajastran hatte sich bis heute nicht davon erholt. Noch immer gab es kleinere Grenzkonflikte. Die autoritäre Regierung unter der Führung von Präsident Artjom Sokolow vermochte es nicht Kontrolle über das gesamte Land auszuüben. In den wilden, rauen Ecken herrschte nicht der Staat, sondern Banden von Paramilitärs. Wobei, manchmal war der Unterschied nicht ganz genau zu erkennen. Die Volksarmee und die unzähligen kleinen Korps glichen sich mehr als man dachte. Die Übergänge waren auf jeden Fall fließend.

»Kannst du mir vielleicht noch etwas mehr davon erzählen?«, fragte Rookie. Sie wollte die Monotonie der Fahrt etwas auflockern, es wurde schnell langweilig, wenn man mehrere Stunden in einem engen Auto eingesperrt war.

Seth wollte etwas sagen, doch ein starker Hustenanfall unterbrach ihn.

»Alles in Ordnung?«

»Ja, ja … Geht schon«, er schniefte mit der Nase, »Ich glaub, ich glaub, ich hab mir was eingefangen. Vielleicht ‘ne Grippe oder so etwas. Geht mir schon seit ein paar Tagen ein wenig übel. Muss wohl dieser dreckige Nebel von dieser Scheißinsel gewesen sein. Du weißt ja, man verkühlt sich schnell den Arsch.“

»Hast du dich nicht untersuchen lassen?«

»Wolltest du nicht etwas über den Krieg wissen?«

»Ja … Aber ich mache mir auch …«

»Also, es fing so an, wie Unabhängigkeitskriege immer anfingen: Mit Unruhen. Die Slavaken wollten schon seit geraumer Zeit ihr eigenes Land. Die gonzzolische Bundesregierung fand das jetzt nicht so amüsant und schickte die Bereitschaftspolizei los, die sich um die Brandherde kümmern sollte. Dabei gingen sie taktvoll vor, wie ein Behemoth in einem Porzellanladen. Erst fielen Schüsse, dann fielen Menschen. Das brachte der Bundesregierung nicht gerade Sympathiepunkte bei den Slavaken ein. Schneller als man Volksbefreiungsarmee aussprechen konnte, kam es auch schon zu bewaffneten Konflikten. Genozid hier, Vertreibung da, Warlords dort drüben. Entgegen aller Erwartungen stand am Ende der belikajastranische Staat. Wobei stehen vielleicht das falsche Wort ist, wackeln trifft es wohl eher.«

»Das ist alles faszinierend. Schade, dass ich das nie in der Schule gelernt habe.«

»Ja«, Seth hustete wieder, »Da hast du echt etwas verpasst …«, der Husten ging weiter, er hörte sich ziemlich schleimig an.

Rookie beließ es erst mal mit Seth zu reden, es schien ihm Moment nicht gut zu bekommen. Sie nahm die braune Akte, die auf ihren Schoss lag, in die Hand und blätterte darin. Auf dem Deckblatt war ein schwarz-weiß Foto von einem glatzköpfigen Mann mit einer Büroklammer befestigt worden.

Vor einem Tag befanden sich Rookie und Seth in eine der oberen Etagen des Versteckten Hauses. Der Sekretär des Direktors, ein Mann namens Plume, hatte sie dorthin beordert. Es galt als eine Art Privileg in das Büro des Chefs einzutreten. Es war ein ziemlich schlichtes Zimmer, doch es strahlte eine seltsame Aura von Autorität und Professionalität aus. Die Wände waren grau, an der linken Wand befand sich eine lange Reihe von Porträts, die die früheren Direktoren der AOO zeigten. Auf der rechten Seite stand ein großes Bücherregal, darin befanden sich Werke, die sich mit Okkultismus, urbanen Legenden, schwarze Magie, Volksmärchen, Management, Jura, Ritualen, Religion und Philosophie auseinandersetzten. Jeder Direktor hatte seine eigenen Vorlieben.

In einer geraden Linie zur Tür stand ein brauner Schreibtisch, eine echte Antiquität. Auf der Vorderseite hatte jemand das Logo der AOO eingraviert: zwei sich überlappende Monde, davor ein Dreieck.

Plume stand mit hinterm Rücken verschränkten Armen vor einer langen Fensterreihe. Draußen befand sich das Weiße Nichts, das Versteckte Haus hatte sich in seine Zwischendimension zurückgezogen. Schon so mancher Direktor hatte überlegt, ein Expeditionsteam in diese fremde Welt zu entsenden, doch diese Idee ging nie über die Planungsphase hinaus. Vielleicht befand sich dort draußen wirklich einfach … nichts.

Der Sekretär war, je nachdem wem man fragte, die zweit- oder fünftwichtigste Person in der Organisation. Er war die rechte Hand des Direktors. Er kümmerte sich um seine Termine, vertrat ihn in Abwesenheit und beriet ihn in wichtigen Themen. Er beschützte seinen Chef auch und würde für ihn sein Leben opfern. Eine Sache war immer sicher, der Direktor konnte sich auf seinen Sekretär verlassen.

Plume trug einen weißen, sehr eleganten Anzug. Um den Hals hatte er sich eine goldene Krawatte gebunden. Die Haare waren dunkelbraun mit vereinzelten grauen Strähnen. An den Seiten sah man Geheimratsecken. Seine Augen wurden durch eine silbern-verspiegelte Brille mit runden Gläsern verdeckt. Seth konnte sich nicht daran erinnern, jemals die Augen von Plume gesehen zu haben. Man sagt ja, dass die Augen die Fenster zur Seele seien, doch diese Fenster waren nahezu immer verdeckt. Was versteckte der Sekretär wohl dahinter?

»Einer unserer Agenten ist verschwunden«, sagte Plume mit ruhiger, fast melodischer Stimme.

»Haben Sie uns deshalb hergerufen?«, fragte Rookie leicht schüchtern. Sie sprach selten mit dem Sekretär und hatte immensen Respekt vor ihm.

»Ja«, er drehte sich langsam um. Das Weiße Nichts sorgte dafür, dass sein Körper dunkler erschien. Nur seine silberne Brille leuchtete weiter hell.

»Vladimir Kuryerom hatte die Aufgabe sich mit einer belikajastranischen Verbrecherbande zu treffen, die angeblich im Besitz von anomalen Gegenständen sind. Sie waren bereit uns diese zu verkaufen. Eigentlich hätte Kuryerom vor drei Tagen eintreffen sollen, doch dies geschah nie. Es kam keinerlei Bestätigung an. Was sehr ungewöhnlich ist, schließlich gilt Kuryerom als zuverlässiger und pflichtbewusster Agent.«

»Und wir sollen nachschauen, wo er steckt?«, Seth rieb sich die Brust.

»Ich bitte darum. Der Direktor würde weitaus beruhigter zu Bett gehen, wenn er wüsste, dass mit Kuryerom alles in Ordnung ist.«

»Vielleicht hat er sich einfach in irgendein billiges Bordell verkrümelt und sich besinnungslos gesoffen. Das würde ich zumindest tun …«, grummelte Seth.

Der Sekretär warf den Agenten einen bösen Blick zu.

»War nur ein Scherz …«, Seth hob verteidigend die Hände. Seine Partnerin rollte nur mit den Augen.

Plume nahm eine braune Mappe vom Schreibtisch und überreichte sie Rookie.

»Alles wichtige steht hier drin. Finden sie Kuryerom und bringen sie ihn zurück. Finden sie heraus, was ihm zugestoßen sein könnte. Wir zählen auf sie. Viel Erfolg.«

Rookie betrachtete die langsam untergehende Sonne. Das immer schwächer werdende Licht gab der Landschaft eine rote Färbung.

»Wie lange brauchen wir noch?«, fragte sie. Ihre Augen fühlten sich vor Müdigkeit ganz schwer an.

»Wenn die Straße bei solch einer Qualität bleibt, kommen wir wahrscheinlich erst morgen Mittag an. Das heißt, wenn wir die Nacht durchfahren«, erklärte Seth.

»Willst du das denn?«

»Gibt tausend Dinge, die ich lieber tun würde … Mir heißes Wasser in den Schoß kippen, zum Beispiel. Die Nächte hier sind kalt, und damit meine ich kalt. Ich bezweifle, dass die Rumpelkiste hier eine ordentliche Heizung hat. Außerdem möchte ich ungern die örtliche Fauna überfahren. Wer weiß, was hier nachts herumkriecht.«

»Wölfe?«

»Schlimmeres. Weitaus schlimmeres.«

Rookie gab sich Mühe, nicht beunruhigt auszusehen.

»Wie wäre es, wenn wir im nächsten Dorf einfach übernachten?«

Seth hustete in seine Hand, er öffnete sie und sah widerwärtigen grünen Schleim. Angewidert wischte er sich sie an seiner Hose ab.

»Wenn denn in nächster Zeit ein Dorf kommt«, antwortete er.

»Hier kommt sicherlich eins. Hier kann doch nicht alles leer und unbewohnt sein.«

»Glaubst du.«

Nach einiger Zeit änderte sich das Bild der Landschaft. Statt Gräser und Büsche gab es nun dichte Wälder zu sehen. Große Laubbäume, die jegliches Licht verschluckten. Sie sahen alt aus und unberührt, ihre Wurzeln waren dicker als die Arme von Seth. Es schien kein künstlich angelegter Wald zu sein, sondern ein natürlicher. Einer der weitaus älter als dieses Land war. Das Gestrüpp war stellenweise so dicht, dass man nicht tief hinein hineinsehen konnte. Eine gefühlte Ewigkeit später verließen sie das dunkle Gewächs, Rookie atmete erleichtert auf. Im Licht war es doch angenehmer.

Links und rechts von der Straße waren nun Felder zu sehen. War das ein Zeichen für Zivilisation? Rookie schaute aus dem Fenster. Äcker und Äcker, soweit das Auge reichte. Doch eine Sache verwunderte sie. Der Großteil der Felder war leer, unbebaut. Völlig untypisch für diese Jahreszeit. Eigentlich sollten sie voll mit Mais, Getreide und Kartoffeln sein. Doch nichts dergleichen. Ab und zu gab es kleine Inseln von Nutzpflanzen. Doch die sahen nicht wirklich imposant aus. Sie waren eher verkümmert. Gab es in diesem Jahr einfach nur eine schlechte Ernte oder eignen sich die Böden nicht für die Bebauung von Pflanzen?

In einiger Entfernung konnte Rookie ein paar Häuser erkennen. Sie zeigte mit dem Finger auf sie, vor Erregung presste sie ihn fast gegen die Windschutzscheibe.

»Schau! Ein Dorf! Hab ich es dir nicht gesagt?«

»Tatsächlich. Wer hätte gedacht, dass es in dieser Pampa Leben gibt. Aber wo genau sind wir? Ich hab kein Ortsschild gesehen … Kannst du mal bitte auf die Karte schauen, die Plume uns mitgegeben hat? Die muss irgendwo in der Akte drin sein …«, Seth hielt das Auto an.

Rookie wuselte ein wenig in dem Ordner herum, ein paar lose Blätter fielen auf dem Fußboden.

Ich hasse es, wenn die es nicht richtig lochen und einheften. Ist es denn zu viel verlangt, wenigstens ein wenig Ordnung einzuhalten, dachte sie.

Sie fand die Karte und breitete sie aus.

»Kannst du denn so etwas lesen?«, fragte Seth provokant.

»Natürlich! Was glaubst du denn, wer ich bin? Rahmelo?«

Seth hob abwehrend die Hände. Innerlich lachte er.

»Hm, mal sehen … dahinten ist dieser Berg, hier der Wald … da die Straße … Seltsam«, murmelte Rookie.

»Was ist?«

»Das Dorf ist hier nicht verzeichnet. Es sollte hier sein, aber das ist es nicht …«

»Ach, wer weiß. Karten von Belikajastran sind immer ein wenig ungenau. Schauen wir uns es doch einfach mal an.«

Seth startete den Motor und fuhr weiter, schon nach wenigen Minuten konnten sie die Häuser genauer erkennen.

»Gott, die sehen ja aus wie aus dem vorletzten Jahrhundert. Das ist ja mehr als nur prä-imperiale Zeit«, raunte Seth.

Die Euphorie der beiden verflog sehr schnell wieder. Die Häuser des kleinen Dorfes waren mehr als nur verfallen, sie waren quasi Ruinen. Es gab kaum ein Gebäude mit intakten Fensterscheiben, viele von den Fenstern waren sogar verbarrikadiert. Überall wuchs Unkraut, nicht nur ein bisschen Löwenzahn und Rukola, sondern große Disteln, Efeu und meterhohe Brennnesseln. Die Farbe der Häuser schien schon vor Jahrzehnten abgeblättert zu sein. Wind, Regen und Schnee haben ihren Tribut gefordert. Seth bog mit dem Auto nach links ab und fuhr die Straße, Sandweg wäre eine bessere Bezeichnung, hoch. Das Dorf schien wirklich nicht allzu groß zu sein. Auf der linken und rechten Seite standen jeweils ein paar Häuser, die meisten hatten nur ein Erdgeschoss. Noch weniger hatten ein echtes Dach. Die Gebäude bestanden aus Stein, die Architektur ließ darauf schließen, dass die Erbauer keine wirklichen Kenntnisse über Architektur hatten. Soll heißen, sie waren sehr simpel aufgebaut. Es waren Relikte aus einer Zeit vor der Industrialisierung. Damals als es noch keine großen Maschinen gab … Oder Behörden, die darauf achteten, dass die Häuser ordnungsgemäß gebaut wurden.

Für Rookie war es eine trostlose Gegend. Irgendwie hatte sie sich mehr erhofft. Sie war auch anderes gewohnt, die Dörfer, die sie kannte waren kleine, hübsche Orte und nicht solch heruntergekommenen Geistergegenden. Waren die Leute hier wirklich so arm?, fragte sie sich.

»Hm, scheint nicht sehr bewohnt zu sein«, grummelte Seth.

»Ja, ist irgendwie … leer hier. Nein, warte! Da ist ja jemand!«, rief Rookie.

Und tatsächlich, nicht weit von ihrem Auto entfernt stand eine Person neben eines der Häuser. Sie war groß, dünn, abgemagert. Die Augen waren tief im Schädel versunken. Die Haare waren kurz rasiert. Sie trug eine kaputte Latzhose, und zwar nur eine Latzhose. Rookie konnte nicht sagen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Oder ob es ein Erwachsener oder ein Kind war.

Seth hielt das Auto neben dem Bewohner an und wies seine Partnerin an ihr Fenster herunterzukurbeln.

»Hey, Kumpel! Sag mal, wo kann man denn bei euch hier übernachten?«, rief er in freundlichen und lockeren Ton.

Der Dorfbewohner sagte nichts. Er starrte die beiden nur an. Dabei blinzelte er kein einziges Mal.

»Verstehst du uns? Wir wollen zu einem Gasthaus. Habt ihr hier so etwas?«

Keine Antwort, stattdessen öffnete der Dorfbewohner nur seinen Mund. Rookie sah, dass er keine Zähne mehr hatte … und auch keine Zunge.

»Du Seth … Ich glaub, der kann nicht mehr reden.«

Der Dorfbewohner starrte noch ein wenig weiter und rannte dann davon.

»Komisches Volk«, murmelte Seth vor sich hin, »Da haben wir anscheinend gleich den Dorftrottel erwischt.«

»Seth!«, sagte Rookie entrüstet.

»Ja, was denn? Stimmt doch. Hast du ihn dir mal angesehen? Der sah doch aus, als hätte man ihn als Kind mit ‘nem Schraubenschlüssel nicht nur einmal auf den Kopf gehauen.«

Währenddessen ließen sich noch mehr Dörfler auf der Straße blicken. Große wie kleine, sie alle waren in einem ähnlichen Zustand wie der vorherige. Auch sie taten nichts, sondern starrten nur vor sich hin. Oder starrten sie die Fremdlinge an? Rookie fühlte leichtes Unbehagen.

»Okay, wir sollten weiter Ausschau halten«, schlug Seth vor.

»Wie wäre es mit dem großen Haus dahinten? Das sieht aus wie eine Gaststätte.«

Es war eines der größeren Gebäude, mit ganzen zwei Stockwerken und einem echten Dach aus Stroh. Seth fuhr das Auto langsam dorthin. Die Dorfbewohner gingen dem Gefährt aus dem Weg. Wenigstens etwas, dachte Seth. Doch sie ließen für keinen Augenblick die beiden Insassen aus den Augen. Rookie konnte sich ein paar von ihnen näher anschauen. Sie alle trugen recht simple Kleidung. Latzhosen, weiße Hemden, Jeans, ein paar von ihnen hatten sogar richtige Schuhe an. Doch sie machten einen verwahrlosten und ungewaschenen Anschein, so als würden sie nur die Kleidung besitzen, die sie auch an hatten. Waschmaschinen besaß hier wahrscheinlich niemand. Es sah auch nicht so aus, als wäre dieses Dorf an das örtliche Stromnetz angeschlossen. Rookie fiel aber noch mehr auf und zwar die Deformitäten einiger Dorfbewohner. Es waren Kleinigkeiten, doch einem geübten Beobachter fielen sie auf. Der eine hatte einen kurzen Arm, bei dem anderen war die Nase verwachsen. Übergroße Stirn, fehlende Augen, gekrümmter Rücken. Was plagte dieses Dorf nur?

Seth und Rookie standen nun vor dem Gasthaus. Es war weniger verfallen als die anderen Häuser. Trotzdem würde es die Überprüfung durch eine Baubehörde auf keinen Fall standhalten. Die meisten Fenster waren verbarrikadiert. Doch ein paar waren noch intakt. Das Haus war eine Mischung aus Stein und Holz mit einem Satteldach aus Stroh. Vor dem Gebäude befand sich eine überdachte Veranda. Auch die hatte schon bessere Tage gesehen.

Rookie und Seth seufzten gemeinsam, sie stellten sich auf eine harte Nacht ein. Die beiden betraten das schäbige Etablissement. Drinnen wurden sie von einem Anblick begrüßt, der sie noch niedergeschlagener machte. Das Innere des Lokals sah nicht wirklich besser aus als die Fassade. Überall lag grauer Staub, der eine dicke Schicht bildete. Das waren keine Staubhasen, das waren Staubhunde. Die Fenster, wenn sie denn nicht zerbrochen waren, waren verschmiert, wahrscheinlich wurden sie zuletzt vor zwanzig Jahren gereinigt. Wahre Massengräber von toten Insekten tummelten sich auf den Fensterbrettern. Fliegen, Wespen, Bienen, Wanzen, Motten. Ein Paradies für jeden Entomologen. Die Tische und Stühle sahen nicht viel besser aus. Auch auf ihnen hatte sich eine dicke Staubschicht gebildet. Das Polster von den Stühlen war aufgerissen, die Füllung quoll heraus. Es würde einen nicht wundern, wenn dort Millionen von Milben das hier ihr Zuhause nannten. Zwischen den Tischbeinen hingen weißgraue Spinnweben, doch die Konstrukteure waren schon vor Urzeiten verstorben.

Rookie hatte einen Ausdruck von Ekel in ihrem Gesicht, sie war definitiv besseres gewohnt. Seth hingegen war mehr damit beschäftigt zu verhindern, dass der Staub in seine Nase drang. Er hatte gar keine Lust auf einen einstündigen Niesanfall.

Das Gasthaus schien relativ simpel aufgebaut zu sein. Foyer und Essbereich waren ein gemeinsamer Raum. Rechts vom Eingang befand sich der/die Tresen/Bar/Rezeption. Seth ging zum Tresen hin und sah eine kleine, verrostete Klingel. Er haute rauf, die Klingel gab daraufhin ein mitleiderregendes Quietschen von sich. Er haute noch dreimal drauf und wartete dann. Währenddessen schaute er sich die alkoholischen Getränke im Regal an. Selbst er würde nichts mehr davon trinken wollen. Auf den Böden der Flaschen hatte sich eine eklige, beinahe feste Schicht gebildet. Das Verfallsdatum war schon lange überschritten worden.

Nach fünf Minuten öffnete sich eine Tür, die zur Küche des Gasthauses führte. Heraus kam ein alter, klappriger Mann. Seth fiel auf, dass seine runzlige, faltige Haut beinahe aschfahl war. Auf seinem Kopf befand sich kein einziges Haar, nur unzählige Leberflecken. Er trug eine einfache blaue Hose und ein weißes Baumwollhemd. Wobei weiß vielleicht nicht die richtige Beschreibung für die Farbe des Kleidungsstückes war. Das Hemd wurde wahrscheinlich nur einmal in seiner Existenz gewaschen. Der alte Mann kroch mit buckligen Gang zur Rezeption und klatschte seine Hände mit lauten Knall auf den Tresentisch. Rookie schreckte zurück. Sie schaute auf die Hände des Mannes. Die Finger waren lang und dünn, die Nägel ungeschnitten und dreckig. Sie krallten sich in das Holz des Tisches.

Seth wollte den Mann gerade ansprechen, da kam ihn eine Duftwolke in seine Nase, die ihn für einen Moment schwindlig machte. Es war ein ranziger Geruch. Nach Schwefel, verfaulten Eiern, Urin und Kot. Der alte Agent musste sich die Hand vor dem Mund halten und sich ziemlich zusammenreißen, um sich nicht hier gleich zu übergeben. Nach einigen Augenblicken hatte er sich wieder gefasst. Er machte sich eine mentale Notiz, nur noch durch den Mund zu atmen. Rookie hatte schon mehr Schwierigkeiten. Nicht nur das ihr feiner Geruchssinn den Gestank weitaus stärker wahrnahm, nein, sie schmeckte auch den Geruch in der Luft. Ihr wurde übel, kotzübel. Sie entfernte sich ein wenig vom Tresen, in der Hoffnung den Duft zu entkommen.

»Görrr …«, sagte der alte Mann mit seiner krächzenden Stimme.

»Was?«, fragte Seth. Hatte er sich etwa gerade verhört?

»Urgh euck alhz zah.«

Seth schaute ihn verwirrt an. Spielten seine Ohren ihm einen Streich?

»Ähm, entschuldigen Sie. Wir würden hier gerne übernachten«, sprach Seth langsam.

»Hä?«

»Übernachten. Hier«, er zeigte mit den Fingern auf dem Boden.

Der alte Mann starrte ihn mit seinen milchigen Augen an, dann lachte er einfach. Seth lachte mit.

»Also könnten wir jetzt ein Zimmer bitte haben?«

Das Lachen des alten Mannes hörte abrupt auf. Er starrte weiter, sagte kein Wort. Zwei Minuten vergingen, noch hing die Stille im Raum. Rookie gesellte sich zu Seth, sie hielt sich die Hand vor ihren Mund und ihrer Nase.

»Gibt es Probleme?«, fragte sie.

»Der alte Knacker hier findet sich sehr witzig«, Seth war leicht angepisst.

»Lass mich mal versuchen«, sie wandte sich an den Mann, »Entschuldigen Sie, wir sind ziemlich erschöpft und würden hier sehr gerne übernachten. Haben Sie ein Zimmer für uns frei?«

»Zima?«

»Ja … Zima …«

Er begann vor sich hin zu krächzen und kramte in seiner Tasche herum. Hervor kamen ein rostiger Schlüssel.

»Slüsl … Zima.«

Er hielt seine Hand hin.

»Vielen Dank«, sie wandte sich an Seth, »Siehst du, gar nicht so schwer.«

Sie nahm den Schlüssel und zog daran, doch der alte Mann wollte nicht loslassen.

»Slüsl, Slüsl, Slüsl, Slüsl.«

»Ja, ja … Schon klar, Slüsl. Wäre gut, wenn Sie mir den Slüsl geben würden.«

»Zima. Slüsl. Zima«, er grinste vor sich hin.

»Ja, Dankeschön! Sie können jetzt loslassen! Bitte!«

Die Gesichtszüge des alten Mannes entfielen ihn, das breite Grinsen verschwand. Seine knochige Hand ließ den Schlüssel los. Er starrte seine beiden Gäste wieder an, die Hand verharrte in der Luft.

»Komisches Volk«, flüsterte Seth.

»Vielen Dank«, antwortete Rookie. Ihr war die Situation mehr als nur unangenehm.

Die beiden verließen den schrulligen, alten Mann und gingen die hölzerne Treppe hoch. Beim Hochgehen spürten sie, wie seine Augen sich in ihre Rücken bohrten. Rookie war mehr als nur froh, endlich außerhalb seines Sichtfeldes zu sein. Auch Seth atmete erleichtert aus.

Auf dem Schlüssel war die Nummer Vier eingraviert. Es war nicht schwer das Zimmer zu finden, es gab bloß fünf Räume auf der Etage und beim Raum Vier fehlte die Zimmernummer. Rookie und Seth machten sich auf das Schlimmste gefasst, doch selbst das reichte nicht aus. Im Zimmer roch es nach abgestandener Luft, auch hier lag überall Staub und lange, graue Spinnweben hingen von der Decke. Ein fleckiger Teppich dekorierte den Raum. Links stand ein großer Kleiderschrank, in der hinteren linken Ecke befand sich ein Doppelbett mit schmierigen Laken und Kissen. Auf beiden Seiten stand jeweils ein kleiner Nachttisch. Im Zimmer befand sich auch ein kleines rostiges Waschbecken.

Rookie und Seth schoben als erstes das Bett auseinander. Sie mochten sich, aber so sehr nun auch wieder nicht. Die Katzendame schaute sich ihr Schlafgemach mit einem Ausdruck von Ekel an. Darin soll ich schlafen?, fragte sie sich. Die Bezüge sahen so aus, als wären sie nie ausgewechselt worden. Das schien wohl eine Gemeinsamkeit von allen Gegenständen in diesem Dorf zu sein. Seth war der Zustand des Bettes völlig egal, er hätte auch auf einem Nagelbrett einschlafen können, so müde war er. Er hatte schon schlimmere Schlafunterkünfte gehabt, weitaus schlimmere. Sein Magen begann auf einmal laut zu grummeln.

»Gott, hab ich einen Hunger.«

»Geht mir genauso. Wann haben wir zuletzt etwas gegessen?«, fragte Rookie.

»Ich glaub vor acht Stunden oder so. Bevor wir losgefahren sind.«

»Ach ja, stimmt. Das Kantinenessen. Nun, schauen wir mal nach, was es hier so gibt.«

»Wenn das Essen hier genauso scheiße ist wie die Inneneinrichtung, dann kotze ich«, beschwerte sich Seth.

»Vielleicht überraschen sie uns ja …«

»Wer weiß, vielleicht servieren sie uns ja auch Dragonier am Spieß. Oder Ork-Keule. Oder Zapekanka iz cheloveka. Oder …«

»Ich hab‘s ja verstanden«, Rookie rollte genervt mit den Augen, »Nur weil sie etwas … simpler leben, muss das nicht automatisch heißen, dass sie auch blutdürstige Kannibalen sind.«

»Ja ja, und eh du dich versiehst, wirst du von ‘nem Typen mit ‘nem Sack über den Kopf und einer Kettensäge verfolgt, zerstückelt und seiner Inzestfamilie zum Fraß vorgeworfen. Mit deinen Fingerknochen machen sie sich ihre Zähne sauber, aus deiner Haut basteln sie Möbel und deine Haare stopfen sie als Füllung in ihre Kissen.«

»Jetzt übertreib mal nicht, Oldtimer. Komm lass uns essen gehen, damit du auf andere Gedanken kommst.«

»Aber wehe ich muss: Ich hab‘s dir ja gesagt, sagen.«

»Komm jetzt!«

Die beiden machten sich auf dem Weg nach unten. Der alte Mann stand immer noch am Tresen, seine Haltung war unverändert. Sofort richteten sich seine Augen wieder auf die beiden Agenten. Draußen wurde es langsam dunkel.

»Entschuldigung«, begann Seth, »Habt ihr hier etwas zu essen? Wir haben ziemlichen Hunger.«

Der Alte starrte nur vor sich hin.

»Hallo?«, Seth winkte mit der Hand vor seinem Gesicht.

Keine Reaktion.

»Essen. Haben. Wir. Hunger. Verstehen Sie?«, er rieb sich übertrieben mit der Hand auf dem Bauch, »Hunger. Lecker Essen. Habt ihr?«

»Hunga«, antwortete der alte Mann endlich.

»Ja. Hunga. Wir haben Hunga.«

Der alte Mann steckte sich seinen Finger in seine Nase.

»Ich geb‘s auf …«

»Vielleicht bist du einfach zu aggressiv, Seth.«

»Vielleicht ist der Herr hier auch einfach geistig zurückgeblieben. Der nächste Dorftro… «, er hustete stark.

»Das hast du davon.«

Während sich die beiden stritten, schwang die Tür auf und eine weitere Person betrat das Gasthaus. Rookie und Seth begutachteten sie. Es handelte sich um einen älteren, etwas dickeren Herrn, gekleidet in hohen schwarzen Stiefeln, einen beigen Strickpullover und einer grauen Schiebermütze. Seine untere Gesichtshälfte wurde von einem rotbraunen, lockigen Bart dominiert. Er sah freundlich aus, er hatte was von einem Großvater. Rookie konnte sich richtig gut vorstellen, dass er zuhause in einem Sessel saß, Pfeife rauchte und seinen Enkeln etwas vorlas.

»Ahh, schön! Gäste, Gäste! Ist schön!«, der Mann hatte eine tiefe, lebhafte Stimme.

»Wer sind Sie denn, wenn ich fragen darf?«, entgegnete Seth.

»Wer ich sei? Ja, ich sei Bürgermeister dieser Dorf! Ja, ja … Bürgermeister ich sei!«, er marschierte zu Rookie und Seth hin und schüttelte beiden kräftig die Hand, wobei er mit seinem festen Griff diese fast zerquetschte.

»Ich freuen mich stark! Lange nicht Gäste sehen, lange her, lange her. So lange … Aber schön sie hier sein. Ich freuen tun. Freude!«

»Sie können jetzt meine Hand loslassen«, knurrte Seth mit zusammengepressten Zähnen.

»Entschuldigung, Entschuldigung. Ich mich nur freuen so sehr!«

»Ja, das haben wir verstanden«, der alte Agent massierte seine schmerzende Hand.

»Wenn ich vorstellen darf, sie haben bereits kennengelernt wahrscheinlich«, er zeigte auf den alten Mann hinterm Tresen, »Das unser Gastw… Gastw… Gastwirt. Er hier Sagen haben im Gasthaus. Er Küche und Gäste kümmern. Er machen Essen und sauber … und …. und vergibt Schlüssel hier. Ja, ja. Er guter Mann. Etwas alt, aber guter Mann.«

»Das ist ja alles schön und gut, aber dann soll er uns auch was zu essen geben«, beschwerte sich Seth.

»Gibt Probleme? Gibt Probleme mit Gastwirt?«

Rookie sprang ein: »Nichts großes. Wir wollten etwas zu essen haben, doch leider versteht uns der nette Mann nicht richtig. Liegt wahrscheinlich an der Sprachbarriere. Aber wir hätten gerne Essen, wir sind ziemlich hungrig und erschöpft.«

»Ah ja! Ja, ja, ja. Nicht Problem, nicht Problem. Gastwirt manchmal Schwierigkeiten mit Kopf, verstehen sie? Wer nichts werden wird, der wird werden Wirt. Sag ich immer, sag ich immer!«, er lachte laut.

Er wandte sich an den Gastwirt und sagte: »Geh in Küche und mach Essen, du Hund!«

»Essch? Kükhe?«

»Ja, ja, ja! Mach Essen! Geh kochen! Bring, schnell, schnell!«, sprach der Bürgermeister im Befehlston. Der Gastwirt verschwand in der Küche.

»Sehen? Sehen? Kein Problem! Kein Problem! Alles Freihaus für liebe Gäste! Essen, Essen, umsonst! Zimmer umsonst! Kein Geld! Kein Geld!«

»Ach, das wäre doch nicht nö…«, begann Rookie.

»Nein! Ich bestehe! Ihr Gäste! Gastfreundschaft unser großes Zeichen, Symbol. Gäste sollen fühlen wie Heim!«

Rookie und Seth bedankten sich, der Bürgermeister sprach noch ein wenig und verschwand danach wieder durch die Tür.

»Wow, das ist die erste normale Person, die ich in diesem Dorf getroffen habe«, sagte Seth mit triefenden Sarkasmus.

»Ach, der scheint voll nett zu sein. Er gibt uns sogar Essen und Zimmer umsonst.«

»Scheint ja echt die Spendierhosen anzuhaben. Wenn ich mir den Zustand des Dorfes angucke, frage ich mich, ob er sich das leisten kann.«

»Ist doch egal! Umsonst essen und schlafen!«

»Rookie, du scheinst ein wenig blauäugig an die Sache heranzugehen. Niemand verteilt kostenlos Essen und Schlafmöglichkeiten ohne einen Hintergedanken.«

»Vielleicht bist du einfach ein wenig pessimistisch, Oldtimer. Vielleicht sogar ein wenig intolerant gegenüber den Dorfbewohner.«

»Ja, das stimmt. Aber das tut nichts zur Sache. Die Slavaken sind an sich schon ein komisches Volk, aber das hier … das hier ist selbst für deren Verhältnisse seltsam. Hier ist etwas gewaltig faul. Das spüre ich in meinen Knochen … und die lügen nicht!«

»Bestimmt ist das nur die örtliche Kultur. Manchmal gibt‘s das ja, wenn man die ganze Zeit isoliert ist«, entgegnete Rookie.

»Örtliche Kultur, das ich nicht lache. Wohl eher örtlicher Kult

»Du solltest mal etwas toleranter werden gegenüber anderen.«

»Hör zu, ich bin die toleranteste Person, die ich kenne. Aber Rookie … merkst du das nicht? Läuft es dir nicht kalt den Rücken runter? Die Dorfbewohner, die ich kenne, sehen nicht aus, als wäre ihr Stammbaum ein Kreis. Ich schlage vor, wir essen etwas, legen uns schlafen und hauen dann in aller Frühe von hier ab. Okay?«

»Wenn du meinst … Ich finde ja, du bist ein wenig zu paranoid.«

»Das gehört zum Job, Rookie.«

Genau in diesem Moment kam der Gastwirt aus der Küche zurück. Er trug eine große, ungewaschene Silberplatte, auf der sich ein wenig Obst und Gemüse befand. Er stellte die Platte auf dem Tresen ab und sagte: »Essch.«

Rookie und Seth betrachteten das servierte Mahl. Es handelte sich um ein paar kleine Karotten, zwei Kartoffeln, verschrumpelten Weißkohl und vier Äpfel mit braunen Flecken. Nichts davon war irgendwie zubereitet worden, es war alles noch roh. Nichtmal gewaschen wurde es, an den Karotten hing noch die schwarze Erde dran. Die beiden Agenten schauten enttäuscht und mit leichten Ekel auf ihr Essen.

»Habt ihr denn nichts anderes zu essen? Oder könntet ihr es nicht zumindest richtig zubereiten? Kochen, zum Beispiel für den Anfang«, fragte Seth.

»Essch? Kok?«

»Ja. Essch! Kok! Verdammt nochmal! Das Zeug ist ROH!«, Seth verlor langsam die Geduld. Er fühlte sich gerade verarscht.

Der Gastwirt schaute das Essen an, dann Seth und dann wieder das Essen. Er fing an laut zu lachen und verschwand wieder in der Küche. Das Lachen hörten die beiden noch eine Weile.

»Verdammter Wichser. Zurückgebliebener Hurensohn. Pferdepenis. Verkalkte Fotze. Verschrumpelter Ochse. Sohn einer räudigen, verdreckten Hündin. Gossenkind. Behinderter Dorftrottel«, fluchte Seth leise, »Gehört das auch zur Örtlichen Kultur

Rookie zuckte mit den Schultern. Auch sie fand das Essen nicht gerade schmackhaft. Trotzdem nahm sie sich den Apfel mit den wenigsten brauen Stellen und aß ihn. Er schmeckte bitter.

»Wohl dann«, sprach Seth und nahm sich eine Karotte.

Einige Zeit später waren sie mit einem halbwegs gefüllten Magen wieder auf ihrem Zimmer.

»Das war scheußlich«, schnaufte Seth.

»Das kannst du aber laut sagen. Ich hab noch nie im meinem Leben etwas so ekelhaftes gegessen.«

»Ich hab schon viel ekliges Zeug in mich hineingestopft, aber noch nie einen rohen Weißkohlkopf. Ich fühl mich überhaupt nicht gesättigt. Eigentlich hab ich nur Wasser in Blattform zu mir genommen.«

»Aber wenigstens ist es umsonst …«, warf Rookie ein.

»Es wäre ein Verbrechen gegen Terra, wenn jemand für solchen Fraß Geld verlangen würde. Aber mal etwas anderes Rookie, das wollt ich dir eigentlich vorhin schon fragen: Weißt du, woran mich dieser Gastwirt erinnert?«

»Schieß los.«

»Erinnerst du dich noch an damals, als wir zu dieser einen Schule gerufen worden sind?«

»Die mit den Guuhlen?«

»Die mit den Guuhlen, genau. Diese Monster, die aussahen wie Leichen und die Schülerschaft massakriert hatten. Das Reinigungsteam brauchte ‘ne Woche, um die Schule wieder auf Vordermann zu bringen. Aber das ist jetzt unerheblich. Kannst du dich noch erinnern, wie diese Viecher aussahen?«

»Klar, wie kann ich diesen Anblick bloß vergessen?«

»Die eingesunkenen Augen. Die pergamentartige Haut, die die Farbe von Asche hatte. Die langen, scharfen Fingernägel, der gebückte Gang. Die Krächzlaute. Daran erinnert mich der alte Knacker.«

»Haben unsere Jungs von der Wissenschaftsabteilung eigentlich je herausfinden können, woher diese Guuhle plötzlich kamen?«

»Angeblich hatte sich ein anomaler Raum unterhalb der Schule gebildet. Ursprung: unbekannt. Ich kann dir nichts wirklich dazu sagen, ich hab nie den vollständigen Bericht gelesen. Und selbst wenn … wären die wichtigsten Informationen sicherlich geschwärzt. Aber da ich gerade von Guuhlen angefangen habe, fällt mir ein, an wem mich dieser trockene Furz noch erinnert.«

»An wem denn?«, fragte Rookie neugierig.

»Damals als Prig und ich noch zusammengearbeitet haben, hatten wir bei eine unserer Missionen den sogenannten Fahlen Mann verfolgt.«

»Wem?«

»Dem Fahlen Mann …«

»Und warte«, unterbrach Rookie ihn, »Du und Prig wart mal ein Team? Das hab ich gar nicht gewusst, ich hab immer gedacht, ihr hasst euch wie die Seuche.«

Du weißt vieles nicht über mich. Und das ist vielleicht auch besser so, dachte er.

»Ja, ja. Prig, oder besser gesagt, Markus und ich waren mal ein Team. Das war einige Zeit bevor du zu unserer Organisation zugestoßen warst«, Seth begann in Erinnerungen zu schwelgen, »Wie dem auch sei … Wir sollten einen Vorfall in einer Kleinstadt untersuchen, bei dem mehrere Kinder aus ihren Zimmern verschwanden. Ohne irgendwelche Anzeichen auf Einbruch. Zuerst dachten wir, es handelte sich einfach nur um einen sehr geschickten Entführer und das die AOO hier fehl am Platze sei.«

»Doch dem war nicht so, oder?«

»Leider nein, das hätte die Sache sonst weitaus einfacher gemacht. Die Hinweise deuteten immer mehr daraufhin, dass es sich tatsächlich um einen übernatürlichen Täter handelte. Mehr Kinder wurden entführt, manchmal verschwanden drei gleichzeitig. Wir befanden uns zu diesem Zeitpunkt bei ungefähr zwanzig Entführungsopfer. Du kannst dir vorstellen, dass sich langsam Panik in der Bevölkerung ausbreitete. Völlig verständlich, schließlich stahl jemand Kinder vor den Augen ihrer Eltern. Lange Rede, kurzer Sinn. Wir fanden heraus, dass es sich bei dem Täter, um einen Mann namens Jeremia R. III. von Avaric handelte. Zumindest war das der Name, den er verwendete. Ein reicher, alter Mann, der eine Villa am Rand der Stadt besaß und gerne Immobiliengeschäfte betrieb. Es läuft mir noch heute kalt den Rücken hinunter, wenn ich mich an das Aussehen von ihm erinnere. Seine Haut hatte dieses unnatürliche Grau, die Augen waren tief eingesunken, die Iris war dieses ekelhafte Dunkelgelb. Haare hatte der Mistkerl keine mehr, nirgendwo. Glatt wie ein Aal. Widerwärtiger Bastard.«

»Und …«, Rookie traute sich gar nicht zu fragen, »was hat er mit den Kindern angestellt?«

»Echt verstörendes. Er hat sie an … Maschinen angeschlossen und ihnen das Blut abgezapft. Nicht nur ein bisschen, sondern alles. Die Leichen hatten keinen Tropfen mehr. Sie waren leer, Rookie. Leer. Staubtrocken.«

»War er ein … Hatte er die Rotseuche?«

»Nein, er war kein Vampir. Er war etwas … anderes. Er war nicht wirklich menschlich. Oder terranisch. Er schien diese Welt nicht sein Zuhause zu nennen. Er hatte magische Fähigkeiten, die mit unseren Naturgesetzen nicht vereinbar waren. Um es kurzzufassen: Wir haben nie herausfinden können, wer oder was er ist«, erklärte Seth.

»Also eine typische Anomalie. Sag mal, was ist mit ihm passiert?«

»Wir haben ihn gefangen genommen. Den Bewohnern der Stadt haben wir erzählt, dass er ein wahnsinniger Serienmörder mit pädophilen Neigungen sei. Jegliche Spuren, die auf Anomalien hindeuteten, wurden verwischt. Zeugen, die zu viel gesehen hatten, gaben wir B-Pillen. Der Fahle Mann wurde in schweren Ketten gelegt und in eine Isolationszelle, die mit Schwarzen Metall ausgekleidet war, eingesperrt, wo er hoffentlich bis ans Ende aller Tage verrottet.«

»Die ganze Geschichte erinnert mich an das, was meine Mütter mir immer als Kind erzählt hatten. Von den Kinderfängern, den deformierten Menschen, die Kinder schnappten, um sie in die Sklaverei zu verkaufen … oder ihnen Schlimmeres antaten. Du weißt schon, diese gruseligen Märchen, die Eltern ihren Kindern erzählen.«

»Ja … Vielleicht war er das. Der personifizierte Kinderschreck. Das Monster im Kleiderschrank. Der große böse Wolf. Der Kinderfänger. Vielleicht war er all das zusammen. Wer weiß das schon.«

Ein kurzer Moment der Stille entstand.

»Sag mal, Seth …«

»Ja?«

»Du und Prig waren eine Zeitlang alleine auf der Insel. Habt ihr euch vertragen?«

Seth lächelte und sagte: »Anscheinend wachsen Leute zusammen, wenn der Tod an der Tür klopft. Wir sind jetzt zwar nicht beste Freunde, aber hassen tun wir uns jetzt nicht mehr. Hoffe ich zumindest …«

»Wenigstens ein paar gute Nachrichten. Ich hab nie verstanden, warum ihr eine so gegenseitige Abneigung hattet.«

»Das erzähl ich dir ein andermal. Wir sollten jetzt schlafen gehen. Draußen ist es bereits stockfinster und wir wollen morgen so früh wie möglich von hier verschwinden.«

Seth zog die Lederjacke, die Hose und die Schuhe aus und legte sich unter die Decke. Rookie tat das Gleiche.

»Voll unbequem. Die Matratze ist ja mehr als nur hart«, beschwerte sich Rookie.

»Hey, wenigstens umsonst.«

Rookie streckte ihn die Zunge raus. Seth lachte, der Husten unterbrach ihn.

»Gute Nacht. Lass dich nicht von den Bettwanzen beißen«, riet Seth ihr, »Im Ernst. Ich glaube, ich hab hier welche herumkrabbeln gesehen.«

»Na toll … Jetzt werde ich erst recht kein Auge zu kriegen …«

Die Nacht verlief ziemlich schlecht für die beiden. Seth musste ständig husten, seine Nase war verstopft, er bekam kaum Luft. Unerträgliche Kopfschmerzen plagten ihn. Rasant steigendes Fieber bescherte ihn schlimme Alpträume. Es war ein Wirrwarr aus Stimmen und Bildern vergangener Tage. Seth sah seine Mutter, seinen Bruder, seine gefallenen und längst verstorbenen Kameraden. Er sah Kreaturen, gegen die er einst kämpfen musste. Er hörte das irrsinnige Gackern und Lachen des Königs in Gelb. Er verspottete ihn, machte sich über ihn lustig. Er befand sich direkt vor Seth und lachte ihn ins Gesicht. Der alte Agent murmelte im Schlaf und wälzte sich im Bett hin und her. Geh weg! Geh weg!, rief er in seinen Gedanken.

Rookie erging es kaum besser. Das Bett war steinhart, die Decke und das Kissen kratzten an ihrer Haut. Sie hatte ständig das Gefühl, dass kleine Insekten über ihren Körper krabbeln würden. Auch sie wälzte sich von einer Seite zur anderen. Wenigstens wurde sie nicht von surrealen Alpträumen geplagt.

Der Wind pfiff durch die undichten Wände, es klang wie das Heulen eines wütenden Geistes. Von draußen erklangen noch andere seltsame Geräusche. Gemurmel, schlurfende Schritte, Gestöhne und Grunzen. Es war, als würde eine Horde von Schweinen am Gasthaus vorbeiziehen. Für Rookie klang es nicht real und vielleicht war es das auch nicht. Vielleicht befand sie sich in eine Art Wachtraum. Vielleicht erlebte sie ähnliche nächtliche Halluzinationen wie ihr Partner. So oder so sie fiel in keinen tiefen Schlaf. Sie stöhnte und warf sich hin und her. Sie drückte das dreckige Kissen auf ihre Ohren, in der Hoffnung die Geräusche aus ihrem Kopf raus zuhalten. Doch es nützte nichts. Sie fand keinen Schlaf, keine Ruhe.

Bald ging auch schon die Sonne wieder auf. Die Schatten, die Seth gnadenlos plagten verschwanden wieder in die dunklen Ecken seiner Psyche. Die ersten feinen Sonnenstrahlen streichelten Rookie sanft über ihr Gesicht. Sie öffnete langsam ihre müden Augen.

»Ist es wirklich schon Morgen?«, flüsterte sie verzweifelt.

Sie fühlte sich erschöpft, ausgelaugt, völlig fertig. Sie richtete sich langsam auf und massierte ihren Kopf. Schmerzen zuckten in ihrem Schädel wie Blitze auf. Sie hatte noch nie so eine harte Nacht gehabt, nicht mal in ihrer Schulzeit.

Seth begann zu husten, es klang rau und trocken. Er schniefte, versuchte den Rotz in seiner Nase hochzuziehen, doch sie war verstopft. Sein Kopf fühlte sich an, als hätte man ihn mit einem Vorschlaghammer bearbeitet. Es dröhnte und pochte in seinem Inneren.

»Geht es dir gut, Oldtimer?«, fragte Rookie besorgt.

»Alles … okay. Packen wir unsere Sachen … und verschwinden von diesem verfluchten Drecksloch«, Seth richtete sich auf und hustete weiter. Es klang fast so, als würde er gleich Teile seiner von Nikotin geschwärzten Lunge ausspucken.

»Ich fühl mich so scheiße«, sagt er.

»Scheint doch mehr als nur eine Erkältung zu sein.«

»Vielleicht … Vielleicht liegt es auch an diesen porösen Wänden, die jeden Windzug durchlassen. Kein Wunder, dass es mir schlecht geht.«

»Hoffentlich bekommst du keine Lungenentzündung«, Rookie machte sich große Sorgen um ihren Partner.

»Hoffen wir mal … Wird schon. Mach dir keinen Kopf, ich hab schon Schlimmeres erlebt.«

»Das sagst du immer …«

»Weil es ja auch stimmt«, Seth holte sein silbernes Feuerzeug und eine Zigarette hervor. Er zündete sie an und steckte sie sich in den Mund. Doch kaum hatte er den Rauch eingeatmet, fing er auch schon wieder an zu husten.

»So ‘ne verfickte Scheiße …«, fluchte er, schmiss die Zigarette auf dem Boden und trat sie aus.

»Dir muss es echt übel gehen, wenn du nicht mal rauchen kannst.«

»Ja … Wie soll ich bloß den Tag überstehen?«, Seth schien verzweifelt zu sein.

»Komm, lass uns zum Auto gehen. Ich fahr, dann kannst du dich ein wenig ausruhen.«

»Traust du dir das zu? Durch die holprigen Straßen von Belikajastran zu fahren?«

»Na klar! Ich bin schon schlimmere Wege gefahren«, sie winkelte ihren rechten Arm an und spannte ihn an.

»Wenn du das so sagst …«, Seth nieste.

»Gesundheit!«

»Nehm ich, danke.«

Die beiden begaben sich nach unten, vom Wirt war keine Spur zu sehen. Das Erdgeschoss war völlig verlassen.

»Wo ist denn der alte Knacker?«, fragte Seth.

»Vielleicht schläft er noch.«

»Soll mir recht sein«, der alte Agent zuckte mit den Schultern.

Rookie und Seth verließen das staubige Lokal. Draußen an der frischen Luft schien die Sonne, ein leichter, kühler Wind wehte. Auf der von Unkraut überwucherten Dorfstraße befand sich keine Menschenseele. Wahrscheinlich schliefen sie noch alle. Seth ging um die Ecke des Gasthauses, plötzlich hörte Rookie laute Schnappatmung. Sie folgte ihren Partner, sogleich erkannte sie auch, was ihn so einen Schrecken eingejagt hatte. Ihr Auto war verschwunden!

»Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße! Verfickte Scheiße!«, fluchte Seth lautstark.

»Wo ist es bloß hin?«, fragte Rookie.

»Wenn ich das nur wüsste …«

Rookie hielt sich die Hand vor dem Mund: »Also waren die Geräusche doch echt …«

»Was für Geräusche?«, Seth wandte sich seiner Partnerin zu.

»Als würde eine Horde von Leuten hier entlang laufen …«

»Bastarde! Schweine! Diese verdammten Wichser haben unser Auto gestohlen!«

»Schrei bitte nicht so herum …«

»Rookie, die Kacke ist mehr als nur am dampfen. Ich persönlich würde sagen, sie ist am kochen! Unsere Waffen! Das Schwarze Telefon! Weg! Weg! Alles weg!«, er stampfte mit dem Fuß auf.

»Scheiße … Wer kann das nur gewesen sein?«

»Wahrscheinlich diese verfickten Dorftrottel. Wollen wahrscheinlich das Auto auseinandernehmen, die Teile teuer weiterverkaufen. Oder sie fahren selbst damit durch die Gegend. Ach, was rede ich da? Diese Inzestidioten können wahrscheinlich nicht mal fahren …«

»Eine Sache ist aber komisch …«

»Was denn, Rookie?«

»Ich habe keine Motorgeräusche in der Nacht gehört. Und von solch lauten Geräuschen wäre ich sicher vor Schreck an die Decke gesprungen. Außerdem … sehe ich hier keine Reifenspuren auf dem Boden.«

Seth schaute sich um. Es stimmte, es gab keine Spur. Als hätte sich das Auto einfach in Luft aufgelöst.

»Es wird ja wohl kaum Beine bekommen haben und weg gekrabbelt sein.«

»Das wäre nicht das Seltsamste, was ich bereits gesehen habe«, entgegnete Rookie, »Ich erinnere dich an die Spinnenautos. Wie ich die gehasst habe … Oder an den Lebenden Truck, der sich mit dir über Philosophie unterhalten hat.«

»Ich kann mich auch daran erinnern, dass er versucht hat mich zu fressen. Es hat Wochen gedauert, bis ich diesen Gestank von Motoröl aus meinen Sachen raus hatte. Aber das ist jetzt nicht der Punkt. Ich bleibe bei meiner These, dass unser Auto gestohlen worden ist.«

»Dann sollten wir zur Polizeiwache gehen und den Diebstahl melden. Vielleicht helfen sie uns sogar bei der Suche.«

»Mach doch gleich den Bock zum Gärtner«, murmelte Seth grimmig.

»Komm, Brummbär. Lass uns zum Sheriff gehen.«

»Wenn du meinst … Ich würde es lieber auf die altmodische Art machen … Mit Finger brechen und langen, sehr langen Verhören …«, Seth rieb sich die Hände.

»Komm jetzt!«

»Na gut …«

Die beiden machten sich auf dem Weg zur örtlichen Polizeistation. Es war nicht sehr schwer das Gebäude zu finden, schließlich war das Dorf nicht sonderlich groß. Die Station war ein kleines Haus aus Beton in der Nähe des Rathauses. Vorne stand in großen verblassten Buchstaben Politsiya. Seth und Rookie gingen hinein. Die Inneneinrichtung machte einen genauso verlassenen Eindruck wie das Gasthaus. Das Gebäude war ziemlich klein, es bestand eigentlich nur aus drei Räumen. Einem Eingangsbereich, einer Zelle und einem Büro. Die beiden Agenten betraten zuerst letzteres. Auch hier lag, sehr zur Überraschung für niemandem, überall Staub herum. Der Schreibtisch war überfüllt mit vergilbten Akten, die die Farbe von Urin hatten. An der hinteren Wand hing ein schwarz-weißes Porträt von Artjom Sokolow, dem momentanen Präsidenten von Belikajastran und Vorsitzenden der Slavakischen Einigungspartei. Auf dem Foto sah er jedoch weitaus jünger aus. Das Bild zeigte einen grimmig dreinblickenden Anfang Dreißigjährigen mit Geheimratsecken, der eine Militäruniform trug. An der linken Wand entdeckte Seth eine kleine Vitrine, in der sich Orden und Medaillen sammelten. Einer davon war ein Tapferkeitsorden und ein anderer hatte die Form eines Falkenkopfes.

»Der Herr Polizist schien ja ein ziemlich hochdekorierter Veteran gewesen zu sein, wenn er sogar den Sokoloworden erhalten hat. Den bekam damals nicht jeder …«, flüsterte Seth.

»Der Wachtmeister scheint nicht da zu sein«, bemerkte Rookie.

»Er scheint schon ziemlich lange nicht mehr da zu sein«, Seth zeigte auf das Porträt an der Wand, »Das Bild ist überhaupt nicht aktuell. Sokolow sollte bereits ein alter Mann sein.«

»Wer ist das überhaupt?«

»Während des Unabhängigkeitskrieges gab es ungefähr drei große Fraktionen, die für einen slavakischen Staat kämpften: die Redmalleoisten, die Respublikanskiy und die Nationalisten. Sokolow gehörte zu Letzteren. Und er war es, der sich schließlich durchsetzte. Er, seine Falken und seine Bluthunde.«

»Scheint ja ein ziemlich sympathischer Mensch zu sein«, sagte Rookie mit ironischen Unterton.

»Oh ja. Ein echter Held. Ein Volksheld, würden manche behaupten. Böse Zungen würden sagen, er sei ein Diktator und ein Kriegsverbrecher. Jemand, der unschuldige Zivilisten in Lager sperrte und sie foltern ließ. Ein korrupter Machtmensch, der seine Todesschwadronen auf all diejenigen hetzt, die gegen ihn sind«, Seths Blick wanderte umher, seine Gedanken drifteten davon. Doch er konnte sich wieder fangen.

»Aber das sind alles nur böse Gerüchte der Opposition um den Glorreichen Präsidenten zu diskreditieren und das Land in Chaos zu stürzen. Also in mehr Chaos als es bereits ist«, Seth zeigte ein Lächeln, gefolgt von einem Hustenanfall.

»Ich glaube, wir werden hier nicht fündig, Seth.«

Der Agent hatte sich gerade beruhigt und nickte.

»Hast recht. ‘Ne andere Meldestelle gibt es hier nicht, oder?«

»Vielleicht im Rathaus? Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass wir zumindest den Bürgermeister treffen und vielleicht kann der uns weiterhelfen«, erklärte Rookie.

»Ich kann es kaum erwarten … Na ja, zumindest versteht er uns und man kann sich mit ihm unterhalten … mehr oder weniger …«

»Siehst du, man muss die Dinge auch mal positiv sehen.«

Rookie und Seth verließen die Polizeistation und machten sich auf dem Weg zum Rathaus. Das Gebäude war nicht wirklich schwer zu finden, es befand sich am Ende der Straße. Wie alle Häuser im Dorf war auch das Rathaus alt und verfallen. Es war aber auch eines der größten Gebäude. Drei Stockwerke, höher als das Gasthaus. Es schien auch von jemanden erbaut worden zu sein, der zumindest einen Funken Ahnung von Architektur hatte. Wahrscheinlich war das Rathaus in seinem früheren Leben mal eine Villa oder ein Gutshaus gewesen. Die beiden AOO-Agenten gingen die Steintreppen hoch und durch die große Eingangstür. Die Tür quietschte, als Seth gegen sie drückte. Rostige Scharniere.

Die Eingangshalle war auf dem ersten Blick eindrucksvoll. Hohe Decke, weiße Wände, relativ weiß. Doch dann traten die kleinen Ungereimtheiten hervor. Rookie nahm einen unterschwelligen, leichten Geruch von nassen, verfaulten Holz war. Die Dielen quietschten und knarrten bei jedem Schritt. Die Halle fühlte sich auch so leer an. Es gab keine Poster oder Flyer, keine ausgehängten Steckbriefe oder Dokumente. Niemand war da. Normalerweise sollte mindestens Wachpersonal oder ein Mitarbeiter im Eingangsbereich anwesend sein. Doch davon war nichts zu sehen. Die Rezeption war leer.

Rookie und Seth gingen zur Treppe, wo ein Wegweiser an der Wand angebracht wurde. Dort stand:

Pervyy Etazh: Registrasiya/ Vtoroy Etazh: Kabinet Grazhda/ Tretiy Etazh: Administratsiya/ Chetvertyy Etazh: Mer.

»Was steht denn da? Per… wie… E… tasch… Reg… is..«, Rookie versuchte es zu entziffern.

»Mein Slavakisch ist ein wenig eingerostet, aber ich denke, dafür sollte es reichen. Lass mal sehen …«, Seth schaute sich die Tafel genauer an, »Hmm … Erstes Stockwerk: Anmeldung … Zweites Stockwerk: B… Bürger… Bürgerbüro … Drittes Stockwerk: Admin… Adminis… Ah, natürlich. Verwaltung! … Viertes Stockwerk: … Bürg… Bürgermeister! Das Büro des Bürgermeisters befindet sich im vierten Stock!«

»Vierten? Aber das Gebäude hat nur drei«, bemerkte Rookie.

»Die slavakische Sprache kennt kein Wort für Erdgeschoss, beziehungsweise Erdgeschoss ist bei ihnen das Gleiche wie Erstes Stockwerk«, erklärte ihr Partner.

»Muss man das verstehen?«

»Nein. Nein, muss man nicht. Lass uns hochgehen …«

Bei jeden Schritt knarrten die Treppenstufen, sie ächzten unter dem Gewicht der beiden Besucher. Rookie hatte schon Angst, dass sie einbrechen und sich verletzen würden. Die restlichen Etagen sahen auch nicht besser aus. Überall lagen nasse Papierstapel und Büroartikel herum. Für Reinigungskräfte ist anscheinend kein Geld da, huh?, fragte Seth sich.

Und dann geschah das, wovor Rookie sich so sehr fürchtete. Eine der Stufen gab mit einem lauten Knall nach und die Katzendame sackte ruckartig ein paar Zentimeter ab. Sie gab einen lauten Quietschlaut von sich. Seth packte sie instinktiv am Arm.

»Vorsichtig!«, rief er.

»Verdammte Stufen!«

Er half ihr hoch.

»Dieses Gebäude würde durch jede Sicherheitsprüfung rasseln«, jammerte sie.

»Ich glaube, das interessiert hier niemanden. Scheint auch keinen von diesen Idioten zu stören.«

»Lass uns einfach weitergehen.«

»Aber diesmal vorsichtig, nicht das du dir noch etwas brichst.«

Rookie musste schmunzeln.

Nach einiger Zeit schafften sie es endlich in das Büro des Bürgermeisters anzukommen. Es herrschte dort ein ähnliches Chaos wie im Rest des Gebäudes. Spinnweben, Staub, Berge von Papier, Geruch von verfaulten Holz, das volle Programm. Der Herr Bürgermeister stand hinter seinem Schreibtisch und schaute aus einem zerbrochenen Fenster hinaus. Er trug die selben Klamotten wie am Tag davor. Seth räusperte sich, woraufhin der beleibte Mann sich ihnen zuwandte. Er machte ein freundliches Gesicht, seine Augen leuchteten auf, als er die beiden Agenten erblickte.

»Ahhh, liebe Gäste! Schön zu sehen, schön zu sehen! Willkommen in Heim! Leider nicht aufgeräumt, nicht ordentlich. Verzeiht, liebe Gäste. Verzeihen mir tun. Ich nicht rechnen tun mit Gästen, die in Haus kommen. Wirklich, Überraschung! Große Freude sehen zu euch!«, sprach er mit lauter Stimme.

»Was ich können tun für euch machen?«, fragte er die beiden.

Seth trat hervor und sagte: »Wir haben da ein kleines, winzig kleines Problem …«

»Winzig klein Problem? Dann keine Sorge! Wenn Problem klein, dann kaum Sorgen. Wenn winzig klein, dann gar keine Sorgen«, unterbrach ihn der Bürgermeister.

»Nein, Sie verstehen nicht«, sagte Seth mit zusammengepressten Zähnen, »Es handelt sich um einen Notfall.«

»Notfall? Die Not fällt?«

»Ja … Notfall. Unser Auto wurde gestohlen. In ihrem Dorf!«, Seth war leicht angepisst.

Der freudige Gesichtsausdruck wandelte sich in Betrübnis um. Der Bürgermeister ließ den Kopf hängen und schüttelte ihn. Es wirkte etwas übertrieben.

»Oh, große Schande! Gestohlen Fahrzeug in meinem Heim! Wie nur das passieren können? Eigentlich hier alles sicher sein. Noch nie jemand etwas gestohlen hat! Nie! Ich schwöre! Meine Freunde keine Diebe, ganz sicher. Nie würden sie Eigentum von Gästen fremd stehlen. Nie! Sk… Ska… Skandal!«, protestierte der Bürgermeister laut.

»Kann ja sein, aber Fakt ist, dass unser Auto gestohlen wurde. Und es ist sehr wichtig, dass wir es wieder zurückbekommen«, Seth glaubte diesen sogenannten Bürgermeister kein Wort. Wahrscheinlich hatte er sogar den Diebstahl selbst angeordnet.

»Keine Sorge, Freund. Wir werden kümmern uns darum. Ich schicken Trupp los zum Suchen des verschwundenen Autos. Keine Sorge, keine Sorge. Kein Problem. Alles bestens. Auto in Nullkommadings wieder zurückkommen. Solange ihr können weiter Gastfreundschaft unsererseits genießen. Alles aufs Haus. Alles haben können. Essen, schlafen, alles. Ihr wisst ja, ihr wisst ja. Ich geben Wort, dass wir Auto schnell wiederfinden werden. Dorf nicht groß, sollte winziges Problem sein.«

»Das ist wirklich sehr freundlich«, entgegnete Rookie.

»Ja … zu freundlich«, murmelte Seth vor sich hin. Seine Partnerin stieß ihn sanft in die Seite. Er bekam daraufhin einen leichten Hustenanfall.

»Aber sagen mal Freunde, warum ihr seien überhaupt gekommen in unser schönes Dorf?«, fragte der Bürgermeister plötzlich aus dem Nichts.

Rookie wollte auf seine Frage antworten, doch Seth kam ihr zuvor: »Urlaub. Wir wollten Urlaub machen. Waren auf dem Weg nach Severnyygorod. Doch wir wurden langsam vom Autofahren müde, deshalb haben wir in Ihren … schönen … Dorf angehalten, wir wollten uns ausruhen.«

»Ah, okay! Gut, gut. Gute Idee, war gute Idee. Schönes Dorf, sehr schönes Dorf. Ihr nicht bereuen werdet euren Aufenthalt hier in unserem Dorf.«

»Wenn ich etwas fragen dürfte«, warf Rookie ein.

»Ja, gutes Dame? Fragen Sie! Fragen Sie ruhig!«

»Ihr Dorf scheint in einem ziemlich heruntergekommenen Zustand zu sein. Alles wirkt hier so verlassen und verfallen. Gibt es dafür einen Grund?«

Das Lächeln im Gesicht des Bürgermeisters verschwand. Als er sprach, schwang in seiner Stimme Traurigkeit: »Ja, ja, alles schlecht. Schlecht. Furchtbar. Schlechte Zeiten gerade, schlechte Zeiten. Wirtschaft, Wirtschaft. Schlecht, Sie kennen ja. Wirklich schlechte Zeiten. Krieg und Hunger und Seuche und Armut. Schlecht, schlecht. Alle arm. Nichts da zum Bauen«, er senkte seinen Kopf und schüttelte ihn.

»Wenn wir schon mal dabei sind … Mir ist aufgefallen, dass die Menschen hier im Dorf uns gar nicht verstehen. Sie scheinen auch kein Slavakisch zu sprechen. Was hat es eigentlich damit auf sich?«, fragte Seth.

»Ähm … Das sein … Das sein … Örtliche … Regionale … Wie das doch gleich heißen? … K

u… Kul… Kultur! Ja, das sein örtliche Kultur. Wir sehr stolz auf eigene Kultur. Wir sehr abgelegen. Eigene Kultur sich entwickelt. Sehr speziell, sehr speziell. Wir sprechen spezielle Form von Sprache.«

»Aha … Aber ihr seid Slavaken?«, fragte Seth skeptisch.

»Ja, ja. Slavaken sind wir.«

»Aber ihr sprecht kein Slavakisch?«

»Ja … ja. Kein Slavakisch. Spezielle Form von Sprache.«

»Verstehe …«

»Nun, wir suchen Auto finden werden. Gäste sollen keine Sorgen machen sich. Wir schon finden. Keine Sorge. Solange ihr könnt schönes Dorf anschauen. Schön, sehr schön. Aber nicht in Mine gehen!«

»Warum?«, fragte Rookie.

»Mine gefährlich. Sie können schnell einstürzen. Ich nicht möchte, dass liebe Gäste zwischen Steinen zerquetscht werden. Tragisch, tragisch, das wäre es. Lieber fernhalten von Mine. Kein guter Ort. Bessere Orte hier. Definitiv. Ansehen sollten Sie sie. Besonders Sie sollten spazieren im Wald. Sehr schön, sehr schön. Ich früher war Jäger und Metzger des Dorfes. Früher ich habe Wälder jeden Tag durchquert. Immer schön. Viel Spaß ich wünsche«, er fasste die beiden Agenten an die Schultern und schob sie langsam zum Ausgang.

»Ich mich kümmern um Auto. Keine Sorge. Sie sich machen schönen Tag. Ich noch zu tun habe. Viel zu tun habe. Sehr beschäftigt. Sehr viel Arbeit. Schönen Tag ich wüsche.«

Die beiden befanden sich außerhalb des Büros und der Bürgermeister schloss die Tür hinter ihnen zu.

»Komischer Typ …«, sagte Seth und nieste dreimal.

»Gesundheit … Aber wenigstens hilft er uns. Siehst du, nicht alle in diesem Dorf hier sind schlechte Menschen.«

»Ja, ja ich habe es ja verstanden. Das ändert nichts daran, dass dieser Vogel einfach komisch ist. Da kannst du sagen, was du willst. Und der Typ will mir erklären, dass sie hier kein Slavakisch sprechen? Obwohl die Regierung alles in ihrer Macht stehende tut, um dafür zu sorgen, dass alle Slavaken diese Sprache sprechen?«

»Vielleicht handelt es sich um einen regionalen Dialekt? Das ist gar nicht so selten«, erwiderte Rookie.

»Ich habe schon viele Akzente und Dialekte in meinem Leben gehört. Der hier ist keiner. Ich kann dir nicht einmal sagen, was das für eine Sprache ist. Manchmal hört es sich an, als würden sie einfach nur versuchen Wörter nachzuahmen.«

»Die einzigen Dorfbewohner, die du getroffen hast, sind der Gastwirt und der Bürgermeister. Letzterer scheint unsere Sprache ziemlich gut zu beherrschen. Und vielleicht ist der Wirt einfach nur senil.«

»Ich weiß nicht, Rookie. An diesen Dorf ist irgendetwas faul, aber ich kann nicht mit meinen Finger darauf zeigen.«

»Glaubst du immer noch, dass sie blutrünstige Kannibalen sind?«

»Würde mich zumindest nicht überraschen«, Seth zuckte mit den Schultern.

Rookie gab ihn einen genervten Blick.

»Vielleicht sollten wir wirklich in der Zwischenzeit einfach die Gegend ein wenig erkunden. Etwas spazieren und frische Luft schnappen. Vielleicht bist du dann weniger grummelig«, schlug die Katzendame vor.

Seth hustete und versuchte zu nicken.

»Ja … Na gut … Tut mir eventuell gut. Gott, dieser Husten geht mir echt auf die Eier. Mein Kopf fühlt sich an wie eine reife Wassermelone, die zu lange in der Sonne lag.«

»Ein wenig frische Luft und Bewegung wird dir sicherlich gut bekommen.«

Sie verließen das Rathaus. Jetzt schien auch langsam Leben in das kleine Dorf zu strömen. Sie sahen Gruppen von Menschen zusammenstehen oder durch die Gegend laufen. Ein Murmeln ging durch die Luft. Seth fühlte sich beobachtet, angestarrt von den Dorfbewohnern. Es fühlte sich wie einer dieser Träume an, wo man ohne Unterhose vor der Klasse stand. Nur das hier niemand lachte, sondern einfach starrte, was die Sache noch weitaus unangenehmer machte. Wenn die beiden an eine Gruppe von Bewohnern vorbei gingen, hörte das Gemurmel schlagartig auf und sie drehten langsam ihre Köpfe zu den beiden Fremdlingen. Seth empfand, dass hinter diesen Augen nichts war. Da leuchtete kein Licht. Die Augen waren glanzlos, matt, stumpf. Als hätten diese Menschen keine Seele.

Jetzt werd nicht verrückt, alter Knabe, dachte Seth. Das ist nur das Fieber, was in dir spricht. Sie mögen einfach keine Fremden. Sie wollen uns nicht hier haben, das ist alles. Es sind keine wahnsinnigen Monster, die uns jeden Moment auseinanderreißen wollen. Du bist einfach zu paranoid. Aber wer kann es dir verübeln nach all diesen Jahren? Wie oft wurdest du schon von harmlos wirkenden Fassaden getäuscht? Wie oft haben vermeintliche Illusionen deine Freunde getötet? Du hast jedes Recht paranoid zu sein. Und irgendetwas an diesen Leuten stimmt nicht. Sieh dir ihre Augen an. Ihre Körper. Ihre Gesichter. Irgendetwas ist falsch an ihnen. Aber was? Was ist es nur? Du musst mehr beobachten. Sei wachsam. Oder willst du die Kleine auch noch verlieren? Hast du denn nicht schon genug Leute verloren? Willst du noch mehr geliebte Freunde auf dem Gewissen haben? Konzentriere dich. Du darfst dich nicht übertölpeln lassen. Nicht schon wieder. Denk an Morle. Denk an Augustina. Sie müssen in Sicherheit sein. Dafür hast du zu sorgen. Es ist deine Aufgabe.

»… Wäre das eine gute Idee?«, warf Rookie ein. Seth wurde aus seinen fiebrigen Gedanken gerissen.

»Ähm, was? Was hast du gesagt? Entschuldigung, ich war in Gedanken versunken.«

Rookie stemmte die Hände in ihre Hüfte.

»Noch nicht ausgeschlafen? Ich habe gesagt, wir sollten uns mal im südlichen Teil des Dorfes umsehen.«

»Äh … Ja … Ja, das wäre eine gute Idee«, Seth ging die Straße hinunter, wieder versunken in seinen Gedanken.

Ich sollte auf Oldtimer aufpassen. Er scheint nicht in der besten Verfassung zu sein. Hoffentlich kippt er mir nicht um. Wir sind hier völlig abgeschnitten. Und ohne das Schwarze Telefon können wir keine Hilfe rufen.

Sie machten sich auf dem Weg zum südlichen Teil des Dorfes. Rookie wunderte sich über die Leblosigkeit der Gegend. Die Dörfer, die sie kannte, waren von Trubel und Leben erfüllt. Kinder spielten auf der Straße, auf dem Markt wurde um Waren gefeilscht, ältere Herren saßen auf Terrassen, rauchten ihre Pfeifen, quatschten miteinander oder spielten Schach. Väter trafen sich mit ihren Kumpels auf ein Nachmittagsbier, Mütter tauschten den neuesten Tratsch aus. Es wurde Rasen gemäht, der Garten gepflegt, Autos fuhren die Straßen auf und ab. Überall passierte etwas, überall war Leben. Und wenn es nur eine Familie war, die auf ihrem Hof grillte. Doch hier? Hier war nichts. Hier war kein Leben, keine Feste, keine Feiern. Niemand tuschelte, quatschte, redete miteinander. Hier standen sie alle nur herum und starrten.

Vielleicht hatte Seth Recht und irgendetwas stimmte hier nicht. Vielleicht waren die Leute hier wirklich nicht ganz in Ordnung. Doch der Bürgermeister zeigte eine andere Seite. Vielleicht mochten sie einfach keine Außenstehenden, vielleicht wollten sie einfach nur unter sich sein und benahmen sich deshalb komisch. Wer weiß …

Sie verließen den Hauptteil des Dorfes und erreichten die Südseite. Hier zeigte sich das Dorf von seiner zerfallensten Seite. Die Häuser hier waren nur noch Ruinen, der Zahn der Zeit hatte sie zu Tode genagt. Oftmals blieben nur noch die Grundmauern und ein paar Haufen Ziegelsteine übrig.

»Der Teil des Dorfes ist ja noch verfallender. Woran das wohl liegen mag?«, fragte Rookie sich.

»Wind, Regen, Krieg, Vernachlässigung … Such dir etwas aus. Bin ja erstaunt, dass die anderen Häuser überhaupt noch stehen«, entgegnete Seth.

»Hier ist alles so depressiv …«

»Ich wünschte, ich könnte jetzt ‘ne Kippe rauchen. Das würde zumindest meine Stimmung aufhellen. Verdammte Krankheit … Warum ausgerechnet jetzt?«, Seth hustete.

»Lass uns erst mal weitergehen«, schlug Rookie vor.

Anhand der Unmengen an Ruinen konnte man erkennen, dass das Dorf vor vielen Jahren weitaus größer war, vielleicht nicht die Größe einer Kleinstadt, aber immerhin größer als das mickrige Kaff, das es jetzt war. In einiger Entfernung erblickten die beiden Agenten eine Gruppe von fünf Kindern, die zwischen den verfallenden Mauern spielten. Zumindest sah es nach Spielen aus. Die Kleinen rannten im Kreis, sprangen hin und her, warfen sich zu Boden. Sie waren in einem ähnlichen Zustand wie der Rest des Dorfes: dreckig und verwahrlost. Ihre Haare waren filzig, die Haut war schmutzig und braun, die Kleidung zerrissen.

Jugendämter hätten sie wahrscheinlich schon längst in Obhut genommen und die Eltern wegen Vernachlässigung angezeigt. Doch hier in der hintersten Ecke von Belikajastran gab es kein Jugendamt, das sich für Kinder interessierte. Der Staat, trotz seiner scheinheiligen pro-slavakischen Natur, interessierte sich überhaupt nicht für die Kinder seiner Bevölkerung. Man war zu sehr damit beschäftigt Unmengen an nicht vorhandenen Geldern für ein nicht funktionierendes Militär aus dem Fenster zu schmeißen. Da blieben schon mal soziale Programme für den armen Teil der Bevölkerung auf der Strecke.

Als die Kinder die beiden Agenten erblickten, stoppten sie auf der Stelle ihr Spiel und starrten die Störenfriede mit leeren Augen und ausdruckslosen Gesichtern an. Rookie winkte ihnen zu, doch sie reagierten nicht, sie starrten nur weiter. Die Katzendame sank langsam wieder ihre Hand. Schließlich nach einiger Zeit gingen sie einfach, ohne jedoch die Eindringlinge aus den Augen zu lassen. Seth spürte, wie ihre Blicke sich in seinen Körper bohrten. Seine Hände wurden nass vor Schweiß, seine Haut begann zu jucken und zu brennen. Seine Finger zuckten.

Als die Kinder aus seinem Blickfeld verschwunden waren, sagte er: »Ich schwöre bei der Dreieinigkeit, wenn noch irgendeiner von diesen degenerierten Trottel mich noch länger als drei Sekunden anstarrt, werde ich dieses verdammte Dorf niederbrennen.«

»Wie willst du diesen Ausrutscher dem Direktor erklären?«

»Ich habe aus Versehen eine brennende Zigarette fallen lassen und eh ich mich versah, brannte alles. Die Wälder sollen ja ziemlich trocken sein, hab ich gehört.«

»Manchmal machst du mir ein wenig Angst, Seth. Nur gut, dass du auf unserer Seite bist.«

»Joah, die AOO bietet einfach eine zu gute Zahnersatzversicherung. Da kann das Mistarkonic-Institut nicht mithalten. Obwohl ich sagen muss, dass diese gelben Mäntel und die weißen Masken schon Stil haben. Bei denen wird mir wenigstens nicht vorgeschrieben eine Krawatte zu tragen …«

Rookie bedachte ihn mit einem bösen Blick.

»Spaß! Das war ein Spaß!«

Rookie rollte mit den Augen und ging weiter.

»Frauen und Witze. Ein Minenfeld«, murmelte Seth vor sich hin. Auf einmal zuckte ein starker Schmerz durch seinen Kopf. Er fasste sich an die Stirn und massierte seine Schläfen. Die Schmerzen ließen kaum nach. Verdammte Kopfschmerzen, dachte er. Seine Augen begannen zu brennen wegen dem hellen Licht. Nicht schlappmachen! Bloß nicht schlappmachen! Er atmete tief ein und wieder aus. Er schloss seine Augen, zählte bis zehn. Bald schon ließen die Schmerzen nach und wurden zu einem Brummen. Immer noch unangenehm, aber besser als dieses Stechen.

Die beiden verließen die Ruinengegend und stießen auf etwas sehr Kurioses. Sie erblickten einen kleinen Friedhof, das Meer aus Gras hatte den Großteil des Geländes bereits verschlungen. Einst wurde dieser Ort von einem einfachen Holzzaun umrandet, der jedoch längst Opfer der Witterung wurde, nur noch Bruchstücke waren erhalten. Ähnlich verhielt es sich mit dem Friedhofsgebäude. War es einst eine Kirche gewesen? Ein Krematorium? Schwer zu sagen. Das Haus war schon lange in sich eingefallen. Was es früher war, war nicht mehr zu erkennen.

Die Grabsteine des Friedhofs waren verwittert und zerbrochen. Efeu umklammerte die grauen Steine und schloss sie in einer ewigen Umarmung ein. Rookie und Seth bemerkten jedoch etwas sehr Seltsames, als sie sich dem verlassenen Grundstück näherten. All die Gräber waren geöffnet und leer.

»Das ist ja komisch …«, sagte Rookie zu sich selbst.

Doch die Sache wurde noch weitaus komischer. In einiger Entfernung zum Friedhof entdeckten die beiden Agenten noch mehr Löcher im Boden. Hunderte, verstreut über eine weite Fläche.

»Was es wohl damit auf sich hat?«, fragte Rookie und schaute sich um.

»Wer weiß … Vielleicht haben die Dorfbewohner hier mal Bomben ausgegraben. Oder Soldaten wollten hier eine Basis aufstellen … Sind dazu aber nicht gekommen, vielleicht wegen eines Überraschungsangriffs … Würde auch die Ruinen erklären«, Seth hustete.

»Und der leere Friedhof?«

»Grabräuber? Plünderungen? Im Krieg wird man verzweifelt … Da tut man auch schon mal moralisch fragwürdige Dinge …«

Rookie verzog ihr Gesicht vor Ekel, als ihr klar wurde, worüber Seth sprach. Sein Husten wurde schlimmer, er hörte sich rau und trocken an. Sie fasste ihren Partner an die Schulter und sagte: »Vielleicht sollten wir wieder zurückgehen. Du solltest dich ausruhen.«

»Mir geht es … best…«

»Nein, geht es dir nicht. Du hustest gleich deine Lunge heraus. Du bist blasser als Prig, wenn er seine Sonnencreme aufträgt. Deine Augenringe sind größer als die Ringe von Erikura. Du musst dich ausruhen, sonst brichst du noch zusammen.«

»Es ist doch nur … eine verdammte … Grippe …«

»Ich glaube, du hast irgendetwas Schlimmeres. Komm, lass uns zum Gasthaus gehen. Dann kannst du dich etwas hinlegen.«

»Hoffentlich hat dieser alte Sack endlich … was Vernünftiges zu essen …«, grummelte Seth vor sich hin.

Die beiden drehten sich um und waren gerade dabei den Rückzug anzutreten, als Rookie in der Ferne einen Dorfbewohner erblickte. Sein linker Arm reichte bis zum Boden, die rechte Schulter hing schief. Rookie winkte ihm aus Freundlichkeit zu, doch er reagierte darauf nicht. Er starrte sie nur für einen Moment an und verschwand danach wieder.

Das wird hier immer seltsamer, dachte Rookie.

Die beiden begaben sich wieder zurück zum Gasthaus. Nachdem es Abend wurde, fragten Rookie und Seth den Wirt wieder nach Essen und wieder gab es nur fauliges Obst und Gemüse.

»Verdammte Scheiße!«

Als sie ihr klägliches Mahl verzehrt hatten, gingen sie zurück auf ihr Zimmer. Seth ging es elend. Sein Schädel schwirrte, an seinen Händen klebte der Schweiß, aus seiner Nase lief der Rotz. Er setze sich auf sein Bett und ließ den Kopf hängen. Rookie setzte sich auch hin.

»Ich habe noch einmal über unsere Entdeckung nachgedacht. Irgendetwas ist verdammt seltsam daran. Vielleicht hast du recht. Vielleicht stimmt hier irgendetwas nicht. Ich mein, die Bewohner scheinen uns regelrecht zu beobachten.«

»Ach ja … Ich … Ach, irgendwie bin ich erschöpft«, Seths Gedanken rasten durch seinen Kopf.

Löcher. Überall Löcher. Welchen Zweck? Löcher. Dort verstecken sich die Dorfbewohner. Dort sind sie. Sie schauen heraus. Löcher. Löcher. Was hat das zu bedeuten? Warum so feindselig? Seth, sei vorsichtig. Hüte dich, hüte dich vor den Löchern. Sei …

»Seth?«

»Ähm … «, der Strom an wirbelnden Gedanken riss ab, »Ja?«

»Wir sollten langsam schlafen gehen. Vielleicht geht es dir dann besser …«

»Ja … Gute Idee …«, er hustete.

Sie zogen sich aus und legten sich hin, langsam hatten sie sich auch an das harte Bett und die dreckige Wäsche gewöhnt. Rookie schlief auch bald ein, bei Seth hingegen sah die Sache anders aus. Seltsame Bilder huschten vor seinem inneren Auge. Längst vergangene Ereignisse lebten wieder in seinem Bewusstsein auf. Um ihn herum brannte das Dorf. Vor ihm stand Nikolaj, gekleidet in seiner schwarzen Uniform und roten Barett. Sein Blick war ernst und durchdrungen. Ihm schien das Feuer nicht zu stören. Seth hörte die Schreie verzweifelter Menschen, die am lebendigen Leibe verbrannten. Nikolaj nickte nur.

Gute Soldaten befolgen Befehle, sagte er zu Seth.

Das ist doch Wahnsinn! Nichts weiter als Wahnsinn!

Nein … Wir tun nur, was uns befohlen wurde. Diese Menschen waren Partisanen. Sie haben sich auf die Seite des Feindes gestellt. Dafür müssen sie ausgelöscht werden. So lauten unsere Befehle. Keine Gnade gegenüber dem Feind, erklärte Nikolaj kalt.

Du bist ein Monster! Eine grausame Bestie!, warf Seth ihn entgegen.

Bin ich das? Bin ich der Böse? Stammen die Flammen nicht aus deiner Hand? Waren sie nicht das Werk deiner Magie? Seth, du bist ein guter Soldat. Du befolgst deine Befehle.

Seth wollte aus dieser Hölle fliehen, er wollte weg von diesem Teufel, der ihn Lügen zuflüsterte. Er rannte los, vorbei an brennenden Häusern und schreienden Familien.

Nicht wahr, nicht wahr, nicht wahr. Nichts davon ist wahr!, flüsterte er immer wieder zu sich selbst.

Etwas packte ihn am Knöchel und er fiel hin. Er sah, dass eine brennende Hand ihn umklammerte. Sie gehörte zu einem kleinen Jungen.

Warum?, krächzte die Stimme schmerzerfüllt, Warum? Warum tut ihr uns das an? Warum müssen wir brennen?

Nein! Das ist nicht wahr! Ich war das nicht!, Seth trat den Jungen ins Gesicht, versuchte sich aus der Umklammerung zu befreien. Das Kind schrie vor Schmerzen. Es flehte um Gnade. Der Agent trat immer und immer wieder zu, bis das verkohlte Gesicht zerfiel und die Hand ihn endlich losließ. Seth rannte weiter, doch aus dem brennenden Dorf gab es kein Entkommen. Die Flammen konsumierten alles, umrundeten alles. Es gab kein Entrinnen. Seth drehte sich um, er sah die dunkle Gestalt Nikolajs. Er starrte ihn nur an. In seinen Augen war keine Wärme, keine Gnade, kein Ende.

Gute Soldaten befolgen Befehle, Seth. Gute Soldaten befolgen Befehle, die Stimme des Soldaten war fest, sie donnerte über das gesamte Gebiet.

Aus der Glut der brennenden Häuser erhoben sich die ehemaligen Bewohner dieses Ortes. Ihre Körper bestanden nur noch aus Kohle und Asche. Ihre Augen und Münder glühten rot. Langsam bewegten sich sich auf Seth zu. Ihre Gesichter waren in ewiger Agonie verzerrt. Sie gaben ein gequältes Gestöhne von sich. Jede Sekunde war für sie eine Pein.

Ein Gefühl von Angst überströmte Seth. Er wollte davonlaufen, doch wohin? Die Verbrannten begannen ihn einzukreisen. Sie ignorierten Nikolajs völlig, sie wollten nur Seth. Sie wollten … Rache, für ungesühnte Verbrechen. Der Agent fiel auf die Knie. Er fühlte sich machtlos. Erschöpft.

Ich war es nicht … Ich war es nicht, flüsterte er immer wieder vor sich hin.

Gute Soldaten befolgen Befehle.

Ich war es nicht!

Gute Soldaten befolgen …

Ich war es nicht …

Gute Soldaten …

Ich war es …

Rookie schlug plötzlich ihre Augen auf. Sie starrte an die dunkle Decke. Was war das?, fragte sie sich. Sie richtete sich auf, das Bett quietschte. Hatte sie das gerade eben nur geträumt? Nein, das kann nicht sein. Es war echt. Sie lauschte mit ihren Katzenohren in die Stille. Da! Da war etwas! Es klang wie schlurfende Fußschritte auf sandigen Boden. Und da war noch etwas anderes. Ein ekelhafter Geruch hing in der Luft. Ein Gestank von ungewaschen, verfaulten Fleisch. Sie stand auf, ihre Pfoten berührten den kalten Holzboden. Rookie ging ans Fenster und schaute hinaus. Was sie sah, ließ sie den Atem anhalten.

Eine Prozession von Dorfbewohnern, soweit Rookie es erkennen konnte, waren es mindestens über hundert, bewegte sich in gerader und geordneter Linie an dem Gasthaus vorbei. Sie trugen keine Fackeln, keine Lichtquellen, sondern marschierten einfach im Dunkeln. Sie gaben keine Geräusche von sich, das Einzige, was man vernahm, war das gleichmäßige Scharren der Füße auf dem Sand. Rookie war sich nicht einmal sicher, ob die Dorfbewohner überhaupt atmeten.

Die Prozession nahm langsam ein Ende, sie schien in Richtung, in Richtung des Berges, zu marschieren. Rookie wollte keine Zeit verlieren, sie musste diesem seltsamen Treiben auf dem Grund gehen. Sie schnappte sich ihre Stiefel, ihre Socken, das rotkarierte Hemd, ihre Hose und zog sich an. Sie überlegte für einen Moment, ob sie Seth wecken sollte. Doch sie sah, wie er sich im Schlaf wandte und wie sein Gesicht sich verzerrte. Die Krankheit setzte ihn wohl übel zu. Sie sah aber noch etwas anderes. Seth schlief ohne Unterhemd, so dass sein gut trainierter Oberkörper sichtbar war. Rookie erblickte fünf tiefe Wunden auf seinem Brustkorb. Waren das die Kratzer, die Heyden ihn zugefügt hatte? Sie sahen übel aus, wahrscheinlich waren sie sogar entzündet. Sie entschied sich ihn später darauf anzusprechen. Aber fürs Erste musste sie sich um die Dorfbewohner kümmern.

Mit leisen Schritten ging sie nach unten und verließ das Gasthaus. Sie sah in einiger Entfernung das Ende der Prozession, sie verschwand im Inneren des Berges. Rookie begab sich dorthin, sie achtete darauf, dass niemand sie beobachtete. Doch die Wahrscheinlichkeit dafür schien relativ gering zu sein. Das ganze Dorf war still, verlassen. Anscheinend waren nur noch Rookie und Seth hier.

Nach einigen Hürden erreichte sie endlich den Fuß des Berges. Dort befand sich der Eingang einer längst stillgelegten Mine. Rookie sah ein Schild, wo drauf stand: Von Klatt Bergbau&Maschinen. Ein loyaler Partner der Handelsgesellschaft.

Sie ging hinein. Zu ihrer Überraschung stellte sie fest, dass die Mine in einem ziemlich guten Zustand war. Hatte der Bürgermeister sie angelogen? Und wenn ja, weshalb? Was versteckte er hier?

An den Wänden leuchteten elektrische Lampe, die den Gang in ein schummriges Licht tauchten. Rookie musste aufpassen, dass sie nicht stolperte und sich etwas brach. Das Letzte, was sie gebrauchen könnte, wäre in einer dunklen Mine mit einem gebrochenen Knöchel zu liegen.

Auf dem Weg sah sie ein paar verrostete Güterloren und Spitzhacken. Sogar einen Helm mit zerbrochener Lampe fand sie. Nach einiger Zeit, der Gang schien nur geradeaus zu gehen, wofür Rookie sehr dankbar war, kam sie in eine Art Höhle an. An den Wänden war einmal ringsherum Lampen in gewissen Abständen angebracht worden. In der Mitte der Höhle befand sich ein großer See mit nahezu klaren Wasser. Am Ufer hatten sich die Dorfbewohner versammelt. In unmittelbarer Nähe stand der Bürgermeister auf einem erhöhten Felsen. Seine Miene war starr und ausdruckslos, er schien nur zu beobachten.

Einer nach dem anderen gingen die Dorfbewohner in das Wasser hinein. Rookie konnte nicht genau erkennen, was sie taten, aber sie schienen irgendeine klare Flüssigkeit zu erbrechen. Viele knieten gar im Wasser und kotzten hinein.

Was zur Hölle passiert da?, fragte Rookie sich.

Das ganze Spektakel zog sich in nahezu kompletter Stille ab. Niemand sagte etwas, niemand sprach. Keiner raschelte oder hustete oder gähnte. Alle waren still, so als hätten sie die Fähigkeit Geräusche zu erzeugen komplett verloren. Nur das Würgen und das Rauschen der Flüssigkeit war zu vernehmen.

Rookie hatte eindeutig genug gesehen. Sie wollte gerade gehen, als ihre Stiefel ein paar Steine aufwühlten, die einen Abhang hinunterrollten. Ihr Herz rutschte ihr in die Hose. Einer der Dorfbewohner schien das Geräusch bemerkt zu haben und drehte sich mechanisch um. Schnell ging Rookie zurück in den Tunnel und drückte sich flach an die Wand, sie hielt ihren Atem an. Der Dorfbewohner schaute sich um, doch schien nichts zu finden, er wandte sich wieder der Menge zu.

Mit leisen Schritt begab sich Rookie wieder nach draußen. Dort angekommen, atmete sie erleichtert aus. Ihr Herz kloppte wie verrückt. So schnell wie möglich rannte sie zurück zum Gasthaus.

Sie ging sofort wieder auf ihr Zimmer zurück. Sie überlegte Seth zu wecken, doch entschied sich dagegen. Um diese Uhrzeit hatte es keinen Sinn mit ihm zu reden. Sie legte sich in ihr Bett und versuchte zu schlafen, doch sie machte in dieser Nacht kein Auge zu. Zu sehr kreisten die beobachteten Ereignisse in ihrem Kopf herum. Was hatte das alles nur zu bedeuten? Was hatte sie da gesehen? Irgendwann döste sie ein, doch es blieb kein friedlicher Schlaf.

Gleich als die ersten Sonnenstrahlen ihr Fell kitzelten, öffnete sie ihre Augen. Ihr Körper fühlte sich ausgelaugt, gerädert, kaputt an. Sie war völlig erschöpft. Mit Mühe und Not richtete sie sich in ihren Bett auf und schaute sich um. Sie rieb sich ihre trockenen Augen. Seth schlief noch. Sie stand auf und ging zu ihm hin.

»Seth?«, flüsterte sie.

Er schnarchte weiter.

»Seth? … Seeeth? … Seeeeeth?«, sie rüttelte ihn.

Er knurrte und murmelte irgendetwas, schlief aber trotzdem weiter.

»Seth! Wach auf!«, rief sie und schüttelte ihn an den Schultern.

Sein Schnarchen hörte abrupt auf und er öffnete erschrocken seine Augen. Verwirrt schaute er in der Gegend herum, bis er Rookie erblickte. Er rieb sich die müden Augen, sein Gesichtsausdruck wandelte sich von verwirrt zu wütend.

»Warum schreist du hier so herum? Was soll die Scheiße, Rookie?«, er massierte seine Schläfen.

»Seth … es ist wichtig.«

»Was kann so wichtig sein, dass du mich am frühen Morgen wie eine Furie weckst?«

»Ich habe heute Nacht Geräusche gehört … ich hab die Dorfbewohner gesehen, wahrscheinlich war es das gesamte Dorf … Sie sind zu der Mine gegangen … dort ist ein See … und sie haben … sie haben … irgendetwas gemacht … Ins Wasser gekotzt … Es könnte ein Ritual sein … oder eine Opferung … oder … Irgendetwas stimmt mit dem Wasser nicht …«

»Rookie … Jetzt halt mal kurz die Luft an. See? Mine? Rituale? Es ist, keine Ahnung, sieben oder acht Uhr in der Frühe. Ich bin gerade plötzlich aufgewacht, mein Kopf dröhnt und mein Hals ist eine Wüste. Ordne deine Gedanken, dann können wir weiterreden. Ich werde mir jetzt erst mal ein Glas Wasser gönnen.«

Seth stand auf und ging zum rostigen Waschbecken. Er nahm das dort stehende Glas, wischte es ein an seiner Unterhose sauber und goss sich ein wenig Wasser ein. Es grenzte an ein Wunder, dass die Leitungen hier noch funktionierten. Doch Rookie beschlich ein ungutes Gefühl. Sie sprang zu ihm hin und schlug ihn das Glas Wasser aus der Hand, das auf dem Boden dann zerschellte.

Seth starrte sie fassungslos an: »Was soll die Scheiße, Rookie? Hast du noch alle Tassen im Schrank? Bist du jetzt völlig durchgedreht? Was soll das?«

Doch Rookie sagte nichts, sondern zeigte nur auf die Pfütze auf dem Boden. Die beiden schauten es sich genauer an und erschraken. Im Wasser tummelten sich tausende von kleinen, dünnen weißen Würmern. Sie zuckten und wandten sich, versuchten ihren nahenden Tod zu entkommen. Rookie zog angewidert das Gesicht weg.

»Heilige Scheiße … Ich glaube, das würde Dr. Thanatos sehr interessieren«, sagte Seth.

»Glaube ich auch … Ob die Leute von diesem Zeug infiziert sind?«

»Ich halte das nicht für ausgeschlossen«, Seth erhob sich, »Aber siehst du? Ich hab es doch gesagt, hier ist irgendetwas faul. Und ich hatte recht.«

»Nun, Würmer standen jetzt nicht auf meiner Liste. Du hast die ganze Zeit was von Kannibalen gefaselt.«

»Ach, ob nun Würmer oder Kannibalen oder Kreaturen aus der Dimension XY ist doch egal. Das Wichtigste ist, dass ich recht hatte«, Seth grinste schadenfroh.

»Ich hab es ja verstanden … Wie verfahren wir weiter?«

»Unsere Hauptpriorität sollte sein unser Auto, und damit unsere Ausrüstung, wiederzufinden. Und da wir uns jetzt definitiv nicht auf die Hilfe des Bürgermeister verlassen können, müssen wir auf eigene Faust handeln. Dabei dürfen wir uns nicht erwischen lassen«, erklärte Seth.

»Das denke ich auch. Bei der … Versammlung … war er auch dabei. Er hat nichts getan, sondern nur beobachtet.«

»Wir müssen davon ausgehen, dass das gesamte Dorf mit diesen Würmern infiziert ist und die eindeutig nicht klar denken können. Hmm … Lass mich überlegen. Den Süden des Dorfes haben wir bereits erkundet. Im Norden befindet sich die Mine … Vielleicht sollten wir nach Westen gehen und dort die Lage untersuchen. Gut möglich, dass sie dort unser Auto versteckt haben.«

»Klingt doch nach einem Plan«, entgegnete Rookie.

»Wir dürfen uns nur nicht erwischen lassen. Wer weiß, wozu die fähig sind«, Seth massierte sich seine Schläfen, die Kopfschmerzen begannen wieder.

»Ob diese Parasiten eine Anomalie sind? Oder doch eher heimische Kreaturen?«, fragte sich Rookie.

»Ich hab noch von keinen Wurm gehört, der in der Lage sei seine Wirte geistig zu kontrollieren. Aber vielleicht ist es wirklich nur eine neuentdeckte Tierart … Spielt jetzt auch keine Rolle, ob die Viecher nun Kinder von Mutter Natur sind oder aus der Dimension Alpha kommen. Fakt ist, sie sind eine Gefahr für uns und unsere Mission.«

»Dann müssen wir wohl extra vorsichtig sein.«

Seth zog sich an und gemeinsam verließen sie das Gasthaus. Glücklicherweise befand sich kein einziger Dorfbewohner in der Nähe, sodass die beiden leise aus dem Dorf hinausschleichen konnten. Sie marschierten über die Felder, die größtenteils brach lagen. Mit Ausnahme von ein paar Inseln von verkümmerten Gemüse waren sie leer. Wenn Rookie so darüber nachdachte, ergab es im Nachhinein schon Sinn. In einiger Entfernung sahen die beiden einen Bauernhof mit mehreren Gebäuden. Sie sahen sich an und nickten. Das war ihr nächstes Ziel.

»Ich fühl mich hier wie auf dem Präsentierteller«, murmelte Seth.

»Hoffen wir, dass uns niemand sieht.«

Sie kamen auf dem Bauernhof an. Für so ein kleines Dorf, war es ein ansehnlicher Hof. In der Mitte befand sich ein beachtliches Gutshaus. Daneben befand sich ein Stall, in dem schon lange keine Pferde mehr wieherten. Gleich rechts neben dem Anwesen stand ein Schlachthaus, ein kleines beiges Ziegelsteingebäude mit schmalen Fenstern und einem flachen Metalldach. Auf dem Hof stand ein verrosteter Traktor, dem eines seiner Hinterräder fehlte. Die Scheiben waren zerbrochen, die originale Farbe ließ sich nicht mehr erkennen. Wahrscheinlich war das Fahrzeug mal rot.

Das Gutshaus glich in seiner Bauweise dem Rathaus. Es war ein dreistöckiges, langgezogenes Gebäude mit einem roten Kacheldach. Ähnlich dem Rathaus hatte es eine Steintreppe, die zum Eingang führte.

Rookie und Seth gingen die Treppe hinauf und öffneten die schweren Türen. Auch hier hatte die Zeit ihre zerstörerischen Spuren hinterlassen. Das Eingangsfoyer sah wahrscheinlich einst majestätisch aus, doch nun war es nichts weiter als eine verlassene Halle, die langsam zusammenbrach. Die meisten Fliesen waren von den Wänden gefallen, das Holz war verfault. Rookie hörte das Krabbeln von Ratten in der Nähe.

»Seth … Warum sollten wir überhaupt hier nachsehen?«

»Gut möglich, dass diese Kreaturen unsere Sachen hier versteckt haben. Das Gebäude liegt relativ abseits. Vielleicht haben sie unser Zeugs über das gesamte Gebiet verstreut.«

Zuerst untersuchten sie das Erdgeschoss, doch leider blieb die Suche erfolglos. Sie fanden nichts weiter als Schimmel, verrostete Töpfe und verfaultes Mobiliar. Einst muss dieses Herrenhaus prächtig ausgesehen haben. Eine Spur dieses alten Glanzes ist noch vorhanden, doch im Großen und Ganzen war es ein verlassener, trauriger Ort, wo der Putz von den Wänden fiel und das verrottete Innere des Hauses offenbarte.

Rookie und Seth gingen nach oben und teilten sich auf. Die Katzendame untersuchte eines der etwas größeren Zimmer, wahrscheinlich war es einst ein Schlafzimmer, wahrscheinlich sogar das des Gutsherrn. Dort wo eigentlich ein Fenster sein sollte, prangte ein großes Loch. Rookie konnte meilenweit Felder und einige Wälder sehen, die Blätter hatten schon gelbe Stellen. Der Himmel war blau und vollkommen wolkenlos, es wehte ein leicht warmer Wind in das Zimmer. Die Agentin sah sich um, der Raum war mit mehreren Eichenholzschränken und einem großen Bett bestückt, vieles davon war jedoch verfault und verschimmelt.

Neben den Bett stand ein kleiner Nachttisch, aus einer Intuition heraus, öffnete Rookie die Schublade und schaute hinein, drinnen befand sich ein braunes Buch. Sie schlug es auf, es war leicht durchnässt, aber immer noch lesbar. Wem es wohl gehörte? Sie begann zu lesen:

Es ist einfach nur noch eine Tragödie. Am Anfang habe ich geglaubt, dass wir das alles noch überstehen werden, doch so langsam kommen mir Zweifel. Der Friedhof hat keine Kapazitäten mehr, er läuft über. Der Bürgermeister hatte angeordnet, dass die Leute Massengräber ausheben sollen. Ich will gar nicht wissen, wie groß die nachher werden. Ich habe die Leichenberge gesehen … Verkackte Seuche, das halbe Dorf ist bereits zugrunde gegangen. Und dann noch dieser verdammte Krieg. Vor einiger Zeit, es müsste ungefähr zwei Wochen her sein, kamen ein paar junge Soldaten der sogenannten Volksbefreiungsarmee (welches Volk auch immer die befreien wollen … ich persönlich hab mich eigentlich unter der Bundesregierung prächtig gefühlt) in unser Dorf an. Sechs junge Männer mit leeren Gesichtern und blutunterlaufenen Augen, sahen ziemlich schlecht aus. Ich würde meinen ganzen Hof darauf verwetten, dass sie diese Seuche eingeschleppt haben.

Gott, wie ich sie doch verfluche. Wären sie hier nicht gestrandet, wäre uns dieser Alptraum erspart geblieben. Ich habe gesehen wie Leute einfach auf der Straße zusammengebrochen sind. Tot umgefallen. Die Menschen sterben hier wie die Fliegen.

Selbst meine Knechte sind verschwunden, erschienen einfach nicht mehr zur Arbeit. Ob sie einfach geflohen sind? Oder hat sie diese Seuche erwischt? Wer weiß … spielt keine Rolle mehr. Ich kann diesen Hof nicht mehr unterhalten. Wie soll ich meine Waren verkaufen, wenn meine Kunden einfach wegsterben?

Die Soldaten hatten Interessantes zu erzählen, obwohl ich das meiste als verrücktes Gebrabbel abtun würde. Sie erzählten uns von gonzzolischen Paramilitärs, die die Leute terrorisieren. Nennen sich angeblich Heimwehrtruppen, malen sich Totenköpfe auf ihre Helme. Laufen von Dorf zu Dorf und töten dort die Bewohner. Massakrieren sie, schlitzen ihre Bäuche auf und hängen die Gedärme wie Schmuck um die Bäume, als würden sie das Lichterfest feiern. Ich bezweifle die Echtheit. Kanzler Heidenreich spielte zwar oft den Starken Mann, doch soweit würde er sicherlich nicht gehen. Wahrscheinlich handelt es sich einfach nur um Hilfskräfte der Bundesarmee.

Im Norden soll sich ein Kriegsherr erhoben haben. Sie nennen ihn den Wintergeneral, ein grausamer selbsternannter Lokalfürst. Soll einst zur Volksbefreiungsarmee gehört haben, hat wohl ein bisschen zu viel vom Nektar der Macht getrunken. Einen Winter lang hat er angeblich regiert, momentan soll seine Macht langsam bröckeln. Ich erinnere mich an den letzten Winter. Furchtbar, so viel Leid. Da begann schon das Sterben in unserem Dorf. Ich habe gehört, dass Babys in den Armen ihrer Mütter einfach erfroren sind. Schrecklich.

Das obskurste Gerücht haben sich diese Möchtegernsoldaten zum Schluss aufgehoben. Selbst als die Worte ihre Münder verließen, konnte ich ihnen nicht glauben. Es muss sich einfach um einen Scherz handeln. Angeblich hätten sie Geister auf den Schlachtfeldern gesehen. Kann man das glauben? Mörderbanden, Kriegsherren und jetzt auch noch Geister. Schwachsinn. Doch ich glaube, die Jungs waren zutiefst überzeugt davon, was sie gesehen haben. Ich erblickte … echte Angst in ihren Augen. Wahrscheinlich nur ein Kriegstrauma.

Was soll jetzt mit mir passieren? Ich fühle mich irgendwie schlecht, krank, schwach. Hoffentlich hab ich mir nichts eingefangen. Ich werde wahrscheinlich das Dorf, diesen Friedhof, bald verlassen. Für mich gibt es hier nichts mehr, außer Tod und Verderben.

»Hast du was gefunden?«, fragte Seth, der sich plötzlich im Raum befand. Rookie hätte vor Schreck fast das Buch fallen gelassen, sie drehte sich zu ihm um.

»Erschreck mich nicht so!«

»Tschuldigung … Hast du was gefunden?«

»Hm … nur dieses Tagebuch hier. Scheint den ehemaligen Gutsherrn gehört zu haben.«

»Steht irgendetwas Interessantes drin?«, fragte Seth.

»Nur das während des Krieges hier irgendeine Seuche wütete. Viele Tote, sie mussten sogar Massengräber anlegen. Das waren wahrscheinlich die Löcher, die wir in der Nähe des Friedhofs gesehen haben.«

»Seuche, hm? Das müssen diese Würmer gewesen sein. Beschreibt er die Krankheit irgendwie genauer?«

»Nein … Er bleibt vage. Er schreibt nur, dass die Leute mitten auf der Straße tot umfielen. Er vermutet, dass Soldaten der Volksbefreiungsarmee die Seuche eingeschleppt hätten«, erklärte Rookie.

»Gut möglich. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich im Krieg Seuchen ausbreiten. Wahrscheinlich trug einer der Soldaten diese Parasiten in sich ohne es zu merken und hat sie dann hier verteilt. Was dann zum Untergang des Dorfes geführt hat.«

»Du gehst also davon aus, dass die Würmer natürlichen Ursprungs sind?«

Seth zuckte mit den Schultern: »Wer weiß das schon … Wir wissen nichts über sie und sie scheinen nur auf diese Gegend hier begrenzt zu sein.«

»Hm … Ich weiß nicht. Der See … Und was ist wenn sie ins Grundwasser gelangen?«, Rookie war sich nicht sicher und sorgte sich.

»Wir sind nicht die verdammte Seuchenschutzbehörde«, grummelte Seth, »Wir haben einen Auftrag und der hat Vorrang, alle anderen Dinge kommen später dran. Deshalb müssen wir dringend unsere Sachen finden. Wir sind schon im Verzug. Wer weiß, wie es Kuryerom gerade geht. Vielleicht steckt er in Lebensgefahr … Darauf sollten wir uns erst einmal konzentrieren.«

»Okay … Wenn du das so sagst …«

»Lass uns weitersuchen.«

Sie begaben sich nach draußen, raus aus dem muffigen Begräbnis einstigen Reichtums. Rookie schaute zum Schlachthaus hinüber. Sie überlegte und stupste Seth an.

»Vielleicht sollten wir mal da rein sehen. Ich mein, ein Schlachthaus wäre ein ziemlich gutes Versteck.«

»Warum nicht …«, Seth hustete. Er spürte, wie eine unerträgliche Hitze langsam in ihm aufschwoll.

Auf der Rückseite des Gebäudes befand sich eine schwere Metalltür, an der schon der Rost nagte. Rookie hatte Schwierigkeiten die Tür zu öffnen, sie stemmte sich dagegen, doch das verdammte Ding wollte sich keinen Zentimeter bewegen. Erst mithilfe von Seth öffnete sich die Tür langsam. Die Tür war noch keinen Spalt offen, da strömte schon ein widerwärtiger Geruch von Kupfer und verfaulten Fleisch in ihre Nasen, zumindest in die von Rookie, Seths Nase war verstopft wie die Toilette im dritten Stockwerk des Versteckten Hauses.

Das Schlachthaus war ein dreckiger Ort. Die Fliesen waren mit getrockneten Blutflecken bedeckt. Der Geruch von toten Kühen und Kupfer war im Inneren noch viel stärker. Im ersten Raum wurden die Tiere wahrscheinlich geschlachtet. Ein langes Förderband streckte sich von einem Ende zum anderen. In den Ecken lagen Knochen von Kühen und Schweinen. Es war ein wahrlich trostloser Ort des Todes. Rookie und Seth begaben sich in die nächste Kammer. Das Förderband streckte sich hier noch weiter, vereinzelt sah man noch die furchterregenden rostigen Werkzeuge: Knochensägen, Schlachtermesser, Beile, Zangen. Rookie hatte Bilder des Schlachtens in ihren Kopf. Sie sah wie die Tiere an Haken aufgehangen wurden, wie man ihnen die Kehlen aufschlitzte und ihnen die Gedärme raus nahm. Sie sah das Blut sprudeln und hörte die verzweifelten Schreie der Tiere, die ihren Ende entgegensahen. Sie sah die blutverschmierten Männer mit ihren Folterinstrumenten. Für einen Moment war ihr kotzübel.

In der letzten Kammer wurde das Fleisch früher aufbewahrt. An der Decke hingen große Fleischerhaken. Seth hatte schon oft solche Orte gesehen, er war nicht das erste Mal in einem Schlachthaus. Man mag gar nicht glauben, wie viele illegale Dinge dort geschahen.

Die beiden Agenten fanden etwas, doch leider nicht das, was sie sich erhofft hatten.

»Oh … Scheiße«, hauchte Seth. Rookie schlug sich die Hand vor dem Mund.

In der hintersten linken Ecke hing der vermisste Agent Vladimir Kuryerom, den Mann, den sie eigentlich hätten finden sollten, und zwar lebend. Doch da hing er, aufgespießt auf einem Fleischerhaken. Sein Gesicht war mit Hämatomen bedeckt, seine Augen waren regelrecht zugeschwollen. An der Nase und am Mund klebte getrocknetes Blut. Jeder einzelne Finger an seinen beiden Händen war gebrochen. Die Kniescheiben hatte man ihn brutal zertrümmert. Sein Anzug war völlig zerfleddert. Wie lange hatte er wohl leiden müssen?

»Das ist … Kuryerom. Zumindest was von ihm noch übrig ist. Damit hat sich unser Auftrag wohl erledigt«, sagte Seth.

»Das ändert ändert alles. Was nun?«, fragte Rookie.

»Lass mich überlegen …«, Seth begann in den Taschen von Kuryerom nach etwas zu suchen.

»Was tust du denn da?«

»Kuryerom war vieles, aber definitiv kein Idiot. Vielleicht hat er eine Nachricht hinterlassen, einen Hinweis, irgendetwas … Hm … Ahh! … Da haben wir ja was! Wusst ich‘s doch!«, Seth holte einen zerknüllten Zettel hervor, auf dem jemand mit einem Bleistift geschrieben hatte. Die Schrift war krakelig und schwer zu entziffern.

»Und was steht da?«, Rookie war ganz aufgeregt.

»Lass mich mal nachsehen … Kuryerom hat ein paar Wörter rauf gekritzelt … Gott, hatte der eine Sauklaue … Da steht … Ähm … Neuartiger Parasit, höchstwahrscheinlich anomalKontrolliert Dorfbewohner, keine Hoffnung auf BesinnungHQ muss benachrichtigt werden Werd nicht lebend herauskommenWaffen & Geld entwendet … Das letzte ist wirklich schwer zu lesen … uns droht WU-Szenario, wenn … der Rest ist nicht mehr wirklich lesbar.«

»Die Lage wird immer ernster. Wir müssen uns um diese Würmer kümmern, sonst breiten sie sich noch überall aus!«

»Ohne unsere Ausrüstung sind wir quasi verloren. Wir sind in der Unterzahl. Selbst mit deinen Kampfkünsten und meiner Magie können wir sie nicht besiegen. Wer weiß, wie viele es von ihnen gibt.«

»Dann müssen wir weiter suchen! Wir müssen unsere Sachen finden!«

»Ja, das sollten wir tun …«, er hustete. Verdammte Kopfschmerzen, verdammte Lunge. Fühlt sich an als würde ich sie gleich auskotzen.

Rookie fasste Seth an die Schulter und begleitete ihn nach draußen. Zu ihrer Überraschung warteten dort bereits eine Gruppe von fünf Dorfbewohnern, in ihren Händen hielten sie Mistgabeln und Stöcke. Irgendetwas an ihren Körpern war falsch, fiel Rookie deutlich auf. Die Augen waren schief, die Arme viel zu lang.

»Der Tag wird von Sekunde zu Sekunde besser …«, flüsterte Seth.

»Lass mich das erklären«, begann sie, »Hallöchen, habt ihr unser Auto gefunden? Wir wollten uns nur ein wenig die Gege…«, weiter kam sie nicht, denn einer der Dorfbewohner sprang hervor und schlug mit seiner Mistgabel nach ihnen. Rookie und Seth wichen aus.

»Okay, die diplomatischen Verhandlungen sind damit wohl gescheitert«, sagte Rookie.

»Zeit in die Trickkiste zu greifen und mit Tricks meine ich Gewalt«, entgegnete Seth. Die Dorfbewohner machten sich bereit, in ihren Gesichtern waren keine emotionalen Regungen zu sehen. Seth ballte die Fäuste zusammen und versuchte seine Flammen heraufzubeschwören. Doch das Feuer kam nicht, es verpuffte einfach wieder.

»Was zum …«

Er überlegte sich einen anderen Trick. Er holte tief Luft und konzentrierte sich . Ein Flammenatem sollte diese Bastarde doch aufhalten. Doch als er auspustete, kam bloß Rauch und Husten aus seinem Mund.

»Scheiße …«

Einer der Dorfbewohner wollte gerade nach Rookie greifen, da trat sie ihn mit voller Wucht in sein Gesicht. Der Absatz ihres Stiefels zertrümmerte den Wagenknochen ihres Angreifers, der beugte sich nach hinten, blieb aber auf den Beinen und richtete sich wieder auf. Der Angriff schien ihn nicht wirklich gestört zu haben. Die anderen Dorfbewohner machten sich bereit ebenfalls zu zuschlagen.

»Okay, Zeit für einen taktischen Rückzug!«, rief Rookie.

»Dem stimme ich zu!«

Sie sprinteten los in Richtung Wald. Die Meute jagte ihnen hinterher. Seth keuchte vor Anstrengung, es fühlte sich an, als würde gleich seine Lunge kollabieren. Er bekam Seitenstechen, er schnaufte, seine Zunge hing draußen. Rookie hatte Schwierigkeiten auf dem Acker zu laufen. Hoffentlich fiel sie nicht hin. Das Letzte, was sie wollte, war von einer Menge durchgeknallter Menschen zerfleischt zu werden. Sie hatte gesehen, wozu sie fähig waren. Sie hatte gesehen, was sie Kuryerom angetan hatten.

Bald erreichten sie endlich den Wald. Sie rannten durch Dornengebüsch, durch Sträucher und Brombeerranken. Rookie bekam einen Zweig ins Gesicht, sie spürte, wie eine warme Flüssigkeit ihr Gesicht hinunterlief. Die Jäger befanden sich noch immer hinter ihnen. Sie gaben keine Geräusche, kein Heulen oder Jubeln von sich. Sie waren so stumm wie gefühllose Automaten. Ihnen machte das Gestrüpp nichts aus, denn sie verspürten keine Schmerzen. Es gab keine Gedanken, die sie ablenkten. Es gab nur die Beute.

Rookie und Seth ging langsam die Puste aus. Sie konnten nicht mehr weiter rennen, ihre Körper brannten wie Feuer. Seth spürte, wie sein Herz raste. Es schlug so schnell, es sprang gleich aus seinem Brustkorb und rannte davon.

Nicht schlappmachen. Bloß nicht schlappmachen, dachte er. Die Überlebensinstinkte begannen einzutreten, die beiden Agenten mobilisierten noch einmal ihre übriggebliebenen Kräfte und sprinteten, so schnell waren sie noch nie gerannt. Bald schafften sie es eine gewisse Distanz zu ihren Verfolgern aufzubauen. Zweige peitschen auf ihre Körper, hinterließen rote Streifen. Wurzeln wurden zu tödlichen Stolperfallen. Rookie schaute nach hinten, der Schweiß floss in ihre Augen. Es brannte fürchterlich. Sie sah die Peiniger nicht. Hatten sie sie abgehängt?

»Ich glaube … Ich glaube, wir sind sie los«, keuchte Rookie, sie war völlig außer Atem.

»Lauf … Lauf weiter … Lauf einfach weiter …«

Sie rannten weiter, obwohl Seth gar nicht mehr konnte, doch er zwang sich weiterzumachen. In seinen Beinen befanden sich tausend Nadeln, die gegen die Waden stachen. Rookie sah einen Lichtblick! Eine kleine verlassene Blockhütte mit einem Brunnen.

»Lass uns …«

»Gute … Idee …«

Sie gingen, besser gesagt, sie fielen hinein und brachen sofort nach Luft schnappend auf dem Boden zusammen. Schweiß rann aus jeder Pore. Seth sein Hemd war quasi durchsichtig. Rookie wischte sich das Blut aus ihren Gesichtsfell. Die Wunde tat weh, war aber verkraftbar. Ihr Partner sah völlig fertig aus, er klang wie ein sterbender Asthmatiker.

»Alles okay, Oldtimer?«

»Ja … Ja, alles bestens. Brauch nur ‘ne Minute … oder ‘ne Stunde. Gott … Meine Lunge fühlt sich an, als hätte man vier Liter Benzin hineingeschüttet … und die angezündet. Bei der Dreieinigkeit … so viel bin ich nicht mehr gerannt seit … Ähm … Keine Ahnung …«, er drehte sich keuchend auf die Seite und versuchte sich mit seinen beiden Ellbogen abzustützen. Er spuckte eine zähe, grüne Flüssigkeit aus.

»Ekelhaft … Bäh …«

»Das kannst du laut sagen, Oldtimer«, Rookie hatte sich wieder beruhigt. Ihr Körper tat nicht mehr ganz so sehr weh. Sie schaute sich um. Wo waren sie überhaupt gelandet. Die Blockhütte bestand aus einem einzigen Raum. In der vorderen Ecke befand sich eine kleine Kochstelle. Hinten stand ein altes Feldbett. In der Mitte hatte man einen großen Holztisch hingestellt. Die Wände der Hütte waren mit unzähligen Fotos und Zeitungsausschnitten zugeklebt. Auf dem Tisch befanden sich Unmengen von Tagebüchern.

»Was für ein seltsamer Ort …«, flüsterte Rookie und richtete sich langsam auf.

»Warte … Ich schau es mir gleich an … Oh Gott … Ich hoffe, ich muss nicht kotzen …«, stöhnte Seth hinter ihr.

Rookie schaute sich die Bilder an der Wand an. Es waren alles verschwommene schwarz-weiß Aufnahmen. Sie konnte nicht genau erkennen, was dort dargestellt werden sollte. Eines der Fotos wurde bei Nacht aufgenommen. Es zeigte einen brachliegenden Acker, einige Meter darüber schien etwas zu schweben, doch es war schwer zu erkennen, sah aus wie ein weißer Fleck.

Die anderen Bilder waren nicht besser. Alle zeigten nur irgendwelche weißen Flecken. Andere Fotos zeigten Panzer und Soldaten. Auf eine der Aufnahmen war ein junger Dragonier in Uniform abgebildet, auf seinem Hemd war das Symbol der gonzzolischen Bundesarmee, ein roter Adler, abgebildet, er war übel zugerichtet worden. Irgendjemand hatte ihn an einen Strommasten gekreuzigt. Der Unterkiefer fehlte, seine Gedärme hingen ihn aus seinem Bauch. Der Mörder hatte ihn anscheinend auch mehrere Munitionsgürtel um den Hals gewickelt. Wer auch immer dafür verantwortlich war, schien wohl einen ziemlichen Hass auf Soldaten zu schieben. Rookie schaute sich einen der Zeitungsausschnitte an, auf ihm stand als Überschrift: 5 SOLDATEN AUS LAZARETT VERSCHWUNDEN! Die Zeitung war aus dem Jahr 1161 n.d.T. Andere Ausschnitte klangen ähnlich.

PATROUILLIERE BEI RUNDGANG SPURLOS VERSCHWUNDEN!

OFFIZIER DER BUNDESARMEE BRUTAL ERMORDET!

ZEHN SOLDATEN MASSAKRIERT AUFGEFUNDEN!

VIER OFFIZIERE ANGEBLICH ENTFÜHRT!

Die meisten Artikel stammen aus Tageszeitungen oder Militärzeitschriften. Wer war für solche Taten verantwortlich? Handelte sich dabei um Kriegshandlungen? Um Racheaktionen? Soweit Rookie erkennen konnte, fanden die meisten Fällen hier in Belikajastran während des Unabhängigkeitskrieges statt. Gut möglich, dass es sich einfach bloß um Vergeltungsaktionen der Slavaken handelte. Im Krieg werden die Zivilisierten immer zu Bestien. Warum sollte es hier anders sein?

Seth hatte es endlich geschafft sich aufzurichten. Sein Körper hatte sich jetzt wieder weitestgehend erholt und normalisiert, obwohl ihn das Atmen immer noch schwerfiel. Er hörte sich wie ein pfeifender Teekessel an. Seth schaute sich die Fotos, die an der Wand klebten, an und sah die weißen Flecken. Im Gegensatz zu Rookie wusste er, um was es sich dabei handelte. Es war schon so lange her …

Einzeln betrachtet wirkten die brutalen Vorfälle wie normale Racheaktionen und Vergeltungsmaßnahmen, wie sie halt manchmal im Krieg passierten. Doch wenn man einen Schritt zurückging und alles sah, ergab sich plötzlich ein blutiges Mosaik aus abgetrennten Körperteilen. Der AOO war dieses Bild selbstverständlich nicht entgangen. Für die bestialischen Morde und Entführungen waren nicht die Slavakische Volksbefreiungsarmee verantwortlich, im Gegenteil, sie waren selbst Opfer davon, sondern übernatürliche Elemente.

Der damalige Direktor der Organisation, ein Ork namens Brechnir Blacksmith, gab Seth den Auftrag die seltsamen Vorkommnisse in Ost-Gonzzoles und Nordesland zu untersuchen. Um nicht aufzufallen, sollte er sich als Freiwilliger für die gonzzolischen Heimwehrtruppen melden. Bald fand er auch den Ursprung der Morde …

»Seth?«

Rookie riss ihren Partner aus seinen Tagträumen. Der wandte sich ihr zu und sagte: »Ähm … Ja? Was ist?«

Sie hielt ihn ein kleines, braunes Buch unter die Nase.

»Auf dem Tisch liegen unzählige von diesen Tagebüchern. Ich habe mir mal die Mühe gemacht hineinzuschauen. Da stehen ganz interessante Sachen drin.«

Sie schlug das Buch auf und las vor:

30.12.1161

Ich habe keinerlei Zuversicht, dass wir diesen schrecklichen Winter überleben werden. Mein Thermometer zeigt nicht einmal mehr die Minusgrade an, so kalt ist es. Die Vorräte schwinden langsam. In meiner Kammer sind vielleicht noch ein paar Streifen getrocknetes Rehfleisch, aber das wird nicht ausreichen. Ich habe seit Tagen keine Tiere mehr im Wald gesehen. Keine Hirsche, kein Rentiere, keine Wölfe. Es ist, als hätte die Kälte alles ausgelöscht. Wenn ich keine Beute finde, werde ich und die anderen im Dorf langsam verhungern. Der Einzige, der etwas zu essen hat, ist dieser verdammte Gutsbesitzer. Seine Vorratskammern sind gefüllt mit Brot, Fleisch, Obst und Gemüse. Der muss keinen Hunger leiden. Der hat sein warmes Möchtegernschloss und kann sich dort den Wanst vollfressen. Daran seine Sachen mit uns zu teilen denkt dieser egoistische Bastard natürlich nicht. Warum auch? Wir sind doch nur seine Knechte und er ist der ach so stolze Landherr. Wie ich diesen vollgefressenen Wicht doch hasse. Ich bereue es, dass ich jahrelang für diesen Inzuchtadel wie ein Blöder geschuftet habe. Hoffentlich werden die anderen im Dorf so wütend, dass sie sein dekadentes Haus anzünden und diesen Bastard in die Hölle schicken. Hunger und Kälte kann die Leute in den Wahnsinn treiben.

Ich muss in den nächsten Tagen Wild finden, unbedingt, sonst verhungern wir alle jämmerlich.

Seit dieser Krieg ausgebrochen ist, geht alles den Bach hinunter. Die Versorgungswege sind zusammengebrochen. Wir waren schon vorher ein kleines, isoliertes Dorf, doch jetzt? Jetzt ist es, als seien wir die letzte Siedlung auf Erden. Nachrichten von außen kommen nur noch wochenweise. Ich hab schon seit zwei Monaten nichts mehr von meinem Vetter gehört, der Narr hatte sich doch tatsächlich freiwillig für die Volksbefreiungsarmee gemeldet. Ich habe meine Sympathien für die Unabhängigkeitsbewegung. Ich wäre der Letzte, der diese arroganten Sesselfurzer in Regiis verteidigen würde. Aber dieser Krieg war aussichtslos. Die Gonzzoler sind nicht nur zahlenmäßig überlegen. Und niemand denkt auch nur an die Konsequenzen. Wer denkt denn an die Leute, die ganz unten sind? An deren Situation wird sich nicht viel ändern, wenn sie sich nicht sogar verschlechtert. Die waren vorher arm, sind jetzt arm und werden danach auch arm sein.

Etwas anderes beunruhigt mich noch viel mehr. Es gehen Gerüchte um, üble. Irgendetwas sucht die Schlachtfelder heim. Es wird angezogen vom Geruch des Blutes, vom Schreien der Soldaten und vom Dröhnen der Gewehre. Leute verschwinden oder werden ermordet. Die Behörden vermuten hinter diesen Attacken slavakische Partisanen, aber die Alten unter uns sprechen von Geistern. Ich war noch nie abergläubisch, aber bei diesen Geschichten, die ich höre, stellen sich mir die Nackenhaare auf.

»Kommt dir das irgendwie bekannt vor? Erinnert dich das an wem?«, fragte Rookie.

»Nein … An wem soll mich das erinnern?«, Seth kratzte sich am Kopf.

»Na, wer behauptete, dass er früher Jäger und Metzger des Dorfes und immer im Wald unterwegs war?«

»Keine Ahnung … Wer?«

Rookie stemmte die Hände in die Hüfte und seufzte.

»Der Bürgermeister … Der momentane Bürgermeister dieses Dorfes.«

»Ach so …«

»Das muss wohl seine Hütte gewesen sein. Wenn wir in diesen Tagebüchern nachgucken, finden wir vielleicht eine Antwort auf diese seltsamen Parasiten, die diesen Ort heimsuchen.«

Da hat sie nicht ganz unrecht, dachte Seth und nickte.

Sie gingen zu den großen Tisch hin und durchwühlten die vielen Bücher. Sie versuchten irgendeine Art von Chronologie aufzustellen, die ein bisschen mehr Licht ins Dunkel brachte.

»Seth?«

»Ja?«

»In dem Tagebuch von diesem Gutsbesitzer bin ich auf etwas gestoßen, eine Bezeichnung mit der ich nicht viel anfangen konnte. Ich hatte dem erst nicht so viel Beachtung geschenkt, aber jetzt wo ich die Fotos und die Zeitungsausschnitte sehe, macht es mehr Sinn.«

»Worauf möchtest du hinaus, Rookie?«

»In dem Tagebuch fiel das Wort Heimwehrtruppen. Der Gutsherr erzählte von Gerüchten, die behaupten, dass diese … Wie nannte er sie? … Paramilitärs herumrennen und die Leute massakrieren, ihre Gedärme an Bäumen aufhängen. Wer waren diese Heimwehrtruppen? Könnten die vielleicht im Zusammenhang mit den Geistersichtungen stehen? Das würde zumindest diese seltsamen Vorkommnisse erklären.«

Seth kratzte sich am Kopf: »Ähm … Nun, die waren … Es ist ein wenig kompliziert, dafür müsste ich etwas ausholen.«

»Ich hör dir zu«, Rookie war wieder neugierig.

»Nun, die Heimwehrtruppen waren gonzzolische, paramilitärische Gruppen, die vom damaligen Kanzler Konrad Heidenreich ins Leben gerufen wurden. Ein schnurrbärtiger, glatzköpfiger, kleiner Mann, der um jeden Preis seine glorreiche Nation vor dem Zerfall retten wollte. Du musst wissen, die Unruhen in Ost-Gonzzoles und Nordesland waren am Anfang kein Ruf nach Unabhängigkeit sondern nach einfacher Autonomie. Die Slavaken konnten während der Zeit der Gonzzolischen Union sich selbstständig verwalten und damit waren sie auch zufrieden. Doch nach dem Zusammenbruch der Gruber-Regierung wurden diese Rechte den Slavaken wieder weggenommen. Das war etwas, was niemanden gefiel, egal welcher politischen Gesinnung man gehörte. Unruhen gab es danach immer wieder, doch die wurden meistens schnell beseitigt. Diesmal sollte es jedoch anders kommen … Die Befürworter der Autonomie sahen sich in der kürzlich erlangten Unabhängigkeit von Neulöwenstein bestärkt für ihre Interessen auf die Straße zu gehen. Sie wollten ihre Rechte wiederhaben, koste es, was es wolle.

Heidenreich war ein Hardliner, jemand der Ungehorsam nicht ertragen konnte. Er schickte die Bereitschaftspolizei los. Und dann … fielen Schüsse. War es ein Unfall? War es Absicht? Das kann heute niemand mehr so genau sagen. Feststeht, dass es einen wahren Volkszorn entfesselte. Die Slavaken bewaffneten sich, sie plünderten Polizeistationen, besetzten Rathäuser und Landtage. Der Ministerpräsident von Ost-Gonzzoles soll sogar gelyncht worden sein. Die Radikalen erklärten den gonzzolischen Einfluss für nichtig. Aus dem Wunsch nach Autonomie wurde der Wunsch nach Unabhängigkeit. Du kannst dir sicher vorstellen, dass Heidenreich vor Wut schäumte, nicht wahr? Er rief seine Generäle, seinen Innen- und seinen Verteidigungsminister zu sich und fragte, was man angesichts der Krise tun könnte. Nun, das war eine rhetorische Frage, denn er wusste die Antwort bereits. Er wollte den Aufstand militärisch niederschlagen lassen, er wollte einen Exempel stationieren. Doch dieser Vorschlag war selbst den nationalkonservativen Ministern zu viel. Der Innenminister weigerte sich ebenso wie der Verteidigungsminister. Sie sagten, es entspreche keinerlei demokratischen Richtlinien und es würde das Ansehen der Partei massivst schaden. Sie drohten sogar mit Rücktritt.«

»Und die Generäle?«, fragte Rookie fasziniert.

»Gemischt, sie waren gemischt. Ein Teil von ihnen, ein großer Teil sogar, weigerte sich ebenfalls. Es sei zu teuer, man hätte nicht genug Ausrüstung und Männer, das Land könne keinen weiteren Krieg verkraften, die Slavaken seien im Vorteil. Einige drohten auch hier mit Rücktritt. Der Kanzler tat das einzig Vernünftige und blies die Sache ab … Kleiner Scherz, er riss die Macht an sich und rief Notstandgesetze aus, womit der Bundestag und die Gewaltenteilung quasi ausgeschaltet waren. Die Generäle, die sich geweigert hatten, traten von ihren Posten zurück und befahlen ihren Soldaten nicht am Krieg teilzunehmen. Einige von ihnen wechselten sogar zu den Slavaken. Die Minister traten übrigens nicht wie angekündigt zurück, sondern blieben wie treue Schoßhunde an der Seite ihres Herrchens. Heidenreich hatte nun das Problem, dass er noch weniger Männer zur Verfügung hatte. Was tut man an dieser Stelle? Richtig, man sucht sich Freiwillige aus der Bevölkerung.

Da war auch nicht schwer, die nationalkonservative Partei rollte eine massive Propagandakampagne gemischt aus Ultra-Nationalismus, imperialistische Wahnvorstellungen und Hurra-Patriotismus aus, die besonders abenteuerlustige, patriotische«, Seth erschauderte bei dem Wort, »junge Männer ansprach. Es gab genug Leute aller Rassen, die bereit waren das Vaterland vor den slavakischen Barbaren zu beschützen. Offiziell waren sie nur Hilfskräfte der Bundesarmee. Inoffiziell hingegen … waren sie das verdammte Angriffsheer.

Sie wurden blitzschnell ausgebildet, dauerte, glaub ich, keine zwei Monate und theoretisch waren sie nur dem Kanzler unterstellt. Eine explosive Mischung. Sie hatten nur eine Aufgabe: Beendet die Unruhen mit allen möglichen Mitteln. Und mit alle möglichen Mitteln, heißt auch mit allen möglichen Mitteln«, Seth hörte in seinen Gedanken das Knattern der Maschinengewehre und das Schreien von Frauen und Kindern. Er sah die flehenden Blicke, die in die Mündung seiner Pistole starrten, sie sahen nur dieses schwarze Loch, das ihr Leben mit einem lauten Knall beenden konnte. Er roch das verkohlte Fleisch der Slavaken, die in ihren Häusern gefangen waren und lebendig verbrannten. Er erinnerte sich, dass er das Feuer gelegt hatte. Eigentlich war der Einsatz von Magie im Krieg ein Verbrechen gegen die Terranischen Rechte und strengstens untersagt. Doch wem kümmerte das in der Wildnis? Hier gab es keine Richter oder Ankläger, keine Terranrechtler, keine Verteidiger oder Anwälte. Es gab nur Räuber und Opfer. Es gab nur ein Gesetz, nämlich das Gesetz des Stärkeren. Und für den Moment stand Seth auf der Seite der Stärkeren, er war ein Räuber.

»Mittlerweile kannst du dir sicher denken, wie man diese Truppen nannte, oder?«

»Heimwehrtruppen«, sagte Rookie düster.

»Genau.«

»Woher weißt du das alles?«

»Ich … Ich hab das mal in einem Buch gelesen«, erklärte Seth.

Seine Partnerin schaute ihn skeptisch an.

»Du liest?«

»Was?«, Seth hob empört die Hände, »glaubst du, ich sitze den ganzen Tag in meiner Wohnung herum und rauche und saufe vor mich hin?«

»Ja, was denn sonst?«, Rookie lächelte verschmitzt.

Seth nahm eines der Tagebücher und schmiss es in Richtung der Katzendame, die wich natürlich geschickt aus. Sie hob das Buch hoch.

»Haha, daneben. Und soweit ich das erkenne, ist das sogar das Buch, was wir als nächstes lesen sollten.«

Seth grummelte vor sich hin.

Rookie blätterte in dem Buch, bis sie die Seite fand, die sie suchte und las daraus vor:

23.5.1162

Unheil ist über unser Dorf gekommen. Zuerst kam dieser schreckliche, harte Winter, der wie ein gieriger Riese unsere Vorräte und unsere Mitmenschen fraß. Und nun die nächste Katastrophe. Vor einiger Zeit, ich glaube, das muss jetzt fast zwei Wochen her sein, kamen ein paar Soldaten der Volksbefreiungsarmee in unserem Dorf an. Sie machten einen furchtbaren Eindruck auf mich. Ihre Gesichter, ihre Augen, sie waren so leer, so ausdruckslos. Diese Männer müssen Schreckliches gesehen haben. Was sie uns zu berichten haben, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Angeblich laufen Soldaten durch die Gegend, die auf dem Befehl Heidenreichs horchen. Sie sollen angeblich sich von Dorf zu Dorf bewegen und die dortige Bevölkerung auslöschen! Wenn das wahr sein sollte, dann sitzen wir in der Falle.

Obwohl ich bezweifle, dass uns diese Soldaten rechtzeitig erreichen werden. Vorher wird uns diese grässliche Seuche ausrotten. Ich möchte den armen Männern, die bei uns Zuflucht gesucht haben, ja keine Vorwürfe machen, aber ich vermute, sie haben die Krankheit hierher geschleppt. Seit ihrer Ankunft sterben mehr und mehr Menschen. Wir mussten Massengräber ausheben. Ich habe Kinder begraben. Ich habe gesehen, wie Leute auf der Straße einfach zusammenbrachen, Blut floss dabei aus ihren Mündern und Augen. Manchmal erbrachen sie es auch einfach. Selbst ein gestandener Mann wie ich, bekommt dabei weiche Knie.

Die meisten Leute starben in vier Tagen und diese vier Tage müssen die Hölle auf Erden sein. Die Alten erwischte es besonders hart. Kaum einer schaffte es die Sonne am zweiten Tag zu sehen.

Ich weiß nicht mehr weiter. Am liebsten würde ich dieses zugrunde gehende Dorf auf der Stelle verlassen. Doch ich kann es nicht. Ich kann diese Menschen nicht in Stich lassen. Ich kann es einfach nicht. Und selbst wenn ich mich entscheide zu gehen, wohin soll ich fliehen? Draußen herrscht Krieg. Entweder erwischt mich die Seuche … oder eine Kugel.

»Hmm …«

»Was überlegst du, Seth?«, fragte Rookie und legte das Tagebuch beiseite.

»Es passt nicht zusammen. In der Textpassage wird eine völlig andere Krankheit beschrieben. Nichts mit Würmern oder verseuchtes Wasser. Oder merkwürdigen Verhalten. Die Menschen sind an dieser Seuche einfach verreckt.«

»Glaubst du, dass das Dorf zweimal von einer Krankheit heimgesucht wurde?«

»Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Während du vorgelesen hast, hab ich mir mal die Freiheit genommen und in einem dieser Bücher herumgestöbert, eins das weitaus später geschrieben wurde. Und da bin ich auf etwas Interessantes gestoßen.«

»Hau raus«, Rookie war ganz neugierig.

Seth schlug das Buch auf und las den Eintrag vor:

03.06.1185

Es ist vorbei. Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr so weiterleben. Ich fühle mich so schrecklich einsam. Alle sind weg, entweder tot oder geflüchtet. Ich kann es ihnen nicht verübeln. Ich wäre am liebsten auch gegangen, aber ich kann nicht, ich kann diesen Ort nicht verlassen. Es ist meine Heimat, mein Geburtsort, hier bin ich aufgewachsen, hier habe ich meine Ivana kennengelernt, hier habe ich sie begraben. Und selbst wenn ich die Kraft aufbringe diesen trostlosen Ort zu verlassen, wohin sollte ich gehen? Mein Bruder ist tot, meine Schwester ist seit Jahren verschwunden, meine Eltern sind bereits gestorben. Mein Vetter und mein Onkel sind im Krieg gefallen. Ich habe keine Verwandten mehr, zu denen ich hinziehen könnte. Mir bleibt nur noch diese Hütte.

Nach dieser verkackten Seuche ging alles den Bach hinunter und dieser verdammte Krieg hat den Dorf nur noch den Rest gegeben. Es gibt hier nichts mehr zu tun, außer auf die Jagd zu gehen und unzählige Tagebücher zu schreiben. Diese Bücher sind die einzigen Gesprächspartner, die ich noch habe. Und lieber herumkritzeln, als anzufangen mit den ausgestopften Tieren zu reden.

Was hat das alles noch für einen Sinn?

06.06.1185

Irgendetwas stimmt nicht, irgendetwas stimmt mit dem Wasser nicht. Das Wasser aus dem Wasser dem Brunnen Wasser Brunnen. Meine Gedanken schweifen ständig ab ab, ich kann mich nicht mehr konzentrieren Wasser aus dem Brunnen Irgendetwas ist im Wasser drin, mein Kopf Kopf fühlt sich komisch gut merkwürdig geschwollen an. Vielleicht habe ich etwas verschluckt? Vielleicht drehe ich langsam durch? Hat mich die Einsamkeit das Wasser endlich gepackt? Kriechen rein, kriechen raus Warum schreibe ich das? Weil ich es möchte es sind meine Gedanken ich muss sie aufschreiben ich verliere die Kontrolle Ich verliere meinen Verstand. Ich wusste gar nicht, dass der Wahnsinn Wahnsinn so schnell kommt? Es fühlt sich an, als würde mich jemand steuern kontrollieren Gestern war doch noch alles in Ordnung. Es muss am Wasser am Brunnen liegen. Das ist die einzige logische Erklärung. Ich sollte ihn nochmal überprüfen. Das Wasser das Wasser muss überprüft werden. Vielleicht ist irgendein Tier im Wasser gestorben. Ja, das muss es sein. Ich muss das Wasser kontrollieren, den Brunnen. Es fühlt sich an, als würde jemand Besitz von mir ergreifen. Warum schreibe ich so etwas? Weil es die Wahrheit ist.

07.06.1185

Ich kann nicht mehr klar denken. Ich wollte das Wasser Wasser Wasser überprüfen, doch ich habe es nicht getan ich war nicht in der Lage dazu etwas hat mich davon abgehalten irgendetwas ist in mir drinnen es wächst und wächst und wächst vermehrt sich. Meine Haut juckt ich muss aufhören zu kratzen meine Augen zucken, manchmal habe ich das Gefühl, das irgendetwas über mein Auge kriecht lang und dünn ich sollte mir nicht so viele Gedanken machen, es ist sicherlich nichts. Ich bin kerngesund.

Kerngesund.

Gesund.

Schlafen.

Ich sollte schlafen.

Ich muss aufwachen Kontrolle zurückerlangen ich darf nicht aufgeben irgendetwas ist da ich muss schlafen keine Gedanken machen. Morgen sieht die Welt besser aus.

04.67.1986tgb

8jnie.8374.98372

09.23.11.34

09.06.1185

Etwas ist in meinem Kopf es schlängelt sich und windet sich vermehrt sich kann nicht klar denken verliere Kontrolle verliere mich selbst verliere alles weiß nicht mehr was ich mache was ist in meiner Kontrolle was liegt in meinem Bereich Fähigkeiten es schlängelt durch meinen gesamten Körper es wächst und wächst es hört nicht auf ich muss es stoppen ich muss es passieren lassen es freien Lauf lassen wenn es vorbei ist ist es gut ich darf mich nicht wehren es wird nicht wehtun neues Bewusstsein fremde Sterne fremde Welten alles dunkel dann Licht woher kamen sie fremde Welt neue Beute neue Wirte neue Welt ungeahnte Möglichkeiten Verbreitung und Fortpflanzung Assimilierung Vernichtung Kontrolle verlieren was hat das alles zu bedeuten Wahnsinn Krankheit Seuche breitet sich aus Wasser Wasser Wasser muss verbreitet werden muss Wasser suchen kann mich nicht entziehen es windet und kriecht sie kriechen rein sie kriechen raus sie essen deine Augen sie essen deine Nase sie sind erst dünn dann werden sie fett Knochen verrotten die W Ü R M E R bleiben es sind W Ü R M E R sie sind in mir in mir IN MIR

W

WURM

Wurm

Wurm

Wurm

Wurm

Wurm

Wurm

Wurm

Wurm

Wurm

Wurm

Wurm

Wurm

Wurm

Wurm

Wurm

Wurm

Wurm

Wurm

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Die Würmer kriechen rein, die Würmer kriechen raus. Sie fressen deine Gedärme und scheißen sie aus.

Seth schlug das Buch zu und schmiss es zurück zu den anderen. Er schaute Rookie ernst an und sagte: »Das ist die Lösung des Rätsels. Unser netter Herr Bürgermeister war der Patient Null. Er hat das Brunnenwasser getrunken und somit diesen ganzen Zyklus begonnen.«

Irgendwie fühlte sie Rookie sich traurig. Sie hatte Mitleid mit diesem alten Mann, er konnte nichts für sein Schicksal. Er war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort.

Sie hatte sich getäuscht, sie hatte gedacht, dass hier wäre einfach nur ein schräger Ort mit schrägen Menschen. Wer hätte denn ahnen können, dass alle hier von einem Parasitenwurm kontrolliert wurden? Wer hätte gedacht, dass der nette Bürgermeister eine Fleischpuppe war? Rookie schämte sich, schämte sich wegen ihrer Naivität. Als AOO-Agentin hätte sie es eigentlich besser müssen. Sie fühlte sich plötzlich niedergeschlagen.

Plötzlich legte Seth seine Hand auf ihre Schulter und lächelte ihr zu.

»Kopf hoch, Kleine.«

Sie erwiderte das lächeln und nickte dankend.

Die Sonne verschwand langsam hinterm Horizont, die Nacht näherte sich. Plötzlich begannen Rookies Ohren zu zucken, sie hörte etwas. Das Knacken von Holz, das Rascheln von Kleidungsstoffen. Schritte. Viele Schritte.

»Sie kommen«, sagte sie.

Seth schlich ans Fenster der Hütte und schaute nach draußen. Tatsächlich, Rookie hatte recht. Da marschierte eine ganze Horde von Dorfbewohnern auf die Hütte zu, alle trugen Fackeln in der Hand. Seth schätzte sie auf ungefähr zwanzig Mann. Ein Kampf war da sinnlos. Da blieb nur die altbewährte Taktik.

»Wie viele sind es?«, fragte Rookie.

»Zu viele.«

»Und was sollen wir tun?«

»Keine Sorge, ich habe schon einen Plan.«

»Und der wäre?«

Seth ging zur gegenüberliegenden Seite des Raumes und schlug das Fenster ein. Mit einem lauten Klirren landeten die Scherben auf dem Boden. Er schaute Rookie an und zeigte mit dem Daumen nach draußen.

»Wir rennen weg!«

»Und dann?«

»Ich habe nicht gesagt, dass ich langfristig geplant habe, okay? Und nun los, verschwinden wir schleunigst von hier, bevor die uns auseinanderreißen«, Seth stieg durch das Fenster nach draußen. Rookie seufzte und folgte ihm. Geduckt machten sie sich mit schnellen Schritt auf dem Weg. Die Dorfbewohner hatten inzwischen die Hütte umzingelt. Sie hielten ihre Fackeln gegen die Holzfassade, bald schon hatte das Haus Feuer gefangen und fing an zu brennen. All die Erinnerungen, all die Gefühle und die Vergangenheit des Bürgermeisters verbrannten nun zu Asche. Rookie schaute zurück und sah das sich immer schneller ausbreitende Feuer. Irgendwie fühlte sie beim Anblick der brennenden Hütte Trauer. Nun starb auch der letzte Rest Menschlichkeit des ehemaligen Jägers.

Einer der Dorfbewohner drehte sich plötzlich um und erblickte die beiden Agenten. Er richtete seinen Zeigefinger auf sie und begann ein markerschütterndes Kreischen von sich zu geben. Sofort drehten sich seine Kameraden ebenfalls um. Seth packte Rookie an der Schulter und zog sie zu sich.

»Komm! Wir müssen weg hier! Schnell!«, rief er.

Die Horde setzte sich in Bewegung. Rookie und Seth rannten los, die Meute direkt hinter ihnen. Die beiden stolperten über Stock und Stein, Äste schlugen in ihre Gesichter. Seth versuchte einen Zickzackkurs einzuschlagen, Rookie kam kaum hinterher, doch sie durfte nicht aufgeben. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, was passieren könnte, wenn die Dorfbewohner sie erwischten. Sie rannten und rannten und rannten, Seth sein Herz hüpfte durch seinen gesamten Körper, auf und ab. Er keuchte, Rookie keuchte. Ihre Waden brannten wie die Hütte des Bürgermeisters. Bald verlor die Katzendame die Orientierung, sie wusste nicht mehr, wo links oder rechts waren, oben oder unten. Sie rannte nur, schaltete ihr Denken aus. Sie folgte Seth. Ob er wusste, was er tat? Rookie konnte nichts anderes tun, als ihn zu vertrauen.

Seth erblickte eine Höhle, er schnappte sich Rookie ihre Hand und rannte los. Seine Partnerin jauchzte und stolperte fast, doch sie erreichten das Versteck. Beide pressten sich gegen die kalte, graue Steinwand, zogen sich mehr und mehr in die Dunkelheit zurück, hofften, dass sie nicht gesehen worden waren.

Seth brach an der Höhlenwand Luft schnappend zusammen, sein Gesicht war rot angelaufen. Er hustete, sein Blick verschwamm, er sah doppelt und dreifach. Rookie kniete sich neben ihn, legte ihre Hand auf seine Schulter. Sie machte sich große Sorgen.

»Hey, Oldtimer! Jetzt nicht abklappen!«

Er antwortete nicht, sondern hustete einfach nur weiter. Rookie knöpfte sein weißes Hemd auf. Die fünf Kratzwunden pulsierten regelrecht, gelber Eiter kam aus ihnen heraus. Seths Zustand hatte sich dramatisch verschlechtert. Er schwitzte stark.

Du alter Trottel! Warum hast du dich nicht untersuchen lassen? Warum hast du die Wunden nicht versorgt? Warum warst du nicht auf der Notfallstation? Warst du wieder zu stolz dafür? Hast du es auf die leichte Schulter genommen, so wie du es immer machst? Warum? Warum bist du nur so?, dachte Rookie. Sie hatte Angst, Angst um ihren Partner und Freund. Sie war allein im feindlichen Gebiet, abgeschnitten von jeglicher Zivilisation, fernab des Einflusses der AOO. Gejagt von wurmzerfressenen Untoten.

»Scheiße! Wie konnte das nur so eskalieren?«, fluchte sie. Die Mission klang so einfach. Losfahren, den verschwundenen Agenten finden und ihn wieder nach Hause bringen. Simpel. Wer hätte gedacht, dass die Lage sich so dramatisch ändert.

Seths Augen wanderten hin und her. Er verlor immer mal wieder das Bewusstsein. Es wurde dunkel, hell, wieder dunkel. Traum und Realität begannen sich zu vermischen, er halluzinierte. Die Höhle ging plötzlich in Flammen auf. Aus dem Feuer trat eine bekannte Gestalt, Seths Augen weiteten sich vor Entsetzen. Es war Nikolaj in seiner schwarzen Uniform und seinem roten Barett. Er brannte, doch das Feuer schien ihm nichts anzuhaben. Er kniete vor Seth, ihre Augen trafen sich.

»Sieh dich doch nur mal an, Seth. Nichts weiter als ein erbärmlicher Haufen Elend. So habe ich dich gar nicht in Erinnerung. Wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, dann warst du mal ein kräftiger, mutiger Soldat. Skrupellos, rücksichtslos. Was ist nur daraus geworden?«

»Geh weg, Nikolaj … Lass mich in Ruhe …«

»Spricht man so mit seinem Vorgesetzten?«

»Du bist nicht mehr mein Vorgesetzter! Der Krieg ist schon lange vorbei!«

»Und trotzdem bin ich hier. Seit du dein Fuß in dieses Land gesetzt hast, denkst du an mich. Du kannst die Vergangenheit nicht loslassen, wie es scheint.«

»Was wir damals getan haben, war falsch … Und das sucht mich heim.«

»War es falsch? Wir haben getan, was nötig war. Es waren Partisanen, Kollaborateure, …«

»Es waren Kinder!«

»Kollateralschäden. So ist Krieg nun mal.«

»Ich hab dich schon damals gehasst. Dich und deine Art. Du bist nichts weiter als ein Werkzeug, ein willenloser Lakai. Du würdest doch deine eigene Mutter umbringen, wenn du den Befehl erhalten würdest.«

»Ein guter Soldat befolgt Befehle.«

»Fick dich.«

»Seth … Du warst ein guter Soldat, so etwas weiß ich sehr zu schätzen. Solche Exemplare sind heutzutage so selten. Wir hätten diesen Krieg gewinnen können.«

»Ich scheiß auf deinen Krieg. Ich scheiß auf deine Befehle. Ich scheiß auf dich, du verdammter Bastard. Ich hätte dich nie rekrutieren sollen. Ich hätte dich stehen lassen sollen. Ich hätte dich dem Gesetz überlassen sollen. Vielleicht würdest du dann bereits in der Hölle schmoren.«

»Hast du aber nicht. Du hast mich mitgenommen. Du hast mir Schutz geboten. Trotz meiner angeblichen Verbrechen. Danke nochmal dafür.«

»Fick dich einfach.«

Seths Bewusstsein fiel in ein tiefes Loch, die Flammen wurden immer dunkler, bis sie schließlich verschwanden. Alles wurde dunkel.

»Seth? Seth, hörst du mich?«, irgendjemand rüttelte an seiner Schulter. Sein Kopf fühlte sich schwer an, sein Hals und seine Brust brannten. Er öffnete seine Augen und sah Rookie, Besorgnis lag über ihren Gesicht. Als sie sah, dass Seth langsam aufwachte, lächelte sie leicht.

Gott sei Dank! Er lebt noch! Sie umarmte ihn. Seth war völlig überfordert.

»Was … Was ist denn passiert?«

»Du hast dein Bewusstsein verloren. Ich hatte schon geglaubt, dass du die Nacht nicht überstehst.«

»So schlimm?«

»Ja«, sie stemmte die Hände in ihre Hüfte, »Aber sag mal, Seth …«, sie zeigte mit ihren Finger auf seine Wunden, »Warum hast du die nicht behandeln lassen? Willst du draufgehen? So etwas nimmt man doch nicht auf die leichte Schulter! Man kann davon sterben! Denk doch mal an die Verunreinigungen, die Infektionen, Blutvergiftungen! Kein Wunder, dass du so krank bist. Du hast keine Erkältung, deine Wunden haben sich entzündet! Wie kann man nur so leichtsinnig, so unverantwortlich sein?«, schimpfte sie.

Seth schaute auf seine Verletzung hinunter. Rookie hatte schon recht, es sah ziemlich übel aus.

»Rookie … Ich … Wie soll ich dir das erklären? … Wenn man bereits solange lebt, dann … dann ist ein so etwas Profanes einfach egal. Mr war es irgendwie egal, ich hab mir gedacht: Wird schon nicht so schlimm sein, wird schon verheilen, hab bereits Schlimmeres erlebt. Mein langes Leben hat mich stolz, leichtsinnig gemacht. Wenn man weiß, dass man den nächsten Tag erleben wird, dann schätzt man das Leben nicht mehr so viel wert.«

»Seth … Jeder Tag ist ein Geschenk. Wir sollten das nicht für selbstverständlich halten. Und du bist nicht allein, du hast Leute, die dich mögen. Du musst nicht alles allein machen, wir sind für dich da, wir unterstützen dich. Denn du bist uns wichtig, Seth«, sie seufzte, »Wie geht es dir?«

»Momentan? Mein Körper fühlt sich an wie ein Backofen, mein Kopf schwirrt und mein Hals ist trockener als die Steinwüste Aradiens. Aber ich kann wieder fast klar denken. Also sollte ich keine Probleme haben. Und dir?«

»Ich hab die Nacht kein Auge zugemacht. Ich bin völlig erschöpft, hungrig und dehydriert.«

»Die perfekte Ausgangssituation«, Seth lächelte.

»Ja … Aber sag mal, Seth. Eine Frage hätte ich allerdings noch.«

»Welche denn?«

»Wer ist Nikolaj? Ich mein, der Name kommt mir irgendwie bekannt vor, aber … ich kann ihn nirgends zuordnen.«

»Nikolaj?«, Seth blinzelte nervös mit den Augen.

»Ja, du hast in der Nacht ständig vor dich hin gebrabbelt … und da fiel öfters der Name Nikolaj. Du hast ihn auch ziemlich beschimpft.«

Seth seufzte. Er musste es ihr erzählen. Zumindest einen Teil davon.

»Rookie … Ich … Ich habe dir etwas verschwiegen.«

Sie hob ihre linke Augenbraue.

»Ich weiß so viel über diesen Konflikt, weil … weil ich selbst dran teilgenommen hab. Ich war dabei, damals.«

Rookies Kinnlade fiel hinunter, sie war sichtlich überrascht.

»Du warst mal Soldat?«

»Nicht direkt … Es war eine Tarnung, für eine Mission … Die AOO stellte fest, dass im umkämpften Gebiet seltsame Dinge vor sich gingen. Patrouillen verschwanden spurlos, Soldaten wurden auf brutalste Art massakriert. Wir dachten zuerst, dass es Vergeltungsaktionen der Partisanen und der Volksbefreiungsarmee seien. Doch die selben Angriffe trafen auch sie. In den Kasernen und den Armeen wurde gemunkelt, dass die Schlachtfelder verflucht sein, dass der Krieg etwas hervorgelockt hatte, etwas Böses. Direktor Blacksmith gab mir den Auftrag, die seltsamen Vorkommnisse zu untersuchen. Ich sollte mich unter die Freikorps mischen.«

»Warst du erfolgreich? Konntest du die Quelle hinter den Morden finden?«

»Ja, mehr oder weniger durch Zufall. Wir fanden eine Gruppe von Soldaten, aufgehängt mit Stacheldraht an Bäumen. Ihre Augen und Gedärme wurden herausgerissen, ihre Waffen waren verschwunden.«

»Was war dafür verantwortlich?«

»Kriegsgeister

»Was?«, Rookie hatte noch nie davon gehört.

»Kriegsgeister. Bösartige, grausame Kreaturen. Krieg zieht sie an wie das Licht die Motten. Sie laben, erfreuen sich regelrecht daran. Sie sehen die Schandtaten von Soldaten und imitieren diese. Zuerst fand ich nur Fotos, bei einigen hat man versucht sie zu verbrennen. Wahrscheinlich dachten diejenigen, die Bilder seien verflucht. Kein Wunder, bei dem was sie zeigten. Und sie hatten mit dem Fluch auch gar nicht so Unrecht. Die Fotografen starben meist auf grausame Weise. Ich machte mir Notizen und schickte sie an das Hauptquartier. Ich bat um Unterstützung.«

»Bekamst du welche?«, fragte Rookie.

»HQ konnte mir ein paar Agenten schicken. Doch die meisten überlebten diese Mission nicht. Der Krieg forderte seine Opfer. Und diese Geister haben dabei nicht geholfen. Ich konnte die Gefahr mehr oder weniger neutralisieren. Aber Rookie … du solltest wissen … Ich habe damals Dinge getan, auf die ich nicht stolz bin. Schreckliche Dinge«, Seth starrte auf den Boden.

»Und was ist mit diesem Nikolaj?«

»Er war mein Kommandant. Würde man ein Wörterbuch aufschlagen und nach Soldat suchen, würde ein Bild von ihm daneben sein. Er war der Inbegriff des Soldatentums. Absolut loyal gegenüber der Regierung, er befolgte jeden Befehl ohne ihn zu hinterfragen. Für ihn zählte nur der Erfolg der Mission, ganz egal wie hoch der Preis war.«

»Klingt wie ein Arschloch. Was ist nach dem Krieg mit ihm passiert?«

»Ich hab ihn für die AOO rekrutiert.«

Rookie klappte die Kinnlade hinunter.

»Lass mich erklären. Ich mochte ihn nicht, aber Direktor Blacksmith hatte andere Pläne. Sein militärisches Wissen konnte sich für unsere Organisation als nützlich erweisen.«

»Und da hast du ihn einfach mitgenommen?«

»Ja, er ist jetzt Ausbilder und Kommandant der MEKs«, erklärte Seth.

Jetzt wusste Rookie wieder, wo sie den Namen schon mal gehört hatte. Die MEKs nannten ihn immer nur Commander, sehr selten fiel der Name Nikolaj. Sie erinnerte sich wieder an ihn, sie war ihn schon ein-, zweimal begegnet. Sie hat nie persönlich mit ihm gesprochen, ihn nur aus der Ferne gesehen. Doch sein markantes Aussehen blieb ihr im Gedächtnis hängen. Das rote Barett und die blutrote Uniform. Das strenge, starre Gesicht. Die kalten Augen, die so viel gesehen haben. Sein Körper umgab eine Aura des bedingungslosen Befehls. Er schien sein Handwerk zu verstehen, er schien bereit zu sein jede Mission zu beenden. Selbst aus der Ferne fühlte sie sich von seiner Präsenz eingeschüchtert.

»Unsere Organisation ist das Zuhause vieler seltsamer Unikate. Das darunter auch Kriegsverbrecher zählen, war mir allerdings neu.«

»Die AOO verschwendet doch nicht wertvolle Materialien«, entgegnete Seth mit ironischen Unterton, »Wenn du wüsstest, wie viele Agenten und Mitarbeiter Kriminelle sind oder Dreck am Stecken haben … du würdest dich wundern.«

»Gehörst du auch dazu, Seth?«

Er schaute weg: »Ich bin kein Unschuldslamm.«

Rookie schien zu überlegen.

»Was sollen wir jetzt tun?«, sie wollte das Thema erst mal belassen, es gab dringendere Aufgaben.

Seth schaute zum Höhlenausgang, die Sonne hing noch nah am Horizont.

»Ich weiß es nicht, Rookie. Was bleibt uns eigentlich noch übrig?«, er hustete.

»Wie wäre es mit etwas Verrückten?«

»Ich bin ganz Ohr«, Seth war gespannt.

»Welchen Ort haben wir noch nicht gründlich durchsucht?«

»Keine Ahnung. Die Bruchbuden dieser Untoten?«

» … Nein … auch … Aber was ich eigentlich meinte, war das Rathaus«, erklärte Rookie.

»Na klar, natürlich. Hätt ich auch gesagt … als Zweites.«

»Ich habe die starke Vermutung, dass unsere Sachen sich im Rathaus befinden. Es ist der einzige logische Ort. Eine direkte Konfrontation wäre Selbstmord, deshalb schlage ich vor, wir schleichen uns in das Dorf zurück, aber vorher machen wir noch einen kleinen Abstecher ins Schlachthaus.«

»Weil?«, fragte Seth.

»Weil dort ein paar Sachen sind, die uns gewaltig helfen können. Mit besondere Betonung auf Gewalt

»Verstehe. Es gefällt mir, wie du denkst, Mädchen«, Seth grinste.

Die beiden verschwendeten keine Zeit mehr. Sie verließen die dunkle, feuchte Höhle und begaben sich wieder zurück ins Dorf. Aber zuerst, wie geplant, zum Schlachthaus. Sie hatten Glück, dass die Dorfbewohner hier keine Wachen aufgestellt haben. Rookie ging hinein und holte ein paar Schlachtermesser und Haken heraus, einen Teil davon gab sie Seth.

»Wenn wir nicht das Schwarze Telefon finden und Hilfe holen können, dann sterben wir hier«, sagte sie ernst.

»Gut, dass übt überhaupt keinen Druck aus«, entgegnete Seth.

Sie waren zwar körperlich geschwächt und ausgelaugt, aber ihr Selbstbewusstsein war gestärkt. Zurück im Dorf sahen sie Gruppen von Dorfbewohnern, die wie seelenlose Maschinen, die sie irgendwie auch waren, in Formationen durch die Gegend marschierten. Rookie und Seth warteten und schauten sich die Patrouillen an, sie nutzten die passende Gelegenheit und stürmten schnell in das Rathaus. Auch hier war seltsamerweise niemand. Sie gingen nach oben in das Büro des Bürgermeisters. Da! Auf dem Tisch lagen ihre Pistolen und das Schwarze Telefon!

»Die Bastarde müssen es hierher geschleppt haben!«, grummelte Seth.

Rookie stürzte sich förmlich auf das Telefon und wählte die besondere Nummer. Es dauerte einen Moment, dann ging jemand ran: »Vermittlung der AOO. Was kann ich für sie tun?«

»Geben Sie mir sofort den Direktor!«, rief Rookie.

»Der Herr Direktor befindet sich gerade in einer Besprechung. Ich kann …«

»Es ist dringend! Notfallprotokoll-45!«

Kurze Stille.

»Ich verstehe. Ich leite Sie umgehend weiter. Bleiben Sie dran.«

Wieder kurze Zeit Stille. Plötzlich meldete sich eine männliche Stimme zu Wort.

»Die Lage scheint ernst zu sein, wenn Notfallprotokoll-45 aktiviert wird.«

»Hier spricht Agent Morle. Ich bin mit Agent Seth auf einer Mission gewesen, um Agent Kuryerom zu finden. Die Sache ist die, wir haben ihn gefunden. Wir haben jetzt nur ein kleines Problem: wir befinden uns in einem Dorf, dass anscheinend von einer möglichen anomalen Krankheit befallen wurde. Die Bewohner des Ortes sind uns feindlich gesinnt, die Gefahrenstufe ist hoch. Ich bitte um sofortige Unterstützung und Rettung!«, es war gut, dass Rookie wusste, was sie zu tun hatte. Hat sich das Zuhören in der Ausbildung und das Lesen des Handbuches doch gelohnt.

»Wie sind Ihre Koordinaten, Agent Morle?«

Rookie gab ihren ungefähren Standort weiter.

»Verstanden. Wir schicken so schnell wie nur möglich Hilfe. Halten Sie einfach noch durch«, der Direktor legte auf.

Seth schnappte sich hustend die Pistolen und sagte: »Suchen wir uns einen ruhigen Ort zum Ausharren«, er gab Rookie ihre Waffe.

Sie wollten gerade den Raum verlassen, als plötzlich der Gastwirt grinsend vor ihnen stand. Seth sagte zu ihm: »Nichts persönliches«, und schlug ihn in die Magengrube, seine Faust durchbrach die pergamentartige Haut. Der alte Wirt zuckte nicht einmal, der Schlag schien keinen großen Effekt auf ihn zu haben, er ging wortwörtlich ins Leere. Seths Faust steckte im Körper des alten Mannes, die Blicke des Wirtes und seine trafen sich, das Grinsen des Ersteren wurde breiter. Plötzlich krochen aus der Wunde kleine dünne, weiße Würmer, die über Seths Arm zu schlängeln begannen. Angewidert zog Seth seine Hand heraus und schüttelte die Parasiten von seinem Arm ab. Rookie sprang währenddessen vor und rammte ein Fleischermesser in den kahlen Schädel des Gastwirtes. Dieser taumelte daraufhin zurück, Rookie und Seth nutzten die Chance zur Flucht.

»Das war ja widerwärtig«, sagte Seth mit verzogenen Gesicht, »Ich habe am ganzen Körper Gänsehaut. Wenn das hier vorbei ist, werde ich erst mal drei Tage lang duschen.«

Auf dem Flur wartete bereits eine Gruppe von Dorfbewohner, einer von ihnen war mit einer Mistgabel bewaffnet und stürmte voran. Seth schnappte sich den Stiel des zweckentfremdeten Werkzeuges und entwaffnete den Angreifer.

Okay, ich darf das jetzt nicht vermasseln, dachte er und konzentrierte sich auf den Fluss der Magie in seinem Körper. Er schaffte es seine Faust zu entzünden und den angreifenden Dorfbewohner damit ins Gesicht zu schlagen. Die obere Hautschicht brannte sofort weg, doch zur Fassungslosigkeit der beiden Agenten begann sich das Gesicht sofort wieder zu rekonstruieren.

»Zum Teufel! Die können sich selbst heilen?!«, schrie Seth.

»Dann können wir nur versuchen uns Zeit zu verschaffen«, erwiderte Rookie.

»Du hast recht«, antwortete er und schleuderte die Mistgabel in die Gruppe, er schaffte es einen von ihnen aufzuspießen. Die beiden vergeudeten keine Zeit mehr und sprinteten los. Rookie drehte sich nach hinten und schoss. Sie traf ein paar Köpfe der Dorfbewohner, die daraufhin in einem Regen aus Blut und Schädelteilen explodierten.

Sie rannten aus dem Rathaus.

»Was nun?«, fragte Seth, der Schweiß floss regelrecht aus seinen Poren.

»Verstecken und abwarten?«

»Aber wo?«

»Wie wäre es mit der Mine?«

»Bist du des Wahnsinns?«

»Hast du eine bessere Idee?«

»Nicht wirklich …«

»Na dann! Auf geht‘s!«, Rookie stürmte los.

»Ich brauch danach dringend Urlaub«, seufzte Seth und rannte hinterher. Er fühlte sich zwar nach dem letzten Manöver völlig erschöpft, aber was blieb ihn anderes übrig?

Als sie bei der Mine ankamen, folgte gleich die nächste Überraschung. Auf die beiden wartete bereits eine riesige Meute von Dorfbewohnern, die den Eingang versperrten. Angeführt wurden sie vom Bürgermeister höchstpersönlich. Eh sie sich versahen, wurden sie eingekesselt.

»Verdammte Scheiße. Wie konnten wir nur in so eine offensichtliche Falle hineingeraten?«, raunte Seth.

»Mein Fehler«, antwortete Rookie.

»Schon gut, jeder macht mal Fehler. Passiert den besten.«

Der Bürgermeister trat hervor, mit tiefer Stimme, fast wie ein Gesang, sprach er: »Die Würmer kriechen rein, die Würmer kriechen raus. Sie fressen deine Gedärme und scheißen sie aus.«

Die ominösen Worte wurden von der Menge leise murmelnd wiederholt.

»Was seid ihr eigentlich?«, rief Rookie in die Menge hinein.

Der Bürgermeister breitete seine Arme aus und begann zu erklären, die Freundlichkeit war völlig aus seiner Stimme verschwunden: »Diese Welt fremd uns ist. Nicht unsere Heimat. Einst wir kamen von weit her, andere Welt, unsere Welt. Lange her das ist, viele … Jahre? Neue Welt uns nicht bekannt. Angst beherrscht uns. Wir passten uns an. Wir taten das, was taten immer wir«, er zeigte mit seinem Finger auf die beiden Agenten, »Lange genug geflohen seid. Wir euch zum See bringen. Dann verschwindet Ich, nur noch Wir bleibt.«

»Wir lehnen dankend ab«, entgegnete Rookie.

»Darf ich mal eine Idee reinbringen?«, flüsterte Seth.

»Nur zu.«

»Wir versuchen eine Schneise zu schlagen und rennen los, als wäre die Hölle selbst hinter uns her. Abgemacht?«

»Das klingt so verrückt, das könnte funktionieren. Ich greif den Bürgermeister an und du versuchst uns hinten alles freizumachen.«

»Alles klar.«

Rookie holte ihre Pistole heraus und schoss auf den Bürgermeister, sie traf seine Schulter, woraufhin er nach hinten fiel.

Seth nahm all seine Kraft zusammen, atmete tief ein, drehte sich zur hinteren Menge und blies einen gewaltigen Flammenatem raus. Die angegriffenen Dorfbewohner gingen auseinander, sie versuchten das Feuer zu ersticken. Es öffnete sich eine kleine Lücke in der Menschenmenge. Das war ihre Gelegenheit!

Rookie packte den völlig erschöpften Seth an der Schulter und rannte mit ihm los. Ihr Ziel war der Wald. Die Bewohner des Dorfes heulten los und begannen wie ein einzelnes Wesen sich in Bewegung zu setzen. Sie brüllten und schrien. Nun waren sie in Rage.

Rookie und Seth rannten wie von der Riesenspinne gestochen. Keuchend und schwitzend erreichten sie den Wald. Seth blieb plötzlich stehen. Rookie drehte sich um.

»Was soll das? Wir müssen weiter! Wir dürfen nicht stehen bleiben!«, schrie sie.

»Ich werde hierbleiben. Ich verschaffe dir Zeit.«

»Bist du wahnsinnig? Die werden dich zerfleischen!«

»Rookie …«, er begann stark zu husten, »Ich kann sowieso nicht mehr laufen, ich wäre dir nur ein Klotz am Bein. Geh! Bring dich in Sicherheit! Ich mach das schon!«

»Seth …«, ihr kamen die Tränen.

Er drehte sich kurz um und sah wieder seine Partnerin an. Sein Entschluss stand fest.

»Geh! Lauf! Rette dich! Damit wenigstens du überlebst!«, schrie er sie an.

Rookie setzte sich widerwillig in Bewegung.

»Du alter Trottel …«, sagte sie und rannte los. Die Tränen flossen durch ihr Gesichtsfell.

Seth wandte sich wieder dem Ausgang des Waldes zu. Er ballte seine Hände zu Fäusten.

»Tut mir leid, Rookie. Es tut mir leid, Augustina. Aber ich habe eine Sache wiedergutzumachen. Außerdem … bin ich es müde wegzulaufen«, flüsterte er zu sich selbst.

Rookie lief durch den Wald, ihr Herz raste, heiße Tränen liefen ihre Wange hinunter. Seth … , war ihr einziger Gedanke. Eine Gruppe von vier Dorfbewohner kam rasend schnell auf sie zu. Sie hatten ihre menschliche Tarnung nun völlig abgelegt, glichen nun mehr wütenden Bestien. Sie rannten auf allen Vieren, die Zunge hing raus und sie keuchten. Rookie beschleunigte, sie spürte den heißen Atem ihrer Verfolger im Nacken. Plötzlich fiel sie, sie war über eine Wurzel gestolpert. Wie in Zeitlupe dachte sie: Wie dumm von mir. Jetzt werden sie mich doch erwischen.

Sie schlug hart auf dem Boden auf. Sie versuchte ein aufkommendes Kreischen zu unterdrücken. Sie wollte nicht schreien, nicht kreischen. Rookie spürte schon die Griffe der Dorfbewohner, als es plötzlich sehr heiß und sehr hell wurde. Sie drehte sich um und sah nach oben. Flammen, es waren Flammen.

»Seth?«, flüsterte sie.

Die Dorfbewohner wichen kreischend zurück. Eine starke Hand zog Rookie nach oben und drückte sie an die Brust. Sie sah ihren Retter an, da wurden ihre Katzenaugen groß. Es war Salih in voller MEK-Kampfmontur, bewaffnet mit einem Flammenwerfer. Er drückte sie noch fester an sich und sagte: »Keine Sorge, Kätzchen. Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Jetzt wird alles wieder gut. Alles ist unter Kontrolle.«

Sie glaubte, sie träumte. Weitere MEKs stürmten aus dem Dickicht, sie alle waren mit Flammenwerfern und anderen schweren Waffen ausgestattet. Es war die MEK-Einheit Fuchsauge! Die Dorfbewohner bekamen es plötzlich mit der Angst zu tun, sie flohen. Die Soldaten der AOO begannen alles niederzubrennen. Bald schon hatten die Flammen den Wald und das Dorf vollständig verschlungen. Es blieb nichts als graue Asche übrig.

Rookie saß in der Kabine eines Hubschraubers der AOO und trank genüsslich eine Tasse Kakao, Salih hatte sich neben ihr gesetzt. Sie legte ihren Kopf auf seine Schultern, er kraulte sie. Zwei MEKs kamen gerade vorbei, sie stützten den verletzten Seth. Er sah ziemlich mitgenommen aus, seine Kleidung war zerfetzt, die Wunde auf seiner Brust war entblößt. Rookie warf ihn einen Ich-hab-es-doch-gewusst-Blick zu, Seth erwiderte den Blick, grummelte irgendetwas und wurde dann von den beiden MEKs fortgebracht. Rookie war heilfroh, dass er überlebt hatte und dass es ihm, mehr oder weniger, gut ging. Der Alptraum war endlich vorbei. Salih hatte ihr erzählt, dass sie das gesamte Dorf abgefackelt haben. Es sollte keiner der infizierten Dorfbewohner mehr herumlaufen. Er versicherte ihr, dass sie sich auch um die Mine kümmern werden.

Der Öffentlichkeit wird man was von einem außer Kontrolle geratenen Waldbrand erzählen. Aber wahrscheinlich wird es den Leuten in diesem Land nicht wirklich interessieren, wenn ein unbedeutendes Bauerndorf von der Landkarte verschwindet.

»Wie geht es dir, Oldtimer?«

»Definitiv besser. Der Husten ist verschwunden, mein Kopf dröhnt nicht mehr und mein Körpertemperatur ist merklich gesunken.«

»Siehst du? War doch gar nicht so schlimm«, Rookie lächelte verschmitzt ihren Partner an.

Seth rollte nur mit den Augen und zündete eine Zigarette an.

»Gott, wie ich das vermisst habe.«

»Dr. Thanatos findet es aber nicht so toll, wenn du in seinem Labor rauchst«, erklärte Rookie.

»Dr. Thanatos kann mich mal an meinen faltigen Arsch lecken«, grummelte Seth.

Seine Partnerin seufzte: »Ich sehe, du bist wieder ganz der Alte.«

»Außerdem sind wir ja noch nicht da. Bevor wir eintreten, mach ich sie ja aus.«

Die beiden standen vor einer großen Metalltür, Seth hielt eine Karte gegen einen Scanner und mit einem Zischen öffnete sich die graue Tür. Sie traten in das Laboratorium von Dr. Thanatos, den Verrückten Wissenschaftler der AOO. Genau genommen war er der Experte für Medizin, Biologie, Genetik, Kryptozoologie und Paranormale Biologie. Außerdem saß er im Leitungsgremium der Wissenschaftsabteilung. Die AOO wusste ihn trotz seiner … exzentrischen Persönlichkeit … sehr zu schätzen.

Das Labor war gefüllt mit allerhand Gerätschaften, Reagenzgläsern, Werkzeugen und unzähligen präparierten Organismen, natürlich wie auch unnatürlich. Die weißen Leuchtstoffröhren gaben den Raum eine Aura der Künstlichkeit.

»Oh! Hallo, liebe Leute!«, begrüßte sie der kahle Doktor jarganischer Herkunft. Er ging schnellen Schritts zu beiden hin und schüttelte ihnen kräftig die Hände. Seth konnte die Metallhand des Doktors spüren.

»So, was gibt es, Doc?«, fragte Seth.

»Zuallererst …«, er zog die Zigarette des Agenten aus seinen Mund und zerknüllte sie, »Rauchen ist hier strengstens untersagt.«

»Verstanden. Kommt nicht wieder vor.«

»Zweitens, ich wollte euch etwas zeigen«, er deutete den beiden ihm zu seinem Tisch zu folgen, »Ich muss schon sagen, das sind wirklich sehr interessante Exemplare, die ihr mir gebracht hab. Ich muss zugeben, ich habe in meiner langen Karriere noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Also … schon ziemlich toll, dass ihr zufällig darauf gestoßen seid. Wahrlich ein großartiger Tag für die Anomale Forschung!«

»Ich fand‘s jetzt nicht so toll …«, murmelte Seth.

Dr. Thanatos holte ein Glas hervor, in dem tausende von kleinen dünnen, weißen Würmern schwammen. Mit einer wahrlich theatralischen Geste sagte er: »Seht und staunt: Chevretparazit!Oder wie der wissenschaftliche Name lautet: Slavakus Ubi Vermis. Wahre Prachtexemplare!«

»Haben Sie herausfinden können, was sie sind? Oder woher sie stammen?«, fragte Rookie.

»Die Herkunft konnte ich nicht ermitteln. Aber diese Würmer stammen definitiv nicht aus unserem Universum. Ihre Zellstruktur und ihre DNA ähneln keinen uns bekannten nicht-anomalischen Lebewesen. Die Zellen und die Gene sind extrem anpassungsfähig. Und ihre Fähigkeiten … Nun«, er holte einen Käfig mit zwei weiße Labormäuse hervor, »Ich habe eine dieser Nagetiere mit den Parasiten infiziert und jetzt passt mal auf«, er nahm eine der Mäuse, legte seine Hand um ihren Kopf und riss ihn mit voller Kraft ab!

»Ach du Scheiße, Doc!«, rief Seth erschrocken. Rookie musste gerade ein Würgen unterdrücken.

»Habt euch nicht so, ihr habt bestimmt schon Schlimmeres gesehen, oder?«

»Ja … aber … das kam jetzt ein wenig unerwartet …«

»Na gut, beim nächsten Mal kündige ich es an, wenn ich einem Versuchstier den Kopf abreiße.«

»Ich hoffe, das es kein nächstes Mal geben wird …«, flüsterte Rookie. Sie spürte, wie ihr Mageninhalt langsam hochkam. Hoffentlich kotze ich jetzt nicht, das wäre mehr als nur peinlich.

»Was sollten Sie jetzt damit bezwecken, Doc?«

»Seht einfach hin«, er legte die Maus und den blutigen Kopf zurück in den Käfig. Was danach passierte, erstaunte die beiden Agenten. Sowohl der Kopf als auch der Rest des Körper begannen sich zu regenerieren! Auf einmal waren drei Mäuse im Käfig!

»Seht ihr? Seht ihr? Seht ihr, was ich meine? Die Regenerationsfähigkeit dieses Parasiten ist ohne jeden Vergleich. Da sich die Würmer im gesamten Körper aufhalten, macht es keinen Unterschied, ob man wichtige Teile davon einzeln zerstört. Selbst aus einem abgetrennten Arm kann wieder ein ganzer Körper werden. Es ist fast so, als könnten sie unsere DNA lesen und kopieren. Wirklich erstaunlich!«

»Ja, ja … magisch. Wie kann man sie töten?«, das war das Einzige, woran Seth interessiert war.

»Hmm, schwierig. Sie sind resistent gegenüber jeglicher Art von Chemikalie. Hohe Temperaturen und absolute Kälte können ihnen nichts anhaben. Selbst der Entzug von Sauerstoff tötet sie nicht. Und wie gesagt, es reicht nicht aus den Wirt einfach nur zu verwunden, man muss ihn vollständig zerstören, am besten verbrennen. Und zwar komplett«, erklärte Dr. Thanatos.

»Gut, darum wurde sich ja gekümmert«, sagte Rookie.

»Exzellent! Wären diese Würmer ins Grundwasser gelangt oder in irgendeinen größeren Fluss, hätte es zu einer globalen Katastrophe kommen können. In wenigen Monaten wäre ein großer Teil Terras unter ihren Einfluss gewesen. Das wäre das Ende gewesen, das hätten selbst wir nicht mehr unter Kontrolle bringen können. Ein WU-Szenario.«

Seth klatschte in die Hände: »Ja, dann ist doch super, dass wir alles verhindern konnten. Wiedereinmal wurde die Welt gerettet. Sind wir hier dann fertig?«

»Ja, das sollte alles gewesen sein. Ich schicke euch nachher noch die Unterlagen, dann könnt ihr euren Bericht schreiben.«

»Vielen Dank, Dr. Thanatos«, Rookie lächelte.

»Keine Ursache.«

»Sorgen Sie dafür, dass diese Viecher weggeschlossen werden. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was passieren könnte, wenn dieser Mistarkonic oder jemand anderes sie in die Finger kriegt. Anomale Bio-Waffen sind das Letzte, was wir jetzt noch brauchen.«

»Seien Sie sich sicher, mein lieber Seth, dass diese kleinen Kreaturen bei mir sicher aufbewahrt sind. Und überhaupt … Wer soll schon in der Lage sein in unsere Gebäude einzubrechen?«

Irgendwo tief unten in einer der unzähligen AOO-Einrichtungen, wo die Organisation die gefährlichsten Anomalien unter Verschluss bewahrte. Ein wahres Sammelsurium von Monster, Kreaturen und unvorstellbaren Schrecken.

Der junge Forscherassistent China Rahmelo ging pfeifend seiner Arbeit nach, es war Fütterungszeit. Er näherte sich einem großen Glaskasten, der einen einzelnen Insassen enthielt.

Die Würmer kriechen rein.

Rahmelo öffnete die Zelltür, an der gegenüberliegenden Wand saß angekettet ein dicker, älterer Mann mit lockigen, roten Bart. Seine Augen waren leer, sein Gesicht ausdruckslos.

Die Würmer kriechen raus.

»Zeit für Ihr Essen!«, Rahmelo stellte ein Tablet auf den Tisch und hob den Deckel hoch. Darunter befand sich Kartoffelpüree mit Mischgemüse und Bratwurst.

»Wir wissen nicht wirklich, was Sie gerne essen, aber das hier, wird Ihnen bestimmt schmecken«, keinerlei Reaktion, »Immer noch schweigsam, eh? Soll mir recht sein. Erst kürzlich hat ein sprechender Zahnarztschädel versucht mich zu überreden, dass ich mal seinen Finger in seinen Mund stecke … Ich hab es natürlich nicht gemacht!«

Sie fressen deine Gedärme.

»Wie dem auch sei … Ich hoffe, Ihnen schmeckt das Essen. Und ich bin überzeugt davon, dass wir eine Heilung für Ihren Zustand finden werden. Aber solange sind Sie halt als Anomalie klassifiziert und müssen erst mal hierbleiben. Aber es gibt bestimmt schlimmeres … bestimmt.«

Und scheißen sie aus.

»Nun … Ich geh dann mal. Wir sehen uns bestimmt morgen wieder. Vielleicht wechseln wir dann ein paar Worte«, Rahmelo drehte sich um und wollte gerade gehen. Da sagte eine tiefe Stimme auf einmal: »Und wenn deine Knochen anfangen zu verrotten …«

Langsam drehte Rahmelo sich wieder um, kalter Angstschweiß floss ihn hinunter, Entsetzen stand in seinen Gesicht geschrieben.

»W-w-w-wie war d-d-d-das?«

»Die Würmer bleiben, aber du wirst es nicht«, ein breites Grinsen zeigte sich auf dem Gesicht des Bürgermeisters, doch in seinen toten Augen war kein Funken Freude zu sehen.

Rahmelo ging rückwärts, stolperte fast. Er schlug die Tür zu, schloss sie ab und rannte davon. Er wollte schleunigst wieder nach oben, weg von diesem grässlichen Ort.

Der Bürgermeister schaute ihn amüsiert hinterher.

In einem weit entfernten Wald irgendwo im Nirgendwo, wo uralte Kiefern die Sicht auf den Himmel versperrten und es wie aus Eimern regnete, spielte sich gerade eine Szene des Verbrechens ab. Eine junge Frau, vielleicht gerade mal Anfang zwanzig, sie wollte einfach nur ein wenig spazieren, wurde von drei Männern bedroht. Sie wollten ihr Geld und vielleicht sogar noch mehr. Einer von ihnen war mit einem langen Dolch bewaffnet, den er der jungen Frau an die Kehle hielt, während seine Kumpanen ihre Arme festhielten. Er war schon am überlegen, ob er sie nicht einfach umbringen sollte, aber er wollte vorher noch ein wenig Spaß haben.

Merkwürdigerweise begann sich der Regen auf einmal in Schnee zu verwandeln, der Dolchhalter hielt seine Hand auf und fing ein wenig davon auf. Verwundert starrte er die kleinen Schneeflocken an, es wurde immer mehr.

»Schnee? … Im Herbst?«, flüsterte er.

Auch seine Kumpanen und die Frau waren sehr verwirrt. Sie hatten mit allem gerechnet, nur nicht, dass es heute schneien würde.

Irgendeinen tiefen Instinkt folgend drehte sich der Dolchhalter um und sah in der Ferne einen Mann auf die Gruppe zukommen. Er trug einen zerfledderten schwarzen Mantel und einen breitkrempigen Hut. Langsam ging er auf die Vier zu, da wo er hintrat, gefror das Gras und das Moos zu Eis. Die Frau schrie um Hilfe.

»Brutus … Carl … Kümmert euch um den Typen«, befahl der Dolchhalter, während er die Frau an sich packte.

Die beiden Räuber nickten, Brutus zog sein Messer raus und stürmte auf den mysteriösen Fremden zu, hoffte ihn schnellstmöglich zu überraschen. Er stach zu, zu spät fiel ihm auf, dass mit dem linken Arm des Mannes etwas nicht stimmte. Der Fremde ließ das Messer augenblicklich gefrieren, wodurch es zerbrach. Er packte den törichten Angreifer mit seinem linken Arm, der eine Prothese aus Eis war, am Hals. Langsam gefror Brutus, seine Lippen, seine Haut wurden blau. Seine Augen und seine Bewegungen wurden starr. Er war nun nichts weiter als ein Eisklotz, der Mann ließ ihn zu Boden fallen, woraufhin er in mehrere Teile zerbrach. Der Fremde würdigte ihn während des gesamten Schauspiels nicht eines einzigen Blickes, sondern starrte einfach weiter auf den Boden, während er sich langsam fortbewegte.

Carl schlotterte nicht nur vor Kälte, sondern auch vor Angst. Das war es ihm nicht wert, er lief schreiend weg.

»Hey, du Feigling! Komm zurück!«, rief sein Anführer hinterher. Er richtete seinen Blick auf den Mann, der eine Naturgewalt zu sein schien. Er stellte sich hinter die Frau und hielt ihr seinen Dolch an die Kehle.

»Kein Schritt näher oder ich schlitz der Schlampe hier den Hals wie ein Schwein auf!«

Der Mann war davon nicht beeindruckt, sondern ging einfach weiter.

»Hey! Ich warne dich … nur einen Schritt weiter …«

Er kam näher und näher.

»Nur … Nur einen Schritt … Ich … Ich warne dich!«

Ein Eiszapfen manifestierte sich plötzlich in der kalten Luft und flog direkt auf den Räuberboss zu. Das spitze Projektil durchbohrte seinen Schädel, warmes Blut spritzte auf die Frau, sie schrie vor Schreck, ihr Geiselnehmer fiel tot zu Boden.

Der Mann ging an ihr vorbei.

»Danke … Danke, dass Sie mich gerettet haben … Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn Sie nicht gekommen wä…«, er ging an ihr vorbei, ignorierte sie. Er schlich einfach weiter, hinterließ nichts weiter als eine Spur aus Schnee und Eis. Der Schnee folgte ihn.

Als er aus ihrem Sichtfeld verschwunden war, stand die junge Frau wieder im Regen.

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