Der Tag, an dem der Himmel blutete

Es gab Katastrophen, die kündigten sich lange vorher an. Meteoriteneinschläge, zum Beispiel. Da wissen Forscher bereits Jahre im Voraus, wann der gigantische Felsbrocken auf unsere blaue Kugel einschlägt und unsere kleine, junge Zivilisation aus den Geschichtsbüchern streicht. Man kann Notfallpläne entwickeln, Gegenmaßnahmen vorbereiten, hoffen, das letztlich doch alles gut ausgehen, das nichts passieren wird und kein gigantischer Felsbrocken unsere blaue Kugel trifft. In den meisten Fällen passierte auch nichts. Der Brocken verfehlt unsere Heimat oder er wird vorher abgeschossen. Oder er trifft die Erde erst in tausenden von Jahren. Alles ging seinen gewohnten Gang weiter.

Doch diese Katastrophe war anders. Sie kündigte sich nicht vorher an. Es gab keine Anzeichen, keine Forscher, die warnten, keine Ankündigungen, keine Nachrichten. Wie alle wahren zerstörerischen Unglücke geschah es einfach.

Ich saß nichtsahnend in einem kleinen, gemütlichen Café in einer kleinen unbedeutenden Provinzstadt. Genüsslich trank ich meinen schwarzen Kaffee. Fast schon gelangweilt las ich eine Tageszeitung. Der jahrelange endlose Medienkonsum hatte meine Sinne und mein Empfinden längst abgestumpft. Als wäre es das Gewöhnlichste auf der Welt, las ich über einen Militärputsch in irgendeiner südrussischen Ex-Sowjetrepublik, über einen wahrscheinlich religiös motivierten Terroranschlag in irgendeiner namenlosen Großstadt, über den Präsidenten, der Krieg gegen ein Land erklärte, von dem ich noch nie in meinem Leben gehört habe und was ich auch nie in meinem Leben besuchen werde.

Die Nachrichten über Tod, Krieg, Seuche und Mord langweilten mich. Alles wirkte so fern und irreal. Das Sterben von namenlosen Unschuldigen löste in mir kein Bedauern, keine Empathie aus. Für mich waren sie nur Buchstaben auf einem Stück Papier, Pixel auf einem Bildschirm. All das betraf mich nicht und ließ mich kalt.

Ich legte meine Zeitung beiseite, gähnte und streckte mich. Ich schaute auf meine Uhr, es war acht Uhr fünfzig. Zeit für die Arbeit. Ich trank meinen Kaffee aus und gähnte noch einmal und wollte mir gerade meine Jacke schnappen, als ich bemerkte, dass der Raum plötzlich dunkler und in ein rötliches Licht getaucht wurde. Eigentlich sollte doch heute ein wolkenloser, strahlend heller Tag werden.

Verwundert schaute ich aus dem Fenster und erstarrte. Die anderen Gäste des Cafés taten es mir gleich. Wie in Zeitlupe ging ich zur Tür und verließ das Lokal, meine Jacke hatte ich völlig vergessen. Ich starrte gen Himmel, ich konnte meinen Augen kaum trauen. Ich rieb sie mir, ich blinzelte, schüttelte meinen Kopf, hoffte, dass ich mir das nur einbildete. Doch es verschwand nicht. Der Himmel hatte sich blutrot verfärbt. Die Wolken, die Sonne, der Mond waren verschwunden. Die Gebäude wurden in ein tiefes Schwarz gehüllt. Es war, als gäbe es kein natürliches Sonnenlicht mehr.

Ich sah mich um, viele Passanten starrten ebenfalls in den Himmel. Autofahrer hielten ihre Fahrzeuge an und reckten ihre Hälse aus den Fenstern. Niemand sagte etwas, es war totenstille. Es gab keine Panik. Es regte sich kein Lüftchen, so als würde die gesamte Welt ihren Atem anhalten.

Nach einiger Zeit ging ein Flüstern durch die Menge. Fragen wurden gestellt, Theorie entworfen und verworfen. Ein älterer Herr im Gehrock murmelte etwas von »Wetterphänomen«, ein anderer raunte über einen »Vulkanausbruch«.

Ich spürte auf einmal, dass irgendetwas Feuchtes auf mein Gesicht fiel. Ich fasste an meine Stirn und blickte mit Bestürzen und Verwunderung auf meine Finger. An ihnen klebte irgendeine rote Flüssigkeit, die nach Kupfer stank. Eh ich meine Gedanken richtig ordnen konnte, fiel ein heftiger Schauer über uns. Die rote, fast schon dickflüssige Substanz fiel in Strömen auf die Straße. Panik griff wie ein Grippevirus um sich und infizierte die Köpfe der Menschen. Sie begannen loszurennen, schubsten sich gegenseitig um, schrien.

Autofahrer zogen ihre Köpfe ein und fuhren ohne Rücksicht auf Verluste los. Ich sah, wie ein schwarzer PKW eine Gruppe von Passanten einfach umfuhr. Ich sah, wie ihre Köpfe auf die Motorhaube einschlugen und sie unter die Räder gerieten und von ihnen zermalmt wurden. Ich hörte das Knacken von Knochen und unterdrückte Schreie. Das Autor fuhr davon, raste gegen ein anderes, der Fahrer wurde durch die Windschutzscheibe hinausgeschleudert und landete mit einem harten Aufprall auf den Asphalt, sein Kopf brach auf.

Ich sah zu den umgefahrenen Passanten, drei leblose Körper. Im Hintergrund, als würde es an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit stattfinden, hörte ich weitere Verkehrsunfälle. Hupen, Geschrei, das Schreien von Metall, quietschende Reifen.

Wie in Trance machte ich mich auf dem Weg, wohin? Zur Arbeit? Was blieb mir anderes übrig? Währenddessen fiel der Blutregen weiter unbekümmert vom Himmel. Chaos schien sich langsam auszubreiten. Ich sah, wie Menschen sich aus Fenstern warfen und auf dem Gehweg aufprallten. Ich sah plötzliche Anfälle von Mord, eine junge Frau, die einen Mann einen Glasscheibe ins Auge rammte, eine Mutter, die ihr Baby im Kinderwagen erdrosselte. Autos rasten in Geschäfte hinein, zerquetschen alles in ihrem Weg. In weiter Ferne sah ich wie ein Flugzeug abstürzte und in ein Hochhaus krachte.

Der Regen fiel weiter, füllte die Straßen, es stand mir bereits bis an die Knöchel. Mein Körper war durchnässt, meine Kleidung klebte an mir. Mir war nicht kalt, was auch immer vom Himmel fiel, war warm. Die gesamte Luft war von einem Kupfergeruch durchdrungen, mir wurde davon fast übel. Doch ich ging weiter, unbekümmert wie der Regen ging ich meinen Weg. Die Tageszeitung und der Kaffee schienen bereits in ferner Vergangenheit zu liegen.

Das Wasser stieg immer höher an, ich sah Leichen darin treiben. Männer, Frauen, Kinder. Alt und jung. Arm und reich. Ich kämpfte gegen die Wassermassen an, es stand mir bereits bis an die Hüfte. Der Kupfergeruch war unerträglich. Mein Kopf schwirrte. Das Hupen war verstummt, die Schreie wurden schriller. Ich hörte Menschen vereinzelt nach Hilfe rufen, doch ich sah niemanden. Der Regen prasselte unermüdlich auf uns herab.

Wie oben, so unten, nichts als rot.

Endlich erreichte ich das Gebäude, wo ich arbeitete, ein geschwungener zweistöckiger Glaskasten, ein Beispiel postmoderner Architektur. Noch nie im meinen Leben war ich so froh zur Arbeit zu gehen. Ich wusste, wenn ich dieses Gebäude betrete, dann wird alles wieder gut werden.

Ich wollte gerade die Treppen hinaufsteigen, als plötzlich etwas Schweres vom Himmel fiel. Bei dem Aufprall wurde der Glaskasten völlig zerstört. Nichts als Scherben und verbogene Stahlträger blieben noch übrig. Ich hatte keinen blassen Schimmer, was da vor mir lag und meine Arbeit zerstört hatte, es entzog sich jeglicher rationaler Beschreibung.

Es war ziemlich groß, so viel war ich mir sicher. Es hatte Flügel, mehrere. Es hatte unzählige Augen an unmöglichen Stellen.

Ich schaute hoch in den blutroten Himmel.

Der Regen hörte nicht auf.

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