Heidnischer Zorn

Der dunkle, brandenburgische Wald lag still, kein Tier regte sich, kein Vogel krächzte, selbst die Bäume schienen stillzustehen. Die rote Sonne ging langsam unter, lange Schatten breiteten sich langsam aus. Die Nacht kroch heran und mit ihr kam die Kälte.

Wolfgang zog sich seinen grauen Mantel fester, seine Uniform hielt ihn einfach nicht warm. Seine Beine schmerzten ihn, er hatte sich Blasen an den Füßen gelaufen. Seit Stunden marschierten sie schon durch das dunkle Gestrüpp, vorbei an die immer gleichen Nadelbäume, die bedrohlich gen Himmel ragten. Kein Lüftchen regte sich, die Bäume standen so still wie Statuen aus Marmor. Je dunkler es wurde, desto mehr behagte ihn die Gesamtsituation. Er wurde das Gefühl nicht los, dass unzählige Augen ihn aus dem Schatten heraus beobachten würden. Kleine, schwarze Augen. Ohne Verstand, ohne Mitgefühl. Körperlose Augen, die in der Luft schwebten und ihn anstarrten. Kalt und leblos. Wie die Augen einer verfaulten Leiche.

Warum nur hatte er sich freiwillig für diese Expedition gemeldet? In der Munitionsfabrik Wache zu halten wäre weitaus angenehmer gewesen. Da gab es wenigstens Wärme und Licht und eine, wenn auch miserable, aber vorhandene Verpflegung. Er hätte mit den anderen Jungs Karten spielen oder sich besaufen oder dreckige Witze reißen können. Scheiße, er hätte sich sogar lieber die endlosen, langweiligen Vorträge von Fritz über Hühnerzucht angehört, statt in der Dunkelheit SS-Hauptsturmführer Sarolf Herrmann und seinen Ahnenerbe-Idioten zu folgen. Und weshalb? Wegen irgendeiner Kultstätte, die von Zwangsarbeitern ausgegraben wurde und bei der man irgendetwas gefunden hatte. Jetzt benötigten die Ahnenerbe-Idioten Unterstützung von den Soldaten. Wozu? Damit uraltes Zeug, was kein Mensch brauchte, von A nach B transportiert werden konnte? Niemanden interessiert dieser Germanenscheiß, dachte Wolfgang, und am allerwenigsten interessiert es mich. Sollen die sich doch ihre Runen und Holzüberreste in den Arsch schieben. Meine Familie hungert und meine Freunde werden sinnlos an der Front verheizt, während die selbsternannten Herrenmenschen von der SS in Wäldern spazieren gehen und Löcher buddeln und sich dann wie dumme Buben darüber freuen, wenn sie einen vergammelten Holzlöffel von vor zweitausend Jahren finden.

Die Nacht war nun endgültig über die kleine Gruppe eingebrochen, von den großen Nadelbäumen waren nur noch schwarze Umrisse zu sehen. Der SS-Hauptsturmführer schrie etwas von Halt und der Trupp stoppte seine Bewegung. Wolfgang sah sich um, konnte aber aufgrund der Dunkelheit nichts erkennen.

Hermann, ein kleingewachsener Mann mit brünetten Haar und viel zu großer Uniform, wandte sich der Gruppe zu und rief mit übertriebenen Stolz und Pathos: »Verehrte Volksgenossen, ich weiß, es war ein langer und harter Marsch, aber ich verspreche euch, dass es die Mühen wert war. Was ihr hier seht, oder besser gesagt nicht seht«, er gab den Ahnenerbe-Forschern ein paar nonverbale Befehle, die sich daraufhin an ein paar technischen Gerätschaften zu schaffen machten.

Wolfgang hörte, wie ein Generator ansprang und sofort das Areal mit Licht geflutet wurde. Der junge Soldat schirmte mit seiner Hand seine Augen ab. Nachdem er sich an die brutale Helligkeit gewöhnt hatte, schaute er sich genauer an, was die Scheinwerfer offenbart hatten.

Es handelte sich um ein Loch im Erdboden und darin befand sich eine ungefähr eineinhalb Meter große Statue aus einem pechschwarzen Material. Rings um die Ausgrabungsstätte herum waren Hakenkreuz- und SS-Flaggen aufgestellt worden.

»Was ihr hier seht«, setzte Herrmann seine Rede fort, »ist eine Statue des Allvaters! Von Odin, den höchsten aller Götter! Ihr fragt euch jetzt sicher, was an diesem Relikt so besonders sei. Nun lasst mich diese rhetorische Frage für euch beantworten. Diese Statue ist aus einem Gestein gefertigt, das dem Geschlecht der Menschen bis dato völlig unbekannt war! Es gibt nur eine logische Erklärung dafür: dieses Gestein stammt aus der Heimat der Götter! Aus Asgard selbst!«

»Jetzt sind sie völlig durchgedreht«, murmelte einer der Soldaten.

Wolfgang sah sich die Statue genauer an, mit etwas Fantasie konnte man vielleicht Odin darin erkennen. Der Bart war da und nur eines der Augen war geöffnet. Doch alles im allen handelte sich um sehr primitive Kunst, in der man schon viel hineininterpretieren musste.

»Doch das ist noch nicht alles!«, rief Herrmann, »Nein, nein. Da kommt noch mehr. In der Statue soll die Seele Odins hausen! Anscheinend hatten urgermanische Schamanen es geschafft, einen Teil der Essenz des Allvaters an dieses mysteriöse Gestein zu binden! Und mithilfe dieses Buches«, er hielt ein braunes Buch hoch, »werde ich ihn aus seinem steinernen Gefängnis befreien!«

Hermann wandte sich der Statue zu und begann mit lauter Stimme aus dem Buch vorzulesen: »Odin, großer Allvater! Der, der neun Tage und neun Nächte am großen Lebensbaum hing und sich selbst opferte. Odin, Gott aller Götter. Der, der sein Auge an der Quelle Mimirs opferte und so unendliche Weisheit erhielt. Odin, Vater der Götter. Der, der auf seinen goldenen Thron sitzt und über die neun Welten wacht. Odin, Meister der Zauberrunen. Der, dessen Speer Gungnir sein Ziel nie verfehlt und auf dem geschworene Eide nie gebrochen werden können. Odin, oberster Gott. Der, dessen Pferd Sleipnir über Wind und Wasser gleitet. Odin, höchster Kriegsherr. Der, der am Tag der Ragnarök sein Leben im Kampf gegen den Fenriswolf verliert. Großer Odin! Ich rufe dich herbei! Hilf uns im Kampf gegen unsere Feinde! Nimm dein Speer und ersteche sie!«, Hermann streckte die Arme aus und brüllte die letzten Worte.

Wolfgang spürte, wie plötzlich ein kalter Wind aufkam. In der Ferne hörte er das Krächzen von Krähen. In den Gesichtern der anderen Soldaten sah er Unbehagen, Furcht, Angst. War an diesen ganzen Gerede über Götter doch etwas dran? Unmöglich, dachte Wolfgang. Völlig ausgeschlossen.

Doch er sollte eines besseren belehrt werden.

Das Auge der Statue begann hell zu leuchten, der kalte Wind entwickelte sich zu einem frostigen Sturm. Unzählige Krähen nahmen in den hohen Bäumen Platz und starrten gierig mit pechschwarzen Augen auf die Gruppe hinab. Wolfgang hatte noch nie so viele Krähen auf einmal gesehen. Sein Herz begann schneller zu schlagen, kalter Schweiß breitete sich auf seiner Haut aus. Er keuchte. Seinen Kameraden ging es ähnlich. Angst breitete sich zunehmend in der Gruppe aus.

Hermann fiel vor der Statue auf die Knie, die Mitarbeiter des Ahnenerbe-Institutes taten es ihm gleich. Das Gestein begann zu bröckeln, Lichtstrahlen schossen heraus. Die Statue explodierte plötzlich, die Soldaten duckten sich, um keine Splitter ins Gesicht zu bekommen. Als sie sich wieder erhoben, sahen sie etwas, was ihnen fast die Augen aus dem Kopf raus fallen ließ. Da wo die Statue stand, schwebte nun ein älterer Mann mit Bart und Augenklappe. Er trug einen mit unzähligen Runen versehrten braunen Lederharnisch, einfache Hosen und Stiefel sowie einen Helm aus Eisen, der seine obere Gesichtshälfte verdeckte, nur das stahlgraue Auge stach hervor.

Der SS-Hauptsturmführer hob langsam seinen Kopf, ein breites Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er erhob sich, verneigte sich ehrwürdig vor den ihn erschienenen Gott.

»Es hat geklappt«, flüsterte Hermann, »Großer Odin! Höre mich an! Ich habe dich beschworen, weil wir deine Hilfe brauchen! Dein Volk ist in großer Not! Die Germanen brauchen dich! Feinde belagern uns von allen Seiten!«

Das Wesen sank auf den Boden und schaute sich um. Wie aus dem Nichts erschienen zwei Raben, die sich auf dessen Schultern bequem machten. Sie schienen dem Mann etwas ins Ohr zu flüstern, woraufhin dieser sich den weißen Bart streichelte. Er knackte zweimal mit seinem Nacken und sah noch einmal durch die Menge. Dann begann er zu sprechen. Wolfgang hatte noch nie solch eine Stimme gehört, bei jeder Silbe schienen seine Knochen zu vibrieren.

Der Mann sprach: »Die Menschen aus Midgard scheinen sich in den letzten eintausend sechshundert Jahren nicht sonderlich weiterentwickelt zu haben. Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, sie haben sich in einfache Barbaren zurückentwickelt. Zumindest einige von ihnen. Huginn und Muninn haben mir bereits alles Wichtige erzählt«, Odin betrachte die ringsherum aufgestellten Banner und die Armbinden der SS-Forscher und von Hermann abschätzig. Er zeigte mit dem Finger auf den SS-Führer.

»Ihr!«, donnerte die Stimme des Allvaters.

Hermann fiel vor Schreck auf den Boden. Dicke Schweißperlen standen ihn auf der Stirn.

»Ihr habt meine Runen beschmutzt! Ihr habt sie in den Dreck gezogen!«

»Großer Odin … Das … Das ist ein Miss…«, stammelte Hermann.

»Schweig, Sterblicher! Tisch mir keine Lügen auf! Niemand lügt den Allvater an! Ich kann in eure Herzen sehen und erblicke nichts als verdorbene Dunkelheit. Selbst Loki würde sich für euch schämen! Selbst Surtur und seine Muspellsöhne sind nicht so niederträchtig wie ihr!«, Odin streckte seinen rechten Arm aus und plötzlich erschien der mystische Speer Gungnir in seiner Hand. Er rammte die Waffe in den schreienden Mund des SS-Hauptsturmführers, die blutige Spitze kam hinten im Nacken wieder raus. Hermann röchelte und versuchte vergeblich den Speer zu ergreifen, um ihn raus zuziehen.

Odin betrachtete das Schauspiel mit Verachtung: »Erbärmlich. Und du nennst dich Teil einer Elite? Du willst ein Krieger sein? Das ich nicht lache«, er zog den Speer wieder aus dem Rachen heraus und rammte ihn in das noch schlagende Herz des Mannes.

»Der Zugang zu Walhall wird dir auf ewig verwehrt bleiben, du Made«, Hermann fiel tot zu Boden. Blut sprudelte aus der Wunde. Die Wehrmachtsoldaten, Wolfgang eingeschlossen, zielten mit ihren Maschinengewehren auf den Gott. Viele vor ihnen zitterten vor Angst.

»Narren«, erwiderte der Allvater nur und schlug mit dem Speerende auf den Boden, woraufhin sich ein Windstoß entfesselte, der die Hakenkreuz- und SS-Flaggen zerfetzte. Die Forscher des Ahnenerbe wurden gegen Bäume geschleudert. Wolfgang hörte ein übles Knacken.

Einer der Soldaten schrie: »Feuer!«, und sofort ertönte ein wahres Orchester aus Maschinengewehrgeräuschen.

»Wie ich schon sagte: Narren«, erwiderte Odin unbeeindruckt. Er streckte seine Hand aus und sofort blieben die Kugeln mitten in der Luft stehen. Ein Raunen ging durch die Gruppe. Der nordische Gott führte eine wischende Handbewegung aus, woraufhin die scharfe Munition zu ihren Absender zurückkehrte. Die vordere Reihe der Wehrmachtsoldaten brach tot zusammen. Jetzt machte sich Panik breit. Wolfgang bekam es mit der Angst zu tun.

»Spürt meinen Zorn!«, rief der wütende Gott.

Die Krähen, die noch vor wenigen Augenblicken auf den hohen Bäumen saßen und die Soldaten finster betrachteten, stürzten sich nun plötzlich auf die Gruppe. Lautes Geschrei ertönte. Wolfgang sah, wie die großen schwarzen Vögel seinen Kameraden die Augen aushackten, ihre Nasen fraßen, das Blut ihren schreienden Gesichtern hinunter. Einige versuchten die Kreaturen abzuwehren, doch jeglicher Widerstand war zwecklos. Bald sah man nur noch erschlaffende Hände in einer Masse aus dunklen Federn.

Ich hab genug von dieser Scheiße. Zeit abzuhauen, dachte Wolfgang. Diesen Gedanken teilten unbewusst auch die anderen, noch lebenden, Soldaten. Der junge Mann ließ sein Maschinengewehr fallen und nahm die Beine in die Hand, die anderen taten es ihm gleich.

Ins Dorf werde ich es wahrscheinlich nicht mehr schaffen. Der See ist zu weit weg. Vielleicht erreiche ich noch die Fabrik, da könnte ich Hilfe bekommen … oder zumindest Schutz, dachte Wolfgang panisch.

»Ihr habt es immer noch nicht begriffen«, Odin stampfte mit seinem Speer auf den Boden. Sofort erklang das Heulen von Wölfen. Währenddessen schmatzten die Krähen weiter, fraßen die blutigen Überreste der Gefallenen.

Wolfgang rannte, wie er noch nie zuvor in seinem Leben gerannt war. Äste, geformt wie knochige Hände, schlugen ihn ins Gesicht, hinterließen rote Wunden. Er stolperte über Wurzeln, die vorher doch gar nicht da waren. Oder etwa doch? Der gesamte Wald schien sich gegen ihn verschworen zu haben. Er spürte noch immer die hungrigen Augen der Krähen, die seinen Rücken durchbohrten. Er wusste nicht, wo seine Kameraden waren. Er sah sie in der Dunkelheit nicht. Er hörte nur das Knurren der Wölfe. Für ein paar Augenblicke sah er das rote Funkeln ihrer Augen und Blitzen ihrer weißen Zähne. Er hörte Wimmern, nasses Reißen, Schreie.

Wolfgang fiel plötzlich der Länge nach hin. Die Äste der Bäume schienen näher zu kommen, der Wald wirkte, als würde er sich zusammenziehen. Er rollte sich auf den Rücken und blickte in den sternlosen, pechschwarzen Nachthimmel. Er schloss die Augen.

Er verfluchte das verdammte Ahnenerbe.

Er verfluchte die SS.

Er verfluchte Hitler und seine Schergen.

Er verfluchte das Regime und diesen elendigen Krieg.

Wolfgang öffnete die Augen und sah die großen schwarzen Krähen, die sich in Massen auf den Bäumen breit machten. Er sah die grauen Wölfe, die um ihn herum schlichen, ihre Augen die wie Kohlen glühten. Er hörte den eisigen Wind heulen. Plötzlich stand der große Odin vor ihn, in seiner rechten Hand den Speer Gungnir.

»Bitte … Ich hab mit denen nichts zu tun! Ich schwöre! Ich mochte die noch nie! Ich hasse sie sogar! Bitte! Bitte, lasst mich am leben, großer Odin!«, winselte der am Boden liegende Soldat.

Der Allvater hob seinen Speer und rammte ihn Wolfgang mitten ins Herz.

»Es gibt keine Gnade, es gibt keine Erlösung. Für die Feinde der Götter, die Feinde der Menschen gibt es nur den Tod. Auf Verbrecher und Feiglinge wartet am Ende nur Hel«, sprach Odin.

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