In einem Meer aus rot-weiß-blauen Flaggen erhob sich wie ein schwarzer Fels der Präsident, sein Anzug war glatt gebügelt, die blutrote Krawatte saß perfekt, das Haar war zurückgekämmt. Tausende von jubelnden Menschen umgaben ihn. Viele von ihnen hielten Plakate und Transparente hoch. Sie alle kamen aus den verschiedensten Ecken des Landes. Der Präsident lächelte zufrieden. Seine Vereidigung war keine zwei Wochen her, er hatte es zum zweiten Mal geschafft, der mächtigste Mann der Welt zu werden. Abertausende lagen ihm zu Füßen, als wäre er ein Gott. In seiner bescheidenen Selbstwahrnehmung war er das auch – er war der Gott der USA. Er war die Personifizierung des amerikanischen Traums. Er war Amerika. Und nun sollte es die Welt auch endlich begreifen.
Er betrachtete seine Hände. Seine Berater wollten, dass er seine Rede vom Teleprompter abliest. Er lehnte ab. Als Kompromiss verlangten sie, dass er zumindest Notizzettel bereithält. Auch das lehnte er entschieden ab. Der Präsident wollte keine vorgefertigte, fremdgeschriebene Rede. Er verabscheute die Ghostwriter und Redenschreiber. Sie verstanden das amerikanische Volk nicht so gut wie er. Sie verstanden nicht, wie man zur Seele Amerikas sprach. Er hingegen tat es. Er brauchte keine Notizen. Alles, was er benötigte, befand sich in seinem Kopf. Für diese Rede brauchte er keine fremde Hand. Was er Amerika verkünden wird, kommt direkt aus seinem Herzen. Lange genug mussten die Vereinigten Staaten dahin vegetieren. Lange genug waren sie die Zielscheibe des Gespötts der Welt. Doch diese Zeit war nun endgültig vorbei. Er wird es mit dieser Rede allen beweisen.
»Meine lieben Amerikaner, mein verehrtes Volk, die besten und stärksten und klügsten Amerikaner auf der ganzen Welt«, begann er, »heute, an diesem überaus historischen, sehr historischen Tag, den historischsten Tag überhaupt, komme ich zu euch mit zwei Sachen. Zum einen eine traurige Sache, über die ich sehr traurig und bestürzt, überaus bestürzt bin. Eine Tragödie. Eine Tragödie, so groß wie der heimtückische Angriff auf Pearl Harbor durch die eifersüchtigen Japaner, dieses niederträchtige asiatische Volk, welches eifersüchtig und neidisch auf uns ist. So groß wie der hinterhältige und niederträchtige Angriff der nichtsnutzigen Kommunisten, ihr kennt sie alle, die Vietcong, sie haben uns in der Bucht von Tokin angegriffen, ohne Vorwarnung. Die Vietcong, auch so ein asiatisches Volk – wisst ihr, wie ich sie nenne? Die Rotbraunen. Rote Gesinnung, braune Hautfarbe. Das soll nicht heißen, dass ich die Asiaten hasse oder dergleichen. Ich möchte gleich den üblen Nachreden der lunatic left zuvorkommen. Ich liebe unsere amerikanischen Vietnamesen und Koreaner, ich liebe sie über alles. Mein bester Freund in der Schule war ein Koreaner. Seine Eltern waren aus Nordkorea geflohen. Nordkorea kennt ihr ja alle, das Paradies der Demokraten. Aber ich bin ein guter Freund des Präsidenten dort. Gemeinsam schafften wir, einen Friedensdeal abzuschließen. Wie ihr bereits wisst, bin ich der größte Dealmaker. Ich habe sogar ein Buch darüber geschrieben. Es ist wahr, schaut nach!« Gelächter im Publikum. Alles verlief nach Plan.
»Wie dem auch sei. Es ereignete sich eine große Tragödie. Eine sehr große. Die größte Tragödie vielleicht.« Er wartete noch einen Moment ab, er wollte schließlich die Spannung aufbauen. »Vor wenigen Tagen – ihr habt es bestimmt schon in den Nachrichten gesehen, tragisch, üble Bilder, wirklich übel – vor wenigen Tagen haben die feigen und hinterhältigen Dänen – diese Europoors – haben mit einem U-Boot ein amerikanisches Kreuzfahrtschiff, eins der besten, wenn ich das so sagen darf, einfach versenkt. Tausende Tote, schrecklich, tragisch.« Bestürzung im Publikum, gefolgt von Buh- und Vergeltungsrufen.
»Ich hab die Bilder gesehen. Ma zeigte mir die Bilder. Schrecklich. Der Chef der CIA kam zu mir und sagte: Ich weiß nicht, ob ich dir diese Bilder zeigen kann. Ich weiß nicht, ob du es verkraftest. Ich erwiderte, dass ich es schon schaffe. Dass ich es schaffen muss. Für das amerikanische Volk. Ich musste es einfach schaffen. Leute, das war harter Tobak. Da waren Frauen, Männer – sogar Kinder. Schwammen im Wasser. Leblos. Alle ertrunken. Wir konnten niemanden mehr retten. Dreitausendfünfhundert Tote. Lasst euch das mal durch den Kopf gehen. Dreitausendfünfhundert. Mehr als beim hinterhältigen Angriff der Araber auf die Twin Tower. Der größte Terror-Angriff in der Geschichte Amerikas. Schuld daran – die Dänen. Erst vor Kurzem sprach ich mit dem dänischen König. Ich sagte ihm: So geht das nicht. Wir müssen darauf angemessen reagieren. Er wollte davon nichts hören. Wiegelte ab. Er wisse davon nichts. Leute, ich erkenne Lüge, wenn sie vor mir stehen. Die feigen Dänen haben einen Angriff auf uns alle begangen. Das darf nicht unbeantwortet bleiben. Oder was sagt ihr?«
Die Menge schrie und jaulte, einige hatten sogar Schaum im Mund. Sie sehnten sich nach Vergeltung für diese Untat. Sie dürsteten nach Blut. Der Präsident lächelte zufrieden.
»Das führt mich zu der zweiten Sache. Diesmal eine gute. Das wird euch gefallen. Wir wissen, dass das U-Boot von Grönland aus startete. Ich habe bereits eine Taskforce eingerichtet, die Besten der Besten. Männer, die ich mein Leben anvertrauen würde. Wir haben einen Plan ausgearbeitet und wenn ich das so sagen darf, ist es einer der besten Pläne überhaupt. Die Europoor-Dänen, feige, hinterhältig, neidisch, eifersüchtig, werden den Tag verfluchen, an denen sie uns, euch, angegriffen haben. Wir werden eine Spezialoperation starten. Wir werden in Grönland eindringen. Das wird eine drei Tage lange Spezialoperation. Die kürzeste Spezialoperation überhaupt. Rein und wieder raus. Nur drei Tage. Sie sagten mir, das schaffst du nicht, nie und nimmer. Kürzeste Spezialoperation. Man sagte mir, es sei unmöglich. Doch ich werde diese Spezialoperation in drei Tagen beenden. Weder Sleepy Mike noch Crooked Jones hätten das geschafft. Auch nicht diese Fake-Afroamerikanerin. Diese Camel Elizabeth. Ihr kennt sie alle. Sie hätten es vielleicht in fünf Tagen geschafft, aber nicht in drei. Es wird nur drei Tage dauern. Es wird die kürzeste Spezialoperation in der Geschichte der Spezialoperationen, das verspreche ich euch. Die Demokraten würden so etwas nie auf die Beine stellen. Nicht so schnell. Wenn überhaupt. Die Demokraten, diese Amerika-Hasser, hätten den Angriff der hinterhältigen Dänen niemals so beantwortet wie ich. Sie hätten sich bestimmt sogar darüber gefreut. Das sage ich euch. Hätten sich über die vielen Toten gefreut. Sie hassen Amerika. Sie wollen Amerika nicht stark sehen. Sie wollen die Feinde stark sehen. Sie hassen Amerika, sie hassen euch. Ich aber – liebe euch … und ich liebe Amerika!«
Tosender Applaus. Es konnte nicht besser laufen.
»Amerika lässt sich nicht mehr umherschubsen. Die schwachen Demokraten, die haben sich alles gefallen lassen. Ihre Regierungen waren schwach, schwach, sage ich euch! Egal, ob im Nahen Osten oder im Südchinesischen Meer. Überall wuchsen die Feinde Amerikas unter den ach so wachsamen Augen der Demokraten. Iran, Pakistan, Afghanistan, China, Russland – während die Demokraten nichts taten, rüsteten sie auf. Doch das ist jetzt definitiv vorbei. Die Feinde Amerikas sind Legion. Und nun kommen auch noch die Dänen hinzu, unter der Führung ihres tyrannischen Königs, der ganz sicher den Befehl gab. Ihr wisst ja bestimmt, wie wir in Amerika mit Königen verfahren haben, nicht wahr? Die Amerikanische Revolution. Ihr kennt ihn alle, ihr liebt ihn alle – George Washington, großartiger Mann, Gott segne ihn und Gott segne Amerika, er war großartig. Er hat King George gezeigt, wo der Hammer hängt. George Washington sagte einst, dass kein König jemals über Amerika herrschen sollte. Die Amerikaner sollen frei und eigenständig leben. Das habe ich mir immer zu Herzen genommen. Die Europoors haben das noch nicht ganz verstanden, die Walze des Fortschritts ist bei ihnen noch nicht angekommen. Bei uns schon. Wir sind eine Republik. Frei von Tyrannen. Und so wird es auch bleiben. Wir werden die monarchistischen Dänen aus Grönland vertreiben. Und wenn sie es dann immer noch nicht verstanden haben, werden wir ins Herz der Finsternis selbst segeln und Dänemark in einen Parkplatz verwandeln. Das verspreche ich euch. Das machen wir. Das können wir. Man sagte mir, das sei nicht möglich, doch für mich ist nichts unmöglich. Für Amerika ist nichts unmöglich. Die Welt hat das vergessen. Die Welt hat vergessen, wie stark Amerika wirklich ist. Wir sollten sie wieder daran erinnern.«
Tosender Applaus. Die Menge stimmte dem bedingungslos zu. Wieder lächelte der Präsident. Es war doch so einfach. Eine kleine False-Flag-Attacke. Ein Sprengsatz am Bord des Kreuzfahrtschiffs. Ein paar tausend Tote, tragisch, aber sie waren es wert. Es war ja nicht das erste Mal. Eine kleine Notlüge. Der Kongress wird seinem Vorgehen auch zustimmen. Schon bald wird Grönland den Vereinigten Staaten gehören. Und damit auch dessen Ressourcen.
Während der Präsident die Bühne unter Jubel- und Kriegsrufen verließ, wanderte seine Gedanken bereits zu den nächsten Zielen. Die Kanadier litten doch momentan unter einer furchtbaren, tyrannisch-sozialistischen Regierung. Vielleicht würde es ihnen, aufgeteilt in dreizehn Bundesstaaten, unter der Schirmherrschaft Amerikas besser gehen.
Ein breites Grinsen erschien auf das Gesicht des Präsidenten. Amerika war zurück.