Dämmerlicht

Mit unsicheren, ungläubigen Blicken starrten die wenigen Bauern in der Kneipe den jungen, törichten Mann an. Er sprach nicht viel. Er sagte nur, man nenne ihn Van Helsing. Er sei ein Abenteurer aus fernem Lande. Die Dorfbewohner waren sich nicht sicher, was sie von diesem Fremden, der in der schwarzen, altmodischen Kluft eines puritanischen Hexenjägers gekleidet war, halten sollten. War er ein weiterer verlorener Narr? Ein mieser Scharlatan? Ein selbstmörderischer Irrer? Oder einfach nur ein arrogantes Großmaul?
Van Helsing trank sein Bier in einem Zug aus, setzte sich den breitkrempigen Hut auf und begab sich leichten Schrittes zum Ausgang. Als er in der Tür stand, drehte er sich noch einmal um und rief selbstsicher: »Seid gewiss, liebes Volk! Wenn ich hierher wieder zurückkehre, wird die Welt von diesem schrecklichen Fluch erlöst sein!« Nachdem die Tür sich schloss, begannen einige der anwesenden Bauern ein trockenes Lachen von sich zu geben. »Wenn«, sagte einer von ihnen. »Wenn.«
In nicht allzu weiter Ferne sah Van Helsing das unvorstellbare Schloss des Grafen Dracula. Ein parasitäres Geschwür, was stetig näher kam, näher kroch, die Landschaft verschlang wie eine Amöbe aus Stein und Glas. Jeden Tag entstanden neue Gänge, Zimmer, Mauern, Stallungen, Türme, Tore, Säle, Friedhöfe, Kapellen, Grüfte, Mausoleen. Ohne Sinn und Verstand. Es würde nicht lange dauern, vielleicht ein bis zwei Generationen, dann würde dieses Schloss die gesamte Welt bedecken und alles unter sich begraben haben.
Im Herzen dieses kalten, furchtbaren Labyrinths saß Fürst Dracula. Van Helsing hatte von ihm gehört – in der Heimat nannte man ihm den »Drachen«. Wahrlich, er war dieses Namens würdig. Manche flüsterten hinter vorgehaltener Hand, er sei die Schlange aus der Heiligen Schrift, der Teufel höchstpersönlich. Ein grässliches Biest, was die Menschheit bedroht und verführt. So alt wie die Furcht vor der Nacht. Seit der Verbannung aus dem Himmel soll er geschlafen haben, irgendwo in einer dunklen, namenlosen Gruft, doch was schließlich dazu führte, dass er aufwachte, das vermochte keiner zu sagen.
Seine Schreckensherrschaft begann vor einigen Jahrhunderten. Einst terrorisierte Dracula Dörfer und Städte, raubte Jungfrauen, tötete stolze Krieger, vernichtete ganze Heere. Der Vater von Van Helsing, ein berühmter Gelehrte namens Abraham, erzählte ihm die vielen grausigen Geschichten über die Feldzüge des blutrünstigen Fürsten. Tausende von Menschen ließ er auf Pfählen aufspießen. Er massakrierte Nonnen und Priester und badete in ihrem Blut. In jeder eroberten Stadt entführte er die Kinder in sein Schloss, auf das sie nie wieder gesehen waren. Wo sein Schatten fiel, da starb die Erde. Dracula war ein Schrecken ohne Ende. Doch seit einigen Jahrzehnten ließ er sich nicht mehr blicken. Stattdessen wuchs das Schloss unaufhörlich …
Van Helsing stand am Rande des vampirischen Reiches und schaute nach oben. Gleich nachdem Dracula sein hässliches Haupt der Menschheit zeigte, soll er durch einen Zauber die Sonne geschwächt haben. Sein alter Erzfeind war für ihn somit keine Bedrohung mehr. Die Sonne war nun ein roter, hasserfüllter Stern, der die Welt in einem ewigen Zustand des Dämmerlichts tauchte. Tag und Nacht – der Unterschied war nur noch minimal. Der Vater von Van Helsing erzählte ihm oft von den vielen Hungersnöten, die in den ersten Jahren auftauchten. Von den Rindern und Schafen, die einfach verendeten. Von den Pflanzen, die eingingen. Aber die Menschheit passte sich an. So wie sie es immer angesichts einer Katastrophe tat.
Der junge Abenteurer überprüfte nochmal seine Ausrüstung, bevor er einen Fuß in das Reich des Bösen setzte. In seinem Arsenal befanden sich Weihwasserflaschen, Knoblauchblüten, ein Pflock aus Eichenholz, ein von Papst Innozenz VIII. gesegnetes Messer und eine Pistole mit Silberkugeln. Die Waffe gehörte einst dem Vater von Van Helsing, denn auch er war früher ein Jäger des Übernatürlichen. Er legte sich mit Kobolden, Roggenmuhmen, Krielkropfe, Gonger, Lindwürmern, kopflosen Reitern und anderen düsteren Gestalten an, die aus dem Schoß des Vampirfürsten gekrochen waren. Sein Ende fand Abraham durch den Angriff eines Stüpps, der den älteren Herrn auflauerte und überraschte.
Der junge Van Helsing wollte unbedingt in die Fußstapfen seines berühmten Vaters treten. Die Vernichtung von Dracula würde Abraham definitiv stolz machen.
Er tat einen Schritt vorwärts und sofort überkam ihn ein kalter Schauer. Das Reich des Höllenfürsten umgab eine Aura des Schreckens, der Angst. Die Stärke des Bösen war hier noch zehnmal stärker, noch wesentlich konzentrierter als außerhalb. Es war sein Zuhause. Hier galten seine Regeln. Van Helsing spürte, wie er schwächer wurde, wie die schwere, erdrückende Luft auf seinen Schultern lastete. Er hatte Schwierigkeiten zu atmen, auch nur einen Schritt zu gehen. Doch er musste standhaft bleiben. Schließlich hatte er eine Welt zu retten.
Fenster, hinten denen keine Räume waren, starrten ihn wie die leblosen Augen eines urzeitlichen Tiefseeraubfisches an. Jetzt erst wurde ihm wirklich bewusst, in was für ein irrsinniges Reich er sich eigentlich begeben hatte. Hier herrschte weder Sinn noch Logik. Treppen, die ins Nichts führten. Türme, die wie Pilze aus dem Kopfsteinpflasterboden sprossen. Ställe und Kammern, Bibliotheken und Dienstbotenräume – unfertig, falsch, in der Luft hängend. Zäune wuchsen aus Wänden, ähnelten den Mäulern von Monstern.
Über Van Helsings Kopf war das ledrige Flattern der mannsgroßen Fledermäuse zu hören. Ihr schrilles Kreischen drang seine Ohren. Eine der teuflischen Missgeburten stürzte sich plötzlich auf ihn. Der junge Held zögerte nicht eine Sekunde, schoss das Monster aus der Luft ab. Die Kugel durchbohrte das rabenschwarze Herz der Bestie. Wie ein nasser Sack fiel es zu Boden. Van Helsing verzog angewidert das Gesicht. Es war eine hässliche Kreatur. Räudiges Fell, lange Ohren, gelbe Reißzähne, eiternde Augen, schimmelschwarze Flecken auf der Haut. Sofort sprang ein Werwolf aus eine der dunklen Ecken und schnappte sich die tote Fledermaus. Der Kopf des geflügelten Monsters passte in das Maul des Wolfes – eine halb-kranke, halb-wahnsinnige Kreatur. Van Helsing sah Werwölfe früher häufig in den Städten und Dörfern. Sie brachen in Häuser ein, fraßen Männer, Frauen und Kinder, massakrierten ganze Familien, ganze Populationen. Vor vielen Jahren gab es noch Bürgerwehren gegen dieses Problem, doch mit der Zeit verschwanden auch diese, verschwanden unter der Flut von Schrecken – wie so viele Städte und Dörfer. Heutzutage gab es keine organisierte Gegenwehr mehr. Der Werwolf starrte Van Helsing in die Augen, dann verschwand er mit einem Sprung zwischen den Schatten der Gebäude, in seinem Maul hielt er sein grausiges Mahl.
Nach einer Ewigkeit gelangte der junge Held zum Herzen des Reiches, ein gewaltiger Turm, dessen Spitze den Himmel durchbrach. Er brach die Tür auf und erklomm die unendlich wirkenden Stufen. Klebrige Spinnweben fielen auf sein Gesicht. Einige der Stufen brachen unter dem Gewicht seiner Schritte ab. Doch Van Helsing ließ sich nicht beirren. Er war so weit gekommen, er durfte jetzt nicht aufgeben!
Die letzten Stufen, eine große hölzerne Tür. Er stieß sie mit aller Kraft auf, das Holz gab unter seinem Stoß nach, zerbrach. Er betrat den Thronsaal Draculas. Der dunkle König saß in der Mitte des Raums, den Blick zu einem Buntglasfenster gewandt. Vom Glanz des einst erhabenen Fürsten war aber nicht mehr viel übrig. Dracula ähnelte einer eingefallenen Leiche, blass, abgemagert, haarlos, grau – nackt, die Kleidung war vor langer Zeit bereits verrottet. Er saß in seinem Sessel aus Stein und starrte mit müden Augen in die Leere. Um ihn herum lagen Unmengen von Knochen und Schädeln, Überreste von allerhand Kreaturen. Spinnen, so groß wie Männerhände, hatten in den Ecken ihre Netze aufgebaut. Manche von ihnen krabbelten ziellos durch den Raum – blinde Monster auf der verzweifelten Suche nach einer Mahlzeit. Der Staub der Jahrhunderte sammelte sich am Boden.
»Ich habe alles gesehen, was es zu sehen gibt. Ich habe alles getan, was es zu tun gibt. Nichts überrascht mich mehr. Nichts bereitet mir mehr Freude«, sprach Dracula mit eingerosteter, staubiger Stimme. »Ein Jahrhundert vergeht nach dem anderen wie ein Korn in einer unendlichen Sanduhr. Nichts ändert sich mehr.«
Van Helsing ließ sich davon nicht beirren. Er tat einen Schritt nach vorn, unter seinen Stiefeln zerbrach ein Knochen. Er zog sein Messer aus der Scheide und sprang auf den Höllenfürsten zu.
»Elendiger Schuft! Deine tyrannische Herrschaft wird nun endlich …«
Dracula beachtete den Jüngling kaum, er schnippte nur gelangweilt mit dem Finger, woraufhin sich Van Helsing in Staub auflöste. Nur die Knochen blieben übrig.
Der Vampir seufzte. »Wie oft soll ich das noch machen?«

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