Orange Funken stiegen wie feurige Glühwürmchen zum Himmel empor, träumten davon, wie Sterne am Firmament zu schweben, doch verglühten, bevor sie auch nur in der Nähe ihres Ziels waren, verschluckt vom dunklen Nichts, fielen als aschene Blätter wieder herab.
Jedes Jahr zur selben Zeit, zwanzig Tage nach Weihnachten um genau zu sein, fand die Zeremonie des Weihnachtsbaumverbrennens statt. Ursprünglich stammt dieses Ritual aus Schweden, wo man seit Jahrhunderten den St. Knut-Tag feiert. Wie diese Tradition in unsere Lande kam, ist nicht bekannt, manche machen ein gewisses Möbel-Imperium dafür verantwortlich. Something, something Simulacrum, ideology and so on and so on. Deswegen war ich nicht hier. Mir ging es nicht darum, auf neu-philosophische Weise die Frage zu beantworten, warum Deutsche ein schwedisch-heidnisch-christliches Fest nachahmen oder irgendwelche uralten Traditionen zu dekonstruieren, um Himmels willen! Ich wollte nach langer Zeit endlich mal wieder mein Heimatdorf einen Besuch abstatten und das korrelierte mit dem jährlichen Weihnachtsbaumverbrennen, das immer mit einem großen Dorffest kombiniert wurde. Persönlich hatte ich das gar nicht auf dem Schirm. Die Arbeit nahm zu viel ein, als das ich daran gedacht hätte. Aber das soll mich nicht länger stören. Ich halte ein Bier in der einen und eine Bratwurst im Brötchen in der anderen Hand, beides von der Freiwilligen Feuerwehr zum schmalen Preis ausgegeben. Im Hintergrund spielte irgendein Schlager. Völlig egal was für einer, die klangen alle gleich und sorgen alle im richtigen Zustand für gute Laune.
Das Fest war gut besucht, selbst einen kleinen Rummel hatte man aufbauen lassen – wobei »Rummel« schon etwas übertrieben war. Es handelte sich dabei um eine Losbude, ein Kettenkarussell und zwei Greifautomaten (bei denen man sowieso nichts gewann, da die Greifer zu klein für die überdimensionierten Kuscheltiere waren), also nichts im Vergleich zum Martinimarkt in Neuruppin. Aber immerhin etwas.
Die Freiwillige Feuerwehr hatte schon vor einigen Tagen dazu aufgerufen, die alten Weihnachtsbäume auf der großen Wiese neben den »Palast«, eine Versammlungshalle kombiniert mit Gaststätte und Kindergarten, abzustellen. Dem waren beinahe alle Leute des Dorfes gefolgt, wodurch ein ziemlich beachtlicher Haufen aus getrockneten Ästen, Stämmen und braunen Nadeln entstand. Einige hatten auch Paletten und kaputte Möbelstücke frecherweise hingestellt, und obwohl das eigentlich nicht gerne gesehen wurde, ignorierte man es gewissermaßen, da es Brennholz war. Aber insgeheim wusste jeder, wer die »falschen Stücke« hingestellt hatte. Das Dorf war schließlich nicht riesig und die alten Großmütter hielten stets Ausschau. Und was sie gesehen haben, verbreiteten sie selbstverständlich überall. Sie funktionierten wie ein organisches Überwachungssystem. Manchmal war das gut, manchmal nicht. Wie oft hatte ich schon von meiner Mutter Ärger bekommen, nachdem sie von einer alten Nachbarin Meldung erhielt, was ich wieder für Unsinn ausgefressen hatte. In einem Dorf war man nie unbeobachtet.
Interessant war auch immer zu sehen, wann die Weihnachtsbäume rausgestellt wurden. Es gab die »frühen Vögel«, die den Baum gleich nach dem zweiten Feiertag hinauswarfen (manchmal sogar schon nach Heiligabend). Gemeinhin wurden diese Menschen vom Rest der Bevölkerung als »Psychopathen« klassifiziert. Und dann gab es die »Spätzünder«, die das erst kurz vorm Verbrennen machten. Am besten dann wenn der Baum kaum noch Nadeln hatte. Alle anderen Menschen fallen zwischen diese beiden Extreme. Ich für meinen Teil habe dieses Problem nicht, denn in meiner kleinen Neubauwohnung steht jedes Jahr ein Plastik-Weihnachtsbaum, den man zusammen- und wieder abbauen kann. In den dreißig Quadratmetern war einfach kein Platz für eine ein Meter neunzig große Nordmanntanne. Obwohl es mir immer das Herz brach, diesen jämmerlichen, ramponierten »Baum«, dieses billige Dekorationsstück zu sehen.
Auf dem Fest nahm ich Kontakt zu einigen alten Klassenkameraden auf, mit denen ich damals das Abitur bestritten hatte. Einige studierten, andere hatten eine Ausbildung angefangen oder sogar bereits abgeschlossen. Viele von ihnen waren aufgrund des Festes in ihre Heimat zurückgekehrt. Man schwatzte über alte Zeiten, holte Vergangenes wieder auf, trank zusammen ein paar Biere, der übliche Kram. Es war schön, alte Verbindungen wiederherzustellen.
Je weiter die Nacht voranschritt, desto kälter und kälter wurde es. Um Mitternacht überraschte uns plötzlich ein heftiger Regenschauer, der das Feuer löschte und das restliche, einst schön trockene Holz unbrauchbar machte. Der »Rummel« schloss seine Stände, die Feuerwehr stoppte den Verkauf von Alkohol und fettigem Fleisch, der DJ drehte die Musik aus – das Fest war somit offiziell zu Ende. Die Menge verlor sich langsam aber stetig im Dunkel der stürmisch-nassen Nacht.
Ich hatte das Glück, dass ich bei einem alten Freund, der noch immer im Dorf wohnte, übernachten durfte. Tief in unsere Jacken und Mäntel vergraben rannten wir zu seinem Haus. Der kalte Wind peitschte uns ins gefrorene Gesicht. Die Regentropfen fühlten sich wie üble Nadelstiche an. Langsam ließ die Wirkung des Alkohols nach, die eingebildete Wärme, letztendlich nur ein Produkt der erweiterten Blutgefäße, und das Taubheitsgefühl verschwanden aus meinem Körper, beißende Kälte fraß sich in meine Knochen.
Wir erreichten das kleine Haus, eher ein alter Bungalow aus DDR-Zeiten, und gingen hinein, nachdem der Freund endlich seinen Schlüssel aus der Hosentasche gefischt hatte. In seinem Blut schwamm deutlich mehr Bier als in meinem. Nach einem kurzen Plausch sprang ich unter die kochend heiße Dusche und trat rot wie ein Hummer heraus.
Schlafen durfte ich im Wohnzimmer auf der vollgepackten Couch, eine Decke oder gar ein bequemes Kissen bekam ich nicht, der Freund war bereits in seinem eigenen Schlafzimmer auf dem Bett zusammengebrochen und war nicht mehr ansprechbar. Sägelaute erfüllten das ganze Haus.
Mir fiel auf, dass überall noch Weihnachtsschmuck hing. Dunkelgrüne Tannenbaumgirlanden, gelbe und blaue Weihnachtskugeln, Schneemänner und kleine Santa Clauses in rot-weißen Gewändern, komplett mit Rauschebärten und buschigen Augenbrauen. Ich sah sogar eine Krippe. Mein alter Bekannter hatte sich demzufolge kaum verändert – noch immer war er ziemlich faul (und nahm Weihnachten sehr ernst). Ansonsten könnte ich mir nicht erklären, warum hier Weihnachtsdeko hing. In der Regel hängen Deutschen sie spätestens am sechsten Januar ab, die meisten wahrscheinlich schon vor Silvester.
Wie dem auch sei, ich legte mich auf das harte, unbequeme Sofa und deckte mich mit meinem Mantel zu. Sobald mein schwerer Kopf das raue Kissen berührte, schlossen sich meine Augen und ich fiel in einen traumlosen, dunklen Schlaf.
Ein lautes Poltern riss mich aus meinem Schlaf. Ich schreckte hoch, der Schädel dröhnte, die Pulsschlagader pulsierte, das Herz schlug schneller als ein Presslufthammer. Benommen schaute ich auf die Digitalanzeige beim Herd, die die Küche mit einem grünen Schimmer erfüllte. Zwei Uhr. Mitten in der Nacht. Draußen schneite es, dicke Schneeflocken flogen am Fenster vorbei – grau wie Asche. Ein bitterkalter, heulender Wind zog durch das kleine Haus. War die Tür etwa nicht richtig zu?
Mit zitternden Knien ging ich zum Eingangsbereich – und tatsächlich! Die Tür war sperrangelweit offen! Ein Schneeberg hatte sich bereits im Flur gebildet, meine Füße berührten den ekligen Matsch. Ich machte die Tür zu, zumindest versuchte ich es, der Wind drückte stark dagegen. Als ich sie abschließen wollte, bemerkte ich, dass das Schloss kaputt war. Es wurde aufgebrochen, den Spuren nach zu urteilen, wahrscheinlich mit einem Hammer.
Mein Herz sank bis in die tiefsten Gegenden. Eine üble Kälte kroch meine Wirbelsäule hoch. Wieder hörte ich etwas poltern, stöhnen und grunzen – es kam aus dem Schlafzimmer meines Freundes.
Mit tauben Fingern ergriff ich einen Gehstock, dessen Knauf in der Form aus Gusseisen bestand. Langsamen Schrittes ging ich zur Quelle der Geräusche. Versuchte, so wenig wie möglich zu atmen. Ich hörte mein Herz in der Brust schlagen, das Blut in den Ohren rauschen. Sämtliche Haare standen aufrecht. Die Sehnen und Muskeln waren zum Zerreißen gespannt. Mein Atem bildete kleine, weiße Wolken.
Wie in Zeitlupe bewegte sich meine zitternde Hand auf die Türklinke zu. Das Knarzen der alten Holztür war in diesem Moment das lauteste Geräusch im Universum. Genauso gut hätte ich auch einen Jet starten können und es wäre weniger auffällig gewesen.
Als ich in das Schlafzimmer trat, sah ich nur einen großen Schatten vor dem Fenster stehen. Ich dachte, es wäre mein Freund. Ich wollte etwas sagen, so etwas wie »Hallo« oder »Hast du das auch gehört?« oder »Alles gut?« Gut, dass ich es nicht getan habe. Die Worte blieben förmlich in meinem Halse stecken. Denn als sich meine Augen an das Dunkle gewöhnt hatten, erkannte ich, was dort eigentlich vor dem Bett des Schulfreundes stand.
Ein grässliches, massiges Biest mit langen Krallen. Das weit verästelte Geweih eines Hirsches auf dem Kopf. Struppiges, verfilztes, dichtes Haar am gesamten Körper. Es drehte langsam seinen Kopf zu mir und ich blickte in seine Augen. Tot und kalt, so alt wie die das Eis der Tundra.
Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich draußen, halbnackt, versunken im grauen Schnee, die Gliedmaßen schon blau angelaufen. Zufälligerweise fand mich jemand und brachte mich ins Krankenhaus. Ein paar Finger und Zehen mussten amputiert werden. Und noch immer packte mich beim Anblick von Schneestürmen eine schreckliche Panik.
Ich sagte niemanden etwas, weder der Polizei noch den Eltern meines Freundes – kein Sterbenswörtchen kam aus mir heraus. Wer hätte es mir schon geglaubt? Wahnsinnig hätten sie mich genannt.
Jetzt wo ich so darüber nachdenke, dient das Verbrennen von Tannenbäumen bestimmt einen höheren Zweck. Einen, den wir schon lange vergessen haben. Der Regen unterbrach diese heilige Zeremonie. Und brachte somit das Alte, das Unterdrückte wieder an die Oberfläche. Unwissentlich hatten wir es von uns ferngehalten.
Bei Gott ich werde das Gefühl nicht los, dass das Fell, dieses rote Fell, mich an einen Weihnachtsmantel erinnerte.