Welche Auffassung hatte die RAF vom Kommunismus?

1. Einleitung

Diese wissenschaftliche Arbeit beschäftigt sich mit der „Roten Armee Fraktion“ und ihrer Auffassung vom Kommunismus. Dabei soll die Frage geklärt werden, auf welcher theoretischen Grundlage die RAF operierte und wie sie ihre Ideologie in die Praxis umsetzte. Meine Arbeit beschränkt sich auf die erste Generation der RAF.

Die Hausarbeit beginnt mit der Betrachtung der Wurzeln dieser linken Terrororganisation. Ich werden den Ursprung von den Anfängen in der 68er-Bewegung bis zu ihrer Gründung, den Verlauf und die weitere Entwicklung darstellen.

Im zweiten Punkt behandle ich die Ideologie der „Roten Armee Fraktion“. Die RAF verstand sich als kommunistische, antiimperialistische Stadtguerilla, was bedeutet das? Wie rechtfertigte sie Angriffe auf Staat und Zivilisten? Welche ideologische Grundlage hatten die verschiedenen Aktionen? Es wird betrachtet, welche historischen und gegenwärtigen Persönlichkeiten bzw. Gruppierungen sich die RAF zum Vorbild nahm.

Weiterführend möchte ich dann die umgesetzte Praxis der RAF untersuchen.Thematisiert wird, wie die „Rote Armee Fraktion“ ihre Ideologie in die Praxis umsetzte und welche Ziele sie damit erreichen wollte. Wichtige und große Aktionen werden näher untersucht, einbezogen wird dabei der Zusammenhang und die Vereinbarkeit mit der kommunistischen Ideologie.

In meiner Schlussbetrachtung fasse ich die Argumentation zusammen und ziehe ein Resümee.

Methodisch gehe ich folgendermaßen vor: ich stelle im ersten Abschnitt den chronologischen Verlauf der der Entwicklung der RAF dar, im zweiten und dritten Abschnitt stehen die Ideologie, die Praxis und deren Verbindung mit dem Kommunismus im Mittelpunkt. Entsprechende Belege aus der fachwissenschaftlichen Literatur und Quellen untermauern meine Überlegungen.

Die Geschichte der RAF wurde in den letzten zwanzig Jahren sehr gut erforscht, u.a durch Willi Winkler, Ulf G. Stuberger, Ulrich Herbert und Wolfgang Kraushaar. Ich werde mich überwiegend auf diese und weitere Personen stützen.

2. Die Wurzeln der RAF

Die „Rote Armee Fraktion“ hat ihre Wurzeln in der 68er-Bewegung. Die 1960er Jahre waren eine Zeit internationaler Proteste, die sich in fast allen westlichen Industriestaaten und in abgeänderter Form in einigen osteuropäischen Staaten abspielten. Diese Protestbewegungen waren sehr divers, es verband sie aber eine Grundstruktur des allgemeinen Konflikts, der Gegensatz zwischen den alten, autoritären Generationen, die den Zweiten Weltkrieg als Erwachsene miterlebt hatten und der jungen, nachwachsenden Generation, die all diese Schrecken nicht kannten und die Einstellungen der Alten als bedrückend und repressiv wahrnahm. Gekämpft wurde für Menschenrechte von Minderheiten, gegen Krieg und Ausbeutung der „Dritten Welt“. Die oft jugendlichen Protestler forderten neue, weniger unterdrückerische Arten des Zusammenlebens und einen freizügigeren Lebensstil.1

In den USA bildete sich die Bürgerrechtsbewegung, die sich seit den 1950er Jahren vor allem für die Rechte von Afroamerikanern einsetzte. Die Bewegung zerfiel, nachdem Martin Luther King Jr. und Robert Kennedy 1968 bei Attentaten ums Leben kamen, in viele verschiedene Gruppierungen. In Frankreich war der Fokus der Bewegungen eher auf Klassenkampf als auf Menschenrechte fokussiert. Die Proteste entzündeten sich auch erst viel später als in den anderen Ländern. Im Frühling 1968 kam es zu massiven Arbeiterprotesten, Barrikadenkämpfen in Paris und zu einem Generalstreik. Ähnliches passierte in Italien. Der studentische Protest richtete sich gegen die schlechten Studienbedingungen und Berufsaussichten, hier vermischten sich die Proteste mit den Streiks und Kämpfen der Arbeiterklasse. Es kam zu Unruhen, Streiks, Aufständen und Terroranschlägen.2

In der Bundesrepublik Deutschland ist die Entwicklung der Protestbewegung klarer zu verorten. Auch hier kam es zum Konflikt zwischen der traditionellen und der modernen Generation. Eine neue Qualität fanden die oppositionellen Bewegungen mit der Kampagne gegen die Notstandsgesetze, die im Ernstfall bestimmte Einschränkungen und Ermächtigungen (z.B. Einsatz der Streitkräfte im Inneren, Einschränkungen der Freizügigkeit und des Arbeitsplatzwechsels, etc.) ermöglichen sollten. Es bildete sich eine „Außerparlamentarische Opposition“ (APO), die besonders bei den Studenten Anklang fand. Diese forderten eine Bildungsreform, mehr Meinungsfreiheit, eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, Demokratisierung und die soziale Öffnung der Universitäten. Die Führung dieser Proteste übernahm der „Sozialistische Deutsche Studentenbund“ (SDS), der auch bald eine wichtige Rolle in der APO und der Anti-Notstandsbewegung spielte. Besonders beeinflusst wurden sie von den Schriften der am Frankfurter Institut für Sozialforschung lehrenden Sozialwissenschaftlern Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Diese verbanden in ihrer „Kritischen Theorie“ Marx mit Freud, d.h. sie sahen Marxismus weniger als Erklärung der kapitalistischen Ökonomie, sondern eher als Grundlage für Ideologiekritik der bürgerlichen Gesellschaft. Freud sollte ihnen dabei helfen die Gesellschaft zu analysieren. Autoritäre Erziehung, die Familie, Massenmedien, Massenkultur und Bürokratisierung waren dabei ihre thematischen Schwerpunkte. Daraus entwickelte sich die These, dass sich die bürgerliche Gesellschaft nicht durch das Proletariat überwinden ließe, sondern durch gesellschaftlich isolierte, unterdrückte Randgruppen. Dazu zählten die Befreiungsbewegungen der „Dritten Welt“, aber auch die kritischen Intellektuellen in der westlichen Welt. Die Mitglieder der „Frankfurter Schule“ stellten Verbindungen zwischen Kapitalismus und Faschismus her, kritisierten aber ebenso den Marxismus sowjetischer Prägung.3

Am 2. Juni 1967 kam es zum ersten Höhepunkt. Der Schah von Persien stattete Berlin mit seiner Gefolgschaft einen Besuch ab. Ulrike Meinhof, Chefredakteurin der Zeitung „konkret“ und späteres Mitglied der RAF, verfasste einen „Offenen Brief“, in dem sie die diktatorischen Zustände in Persien kritisierte, die im starken Kontrast zur Verschwendung am königlichen Hof standen. Die Bundesregierung versuchte den Aufenthalt des Schahs so angenehm wie möglich zu machen. Trotzdem kam es zu Demonstrationen, die wenig später eskalierten. Polizisten, Geheimdienstmitarbeiter und Anhänger des Schahs schlugen auf demonstrierende Studenten ein. Der Student Benno Ohnesorg wurde von Polizisten in Zivil verprügelt, der Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras erschoss ihn, als er versuchte zu fliehen. Kurras begründete vor Gericht sein Handeln mit Notwehr und wurde freigesprochen. Viele Studenten sahen in diesem Mord nun eine Begründung für ein gewalttätigeres Vorgehen gegen die deutsche Regierung.4

In dieser Zeit geriet Andreas Baader, ein späteres RAF-Mitglied, über seine Verbindung zur Kommune I in Kontakt zu protestierenden Studenten. Er propagierte härtere Aktionen als nur Flugblätter zu verteilen. Zusammen mit Gudrun Esslin (ebenfalls späteres RAF-Mitglied) stürmte er die Deutsche Oper Berlin und verlangte eine Unterbrechung der Aufführung, die ihm auch gewährt wurde, da der französische Dirigent Pierre Boulez mit den Studenten sympathisierte. Sie lasen ein Manifest zum Vietnamkrieg vor und wurden dann von der Polizei festgenommen.5

Bald darauf schlossen sich Baader und Esslin mit Thorwald Proll und Horst Söhnlein zusammen, um zu noch größeren Aktionen zu schreiten. Am 2. April 1968 fuhren sie nach Frankfurt, betraten kurz vor Ladenschluss den Kaufhof und das Kaufhaus Schneider und platzierten Brandsätze, die gegen Mitternacht losgingen. Eine Frau rief bei der Nachrichtenagentur dpa an und meldete den Anschlag. Es entstand ein Schaden von zwei Millionen Mark, niemand wurde verletzt und der SDS distanzierte sich von der Aktion.6

Am 11. April 1968 kam es zum zweiten Höhepunkt, dem versuchten Mordanschlag auf Rudi Dutschke, der bereits im Berliner SDS eine Führungsposition einnahm. Der Attentäter hieß Josef Bachmann, er war Malergeselle, der ein Bild Adolf Hitlers besaß, die „Deutsche National-Zeitung“ las und einen brennenden Hass auf Kommunisten pflegte. Seine Familie war zwölf Jahre zuvor aus der DDR geflohen. Bachmann wurde von der Hetzkampagne des Springer-Verlages angestachelt. Die „Bild“-Zeitung schrieb nämlich am 7. Februar 1968 unter der Überschrift „Stoppt den Terror der Jung-Roten jetzt!“ folgendes7:

„Man darf über das, was zur Zeit geschieht, nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Und man darf auch nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen. Schlafen unsere Richter? Schlafen unsere Politiker? Wie lange wollen sie noch zulassen, daß unsere jungen Leute von roten Agitatoren aufgehetzt, daß unsere Gesetze in Frage gestellt, unterwandert und mißachtet werden? Aber unsere Jung-Roten sind inzwischen so rot, daß sie nur noch rot sehen, und das ist gemeingefährlich und in einem geteilten Land lebensgefährlich. Stoppt ihren Terror jetzt!“8

Der Artikel zeigte zusätzlich ein Foto von Rudi Dutschke. Bachmann nahm die Worte ernst und setzte sie in die Tat um. Er fuhr von München nach Berlin und begab sich zum SDS-Zentrum. Dutschke kam gerade aus der Apotheke, Bachmann vergewisserte sich, dass es sich um die richtige Zielperson handelte und gab drei Schüsse auf den 28-Jährigen ab. Dieser brach zusammen, schrie um Hilfe und wurde dann ins Krankenhaus gebracht, wo die Ärzte sein Leben retten konnten. Dutschke überlebte, die Revolution hatte nun einen neuen Märtyrer und die linken Kräfte begannen sich zu radikalisieren. Fritz Teufel, der spätere Mitbegründer der terroristischen Vereinigung „Bewegung 2. Juni“9, sagte, dass man jetzt vom Protest zum Widerstand übergehen müsse.10

Ulrike Meinhof erklärte diesen Schritt in ihrer Kolumne mit dem Titel „Vom Protest zum Widerstand“, sie schrieb: „Protest ist, wenn ich sage, das und das paßt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß das, was mir nicht paßt, nicht länger geschieht.“11

Im Audimax der Technischen Universität Berlin versammelten sich ca. fünftausend Studenten und diskutierten darüber, wie es nun weitergehen sollte. Beschlossen wurde die Blockade des Springer-Hochhauses. Am späten Abend zogen ca. zweitausend Studenten in die Kochstraße. Auch Ulrike Meinhof war dabei, beteiligte sich laut Zeugenaussagen aber nicht am Steinewerfen. Die Demonstration eskalierte, es kam zu gewalttätigen Ausschreitungen, bei denen mehrere Fahrzeuge in Flammen aufgingen. Am nächsten Tag begannen in Berlin und anderen großen westdeutschen Städten Straßenschlachten und heftige Auseinandersetzungen zwischen demonstrierenden Studenten und Polizisten. Mehrere Zeitungen des Springer-Verlages mutmaßten, dass die Ausschreitungen vom kommunistischen Osten gesteuert und von China finanziert wurden.12

Diese Ereignisse geschahen fast ohne Anteilnahme der späteren RAF-Mitglieder. Ulrike Meinhof versuchte sich in Berlin einzuleben, Horst Mahler, einer der Anwälte von Andreas Baader und Gudrun Esslin, ging seiner Arbeit nach und Holger Meins konsumiertet Drogen. Esslin und Baader saßen in Frankfurt in Haft, der Prozess begann am 14. Oktober 1968. Die Angeklagten und ihre Anwälte, darunter Horst Mahler, nutzen den Gerichtsprozess als Spektakel und versuchten sogar die Richter auf ihre Seite zu ziehen, doch diese blieben unbeeindruckt. Die vier Angeklagten (Baader, Esslin, Proll, Söhnlein) wurden am 31. Oktober wegen „versuchter menschengefährdender Brandstiftung“13 zu je drei Jahren Gefängnis verurteilt.14

Zehn Tage zuvor trat die erste Sozial-Liberale Koalition (SPD/FDP) mit Willy Brandt als Bundeskanzler die Regierung an. Es folgte eine Amnestie für alle Demonstrationsstrafdelikte und ein massiver Ausbau von Polizei und Staatsschutz. Im Februar 1970 wurde der Revisionsantrag für die Frankfurter Brandstifter vom hessischen Justizminister abgelehnt. Baader, Proll und Esslin verweigerten das Antreten ihrer Strafe und flüchteten ins Ausland (Horst Söhnlein war der Aufforderung gefolgt15). Ein Jahr später stellte sich Proll den Behörden, während die anderen beiden im Untergrund blieben. Am 2. April 1970 wurde Andreas Baader, der nach Berlin zurückgekehrt war, bei einer Fahrzeugkontrolle verhaftet und in das Tegeler Gefängnis gebracht.16

Mahler, Meinhof und Esslin, die sich als Frau „Dr. Gretel Weitemeier“ ausgab, besuchten ihren gefangenen Freund, um mit ihm über den Befreiungsplan zu reden. Als Tarnung diente ein Buchprojekt über die Organisation gesellschaftlich randständiger Jugendlicher mit Andreas Baader als Koautor. Die „Arbeit“ soll im Institut für soziale Fragen stattfinden. Am 14. Mai 1970 gelang es dann Esslin, Meinhof, Irene Goergens, Ingrid Schubert und einem ehemaligen Bundeswehrsoldaten Baader mit Waffengewalt zu befreien. Zwei Polizisten und ein Institutsangestellter wurden dabei verletzt.17

Am 5. Juni 1970 erschien in der linksradikalen Zeitschrift „agit 883“ die erste öffentliche Erklärung der Gruppe zur Befreiungsaktion.18 Dort heißt es: „Genossen von 883 es hat keinen Zweck, den falschen Leuten das Richtige erklären zu wollen. Das haben wir lange genug gemacht. Die Baader-Befreiungsaktion haben wir nicht den intellektuellen Schwätzern […] zu erklären, sondern den potentiellen revolutionären Teilen des Volkes. Das heißt, denen, die die Tat sofort begreifen können, weil sie Gefangene sind.“19

In diesem Aufsatz wird erklärt, warum und wieso eine neue „Rote Armee“ aufgebaut werden muss. Die Gruppe begründet ihre Entscheidung so:

„Um die Konflikte auf die Spitze treiben zu können, bauen wir die Rote Armee auf. Ohne gleichzeitig die Rote Armee aufzubauen, verkommt jeder Konflikt, jede politische Arbeit […] zu Reformismus, d.h: Ihr setzt nur bessere Disziplinierungsmittel durch, bessere Einschüchterungsmethoden, bessere Ausbeutungsmethoden. Das macht das Volk kaputt, das macht nicht kaputt, was das Volk kaputt macht“20

Die „Rote Armee Fraktion“ war geboren, doch bevor sie als „RAF“ bekannt war, nannte sie sich einfach „Befreit-Baader-Fraktion“ oder „BBF“.21

1Vgl. Ulrich Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 2014, S. 841ff.

2Vgl. ebd., S. 843ff.

3Vgl. Herbert, Geschichte im 20. Jahrhundert, S. 845-851.

4Vgl. Willi Winkler, Die Geschichte der RAF, Berlin 2007, S. 79-87.

5Vgl. ebd., S. 109ff.

6Vgl. Winkler, Die Geschichte der RAF, S. 112f.

7Vgl. ebd., S. 116f.

8Wolfgang Kraushaar, 1968. Das Jahr, das alles verändert hat, München, Zürich 1998, S. 46.

9dpa/jw, Fritz Teufel mit 67 Jahren verstorben, in: welt.de, 07.07.2010, URL: (letzter Aufruf am 17.03.2020 um 14:27).

10Vgl. Winkler, Die Geschichte der RAF, S. 117f.

11Ulrike Marie Meinhof, Vom Protest zum Widerstand, in: konkret, Mai 1968.

12Vgl. Winkler, Die Geschichte der RAF, S. 120-124.

13Ebd., S. 127.

14Vgl. ebd., S. 124-127.

15Vgl. ebd., S. 151.

16Vgl. ID-Verlag (Hrsg.), Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 20.

17Vgl. Winkler, Die Geschichte der RAF, S. 161-164; ID-Verlag (Hrsg.), Rote Armee Fraktion, S. 20.

18Vgl. ID-Verlag, Rote Armee Fraktion, S. 21.

19Die Rote Armee aufbauen. Erklärung zur Befreiung Andreas Baader vom 5. Juli 1970, in: Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, hrsg. von ID-Verlag, Berlin 1997, S. 24.

20Ebd., S. 25f.

21Vgl. Winkler, Die Geschichte der RAF, S. 161.

3. Die Ideologie der RAF

In diesem Abschnitt beschäftige ich mich mit der „Roten Armee Fraktion“ und ihrer Auffassung vom Kommunismus. Doch was ist Kommunismus überhaupt? Friedrich Engels beantwortete diese Frage in seinem Werk „Grundsätze des Kommunismus“ wie folgt: „Der Kommunismus ist die Lehre von den Bedingungen der Befreiung der Arbeiterklasse.“1 Der Kommunismus behandelt also die Frage, wie das Proletariat aus der Unterdrückung befreit werden kann.

Die kommunistische Lehre basiert auf der Theorie, von Karl Marx und Friedrich Engels. Ihr Ziel ist die Verwirklichung einer herrschafts- und klassenlosen Gesellschaft. Nach Marx entwickelt sich der Kommunismus schrittweise in verschiedenen Phasen. Nachdem der Kapitalismus durch die Revolution des Proletariats, die dadurch entsteht, dass die Widersprüche innerhalb der Gesellschaft und zwischen den Klassen zu groß geworden sind, zusammengebrochen ist, folgt nach einer relativ kurzen Übergangsperiode die Phase des Sozialismus. In diesem Stadium ändern sich die Besitzverhältnisse vom Privateigentum an Produktionsmittel hin zum Kollektiveigentum (Arbeiter besitzen die Produktionsmittel). Durch diese ökonomische Grundlage entfalten sich die Fähigkeiten aller Menschen und der Übergang in die höhere Phase, die kommunistische, herrschaftslose Gesellschaft kann erfolgen. Wichtig ist auch, dass die Revolutionäre nicht von der proletarischen Masse isoliert sind.2

Die Mitglieder der RAF sahen keine Möglichkeit des friedlichen Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus, diese Erwartung „hat für die Metropolen keine materielle Grundlage.“3 Der Klassenkampf des Proletariats gegen das Kapital muss, so zeigen die Lehren aus den sozialen Erhebungen der Gegenwart und Vergangenheit, zum bewaffneten Bürgerkrieg führen4, denn „der bewaffnete Kampf [ist] das höchste Stadium des Klassenkampfes.“5 Die RAF stimmte mit Mao überein, der schreibt: „Die zentrale Aufgabe der Revolution und ihre höchste Form ist die bewaffnete Machtergreifung, ist die Lösung der Frage durch den Krieg. Dieses revolutionäre Prinzip des Marxismus-Leninismus hat allgemeine Gültigkeit, es gilt überall, in China, wie im Ausland.“6

Ein Kernprinzip der Ideologie der „Roten Armee Fraktion“ ist also, dass der militärische, bewaffnete Kampf unvermeidlich ist und zur Revolution untrennbar dazugehört. Es wird argumentiert, dass „[wenn] die bewaffnete Phase des Kampfes unvermeidlich [ist], so muß eine revolutionäre Theorie den militärischen Aspekt des Klassenkampfes adäquat widerspiegeln und eine konkrete Anleitung zum militärischen Handeln geben.“7 Die politische Seite der sozialistischen Revolution solle dabei nicht isoliert betrachtet und andere wichtige Aspekte nicht vernachlässigt werden8, denn das hieße, „nur einen Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit bedenken, das Ganze also falsch widerspiegeln.“9 Für die RAF gelte das Primat der Politik uneingeschränkt, die militärischen Formen des Kampfes müssen sich den politischen Zielen der Revolution unterordnen.10

Lenin kann als mögliches Vorbild für die „Rote Armee Fraktion“ identifiziert werden. Seine militärische Theorie des bewaffneten Aufstandes entstand unter den Bedingungen des Ersten Weltkrieges, Marx und Engels haben unter dem Einfluss der Revolutionen von 1848 bis 1850 und der Pariser Kommune von 1871 Prinzipien für die militärische Phase des Klassenkampfes abgeleitet. Somit stünden die Klassiker der revolutionären Theorien in der Argumentation der Linksterroristen auf Seiten der „Roten Armee Fraktion“. 11

Die Verfasser von „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa“ beschäftigen sich ausführlich mit Lenin und der Frage nach „individuellem Terror“ sowie der Bestrafung von „militärischen und zivilen Führern der Konterrevolution“. Es wird auf den Vorwurf reagiert, dass die Aktionen der RAF nicht im Einklang mit der leninistischen Denkweise seien12, denn „bekanntlich [habe] Lenin in der Auseinandersetzung mit den Narodniki und den Anhängern Bakunins [den „individuellen Terror] einer vernichtenden Kritik unterzogen und als Todsünde für jeden sozialistischen Revolutionär gekennzeichnet.“13

Die RAF argumentiert, dass es sich dabei um ein „kolossale[s] Mißverständnis“14 handle. Lenins Begriff des „individuellen Terrors“ bezog sich nicht auf Strafaktionen gegen einzelne Individuen innerhalb des Staatsapparats, sondern auf Einzelkämpfer. Seine Kritik soll sich nicht gegen die Ziele der Terroraktionen gerichtet haben, sondern gegen die Ausführenden.15

Sie „zielte auf den von Massen und den revolutionären Organisationen des Proletariats isolierten Kämpfer, der […] seinem individuellen Haß gegen das […] Regime Ausdruck gab, aber nicht den revolutionären Kampf der proletarischen Massen führte.“16

Lenins Aussagen werden so interpretiert, dass sie das Weltbild der RAF-Terroristen stützen. Inwiefern die „Rote Armee Fraktion“ dem Anspruch Lenins, „den revolutionären Kampf der proletarischen Massen zu führen“, gerecht wird und nicht auf der Stufe des „individuellen Hasses gegen das Regime“ bleibt, wird im nächsten Kapitel beleuchtet.

Wie aber auch schon im vorherigen Kapitel behandelt wurde, basiert die theoretische Grundlage der RAF nicht nur auf der marxistischen Denkweise, sondern wurde auch von den Intellektuellen der Frankfurter Schule beeinflusst. Deren Grundthese war, dass die Überwindung des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaft nicht durch das revolutionäre Proletariat passieren wird, sondern durch unterdrückte Minderheiten. Die Mitglieder der „Roten Armee Fraktion“ waren, mit Ausnahme Andreas Baaders, linke Studenten und keine Proletarier und, zumindest aus ihrer Perspektive, „unterdrückte Minderheiten“, die vom Staat bedroht wurden.

Der Einfluss der Frankfurter Schule wird deutlich in Schriften wie „Das Konzept Stadtguerilla“. Im ersten Abschnitt mit dem Titel „I. Konkrete Antworten auf konkrete Fragen“ geht die RAF auf Vorwürfe von anderen Linken ein, u. a. auf den Vorwurf des „ausgeübten Gruppenterrors“. So heißt es:

„Wer sich die illegale Organisation von bewaffnetem Widerstand nach dem Muster von Freikorps und Feme vorstellt, will selbst das Pogrom. Psychische Mechanismen, die solche Projektionen produzieren, sind in Horkheimers/Adornos ‚Autoritäre Persönlichkeit‘ und in Reichs ‚Massenpsychologie des Faschismus‘ im Zusammenhang mit Faschismus analysiert worden. Der revolutionäre Zwangscharakter ist ein […] Widerspruch, der nicht geht. Eine revolutionäre politische Praxis unter den herrschen Bedingungen […] setzt die permanente Integration von individuellem Charakter und politischer Motivation voraus, d.h. politische Identität.“17

Doch nicht nur die Frankfurter Schule war ein Vorbild. Auch Schriften Mao Tsetungs, Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas, wurde des Öfteren herangezogen. So wird er am Anfang von „Das Konzept Stadtguerilla“18, zu Beginn von „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa“19 und in „Dem Volk dienen – Stadtguerilla und Klassenkampf“20 zitiert.

Mao Tsetung regierte die Volksrepublik China von 1949 bis 1973 und erfreute sich unter linken westlichen Studenten großer Beliebtheit. Einen Namen machte er sich im chinesischen Bürgerkrieg und im chinesisch-japanischen Krieg, wo die Kommunisten sich sowohl gegen die Guomindang-Truppen als auch gegen die imperiale japanische Armee durchsetzen konnten.21 Der Gedanke eine „kleine kommunistische Truppe kämpft siegreich gegen feindliche Übermacht“ mag für viele linke Revolutionäre inspirierend gewesen sein.

Nun setze ich mich mit den Zielen und den „Feinden“ der RAF auseinander. Zur Ideologie gehören nicht nur die theoretische Basis und die Vorbilder, sondern auch die Zielsetzung und die Feindbilder.

Die Ziele der „Roten Armee Fraktion“ sind die gleichen, wie die vieler linker Revolutionäre z.B. Fidel Castro, Che Guevara, Lenin und Mao: der Sturz des „kapitalistischen Unterdrückungssystems“, die Befreiung der Proletarier und die Etablierung einer kommunistischen Gesellschaft. Doch wie genau diese kommunistische Gesellschaft aussehen soll, bleibt bei der RAF wage. In keiner der Schriften wird eine Vision oder ein genaues alternatives Gesellschaftsmodell deutlich. Die Terroristen verstehen sich als „Stadtguerilla“.22 Es sollen der Klassenkampf und der Bürgerkrieg entfesselt werden, doch was danach geschehen soll, bleibt offen.

Die Feindbilder der RAF sind schon etwas deutlicher. Primär galt es den „Imperialismus“, den „Faschismus“ und den „Kapitalismus“ zu bekämpfen, wobei die ersten beiden als Kampfbegriffe die wichtigsten Plätze einnahmen. Die RAF definierte „Imperialismus“ nicht anders, als die orthodoxen und die Neuen Linken.23 Der „Imperialismus“ war die „Bezeichnung einer Politik, die die Interessen des großen metropolitanen Kapitals gegen Befreiungsbewegungen und Länder der drei Kontinente […] durchsetzte und von den USA als kapitalistischer Hegemonialmacht dominiert wurde.“24

Auch die Definition der RAF von „Faschismus“ unterschied sich nicht von der vieler orthodoxer kommunistischer Parteien, sie schlossen sich der Faschismusdefinition von Georgi Dimitroff aus dem Jahre 1935 an25, die besagt:

„Der Faschismus an der Macht […] ist […] die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals. […] Das ist die Organisierung der terroristischen blutigen Niederhaltung der Arbeiterklasse und des revolutionären Teils der Bauernschaft und der Intellektuellen. Der Faschismus in der Außenpolitik – das ist der Chauvinismus in seiner brutalsten Form, der einen tierischen Hass gegen die anderen Völker züchtet.“26

Was die RAF veränderte war, dass sie keinerlei Differenzierungen mehr zuließ. Das Weltbild beschränkte sich auf eine binäre Sichtweise.27 Bernhard Gierds formulierte es zutreffend, „[es gab] nur noch ‚Mensch‘ und ‚Schwein‘ oder ‚antiimperialistischer Kampf‘ und ‚Vernichtung‘.“28 Das Pinochet-Regime in Chile wurde auf die selbe Stufe gestellt wie die Aktivitäten der SPD und der Friedrich-Ebert-Stiftung zur Stabilisierung der Regierung Soares in Portugal. Die RAF baute ihre Ideologie aus vielen historischen Quellen auf, doch keine dieser Ideen wurde weiterentwickelt. Keine der gegenwärtigen gesellschaftlichen Veränderungen fanden Aufnahme, obwohl es dafür genügend Anlässe gab. Es gab auch keine Rekonstruktion von historischen Faschismustheorien, die RAF beließ es bei der einen Faschismusdefinition Georgie Dimitroffs.29 Die Ideologie blieb so ein schwarz-weißes Weltbild.

Dadurch wurde jede theoretische Auseinandersetzung überflüssig, ja sogar schädlich. Es ging der „Roten Armee Fraktion“ nur um „Praxis“, für Theorie blieb keine Zeit.30 Ulrike Meinhof wiederholte immer wieder: »die RAF sei Praxis oder RAF heiße Praxis.“31

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Mitglieder der „Roten Armee Fraktion“ den Grundsatz Mao Tsetungs: „Jeder Kommunist muß diese Wahrheit begreifen: ‚Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen.‘“32, verinnerlicht hatten und auch gewillt waren ihn in die Tat umzusetzen.

1Friedrich Engels, Grundsätze des Kommunismus, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Gesammelte Werke, hrsg. von Kurt Lhotzky, Köln 2016, S. 106.

2Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, Kommunismus, URL: https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/lexikon-der-wirtschaft/19801/kommunismus (letzter Aufruf am 17.03.2020 um 17:33); Friedrich Engels / Karl Marx, Das Manifest der Kommunistischen Partei, bearbeitet von Sàlvio M. Soares, New York 2018, S. 32-49.

3Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa, Mai 1971, S. 51.

4Vgl. ebd.

5Ebd.

6Zitiert nach: ebd.

7Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa, Mai 1971, S. 51.

8Vgl. ebd.

9Ebd.

10Vgl. ebd.

11Vgl. ebd.

12Vgl. ebd., S. 78.

13Ebd. S. 78f.

14Ebd. S. 79.

15Vgl. ebd.

16Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa, Mai 1971, S. 79.

17Das Konzept Stadtguerilla, April 1971, in: Rote Armee Fraktion, hrsg. von ID-Verlag, S. 28.

18Vgl. ebd., S. 27.

19Vgl. Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa, Mai 1971, in: Rote Armee Fraktion, hrsg. von ID-Verlag, S. 49.

20Vgl. Dem Volk dienen. Stadtguerilla und Klassenkampf, April 1972, in: Rote Armee Fraktion, hrsg. von ID-Verlag, S. 112.

21Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, Mythos Mao, URL: https://www.bpb.de/internationales/asien/china/44259/mythos-mao (letzter Aufruf am 18.03.2020 um 15:54).

22Vgl. Das Konzept Stadtguerilla, April 1971, S. 40f.

23Vgl. Bernhard Gierds, Das „Konzept Stadtguerilla“. Meinhof, Mahler und ihre strategischen Differenzen, in: Die RAF und der linke Terrorismus (= Die RAF und der linke Terrorismus 1), hrsg. von Wolfgang Kraushaar, Hamburg 2006, S. 249ff.

24Ebd., S. 251.

25Vgl. ebd., S. 251f.

26Zitiert nach: Bernhard Gierds, Das „Konzept Stadtguerilla“ S. 252.

27Vgl. ebd., S. 251ff.

28Ebd., S. 251.

29Vgl. ebd., S. 251f.

30Vgl. ebd., S. 253.

31Ebd.

32Mao Tsetung, Probleme des Krieges und der Strategie, 6. November 1938, in: Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung, hrsg. von Verlag Neuer Weg, Essen, S. 74.

4. Die Praxis der RAF

Wie wollte die „Rote Armee Fraktion“ ihre Ziele verwirklichen, wie „Klassenkampf und Bürgerkrieg“ entfesseln, wie „Faschismus“ und „Imperialismus“ bekämpfen? Um darauf Antworten zu finden, muss ihre Praxis genauer angeschaut werden.

Zuerst unternahm die Gruppe kleinere Aktionen, wie Banküberfälle zur Finanzierung. Am 29. September 1970 verübt sie den sogenannten „Dreierschlag“ in Berlin. Es wurden drei Banken gleichzeitig überfallen und dabei 217.000 Mark erbeutet. An dieser Aktion nahmen mindestens sechzehn Personen teil. Vier Monate später, am 15. Januar 1971 wurden zwei weitere gleichzeitige Überfälle in Kassel verübt, die Beute belief sich auf 114.000 Mark. Am 22. Dezember 1971 folgte der vorerst letzte Geldraub. Ziel war diesmal die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank in Kaiserslautern, die RAF erbeutete 134.000 Mark.1

Der erste große Anschlag fand am Donnerstag, dem 11. Mai 1972 statt, Ziel war das Hauptquartier des V. Armee-Korps der US-amerikanischen Streitkräfte in Frankfurt am Main.2 Das Datum war nicht zufällig gewählt worden, denn am selben Tag „[begann] die Bombenblockade der US-Imperialisten gegen Nordvietnam.“3 Das „Kommando Petra Schelm“ drang in den Stützpunkt ein und platzierte dort drei Bomben mit einer Sprengkraft von ungefähr achtzig Kilogramm TNT.4 Dabei wurden dreizehn Menschen verletzt und eine Person getötet.5 Die Gruppe wollte erreichen, dass sich US-Militärs („die Ausrottungsstrategen von Vietnam“6) in Westdeutschland nicht mehr sicher fühlen.7 In der Erklärung heißt es: „Sie [die US-Militärs] müssen wissen, daß ihre Verbrechen am vietnamesischen Volk ihnen neue erbitterte Feinde geschaffen haben, daß es für sie keinen Platz mehr geben wird in der Welt, an dem sie vor den Angriffen revolutionärer Guerilla-Einheiten sicher sein können.“8

Die RAF forderte den sofortigen Abbruch der Bombenblockade und Bombenangriffe gegen Nordvietnam und den Abzug aller amerikanischen Truppen aus Indochina. Die Gruppe stellte sich in der Erklärung auf die Seite der Vietcong.9 Der erste Anschlag geschah somit im Namen des „Antiimperialismus“.

Der nächste Terrorakt folgte gleich am nächsten Tag, am Freitag, den 12. Mai 1972. Ziele waren das Polizeipräsidium in Augsburg und das Landeskriminalamt in München. Das „Kommando Thomas Weisbecker“ ließ drei Bomben (zwei in Augsburg, eine Autobombe in München10) explodieren.11 Es wurden zehn Menschen verletzt und es entstand ein Sachschaden von ca. 600.000 Mark.12 Der Anschlag war eine Reaktion auf die Erschießung Thomas Weisbeckers, der am 2. März13 „von einem Exekutionskommando aus Münchener Kripo und Augsburger Polizei und ohne noch irgendwie reagieren zu können ermordet worden [war].“14 Die Aktion sollte der Polizei zeigen, dass die „Rote Armee Fraktion“ Widerstand leistet und dass die Fahndungsbehörden „keinen von uns [der RAF] liquidieren können, ohne damit rechnen zu müssen, daß wir zurückschlagen werden.“15 Gerechtfertigt wurde die Tat mit dem Kampf gegen den „Faschismus“ bzw. den „Kampf der SS-Praxis der Polizei!“16

Auch Rachegedanken können nicht ausgeschlossen werden.

Am 16. Mai 1972 kam es zum dritten Terrorakt, ein weiterer Sprengstoffanschlag diesmal gegen den Karlsruher Bundesrichter Wolfgang Buddenberg gerichtet, ausgeführt vom „Kommando Manfred Grashof“.17 Bei dem Angriff wurde Frau Buddenberg schwer verletzt. Der Richter wurde Ziel der Aktion, weil er für die Ermittlungen zur RAF zuständig war18 und angeblich die „politischen Gefangenen“ schlecht behandeln ließ. Vorwürfe von Folter und Mordversuchen wurden von Seiten der Terroristen laut. Die Gruppe forderte die Anwendung der Genfer Menschenrechtskonvention auf die Gefangenen und ihre Freilassung.19

Drei Tage später, am Freitag, den 19. Mai 1972 folgte ein weiterer Sprengstoffanschlag. Um 15 Uhr 55 explodierten zwei Bomben im Springerhochhaus in Hamburg.20 Dabei wurden ungefähr achtunddreißig Menschen verletzt.21 Fast dreißig Minuten zuvor soll unter der Nummer 3471 der erste Warnanruf vor dem Bombenattentat eingegangen sein, der Anrufer forderte die Räumung des Hauses innerhalb von fünfzehn Minuten. Der Anruf wurde als Scherz abgetan. Zwei Minuten später folgte der nächste Anruf, auch dieser wurde ignoriert. Ein dritter Anruf ging um 15 Uhr 36 an die Polizei, wieder mit der Aufforderung das Gebäude zu räumen.22 Die RAF warf dem Springer-Verlag vor, „lieber das Risiko ein[zugehen], daß seine Arbeiter und Angestellten durch Bomben verletzt werden, als das Risiko, ein paar Stunden Arbeitszeit, also Profit, durch Fehlalarm zu verlieren.“23 Die Terroristen bedauerten, dass bei dem Anschlag Mitarbeiter und Arbeiter verletzt worden waren. Trotzdem nahm sie es in Kauf, dass unschuldige Menschen schwer verletzt oder getötet werden könnten. Die RAF forderte die Enteignung des Springer-Verlages, ein Stopp der Unterstützung des Zionismus und ein Ende der antikommunistischen Agitation. 24

Der vorerst letzte große Anschlag folgte am 24. Mai 1972, Ziel war das Heidelberger Hauptquartier der US-amerikanischen Streitkräfte in Europa. Es explodierten zwei Bomben,25 dabei wurden drei Soldaten getötet und fünf Menschen verletzt.26 Grund dafür war eine Aussage des Generals Daniel James, der kein Ziel für die Bombardierung in Nordvietnam ausnehmen wollte. Für die RAF glich das einem Genozid, sogar ein Vergleich mit der „Endlösung“ in Auschwitz wurde gezogen.Wie schon beim Attentat forderte die „Rote Armee Fraktion“ die Einstellung der Bombenangriffe auf Nordvietnam und den Abzug der US-amerikanischen Streitkräfte aus Indochina.27

1Vgl. Baden-Württemberg Landesamt für Verfassungsschutz, „Rote Armee Fraktion“ (RAF), URL: https://www.verfassungsschutz-bw.de/,Lde/Startseite/Arbeitsfelder/_Rote+Armee+Fraktion_+_RAF_ (letzter Aufruf am 21.03.2020 um 15:26).

2Vgl. Anschlag auf das Hauptquartier der US-Army in Frankfurt/Main. Erklärung vom 14. Mai 1972, S. 145.

3Ebd.

4Vgl. ebd.

5Vgl. Baden-Württemberg Landesamt für Verfassungsschutz, „Rote Armee Fraktion“ (RAF), URL: https://www.verfassungsschutz-bw.de/,Lde/Startseite/Arbeitsfelder/_Rote+Armee+Fraktion_+_RAF_ (letzter Aufruf am 21.03.2020 um 15:37).

6Vgl. Anschlag auf das Hauptquartier der US-Army in Frankfurt/Main. Erklärung vom 14. Mai 1972, S. 145.

7Vgl. ebd.

8Ebd.

9Vgl. Anschlag auf das Hauptquartier der US-Army in Frankfurt/Main. Erklärung vom 14. Mai 1972, S. 145.

10Vgl. Baden-Württemberg Landesamt für Verfassungsschutz, „Rote Armee Fraktion“ (RAF), URL: https://www.verfassungsschutz-bw.de/,Lde/Startseite/Arbeitsfelder/_Rote+Armee+Fraktion_+_RAF_ (letzter Aufruf am 21.03.2020 um 16:06).

11Vgl. Anschläge in Augsburg und München. Erklärung vom 16. Mai 1972, in: Rote Armee Fraktion, hrsg. von ID-Verlag, S. 145.

12Vgl. Baden-Württemberg Landesamt für Verfassungsschutz, „Rote Armee Fraktion“ (RAF), URL: https://www.verfassungsschutz-bw.de/,Lde/Startseite/Arbeitsfelder/_Rote+Armee+Fraktion_+_RAF_ (letzter Aufruf am 21.03.2020 um 16:07).

13Vgl. Anschläge in Augsburg und München. Erklärung vom 16. Mai 1972, S. 145.

14Ebd.

15Ebd.

16Ebd., S. 146.

17Vgl. Anschlag auf den BGH-Richter Buddenberg in Karlsruhe. Erklärung vom 20. Mai 1972, in: Rote Armee Fraktion, hrsg. von ID-Verlag, S. 146.

18Vgl. Baden-Württemberg Landesamt für Verfassungsschutz, „Rote Armee Fraktion“ (RAF), URL: https://www.verfassungsschutz-bw.de/,Lde/Startseite/Arbeitsfelder/_Rote+Armee+Fraktion_+_RAF_ (letzter Aufruf am 21.03.2020 um 16:44).

19Vgl. Vgl. Anschlag auf den BGH-Richter Buddenberg in Karlsruhe. Erklärung vom 20. Mai 1972, S. 146.

20Vgl. Sprengstoffanschlag auf das Springer-Hochhaus in Hamburg. Erklärung vom 20. Mai 1972, in: Rote Armee Fraktion, hrsg. von ID-Verlag, S. 147.

21Vgl. Baden-Württemberg Landesamt für Verfassungsschutz, „Rote Armee Fraktion“ (RAF), URL: https://www.verfassungsschutz-bw.de/,Lde/Startseite/Arbeitsfelder/_Rote+Armee+Fraktion_+_RAF_ (letzter Aufruf am 23.03.2020 um 14:58).

22Vgl. Sprengstoffanschlag auf das Springer-Hochhaus in Hamburg. Erklärung vom 20. Mai 1972, S. 147.

23Ebd.

24Vgl. ebd.

25Vgl. Bombenanschlag auf das Hauptquartier der US-Army in Europa in Heidelberg. Erklärung vom 25. Mai 1972, in: Rote Armee Fraktion, hrsg. von ID-Verlag, S. 147.

26Vgl. Baden-Württemberg Landesamt für Verfassungsschutz, „Rote Armee Fraktion“ (RAF), URL: https://www.verfassungsschutz-bw.de/,Lde/Startseite/Arbeitsfelder/_Rote+Armee+Fraktion_+_RAF_ (letzter Aufruf am 23.03.2020 um 15:19).

27Vgl. Bombenanschlag auf das Hauptquartier der US-Army in Europa in Heidelberg. Erklärung vom 25. Mai 1972, S. 147f.

5. Schlussbetrachtung

Ich fasse zusammen: die Wurzeln der „Roten Armee Fraktion“ liegen in den Studentenprotesten der 68er-Bewegung, die maßgeblich von den Lehren des Frankfurter Institutes für Sozialforschung beeinflusst wurden. Einschneidende Höhepunkte waren die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg und der Anschlag auf Rudi Dutschke. Zuvor waren Mitglieder der späteren RAF bereits mit Störaktionen und Brandstiftung aufgefallen. Wegen des Kaufhausbrandes wurden Baader, Esslin, Proll und Söhnlein zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Ein Teil der Angeklagten floh in den Untergrund, Andreas Baader wurde später festgenommen. Die erste große Aktion war die Befreiung Baaders, die den Beginn der „Roten Armee Fraktion“ markierte.

Die ausgeübte Praxis bestand aus Banküberfällen, Sprengstoffanschlägen auf US-Soldaten, Juristen, Polizisten und den Springer-Verlag. Dabei wurde die RAF nicht einmal ihrem eigenen Anspruch gerecht. Die Gruppe war von proletarischen Organisationen isoliert, die Aktionen waren von individuellen Hass gegen den Staat getrieben. Somit entsprach die RAF genau der leninschen Kritik des „individuellen Terrors“, die sie selbst interpretiert hatte.

Welche Auffassung hatte die erste Generation der „Roten Armee Fraktion“ vom Kommunismus? Von einem ideologischen Standpunkt aus betrachtet, kann sie als eine marxistisch-leninistische Kraft mit starken Einflüssen von Mao Tsetung und der Frankfurter Schule beschrieben werden. Das Konzept der „Stadtguerilla“ (ein Prinzip, dem Revolutionäre wie Che Guevara folgten) und der „bewaffnete Widerstand“ stehen dabei im Vordergrund. Das korrespondierte mit dem Selbstbild der RAF, die sich selbst als „unterdrückte Minderheit“ sah, die gegen „Faschismus“, „Imperialismus“ (besonders gegen den „US-Imperialismus“) und „Kapitalismus“ kämpfte. Das Ziel war es „Klassenkampf und Bürgerkrieg“ zu entfesseln, doch wie die kommunistische Gesellschaft danach aussehen bzw. wie es nach dem „Sieg“ weitergehen sollte, blieb offen. Der Kampf gegen „Faschismus“, „Imperialismus“ und „Kapitalismus“ wird immanent mit dem Handeln der Gruppe verbunden, konkret lief es jedoch auf die Ausübung von Terror hinaus. Die RAF hatte ein binäres, schwarz-weißes Bild von der Welt, diese Grundeinstellung änderte sich auch nicht. In den Schriften werden berühmte linke Persönlichkeiten wie Mao, Lenin, Marx und Engels zitiert. Eine Auseinandersetzung mit oder gar Weiterentwicklung von Theorien fand nicht statt. Die Gruppe hatte eine simple, unterentwickelte Auffassung vom Kommunismus, die nie über das Zitieren von Versatzstücken aus linken Klassikern und das inflationäre Verwenden von Kampfbegriffen hinausging.

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Anschlag auf den BGH-Richter Buddenberg in Karlsruhe. Erklärung vom 20. Mai 1972, in: ID-Verlag (Hrsg.): Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 146.

2. Anschlag auf das Hauptquartier der US-Army in Frankfurt/Main. Erklärung vom 14. Mai 1972, in: ID-Verlag (Hrsg.): Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 145.

3. Anschläge in Augsburg und München. Erklärung vom 16. Mai 1972, in: ID-Verlag (Hrsg.): Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 145f.

4. Baden-Württemberg Landesamt für Verfassungsschutz, „Rote Armee Fraktion“ (RAF), URL: https://www.verfassungsschutz-bw.de/,Lde/Startseite/Arbeitsfelder/_Rote+Armee+Fraktion_+_RAF_ (letzter Aufruf am 23.03.2020 um 15.19).

5. Bombenanschlag auf das Hauptquartier der US-Army in Europa in Heidelberg. Erklärung vom 25. Mai 1972, in: ID-Verlag (Hrsg.): Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 147f.

6. Bundeszentrale für politische Bildung: Kommunismus, URL: https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/lexikon-der-wirtschaft/19801/kommunismus (letzter Aufruf am 17.03.2020 um 17:33).

7. Bundeszentrale für politische Bildung: Mythos Mao, URL: https://www.bpb.de/internationales/asien/china/44259/mythos-mao (letzter Aufruf am 18.03.2020 um 15:54).

8. Das Konzept Stadtguerilla, April 1971, in: ID-Verlag (Hrsg.): Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 27-48.

9. Dem Volk dienen. Stadtguerilla und Klassenkampf, April 1972, in: ID-Verlag (Hrsg.): Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 112-144.

10. Die Rote Armee aufbauen. Erklärung zur Befreiung Andreas Baader vom 5. Juli 1970, in: ID-Verlag (Hrsg.): Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 24-26.

11. dpa / jw: Fritz Teufel mit 67 Jahren verstorben, in: welt.de, 07.07.2010, URL: https://www.welt.de/politik/deutschland/article8350860/Fritz-Teufel-mit-67-Jahren-gestorben.html (letzter Aufruf am 17.03.2020 um 14:27).

12. Engels, Friedrich / Marx, Karl: Das Manifest der Kommunistischen Partei, bearbeitet von Soares, Sàlvio M., New York 2018.

13. Engels, Friedrich: Grundsätze des Kommunismus, in: Lhotzky, Kurt (Hrsg.): Karl Marx / Friedrich Engels. Gesammelte Werke, Köln 2016, S. 106-128.

14. Gierds, Bernhard: Das „Konzept Stadtguerilla“. Meinhof, Mahler und ihre Strategischen Differenzen, in: Kraushaar, Wolfgang: Die RAF und der linke Terrorismus (= Die RAF und der linke Terrorismus 1), Hamburg 2006, S. 248-261.

15. Herbert, Ulrich: Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 2014.

16. ID-Verlag (Hrsg.): Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997.

17. Kraushaar, Wolfgang: 1968. Das Jahr, das alles verändert hat, München, Zürich 1998.

18. Meinhof, Ulrike Marie: Vom Protest zum Widerstand, in: konkret, Mai 1968.

19. Sprengstoffanschlag auf das Springer-Hochhaus in Hamburg. Erklärung vom 20. Mai 1972, in: ID-Verlag (Hrsg.): Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 147.

20. Tsetung, Mao: Probleme des Krieges und der Strategie, 6. November 1938, in: Verlag Neuer Weg (Hrsg.): Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung, Essen, S. 74.

21. Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa, Mai 1971, in: ID-Verlag (Hrsg.): Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 49-111.

22. Winkler, Willi: Die Geschichte der RAF, Berlin 2007.

7. Eidesstattliche Erklärung

Hiermit versichere ich an Eides statt, dass ich die vorliegende Arbeit selbstständig und nur mit den angegebenen Quellen und Hilfsmitteln (z. B. Nachschlagewerke oder Internet) angefertigt habe. Alle Stellen der Arbeit, die ich aus diesen Quellen und Hilfsmitteln dem Wortlaut oder dem Sinne nach entnommen habe, sind kenntlich gemacht und im Literaturverzeichnis aufgeführt. Weiterhin versichere ich, dass weder ich noch andere diese Arbeit weder in der vorliegenden noch in einer mehr oder weniger abgewandelten Form als Leistungsnachweise in einer anderen Veranstaltung bereits verwendet haben oder noch verwenden werden. Die Arbeit wurde noch nicht veröffentlicht oder einer anderen Prüfungsbehörde vorgelegt.

Die „Richtlinie zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis für Studierende an der Universität Potsdam (Plagiatsrichtlinie) – Vom 20. Oktober 2010“ ist mir bekannt.

Es handelt sich bei dieser Arbeit um meinen ersten Versuch.

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