Für eine Handvoll Proviant

Die Stadt lag in Trümmern. Seit ich mich zurückerinnern konnte, war sie schon in diesem desolaten Zustand. Einst war sie eine blühende Metropole gewesen, die Millionen von Menschen ein Zuhause gab. Wo glänzende Türme aus Stahl und Glas die Wolkendecke des Himmels durchbrachen. Wo die Superreichen in ihren mit Gold verzierten Luxus-Apartments saßen und auf das Elend unter ihnen hinabblickten. Wie moderne Götter thronten sie über den Normalsterblichen, die jeden Tag in den unzähligen Techfirmen und Bio-Unternehmen schuften durften, bis sie tot umfielen.

Wie die gottgleichen Wesen, für die die Reichen sich hielten, lenkten sie das Schicksal ihrer Untergebenen. Die Grundsäulen der Demokratie, wie freie Wahlen, Gewaltenteilung und Menschenrechte, waren schon lange vor der Großen Katastrophe eingestürzt. Die gewählten Volksvertreter waren vor dem Druck der Mega-Unternehmen eingeknickt und überreichten ihnen die Schlüssel zur Macht. Dieses Mal siegte Goliath über David. Die finale Übergabe war letztlich nur eine formale Sache, die den letzten Nagel in den Sarg der unabhängigen Regierungen schlug. Die Politiker erkannten zu spät, dass die neoreaktionären Kapitalisten ihnen schon längst den Strick um den Hals gelegt hatten.

Die alte Metropole, die einst wie eine Wüstenrose blühte, war eines von vielen Paradiesen auf Erden, wie die PR-Propaganisten die neuen Megastädte nannten. Sie sollten Schutz vor den immer schlimmer werdenden Konsequenzen des Klimawandels bieten, der von Jahr zu Jahr mehr Land unbewohnbar machte und Millionen von Menschen zur Flucht zwang. Außerdem sollten sie Schutz vor den sogenannten Techno-Barbaren bieten, den armen Schluckern, denen der Zugang zum Paradies verwehrt wurde. Weil sie sich nicht rechtzeitig angemeldet hatten, weil sie nicht arbeiteten oder nicht arbeitsfähig waren, weil sie kein Networking (ein Wort aus dem längst vergessenen Vokabular der Unternehmer) betrieben hatten. Sie lebten in dreckigen Slums, die sich um die hochtechnologischen Städte gebildet hatten, wo sie die weggeschmissenen Abfälle der Techfirmen verwerteten und die fehlgeschlagenen Experimente der Bio-Unternehmen jagten. Sie hegten einen tiefen Groll gegen die Menschen, die hinter den marmorweißen Mauern lebten. Sie träumten von dem Tag, an dem die verhasste Stadt endlich in Flammen aufging und die dekadenten Türme aus Glas und Beton einstürzten.

An manchen Tagen wagten sie verzweifelte Angriffe, doch gegen das hochgerüstete Heer aus Sicherheitsrobotern und genetisch manipulierten Cyborgs hatten sie keine Chance. Zu Tausenden wurden sie massakriert, das Blut wuchs zu regelrechten Flüssen an. Die Leichen wurden nach dem Kampfgeschehen eingesammelt und in geheime Fabriken gebracht, wo man an ihnen herumexperimentierte. Die daraus entstandenen Resultate hätten niemals das Licht der Welt erblicken sollen. Wenn man den Gerüchten Glauben schenken mag, streunen sie noch heute durch die verlassenen Tunnel der Fabriken.

Die Stadt konnte die Menschen vor dem Jähzorn des Planten und der Verstoßenen beschützen, doch keine Mauer, keine Armee, kein Sicherheitssystem war stark genug, um sie vor der Großen Katastrophe zu bewahren. Falls ihr mich fragen wolltet, was das sei, so sehe ich mich nicht in der Lage eine Antwort zu geben. Selbst auf meinen unzähligen Streifzügen fand ich keine. Die alten Datenbanken schwiegen beharrlich über den Inhalt dieser Apokalypse.

Man wusste über dieses Ereignis nur, dass es relativ kurz war und dass es ohne Vorwarnung kam. Es gab keine Zeichen am Himmel, keine Propheten, die das bevorstehende Ende verkündeten. Es geschah einfach. Und so schnell wie es kam, so schnell war es auch wieder vorbei.

In alten Archiven fand ich Notizen, die auf dieses mysteriöse Ereignis anspielten. Doch die Schriften waren verworren und widersprüchlich. An einer Stelle sprachen sie davon, dass die selbsternannten Götter eine Möglichkeit fanden auf eine höhere Bewusstseinsebene zu gelangen, der Preis soll dafür sehr hoch gewesen sein. An einer anderen Stelle wurde gemutmaßt, dass eine Gruppe von Wissenschaftlern ein Tor zu einer anderen Welt geöffnet hatte, und was auch immer dort hinaustrat, verschlang die Menschheit. Und so setzten sich die Geschichten endlos fort. Meteoriteneinschläge, künstlich erzeugte Viren, Quarksbomben, Besucher aus dem All, künstliche Intelligenzen.

In einem Punkt sind sich alle einig: Irgendwann hörte das Zeitalter der Menschen auf. Die Alte Welt existierte nicht mehr, gekommen war die Neue Welt.

Die alte, blühende Metropole existierte nicht mehr, es gab nur noch Schutt und Schrott. Der prächtige Glanz war verblasst. Die Türme, die den Himmel berührten, waren letztlich eingestürzt.

Diese neue Welt wurde nicht mehr von den Menschen beherrscht, sondern von ihren fehlgeschlagenen Experimenten, die jetzt durch die Ruinen der Zivilisation streiften. Man sollte nicht glauben, dass diese Welt nun eine bessere sei. Im Gegenteil, die alten Machtstrukturen hatten die Große Katastrophe überlebt. Noch immer gab es die Mächtigen und die Schwachen. Die Mächtigsten sahen sich selbst als die Nachfahren der alten, der menschlichen Götter. An manchen Tagen glaubten sie sogar, sie selbst seien Menschen. Die Schwachen lebten in den zerstörten Behausungen der Alten Welt und versuchten den nächsten Tag zu erleben.

Ich für meinen Teil verdingte mich als Jäger, Kopfgeldjäger hätte man früher dazu gesagt. Meine Aufgabe bestand darin Personen, die sich bei irgendjemandem unbeliebt gemacht haben, aus dem Weg zu räumen. Manchmal auf diskrete Art, manchmal auf die explosive, je nachdem was mein Auftraggeber verlangte. Man sollte jetzt aber nicht glauben, dass das ein Job war, der einem zu Reichtum verhalf. Geld war in der Neuen Welt geradezu wertlos. Geld sättigte nicht den Magen. Geld schütze nicht vor Gefahren. Es gab keine Orte, wo man sein Geld hätte ausgeben können. Die paar Händler, die noch existierten, akzeptierten kein Geld. Die Idee des Geldes starb mit der Menschheit.

Womit wurde ich stattdessen bezahlt, wenn nicht mit dem Geld aus der Alten Welt? Nun, zum einen akzeptierte ich Augmentationen für meinen Körper. Mächtige Relikte aus einer vergangenen Zeit. Auch Medizin nahm ich dankend an, obwohl sie oft heftige Nebenwirkungen zeigte. Aber wenn wurmartige Parasiten einem den Magen zerfraßen, dann schluckte man doch gerne die weißen, bitteren Pillen.

Für meinen letzten Auftrag versprachen mir meine Auftraggeber eine Handvoll Proviant, was besser war als nichts. Die Lebensmittel stammten aus den noch funktionierenden (oder wieder in Betrieb genommenen?) Bio-Fabriken. Es war besser nicht zu fragen, woraus sie bestanden. Die Nahrung schmeckte nach nichts, sie roch nach nichts und ihr Aussehen ähnelte dem von grauer Fleischpaste, doch sie gab dem Körper alle wichtigen Nährstoffe und das war das Einzige, wofür ich mich interessierte. Ich war nicht wählerisch.

Die Aufgabe war simpel, ich sollte einen sogenannten Succubus töten, der sich in diesem untergegangenen Paradies versteckt hielt. Ich hatte vorher nur Gerüchte über diese Kreaturen gehört. Kaum einer wusste, woher sie kamen, aber ich konnte mir vorstellen, dass auch sie aus irgendeinem Reagenzglas gekrochen waren.

Laut meinen Recherchen handelte es sich um ausschließlich weibliche Wesen, die es nach wildem Geschlechtsverkehr mit Männern dürstete. Sie verführten ihre Opfer und stahlen ihren Samen und manchmal auch ihr Leben. Das Sperma sollten sie angeblich für abscheuliche Rituale benutzen. Oder vielleicht brauchten sie es für die Fortpflanzung, wer wusste das schon.

Meine eingebauten Sensoren verrieten mir, dass sich mein Ziel in einem Gebäude befand, das man früher als Theater bezeichnete. Ein weiterer Ort, für den es in der Neuen Welt keine Verwendung mehr gab. Das besagte Gebäude war ungefähr drei Stockwerke hoch. Selbst in diesem zerfallenen Zustand strahlte es noch eine Art von unheimlicher Aura aus. Mir gefielen die geschwungenen Säulen am Eingang und das minimalistisch gehaltene Dach. Meine Facettenaugen zeigten mir die unzähligen kleinen Details, die die alten Erbauer in die Wände eingeritzt hatten. Sie zeigten Szenen von Göttern und Helden, die miteinander um die Herrschaft rangen. Jeder Quadratmillimeter schien eine eigene Geschichte zu erzählen .

Früher mag das Gebäude weiß gewesen sein, doch die Farbe war schon vor unzähligen Jahren verwittert. Die Fenster, die einst vielleicht aus kunstvoll gefertigtem Buntglas bestanden, waren zerbrochen, nur die mit Gold verzierte Rahmen waren noch übrig.

Ich konnte mir gut vorstellen, dass die Menschen beim Anblick dieses Gebäudes einen gewissen Stolz verspürt hatten. Jeder, der daran vorbeiging, musste es einfach bestaunen, man hatte keine andere Wahl, der Blick wurde quasi angezogen. Wenn ich diesen Auftrag überstanden hatte, würde ich mir die Verzierungen später noch genauer ansehen. Doch erst kam die Arbeit, dann das Vergnügen.

Vor dem Eingang schlief eine der unzähligen Bestien, die diese Welt nun bevölkerten. Sie hatte den Körper eines Löwen, doch der Kopf war ein gigantischer Pilz. Handelte es sich dabei um eine Infektion? Einen Parasiten? Oder war es einfach nur ein Mutant, den die gekränkte Natur hervorgebracht hat? Was es auch war, es war eine kluge Idee es nicht aufzuwecken. Wer weiß, ob sich in der Nähe nicht noch mehr aufhielten.

Ich schlich auf leisen Sohlen an der Kreatur vorbei und begab mich in das Theatergebäude. Einst muss es ein prächtiger Saal gewesen sein, in dem zehntausende von Menschen Platz hatten. Doch davon war nichts mehr zu spüren. Versprühte das Gebäude von außen noch einen gewissen Charme, war im Inneren nichts davon vorhanden. Die Teppiche und Vorhänge waren alle verfault. Der Gestank war so stark, dass ich meine Geruchssensoren herunter regeln musste. Ich blendete alle unwichtigen Gerüche aus, bald sah ich eine Spur, die mich zu meiner Beute führte. Ihr Geruch war stark, sie schien eine Menge Pheromone zu verteilen. Ich holte mein Überschallgewehr hervor und folgte der Fährte.

Ich ging die verrottete Treppe hinauf, passte auf, dass ich nicht durch das Holz brach. Ich versuchte keinerlei Geräusche zu machen. Bald erreichte ich den Theatersaal und erspähte meine Beute. Ihr Aussehen glich fast dem einer menschlichen Frau, wenn man die rötliche Haut, die langen lederartigen Schwingen und die Hörner auf dem Kopf ignorierte. Sie hatte es sich auf einer Couch, die sich mitten auf der Bühne befand, bequem gemacht. Ihr schlanker, geschmeidiger Körper räkelte sich auf den roten Kissen. Sie schien zu schlafen. Die perfekte Gelegenheit für mich um zu zuschlagen.

Ich legte mein Gewehr an und schaute durch das Visier. Das war ja beinahe ein Kinderspiel. Mein Finger war bereits am Abzug, ich atmete tief ein und …

»Das würde ich an deiner Stelle aber sein lassen«, sprach eine laute Stimme auf einmal.

Ich erschrak, ließ fast mein Gewehr fallen.

»Wie …«, hauchte ich nur.

Der Succubus richtete sich auf und schaute direkt zu mir hoch. Ihre pechschwarzen Augen funkelten wild. Sie gähnte und streckte sich.

»Eure Art rieche ich bereits aus einer Meile Entfernung. Keine große Sache für mich«, erklärte sie, während sie sich am Rücken kratzte.

Ich sprang hinunter zu den Sitzreihen. Eine getarnte Vorgehensweise war ja nicht mehr nötig. Der Succubus schaute mich abschätzig an, ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Sie schien mich zu analysieren, versuchte meine Schwachstellen zu entdecken, meine Absichten. Sie wusste definitiv, warum ich hierher gekommen war.

»Du hast ein paar mächtige Männer sehr wütend gemacht. Sie wollen deinen Kopf«, rief ich.

Ihr schönes Gesicht verzog sich zu einer Fratze.

»Bah, Männer. Nichts weiter als schwache, erbärmliche Kreaturen. Glauben, nur weil ein Fleischstängel zwischen ihren Beinen baumelt, dass sie die Herrscher dieser Welt seien. Nichts sind sie! Ohne ihren weiblichen Gegenpart wären sie doch schon längst wieder dem Tribalismus verfallen. Männer, das sind schwache, dumme Kreaturen, die die Führung einer Frau benötigen«, spie sie angewidert aus.

»Du hast den Fehler gemacht eine von diesen schwachen Kreaturen zu töten, Succubus«, entgegnete ich. Währenddessen machte ich mich kampfbereit.

Auf einmal sprang sie von ihrer Couch auf und überbrückte die Distanz zwischen uns beiden innerhalb weniger Herzschläge. Sie war schnell, das musste man ihr lassen. Ihr Gesicht befand sich nun ganz nah an meinem. Sie gab einen Geruch von sich, geradezu klischeehaft weiblich. Rosen, Lilien, Tulpen. Sie roch wie eine Geliebte, eine gute Freundin, eine Mutter. Sie roch nach Liebe und Zuneigung. Nach Geborgenheit, Wärme und Sicherheit. Nach Sex und Lust. Das war die Waffe der Verführung, der betörende Duft lullte ihre männlichen Opfer ein.

Ich sah ihre lila gefärbte Iris mit den katzenartigen Pupillen. Ich konnte ihre spitzen Fangzähne sehen, die jederzeit bereit waren, mir in den Hals zu beißen und die Schlagader zu durchtrennen.

Ihr Atem roch widerwärtig süßlich.

»Mein Name ist Lilith!«, fauchte sie.

»Wie die erste Frau Adams.«

Auf ihrem Gesicht war kurz eine Spur von Überraschung zu sehen, dann fing sie sich wieder: »Wie schön, ein Belesener. So etwas sieht man heutzutage nur noch selten.«

»Wenn ich nicht gerade jage, stöbere ich gerne in alten Archiven herum«, erklärte ich.

»Das ändert gar nichts. Auch du wirst vor mir knien und mir gehorchen. Denn schließlich bist du nur ein Mann wie jeder andere auch«, Lilith lächelte siegreich.

»Das wage ich zu bezweifeln. Deine Pheromone haben keine Wirkung auf mich.«

Ihre Mundwinkel fielen schlagartig nach unten, sie konnte ihre Bestürzung nicht verbergen.

»Das … Das ist doch … unmöglich«, stammelte Lilith.

»Wenn es so wäre, dann würde ich doch schon längst unter deiner Kontrolle sein, nicht wahr? Doch dies scheint nicht der Fall zu sein.«

Sie lächelte wieder: »Ich verstehe. Du bist einer von denen. Nun denn«, sie zuckte mit den Schultern, »dann muss ich dich wohl auf die altmodische Art erledigen.«

Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, fuhren aus ihren Fingerspitzen scharfe Krallen heraus. Sie begann nach mir zu schlagen.

Ich handelte sofort. Ich warf mein Gewehr zur Seite, wich ihrem Angriff aus und vollführte einen Rückwärtssalto, um ein wenig Distanz zwischen uns beide zu bringen.

»Altmodisch, sagst du? Wie du möchtest«, sprach ich und zog mein Jagdmesser heraus, ein Relikt aus der Alten Welt. Es war zwar nicht so beeindruckend wie die moderne Vibroklinge, aber mindestens genauso tödlich.

»Lass uns tanzen, Lilith«, ich richtete meine Waffe auf sie.

»Du sprichst große Worte für einen toten Mann«, entgegnete der Succubus und erhob sich in die Lüfte. Sein Gesicht war eine Maske des Zorns, er schnaubte vor Wut.

Lilith griff zuerst an. Einem Falken gleich, stieß sie aus dem Himmel auf mich herab, die Krallen ausgestreckt und bereit zum Zerfetzen. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Ich wich ihrem Angriff nahezu mühelos aus, sie krachte mit einem Knall auf dem Boden ein. Durch den Aufprall wurden Staub und Steine umher gewirbelt. Ich zögerte nicht, sondern stach sofort mit meinem Messer auf ihren ungeschützten Rücken ein. Als der Stahl in ihr Fleisch drang, stieß sie einen lauten Schmerzensschrei aus.

»Bastard!«, keuchte sie, »Wie kannst du es nur wagen? Wie kannst du dreckiges Tier es wagen mich zu verletzten?«

Sie drehte sich zu mir um. Ihre Schönheit war komplett verschwunden, jetzt war sie nur noch eine rasende, blutdürstige Bestie.

»Du minderwertiges, dreckiges Tier. Kein Mann wagt, es mich zu verletzen und kommt damit davon!«, fauchte sie mich an.

Sie senkte ihren Kopf und stürmte blitzschnell voran. Sie traf mich mit ihren Hörnern und durchbohrte meinen Chitinpanzer. Die gesamte Luft verließ meinen Körper. Grünes Blut sickerte aus den Wunden.

»Wie gefällt dir das? Na, wie gefällt dir das?«, schrie sie triumphierend und warf mich zu Boden, »Männer sind nutzlos, nutzlos, NUTZLOS!«

Ich wusste nicht, ob das Universum mich für einen kurzen Moment liebte, denn ihre Hörner hatten keine meiner lebenswichtigen Organe getroffen. Die Verletzung war übel, doch nicht lebensbedrohlich. Das heißt, solange sie rechtzeitig behandelt wurde. Ich richtete mich wieder auf.

»Noch nicht genug, du männliches Kriechtier? Na denn, Zeit für Runde Zwei«, rief sie und stürzte sich wieder auf mich. Doch diesmal ließ ich mich nicht überrumpeln. Kurz bevor ihre Klauen meinen Hals berührten, stieß ich mein Messer tief in ihre Brust. Ich traf hier schlagendes Herz.

Ihr triumphaler Gesichtsausdruck verwandelte sich in Bestürzung. Ihr Angriff verpuffte, sie fiel in sich zusammen. Ich legte ihren zitternden Körper sanft auf den Boden. Sie sah mich an, der Zorn war aus ihren Augen gewichen, geblieben war nur Verwirrung.

»Unmöglich … Völlig unmöglich … ich bin euch doch … überlegen«, ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

»Ich kann verstehen, warum du diese mächtigen Männer angegriffen hast. Ich verabscheue sie genauso. Sie sind nichts weiter als ein Schatten der Vergangenheit, das verzerrte Spiegelbild derjenigen, die diese Welt einst ins Chaos stürzten.«

Noch mehr Verwirrung in ihren Augen.

»Warum tötest … du mich dann? Warum … arbeitest du …«, sie hustete, »Warum arbeitest du dann … für die?«

»Ein Job ist ein Job. Egal, wer der Auftraggeber ist. Ich kann es mir nicht leisten wählerisch zu sein. Für mich zählt nur mein eigenes Überleben.«

»Dann bist du keinen Deut besser … als diese Tiere!«

»Mag sein. Bin ich ein egoistischer Opportunist? Ja, definitiv«, und ich hasste mich dafür.

Ich zog meine Klinge aus ihrer Brust. Ihr Gesicht verkrampfte sich vor Schmerzen.

»Bringen wir es hinter uns. Keine Sorge, Lilith. Ich verspreche dir, dass ich es kurz und schmerzlos mache.«

Ich kehrte zum Kapitol zurück, der Ort, den die Mächtigen Männer ihr Zuhause nannten. Es war ein wahrlich gigantisches Gebäude, gebaut aus weißem Marmor. Meterhohe Säulen zierten die Vorderseite dieses monumentalen Palastes. In der Mitte befand sich eine kuppelförmige Konstruktion, auf deren Spitze eine Statue stand. In der fernen Vergangenheit war es ein Regierungsgebäude der Menschen gewesen, doch heutzutage war es nur noch ein vergessenes Symbol längst vergangener Zeit. Die Männer, die heute hier residierten, waren keine Menschen, auch wenn sie sich dafür hielten.

Ich ging die steinerne Treppe nach oben und begab mich zur Kammer, auf meinem Weg dorthin sah ich Gemälde und andere Artefakte, allesamt geraubte Schätze. Die neuen Herrscher standen den alten in Sachen Gier und Geltungssucht in nichts nach.

Ich betrat die Kammer, den momentanen Sitz der Macht. Von hier aus herrschten die Mächtigen Männer und verlangten Tribute und Gehorsam. Sie besaßen unvorstellbare Reichtümer, unzählige Bio-Fabriken und ein Heer aus genetisch veränderten Sklaven. Verteidigt wurde dieses Imperium von einer Söldnerarmee, bestehend aus Maschinen und Cyborgs. Wie damals in der Alten Welt. Ich trat vor die Herrscher der Neuen Welt.

»Ahh, Jäger. Du bist zu uns zurückgekommen. Das muss wohl heißen, dass du erfolgreich warst, oder?«, sprach der äußerste Linke zu mir.

Es waren sechs, ehemals sieben, Männer. Sie saßen in einem dunklen, kreisrunden Raum auf hohen Thronen, von denen sie mit Verachtung auf ihre Diener hinabschauten. Sie waren widerwärtige Geschöpfe. Fett, hässlich, deformiert. Ihre Körper waren so rund, wie der Raum, den sie bewohnten. Ihr fahles Fleisch quoll aus pompösen Kleidungen. Ihre Mäuler waren breit, sie gingen von Ohr zu Ohr. An ihren stummelartigen Fingern steckten allerhand Ringe. Der Mann in der Mitte hatte sich sogar eine alberne Krone aufgesetzt, die das Bild einer Karikatur vervollständigte.

Ich warf den Kopf von Lilith in die Mitte des Raumes, mit einem feuchten Klatschen landete er auf dem Boden. Die Augen meiner Auftraggeber begannen zu funkeln, alle sechs lächelten.

»Gut, gut«, quietschte der zweite von links, »Damit wäre auch dieses Ungeziefer aus der Welt geschafft. Der Tod unseres Bruders wurde gerächt! Exzellente Arbeit, Jäger.«

»War mir kein Vergnügen«, entgegnete ich nur.

Nun erhob sich der Mann aus der Mitte, der ekelhafteste und fetteste von allen.

»Deine Bezahlung erwartet dich draußen, einer unserer Diener wird sie dir überreichen. Wie versprochen, eine Handvoll Proviant und … noch etwas extra.«

»Extra?«

»Ja … Wir haben ein altes Artefakt ausgegraben und dachten uns, dass es dir gefallen könnte, Jäger«, der Anführer verbeugte sich mit einer theatralischen Geste. »Und wir hoffen, dass du uns bald wieder dienen wirst. Ein Jäger von deinem Kaliber wäre für unser Heer eine willkommene Bereicherung.«

»Ich muss dankend ablehnen.«

Alle sechs hoben simultan ihre Augenbrauen.

»Wieso, wenn ich fragen darf?«

»Ich diene niemandem«, erklärte ich, »besonders nicht irgendwelchen Narren, die in ihrer Freizeit Menschen imitieren. Ein alter Philosoph hat mal gesagt: Geschichte wiederholt sich immer zweimal. Das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Ich denke, er hatte damit nicht Unrecht«, und mit diesen Worten drehte ich mich um und verließ die Kammer. Hinter mir hörte ich die Mächtigen Männer verächtlich schnaufen. Sollte mir doch egal sein.

Am Ausgang stand wie versprochen der Diener, ein Mischmasch aus Kakerlake, Salamander und Maschine, und hielt mir meine Belohnung entgegen. Ich nahm sie an und bedankte mich höflich. Danach verließ ich diesen traurigen Ort der Vergangenheit und machte mich auf den Weg.

Die Mächtigen Männer hatten mir eine Vibroklinge vermacht.

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