»Bitte vor dem Verfallsdatum aufbrauchen.«
»Bodybuilder schauen einander nicht an, wie sich normale Menschen anschauen. Zumindest nicht so, wie heterosexuelle Männer einander anschauen. Die Blicke, die ich den anderen Männern hinter der Bühne zuwerfe, beginnen bei ihren Knöcheln und hören an ihrem Schlüsselbein auf. Das ist alles, was zählt, der Körper, darüber hinaus sieht man nur belanglose Nebensachen wie die Augen, die Seele oder was auch immer Platon im Menschen sehen will.« (Schwaerzel 2024, 9) – So eindrucksvoll und eindeutig beginnt der Debütroman des jungen studentischen Schriftstellers Sebastian Schwaerzel. Der Titel des Werks – »21st Century Schizoid Man« (oder einfach nur »Schizoid Man«), erschienen 2024 im österreichischen Castrum Verlag. Zwischen den beiden Buchdeckeln entfaltet sich eine 273-seitige Reise aus Blut, Schmerz, Terror, Hass, dem Streben nach körperlicher Perfektion und gewalttätiger Radikalität. »Schizoid Man« ist die Zoomer-Variante von »American Psycho«, das Manifest des Doomer-Faschismus, der Ruf einer materialistischen, narzisstischen Generation.
»Leichen zerstören die Spannungskurve. Es muss einen direkten Weg zur Himmelfahrt geben, ohne einen verrottenden Körper zu hinterlassen. Tod ohne Leiche.«
Wer ist dieser Sebastian Schwaerzel überhaupt? Geboren 2002 (und damit gerade einmal 22 Jahre alt) im baden-württembergischen Ichenheim, studierte er zuerst Germanistik in Freiburg und nun in Wien. Nebenbei macht er Musik und boxt sehr gerne (laut Autorenvita in »Schizoid Man«). Auf seiner Instagramseite (@schawaerzel) postet er größtenteils Bilder in Schwarz-Weiß – für diejenigen, die es interessiert.
In einem Interview wird er darauf angesprochen, dass sich der Erzähler als »Faschist« bezeichnet und gefragt, ob er sich auch als solcher sehe, woraufhin er antwortet: »Er [der Erzähler] wäre gerne Faschist, weil der Grundethos vom Bücherverbrennen, Kampfstiefel tragen und Fensterscheiben einwerfen universal attraktiv für junge Männer ist, die nichts Besseres zu tun haben. Zu der Kategorie zähle ich mich ganz offen, deswegen kann man mich gerne Faschist nennen, wenn das einem Spaß macht.« Aber zu einem »wirklichen Faschisten« werde man erst, wenn »man sich von irgendeinem Schwanz sagen lässt, dass es gefälligst jüdische Bücher sein sollen, die man verbrennen soll oder die Fensterscheiben von Asylanten, die eingeworfen werden sollen«. Dafür sei er aber nicht »blöd genug« und »irgendwelche homoerotischen-neurechten Arno-Breker-Fantasien« lassen ihn völlig kalt. Zwar wurde das Buch in der »neurechten Szene« positiv aufgenommen (so in der »Sezession im Netz« durch Martin Sellner und Ellen Kositza sowie im Jungeuropa-Podcast »Von rechts gelesen«), doch für die »Neurechten« selbst (»die Hälfte von denen sind sicherlich V-Männer«) hat Sebastian Schwaerzel nur Hohn und Spott übrig. So sagt er: »Für den Mainstream ist das Buch zu albern. Für die Neurechten reichts.« Auch hofft er sehr, dass er »jeden enttäuscht habe, der sich von diesem Buch ein Manifest für irgendeine politische Bewegung erhofft hat.« Man täte übrigens ihm und dem CASTRVM Verlag unrecht, wenn man sie politisch rechts verorten würde. (Ich empfehle übrigens jeden, das Interview zu lesen, es ist sehr unterhaltsam – da haben sich zwei gefunden. Zu finden hier: https://podcast.jungeuropa.de/geisteskrank-genug-fuer-ein-manifest-interview-mit-sebastian-schwaerzel/.)
Auf dem Autorenporträt im Buch, was ich mir gerade ansehe, wirkt dieser junge Schriftsteller überaus ernst – die Mundwinkel nach unten, der Blick in die Ferne gerichtet, weißer Rollkragenpullover, Anzug, Bücherregal im Hintergrund. In Wahrheit, vermute ich, ist Sebastian Schwaerzel in seinem tiefsten Inneren einfach ein bisschen silly. Ein Schelm. We do a little trolling, sozusagen. Überaus sympathisch.
»Guter Sex bleibt unserem Gehirn stärker in Erinnerung als eine bildliche Schilderung über faschistische Kriegsverbrechen.«
In der Handlung, wenn man denn von Handlung sprechen kann (im Sinne von erinnerungswürdigen Charakteren mit ausgearbeiteter Persönlichkeit, einem kohärenten Erzählstrang und einer wendungsreichen Spannungskurve), begleiten wir einen namenlosen Erzähler, einem gelangweilten und narzisstischen Studenten (Was studiert er? Wer weiß das schon.), der in seiner Freizeit gerne Bodybuilding macht, modelt, als Trainer im Fitnessstudio arbeitet und sich nebenbei wünscht, in einem terroristischen Anschlag zu sterben und dabei so viele Menschen wie nur irgendwie möglich mit in den Tod zu reißen – der Inbegriff archaischer Männlichkeit also.
Das Wichtigste für ihn ist natürlich sein Äußeres, das ist der Maßstab aller Dinge, nach den er sich und alle anderen in seinem Umfeld bewertet. Das Äußere ist das, was zählt, was dahinter verborgen liegen könnte, ist irrelevant. Das wird in den ersten Zeilen des Buches mehr als nur deutlich. Ständig macht sich der Erzähler Gedanken über seinen Körperfettanteil, der ja viel zu hoch sei. Er ärgert sich über seine Nase, die nicht gut genug ist und ihn Model-Aufträge versaut. Er betrachtet andere Männer und vergleicht sich konstant mit ihnen. Instagram ist wichtig, man muss sich auf Instagram präsentieren, man muss das perfekte Leben abbilden.
Der Erzähler nimmt Steroide, weiß um die Risiken (ein Bekannter erzählt davon, wie ein anderer Bodybuilder mit gerade einmal dreißig Jahren an einen Herzinfarkt gestorben ist), aber das spielt keine Rolle – im Gegenteil. Er ist kein normaler Mensch, denn«[n]ormale Menschen haben keine Angst davor, älter als vierzig zu werden.« (Schwaerzel 2024, 14) Von diesen Gedanken ist er förmlich besessen. Seine größte Angst ist es, alt zu werden, denn je älter er wird, desto hässlicher werde er auch. Er will nicht im Altersheim bei den Demenzkranken landen, er will kein abgemagertes, sabberndes, haarloses Geschöpf sein, was Pfleger in einem Rollstuhl durch die Gegend karren. Er will jung sterben. Durch seinen Tod will er seine Schönheit bewahren. Aber es darf kein gewöhnlicher Tod sein, nein – es muss etwas Spektakuläres sein. Es muss ein Tod »ohne Leiche« sein. Eine gewaltige Explosion, die hunderte von Menschen in den Tod reißt. Sein Tod soll ihn unsterblich machen. Als Vorbild dafür dient der japanische Schriftsteller, Poet, Schauspieler, Regisseur, Bühnenautor, Model und Nationalist Yukio Mishima, der 1970 zusammen mit vier Mitglieder seiner rechtsgerichten Privatmiliz »Tatenokai« (jap. »Schildgesellschaft«) einen Putschversuch wagte, indem er eine Kaserne besetzte und versuchte, die versammelten japanischen Soldaten zum Sturz der Regierung aufzuwiegeln. Als das versagte, brachte er sich durch rituellen Suizid um.
Der Erzähler ähnelt einen jungen Patrick Bateman, einem modernen Dorian Grey, einen terroristischen Narziss.
Die Eltern des Erzählers sind stereotypische »Gutmenschen« und »notorische Weltverbesserer«, die in arme Länder reisen, »um freiwillige humanitäre Hilfe zu leisten«. Sie wollen etwas gegen die Ausbeutung der »Dritten Welt« unternehmen, sie haben Sorgen vor der Klimazerstörung und glauben, »wir sind nur reich, weil die in Somalia arm sind«. Sie wollen gar ein ausländisches Kind adoptieren, damit es ein besseres Leben hat. Richtige White Saviours. Ihnen erzählt er etwas von einer glücklichen Beziehung mit seiner Freundin, wie sie über ihre Gefühle reden, wie er keinen Neid gegenüber anderen empfindet, wie zufrieden er mit sich selbst sei, wie er einen Innenausstatter für die gemeinsame Wohnung gebucht hat, wie erfolgreich sein Studium doch sei und so weiter. Ist natürlich alles nur gelogen. Er wohnt noch bei seinen Eltern und hat auch keine Freundin. Später zieht er in eine Ein-Zimmerwohnung mit »Diana«, einer/einem (?) Transexuellen/m (?), der ihn gerne verstümmelt und foltert. Ritzen, heißes Metall auf der Haut, Nadeln, Brandflecken durch Zigaretten, Knochenbrechen, sexueller Missbrauch. Sein persönliches Martyrium, seine Route zur Unsterblichkeit und zur Perfektion. Man müsse sich selbst verbrauchen, bevor man stirbt. Die Alternative ist, im Altersheim dahinzuvegetieren. Richtige Schönheit existiere nur in der Erinnerung.
Bei einem Date mit einer anderen Studentin fragt sie sie ihn, wie er sich politisch einordne, sie ja eher links. Er selbst bezeichnet sich offen als »Faschist«. Was bedeutet das? »Maschinengewehrkurse in Grundschulen, Wehrpflicht ab 15, Körperstrafen für Beanie-Mützen, sowas eben. […] Ich schätze, ich habe eine besondere Faszination für Bücherverbrennungen und Hakenkreuze.« (Schwaerzel 2024, 77f) Der Erzähler repräsentiert eine rohe, vulgäre, animalische Form des Faschismus, eine, die sich nicht um Staats- und Nationsvorstellungen oder um Überlegungen über den Korporatismus schert. Es ist der Durst nach Gewalt und Blut. Es ist der Faschismus, wie er in den Köpfen durchschnittlicher Menschen existiert. Der donnernde Schritt von SA-Kolonnen. Die Faust eines Schwarzhemds, die Synthese aller faschistischen Theorien, die auf ein wehrloses Gesicht hinabsaust. Das Fallbeil im dunklen Keller eines Zuchthauses. Die Bomben, die London, Paris, Warschau und Madrid in Stücke reißen. Der schwarze Rauch, der aus dem Krematorium eines Vernichtungslagers kriecht. Der Cop in dunkelblauer Uniform, der die gähnende Leere eines Pistolenlaufs auf dich richtet. Die soldatischen, mit Blut besudelten Uniformen der Einsatzgruppen. Das Hakenkreuz, eingeritzt in einen Stahlhelm. Die nackten Statuen von muskulösen Männern, gefertigt von Arno Breker.
Was dem Erzähler zum Faschismus hinzieht, ist nicht sein politischer Inhalt oder der Drang nach konkreten, realpolitischen Veränderungen, sondern die faschistische Ästhetik, der »faschistische Stil«, »der kalte Stil, rapid, funkelnd, großartig«, wie Armin Mohler schreibt.
Das Verlangen nach Krieg und Terror, die Sehnsucht nach Vernichtung, die »Lust am Untergang« treibt den Erzähler an. Ähnlich wie Ernst Jünger könnte er wahrscheinlich auch bei einem Glas Rotwein, dabei zusehen, wie eine Weltstadt von einem Flammenmeer verschlungen wird. »Der Krieg ist unser aller Vater gewesen«, schreibt der nationalrevolutionäre Schriftsteller, und »[m]an muss durchs Feuer gehen, um wiedergeboren zu werden«, und das nimmt sich der Erzähler deutlich zu herzen. Krieg und Vernichtung seien Kunst. »Wir reißen aus, was nachwächst und wir zertrampeln, was wieder blüht. Wir sind die Gärtner des Verfalls und der Dünger der Schöpfung. Es lebe der Geist des Vandalismus. […] In dem Feuersturm einer Explosion heben sich alle Widersprüche auf. Mensch und Maschine. Natur und Kultur. Für einen Augenblick fügen sich Fleisch und Feuer zusammen. Nur durch eine explosive chemische Reaktion kann ein Mensch mit seiner Kunst eins werden« (Schwaerzel 2024, 150) proklamiert der Erzähler in einem manifestartigen Abschnitt.
Sebastian Schwaerzel erklärt dazu: »Wenn man so will, ist der Erzähler Partisane eines Krieges, der so radikal personalisiert ist, dass er noch nicht mal Raum für ein schlüssiges Ziel oder Feindbild hat. Letzten Endes ist mein Schizoid Man ein Terrorist, das jedoch in seiner ureigensten Form, da ihm jede Ideologie oder Zielsetzung fehlt.«
»Wir wollen nichts erben, außer dem roten Rost von verrottenden Starkstromleitungen.«
Beim Lesen fielen mir immer wieder Parallelen zu anderen Werken auf. Da wären zum einen »Sonne und Stahl« von Yukio Mishima, »Harassment Architecture« von Mike Ma und »Bronze Age Mindset« von Bronze Age Pervert (abgekürzt BAP – und ja, der nennt sich wirklich so). Im Folgenden ein paar Ausschnitte aus den genannten Büchern, einfach um zu verdeutlichen, was ich meine:
»Sonne und Stahl«: »Der Stahl lehrt mich zuverlässig die Entsprechungen von Geist und Körper. Verweichlichte Emotionen, so erschien es mir, korrespondierten mit schwachen Muskeln, Sentimentalität mit einem schlaffen Bauch, Überempfindlichkeit mit einer hypersensiblen, blassen Haut. Folglich entsprangen pralle Muskeln einem kühnen Kampfgeist, ein straffer Bauch besonnenem Urteilsvermögen und robuste Haut einem starken Charakter.« (Yukio Mishima 2023, 33).
»Harassment Architecture«: »When we see anti-beauty, it kills the soul and human spirit. Anti-beauty – a strip mall, grown men in football jerseys, modern buildings, rampant logos, certain races, the obese – is to ambition what alcohol is to the liver and brain. I believe that seeing ugly feels ugly. I believe ugly damages us to the core, sometimes irreparably. I believe we sometimes absorb and manifest the horrible things we take through our eyes.« (Mike Ma 2019, 124)
»Bronze Age Mindset«: »I’ve always been attracted to filth and dirt, because something in me knew intuitively that it is only in the underseam of life as it exists today that you find the real ›lacunae‹, the ›holes‹ where its reach is limited or weak. I always sensed there was some real freedom in the blackest of red light districts among whores and junkies, perverts and worse, with whom I’ve always chosen to take my dinners when I had the chance.« (BAP 2018, 33).
Wir finden auch Spuren von Christian Kracht (»Faserland«, »Eurotrash«) und natürlich der große Roman von Bret Easton Ellis »American Psycho«. Mit Ausnahme von Ellis und Mishima hat Sebastian Schwaerzel wahrscheinlich keinen der hier aufgezählten und zitierten Schriftsteller gelesen, denn laut eigener Aussage sind »die meisten zeitgenössischen [ihm] zu alt oder nicht tot genug.«
Trotzdem wirkt »Schizoid Man« wie eine bizarre Mischung aus den genannten Werken. Da ist auch mein (wenn auch marginaler) Kritikpunkt. Diejenigen, die sich in diesem »Genre« (wenn man das so nennen kann und mag …) auskennen, haben bereits Ähnliches gelesen. Ich erinnere mich an einen Kommentator, der meinte, »da wurde Mike Ma ins Deutsche übersetzt«. Man kennt »American Psycho« und »EuropaPowerBrutal«, man kennt Kracht, Mishima, Mike Ma und BAP. Dafür können Sebastian Schwaerzel und »Schizoid Man« nichts. Wir sind an einem Punkt in der Menschheitsgeschichte angekommen, an dem gefühlt bereits alle Ideen ausprobiert worden sind und es immer schwieriger wird, etwas wirklich Neues zu kreieren. Die meisten modernen Werke sind bloß Variationen bekannter Themen und Motive. Das macht sie aber nicht schlecht.
»Schizoid Man« ist alles andere als schlecht, es ist gut, sehr gut sogar, besonders für einen Debütroman. Das Buch ist unterhaltsam, es ist mitunter brüllend komisch und es ist kurzweilig. Man schafft es locker, in ein bis drei Tagen durchzulesen. Denn wie ein hungriger Wolf lässt es einen nicht mehr los. Selbst wenn man es fertig und weggelegt hat. Seht mich an, ich schreibe Wochen später eine Rezension darüber.
Natürlich beinhaltet das Buch keine tiefgründigen Charaktere oder ausschweifende Plotlines, natürlich ist es oberflächlich und kann auch durchaus anstößig sein und es hat seine Stellen, die unnötig ziehen, aber es ist witzig und, wie bereits gesagt, sehr unterhaltsam. Ich kann es nur jeden wärmstens empfehlen. Vorausgesetzt man ist kein Sensibelchen und stößt sich am Inhalt. Denn es ist kein feministisches oder queeres Büchlein. Es ist ein Schlag ins Gesicht, ein farblich passender Gucci-Benzinkanister, der den Müllhaufen namens »Political Correctness« in Flammen aufgehen lässt.
»Schizoid Man« ist vielleicht kein Jahrhundertroman, aber es ist das beste zeitgenössische, deutschsprachige Buch, was ich in diesem Jahr 2024 bisher gelesen habe. Wir sollten die Karriere dieses jungen, deutschen Schriftstellers definitiv mit großem Interesse weiter verfolgen.
Verwendete Literatur:
Yukio Mishima: Sonne und Stahl.
BAP: Bronze Age Mindset.
Mika Ma: Harassement Architecture
Sebastian Schwaerzel: Schizoid Man.
Armin Mohler: Der faschistische Stil.