Eine Untersuchung literarisch-thematischer Kontinuitätslinien zwischen der Konservativen Revolution und der Neuen Rechten anhand von Ernst Jüngers „Gläserne Bienen“ und Volker Zierkes „Enklave“

1. Einleitung

2023 jährt sich der Todestag von Ernst Jünger zum fünfundzwanzigsten Mal. Geboren 1895, gestorben 1998, somit lebte er 103 Jahre. Er prägte ein ganzes Jahrhundert deutscher Geschichte und Literatur. Jünger durchlebte die wilhelminische Zeit des Kaiserreichs, das tödliche Niemandsland des Ersten Weltkriegs, die von Krisen und Wirren geschüttelte Phase der Weimarer Republik, die totalitäre Herrschaft des Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg, das Kriegsende, die Teilung Deutschlands, die Geburt der Bundesrepublik und der Demokratischen Republik sowie schließlich sogar den Mauerfall und die Wiedervereinigung. Er war ein miserabler Schüler, ein abenteuerlustiger Bursche, ein Soldat und Offizier, einer der Wenigen, die mit dem „Pour le mérite“-Orden ausgezeichnet wurden, ein Agitator und nationalistischer Schriftsteller, ein Nationalrevolutionär und Dichter, Sympathisant und Gegner des nationalsozialistischen Regimes, Besatzungsoffizier in Frankreich, verhasster Autor und selbsternannter konservativer Anarch.

Er wurde als der „intellektuelle Totengräber der Weimarer Republik“ (Hans-Ulrich Wehler; zit. nach Kiesel 2009, 16) und „große Verderber der neueren deutschen Geistesgeschichte“ (ebd.) bezeichnet, sowohl Erich Maria Remarque und Carl Zuckermayer lobten und schätzten ihn (vgl. ebd., 16f), der Philosoph Peter Koslowski sagte, dass sich sein Werk zu einem „Epos der Moderne“ (zit. nach ebd., 14) zusammenfassen ließe. Joseph Goebbels war von ihm enttäuscht (vgl. ebd., 339-344). Irmela von der Lühe bezeichnet ihn als „amoralischen Ästheten“ (vgl. von der Lühe 2019, 13). Es steht außer Frage, dass Ernst Jünger einer der großen und kontroversen Schriftsteller Deutschlands ist.

Die Arbeit untersucht, ob literarisch-thematische Kontinuitätslinien zwischen der Konservativen Revolution und den „Neuen Rechten“ existieren. Exemplarisch stehen dafür Ernst Jüngers „Gläserne Bienen“ und Volker Zierkes „Enklave“. Zierke ist ein bisher recht unbekannter Autor, der zu den „Neurechten“ gezählt wird und sich regelmäßig im Umkreis des Jungeuropa Verlags aufhält.

Ausgangspunkt für das Thema ist Frage, wenn sich die „Neuen Rechten“ politisch auf die Konservative Revolution beziehen, bedeutet das auch, dass sie es in ihren belletristischen Werken[1] tun?

Warum habe ich diese beiden Schriftsteller und diese beiden Werke für meine Untersuchung ausgesucht? Ernst Jünger und Volker Zierke sind beide deutsche „soldatische Schriftsteller“, die militärische und kriegerische Themen in ihren Werken behandeln. Das macht sie relativ ähnlich. „Gläserne Bienen“ und „Enklave“ gehören beide der (dystopischen) Science-Fiction an, beide Werke haben einen Soldaten als Protagonisten ihrer Geschichten und beide haben einen ähnlichen Umfang (143 Seiten und 130 Seiten). Als vergleichende Themenkomplexe habe ich gewählt: Technologie (und darüber hinaus die „moderne Welt“), die Darstellung des Soldatentums und Autorität. Warum gerade diese Thematiken? Sowohl die „Neue Rechte“ als auch die „Konservative Revolution“ beschäftigen sich intensiv mit diesen Themen – „Technolgie“ wird u.a. behandelt von Oswald Spengler („Der Mensch und die Technik“), Ernst Jünger („Der Arbeiter“), Martin Sellner („Transhumanismus. Die Überwindung der Natur“) und Eva Rex („TechnOkkultismus. Heilserwartung und KI“); „Soldatentum“ u.a. von Ernst Jünger und Dominique („Söldner ohne Sold“); „Autorität“ ist eine zentrale Säule des „konservativ-revolutionären“ und „neurechten“ Denkens, wird u.a. behandelt von Arthur Moeller van den Bruck, Ernst Jünger, Benedikt Kaiser und Carl Schmitt.

Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit den Ideologien und Grundlagen der Konservativen Revolution sowie der „Neuen Rechten“. Das ist wichtig, um zu verstehen, in welchem gedanklichen Umfeld sich die beiden Schriftsteller aufhalten, über welche Ideologeme sie diskutieren und woher ihre Ideen eigentlich kommen. Dieser Teil dient somit historisch-kontextualisierend.

Im zweiten Teil werden „Gläserne Bienen“ und „Enklave“ untersucht. Zunächst erfolgt eine Betrachtung von Leben und Wirken des Autors. Anschließend wende ich mich der Thematik der Technologie zu, gefolgt von der Analyse von Soldatentum und Autorität. Es werden auch immer wieder Bezüge zur realen Welt hergestellt.

Abschließend werden die Werke miteinander verglichen und Schlussfolgerungen gezogen.

Aufgrund des relativ jungen Alters von Volker Zierke und seiner eher geringen Bekanntheit fand eine wissenschaftliche Betrachtung seiner Werke bisher nicht statt. Allgemein sind die belletristischen Werke „neurechter“ Autoren kaum Objekte wissenschaftlicher Forschung. Mit dieser Arbeit möchte ich einen Teil dazu beitragen und auch für ein besseres Verständnis „neurechter“ Ideen und Projekte und der Auseinandersetzung mit ihnen beitragen, besonders in der aktuellen politischen Lage.

Die Konservative Revolution ist sehr gut erforscht, bisher fehlt aber eine systematische Darstellung der „Neuen Rechten“. In der Arbeit beziehe ich mich auf Stefan Breuer, Helmut Kiesel, Stefan Blankertz, Kurt Sontheimer, Patrick Hermansson, David Lawrence, Joe Mulhall sowie auf die Werke von „neurechten“ und „konservativ-revolutionären“ Autoren. 


[1] Neurechte belletristische Werke sind relativ rar gesät. Zu den bekanntesten zählen: „EuropaPowerBrutal“ von John Hoewer (vgl. Hoewer 2021), „Ein Tag im Leben des Dimitri Leonidowitsch Oblomov“ von Guillaume Faye (vgl. Faye 2020) und natürlich die Werke von Volker Zierke „Enklave“ (vgl. Zierke 2020) und „Ins Blaue“ (vgl. Zierke 2021a).

2. Konservative Revolution

2.1 Anfang, Ursprung und Grundlagen der Konservativen Revolution

Bei der sogenannten Konservativen Revolution (im Folgenden abgekürzt als KR) handelt es sich um eine lose Ansammlung von Intellektuellen des rechten Spektrums, die besonders während der Zeit der Weimarer Republik von 1918 bis 1932 aktiv waren. Die KR bildet eine dritte Strömung zwischen wilhelminischen Deutschnationalen (den damaligen „Altrechten“) und Nationalsozialisten, wobei durchaus Verknüpfungspunkte und Überschneidungen zwischen den beiden anderen Strömungen existieren. Hierbei handelt es sich nicht um eine Organisation oder gar eine Bewegung im engeren Sinne, die KR war auf verschiedene Einzelpersonen (Thomas Mann, Oswald Spengler, Carl Schmitt), Zeitungen („Der Widerstand“, „Der Vormarsch“, „Die Tat“, „Arminius“), Zirkel („Tat-Kreis“, „Juniklub“) und Freundschaften (zwischen Carl Schmitt und Ernst Jünger) (vgl. Mohler; Weissmann 2005, 87-92) begrenzt.

Geprägt wurde der Begriff vom Schweizer Rechtsintellektuellen Armin Mohler. 1950 schrieb er seine Dissertation „Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932“, ein Handbuch, dass die fünf Gruppen[1], die Ideen sowie die Biografien der einzelnen Vertreter der KR behandelt. Zur selben Zeit war Mohler als Sekretär für den Schriftsteller Ernst Jünger tätig (vgl. ebd., 4-7).

Später in den 60er Jahren arbeitete Mohler als Berater und Redenschreiber für den CSU-Vorsitzenden und späteren bayerischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß, unterstützte Franz Schönhuber und seine CSU-Ableger Partei „Die Republikaner“, schrieb unter anderem für die Zeitschriften „Criticón“ und „Junge Freiheit“. Er unterhielt auch weitreichende Kontakte zu französischen Denkfabriken wie GRECE[2] und zum „Gründer“ der „Neuen Rechten“ Alain de Benoist (vgl. Funke 2019, 89f.).

Mohler hatte einen maßgeblichen Einfluss auf die deutschen „Neurechten“, u.a. auf Persönlichkeiten wie Götz Kubitschek und Martin Lichtmesz (vgl. Kaiser 2020, 88). Benedikt Kaiser, ein Akteur der „Neurechten“ schreibt, „will man die heutige neurechte Szenerie verstehen, muß man zu Mohler greifen“ (ebd.). Mohler fungiert somit als Scharnier zwischen der Konservativen Revolution und den „Neuen Rechten“.

Der Name „Konservative Revolution“ wurde nicht von allen Vertretern dieser Strömung verwendet, die Bezeichnung setzte sich erst später (aber nie vollständig) durch. Ebenso geläufig waren „vaterländisch“, „völkisch“, „Nationalbewegung“ und „jungkonservativ“ (vgl. Mohler; Weissmann 2005, 93). Stefan Breuer lehnt den Begriff „Konservative Revolution“ ab, da diese „Bewegung“ für ihn nicht „konservativ“ sei, strebt sie doch nicht die Restaurierung der Adelswelt an, sondern die Ablösung der modernen bürgerlichen Gesellschaft, wobei sie an bestimmte Merkmale der Moderne festhält. Er favorisiert die Bezeichnung „neuer Nationalismus“ (vgl. Breuer 1995, 180-202).

Es sei auch anzumerken, dass die Verwendung des Begriffs der „Konservativen Revolution“ in der Wissenschaft umstritten ist. Einige Forscher sehen die Akteure der „Konservativen Revolution“ als Vordenker und Wegbereiter des Nationalsozialismus und argumentieren, dass Mohler versuche, diese Personen „reinzuwaschen“.

Was die einzelnen Akteure der KR trotz ihrer Unterschiedlichkeit vereint, ist ihr radikales Nein zum demokratisch-liberalen System (vgl. Sontheimer 1992, 120). Ihre übereinstimmende Position „ist das kompromisslose Verdikt über den politischen [sic!] Liberalismus als einer dem deutschen Wesen unangemessenen, ‚westlichen‘ Erscheinung, deren Übernahme mitsamt ihren Folgen […] rückgängig gemacht werden sollte“ (Breuer 1995, 181). Sie lehnt die Demokratie, den Liberalismus, den Parlamentarismus, den Marxismus, den Internationalismus, den Fortschritt und Materialismus ab.

Die KR, in ihrem Verständnis von Konservatismus, will „das Bewahrende, das Bleibende, das Ewige; aber sie findet es noch nicht in ihrer Zeit“ (Sontheimer 1992, 120). Konservativ sein bedeutet, so wie es Arthur Moeller van den Bruck in seinem Buch „Das dritte Reich“ formuliert, „Dinge zu erschaffen, die zu erhalten sich lohnt“ (zit. nach Breuer 1995, 14).

Daher grenzt sie sich auch von den „alten, nationalistischen Rechten“, den wilhelminischen Deutschnationalen, den Reaktionären ab, die sich verzweifelt an das Vergangene klammern (vgl. Sontheimer 1992, 119). Die Vertreter der KR streben nicht die Restaurierung des Kaiserreiches an, auch der „Royalismus“, die Verherrlichung des Kaisertums wird entschieden zurückgewiesen. Eine Wiederherstellung vergangener, vermeintlich „glorreicher“ Tage wird als aussichtslos eingeschätzt (vgl. Mohler; Weissmann 2005, 87). Moeller van den Bruck findet sehr deutliche Worte für diese Art von „Nostalgikern“: „Was war, das wird niemals mehr sein. […] Reaktionär ist, wer […] Geschichte rückgängig machen möchte. […] Reaktionär ist, wer das Leben, was wir vor 1914 führten, noch immer für schön und groß, ja überaus großartig hält“ (Moeller van den Bruck 2006, 176f.).

Die Anfänge der KR liegen zum einen bei Thomas Mann und seinem 1918 erschienenen Buch „Betrachtungen eines Unpolitischen“ und bei Oswald Spengler und seinem Mammutwerk „Der Untergang des Abendlandes“, das ein Jahr nach den „Betrachtungen“ veröffentlicht wurde (vgl. Mohler; Weissmann 2005, 65-71). Thomas Mann findet in seinem Großessay deutliche Worte gegen Demokratie, Internationalismus und Liberalismus, die für ihn „Dogmen“ eines „Neuen Pathos“ sind, diese seien „undeutsch“, ja gar „deutschfeindlich“, so wie jede Politik „deutschfeindlich“ sei (vgl. Mann 2009, 50f.). Er schreibt, dass er „tief überzeugt [ist], daß das deutsche Volk die politische Demokratie niemals wird lieben können, aus dem einfachen Grunde, weil es die Politik selbst nicht lieben kann“ (ebd., 51). Der Erste Weltkrieg sei ein Kampf zwischen „Zivilisation“ (USA, „Welt-Entente“, „Weltdemokratie“, „Westen“) und „Kultur“ („Deutschtum“) (vgl. ebd., 67-72). Für ihn ist der Unterschied zwischen „Kultur“ und „Zivilisation“ der Unterschied „von Seele und Gesellschaft, von Freiheit und Stimmrecht, von Kunst und Literatur“ (ebd., 52). Deutschland werde im Inneren bedroht von „Verbündete[n] und Förderer[n] der Weltdemokratie“ (ebd., 61). Ernst Jünger stimmte den „Betrachtungen“ des Thomas Mann deutlich zu und sah sie als eine Art Anregung für seinen eigenen „Neuen Nationalismus“, obwohl die beiden Schriftsteller später sich auf gegnerischen Seiten sehen sollten (vgl. Kiesel 2009, 101). Thomas Mann distanzierte sich von seinen „Betrachtungen“.

Das zweite große Werk, das die KR maßgeblich beeinflusste, war Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes, Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte“. In diesem stellt Spengler sein zyklisches Geschichtsverständnis vor, dass besagt, das Kulturen, ähnlich dem Menschen, einen Wandel durchlaufen – sie werden „geboren“, sie wachsen, haben eine „Blütephase“, eine „Hochzeit“, einen Niedergang und letztendlich „sterben“ sie, woraufhin der Prozess von Neuem beginnt (vgl. Mohler; Weissmann 2005, 68-71). In der Einleitung schreibt Spengler, dass mit diesem Buch „zum ersten Mal der Versuch gewagt [wird], Geschichte vorauszubestimmen“ (Spengler 2023, 23).

Mit „Untergang“ meint er, „das zwangsläufige Ende, das Erstarren einer bestimmten, nämlich der in West- und Mitteleuropa seit dem Mittelalter entstandenen Kultur“ (Mohler; Weissmann, 68). Dieses Ende würde in die Phase des „Cäsarismus“ münden, wo nur noch charismatische Führer herrschen, die sich auf die „Masse“ stützen und mit Einschüchterung und bloßer Gewaltausübung regieren. In diesem Menschentyp erkannte Spengler aber auch eine Möglichkeit der Erneuerung. Ein Cäsar könnte den demokratischen Parlamentarismus und die „Geldherrschaft“ hinwegfegen, die Menschen „neu formen“ und eine Diktaur errichten, gestützt auf einen „aristokratischen Sozialismus“ (vgl. ebd., 68ff.).

Trotz des sehr pessimistisch anmutenden Titels, sah sich Spengler nie selber als „Pessimist“. In seinem Aufsatz „Pessimismus?“ schreibt er: „Nein, ich bin kein Pessimist. Pessimismus heißt: keine Aufgaben mehr sehen. Ich sehe so viele noch ungelöst, daß ich fürchte, es wird uns an Zeit und Männern für sie fehlen“ (Spengler 1938, 75). Jedes Ende bedeutete für ihn auch einen neuen Anfang.

Als weiterer wichtiger Vertreter ist noch Arthur Moeller van den Bruck zu nennen, sein Werk „Das dritte Reich“ ähnelt einem Manifest der KR. In diesem Buch behandelt er die Frage, was es bedeutet, ein Konservativer zu sein. Diesen stellt er in Relation zum Proletariat, zum Revolutionären, zum Sozialismus, zum Liberalismus und zur Reaktion. Des Weiteren analysiert er die Novemberrevolution und deren Konsequenzen (vgl. Moeller van den Bruck 2006). Auch übt er heftige Kritik an liberaler Ideologie, denn der „Liberalismus hat Kulturen untergraben. Er hat Religionen vernichtet. Er hat Vaterländer zerstört. Er war die Selbstauflösung der Menschheit“ (ebd., 80). Am Ende stellt er ein kommendes „drittes Reich“ in Aussicht, das wilhelminische Reich war nur ein „Uebergang [sic!] zu einem dritten Reiche […], zu einem neuen und letzten Reiche, das uns verheißen ist, und für das wir leben müssen, wenn wir leben wollen“ (ebd., 259). Dieses „Endreich“ wird niemals entstehen können, denn „[e]s ist das Vollkommene, das nur im Unvollkommenen erreicht wird“ (ebd., 260). Moeller van den Bruck drückt damit den Kern der KR aus, von Kurt Sontheimer als eine Ideologie beschrieben, die keine genauen Kenntnisse der Politik hatte, sondern eher mit großen Träumen, Utopien und Idealen arbeitete (vgl. Sontheimer 1992, 123).


[1] Bei den fünf Gruppen handelt es sich um Völkische, Jungkonservative, Nationalrevolutionäre/Nationalbolschewisten, Bündische und Landvolkbewegung. Die fünf Gruppen werden in Kapitel 2.2 näher betrachtet.

[2] „CRECE“ ist eine Abkürzung für „Groupement de recherche et d’études de la civilisation européenne“ (dt. „Forschungsgruppe zur Studie der Europäischen Zivilisation“). Es ist auch ein Homonym für das französische Wort „Grèce“, Griechenland (vgl. Sunic 2011, 51). Diese Denkfabrik wird im Kapitel „Neue Rechte“ näher behandelt.

2.2 Die fünf Gruppen der Konservativen Revolution

Die KR wird für gewöhnlich in fünf Gruppen unterteilt: Völkische, Jungkonservative, Nationalrevolutionäre, Bündische und Landvolk. In diesem Abschnitt werde ich auf jede näher eingehen.

Ich beginne mit den sogenannten „Völkischen“. Diese Gruppe gehört zu den ältesten der KR, sie war bereits in der wilhelminischen Zeit aktiv, ohne eine geschlossene Organisation zu bilden, sondern ein Amalgam aus verschiedenen Gruppierungen, wie dem „Alldeutschen Verband“, dem „Reichshammerbund“, den ariosophischen Kreisen (Ordo Novi Templi, „Germanen-Orden“, „Ariosophische Gesellschaft“, „Edda-Gesellschaft“), dem „Tannenbergbund“ und dem „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund“. Während der Weimarer Republik fristeten die völkischen Gruppierungen ein eher bedeutungsloses, marginalisiertes Dasein, ihre explizit negativ ausgerichtete Programmatik und die fehlenden politischen Zielsetzungen fanden in der sich stabilisierenden deutschen Gesellschaft wenig Anklang, trotz der weitverbreiteten „Dolchstoßlegende“ (vgl. Mohler; Weissmann 2005, 99-107).

Was die verschiedenen völkischen Bewegungen und Organisationen miteinander verband, war der Kampf gegen Katholizismus und Freimaurerei, extremer Antisemitismus, heidnische Religionsvorstellungen bzw. „germanisiertes Christentum“, die Forderung nach einer überkonfessionellen deutschen Reichskirche (wobei diese Forderung im Lager der sogenannten „Völkisch-Religiösen“ verblieb), die Vorstellung einer „nordischen Rasse“ (die ihr Zuhause in einem „nordischen Atlantis“ hat), „Rassenfragen“, Esoterik („Vril[1]“, Atlantis, Astrologie etc.) und die Verherrlichung des Germanentums (vgl. ebd., 100-113).

Die zahlenmäßig größte völkische Gruppe war der bereits erwähnte „Tannenbergbund“, gegründet von Erich Ludendorff als Reaktion auf die verlorene Präsidentschaftswahl von 1925. Ludendorff schaffte es aufgrund seiner Persönlichkeit und seiner Bekanntheit, fast 40.000 Menschen in seine Organisation zu ziehen. Doch wie alle völkischen Gruppen litt auch der „Tannenbergbund“ an einem fehlenden konkreten, politischen Programm. Ludendorff interessierte sich auch weniger für religiöse Fragen, sondern fokussierte sich ausschließlich auf Verschwörungstheorien. Er sah die Vernichtung des deutschen Volkes nahen durch das Komplott von „Weltjudentum“ und katholischer Kirche. Seine Polemik richtete sich gegen (vermeintliche) „supranationale Mächte“ wie die Jesuiten, das Judentum, den Kapitalismus und der Freimaurerei, die sich alle gegen das deutsche Volk verschworen hätten. Ludendorff vermochte es nicht, seinen Bund zusammenzuhalten, viele Mitglieder wanderten zur erfolgreicheren Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei ab (vgl. ebd., 107ff.). Mit dem Aufstieg der NSDAP wurden viele völkische Gruppierungen auch endgültig in die Bedeutungslosigkeit gedrängt oder in den neuen totalitären Führerstaat absorbiert. Das „Völkische“ fand mit dem Nationalsozialismus und seiner Eugenik, seiner Vorstellung von „arischen Herrenmenschen“ und seinem genozidalen Antisemitismus und Slawenhass seine grausamste Ausprägung (vgl. Sontheimer 1992, 134). Sontheimer schreibt, dass das „[Völkische] in seiner krassen Ausprägung zum Primitivsten und Geistlosesten [gehört], was die politischen Ideologien der Zeit zu bieten hatten“ (ebd., 131).

Die zweite Gruppe sind die „Jungkonservativen“, bei dieser Strömung der KR handelt es sich um die größte und einflussreichste („jungkonservativ“ und „konservativ-revolutionär“ wurden häufig synonym verwendet). Zu ihr gehören prominente Vertreter wie Arthur Moeller van den Bruck, Hans Zehrer, Edgar Julius Jung und Othmar Spann. Die „Jungkonservativen“ vereint die Ablehnung der liberalen Demokratie, des Parteiensystems, des Versailler Vertrags, der politischen Massen sowie die Befürwortung eines „korporativen Ständestaates“, eines „preußischen (bzw. eines deutschen) Sozialismus“ (ein Begriff geprägt von Oswald Spengler[2]), der Elitenherrschaft und einer „nationalen Demokratie“. Organisiert waren die „Jungkonservativen“ nicht in Parteien, sondern in Zeitungen und Zirkeln, wie dem „Ring“, dem „Juni-Klub“, dem „Herrenklub“ und der Zeitung „Gewissen“ (vgl. Mohler; Weissmann 2005, 115-121).

Aufgrund ihrer Abneigung der „Massenpolitik“ versuchten die „Jungkonservativen“ direkten Einfluss auf rechte Parteien wie die DNVP und auf die Regierenden (in diesem Fall die Kabinette Papen, Brüning und Schleicher) auszuüben, um ihre „Revolution von oben“ zu verwirklichen. Eine besondere Fixierung hatten sie auf das Amt des Reichspräsidenten, dessen Position sie erheblich stärken wollten. Dabei verwiesen sie oft auf den Juristen Carl Schmitt und seine theoretischen Schriften (vgl. ebd., 121ff.). Sehr erfolgreich dabei war Edgar Julius Jung, der zum politischen Berater und Redenschreiber des Vizekanzlers Franz von Papen avancierte. Für ihn schrieb er die „Marburger Rede“, in der er den Nationalsozialismus scharf angriff und das „versteckte“ Signal zu einem Staatsstreich gab, an dessen Ende ein Militärregime stehen sollte, das den Weg für eine „konservativ-christliche Revolution“ freimachen würde. Der Plan schlug fehl, Jung wurde im Zuge der „Nacht der langen Messer“ am 1. Juli 1934 von SS-Wachen erschossen (vgl. ebd., 202f.).

Die dritte Gruppe sind die „Nationalrevolutionäre“, deren bekannteste Vertreter die Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger und der Nationalbolschewist Ernst Niekisch sind. Der „revolutionäre Nationalismus“ unterscheidet sich deutlich von den „Jungkonservativen“. Durch die Erfahrungen der Grabenkämpfe des Ersten Weltkriegs geformt, ist er von einer weitaus aggressiveren, militanteren, rücksichtsloseren Natur als sein eher „romantisch-intellektuell“ geprägter Konterpart. Er verachtet die Demokratie, den Liberalismus, die Aufklärung, die Vernunft, das Geistige, das Schwache. Die „Nationalrevolutionäre“ lehnen die wilhelminische Zeit und den Patriotismus der Reaktion entschieden ab (vgl. Sontheimer 1992, 123f.). Sie wollen das bereits Existierende, die bürgerliche Gesellschaft umstürzen (vgl. ebd., 125), sie haben „nichts zu bieten als eine Kampfansage an alles Bestehende“ (ebd., 126). Dem „schwachen Bürger“ werden „Gestalten“ wie der „namenlose Soldat“ und der „Arbeiter“ gegenübergestellt, die es geschafft haben, Vernunft und Menschlichkeit zu überwinden (vgl. ebd.). Der Einzelne, das Individuum verschwindet in der sogenannten „Gestalt“, sie ist „das Ganze, das mehr als die Summe seiner Teile enthält“ (E. Jünger 2018, 39). Gehorsamkeit und Führerkult spielen eine tragende Rolle im „revolutionären Nationalismus“, „der Führer wird daran erkannt, daß er der erste Diener, der erste Soldat, der erste Arbeiter ist“ (ebd., 19).

Der „nationalistische Staat“ ist kalt wie Stahl, eine technokratische Maschine, ein planetarisches Imperium, beherrscht von einer Aristokratie aus Soldaten, Offizieren, Ingenieuren und Technikern, repräsentiert von Fabriken und Kriegsmaschinen, deren Besuch dem Anschauen einer Oper gleicht (vgl. ebd., 291-310). Das Deutschland der Zukunft ist „der unwiderstehliche Hundertmillionenblock des Deutschtums im Herzen Europas“ (F. G. Jünger 2010, 65). Der „revolutionäre Nationalismus“ ist somit nicht nur nationalistisch, sondern auch imperialistisch (vgl. ebd., 63-66).

Die ehemaligen Frontsoldaten, deren Vater und Sohn der Krieg ist (vgl. E. Jünger 2017, 12), übertragen die Organisationsform eines Heeres auf ihre Staatsvorstellungen, die Gedanken Nietzsches (z.B. der „Wille zur Macht“ und der „Übermensch“) wie auch die Ideen Spenglers werden in eine aktivistische Weltanschauung umgeformt (vgl. Sontheimer 1992, 126).

Eine Unterströmung des „revolutionären Nationalismus“ ist der „Nationalbolschewismus“, der verschiedene Tendenzen innerhalb der Weimarer Republik aufgreift, angefangen von der außenpolitischen Annäherung an die Sowjetunion über den nationalen Kurs der KPD bis hin zu einer Synthese von Nationalismus und Bolschewismus. Der bekannteste und größte Exponent dieser Ideologie war Ernst Niekisch. Er sah die Befreiung der Arbeiterklasse als Kampf nicht nur gegen den Kapitalismus, sondern auch gegen den Versailler Vertrag und gegen die Mächte der Entente, also einer Versöhnung von Sozialem und Nationalem. Niekisch kritisierte das marxsche Dogma des „absterbenden Staates“, in der bolschewistischen Revolution und im Sowjetsystem sah er keinen „sterbenden“ Staat, sondern die „Vollendung“ des Staatsgedanken. Sein Ziel war die Schaffung einer Brücke zwischen dem „preußischen Potsdam“ und dem „sowjetischen Moskau“ (vgl. ebd., 127-130).

Bei der vorletzten Gruppe handelt es sich um die „Bündischen“, ähnlich den „Völkischen“ ist hier keine einzelne Gruppe vorzufinden, sondern ein Sammelsurium an Organisationen. Ihren Ursprung haben sie in den Jugendbewegungen wie dem „Wandervogel“ und dem Pfadfindertum (bzw. dem Boy Scouts). Die „Bündischen“ sind eine Verschmelzung dieser beiden Strömungen, sie verbinden den Führerkult und die jugendliche Unabhängigkeit des „Wandervogels“ mit der straffen Organisation der Pfadfinder. Die jungen Mitglieder marschieren im Gleichschritt in Gruppen, tragen einheitliche Uniformen, die Gesänge sind von kriegerischer Natur, es werden Zeltlager und Expeditionsfahrten veranstaltet. Die politische Erziehung in den Bereichen Staat, Gesellschaft und Wirtschaft, nicht die ideologische Indoktrination stand im Mittelpunkt (vgl. Mohler; Weissmann 2005, 158-164).

Eine einheitliche Weltanschauung oder gar einer eigenen Theorie fehlte den „Bündischen“ komplett, wobei es aber einige „bündische“ Denker gab wie Hans Blüher, der die Geschichte des „Wandervogels“ aufschrieb und eine Theorie vom „Männerbund“ aufstellte. Damit verband er die Antike (archaische Gesellschaft, Sparta), das Mittelalter (Ritterorden), die Frühe Neuzeit (preußisches Offizierskorps) und die modernen Jugendbewegungen miteinander (vgl. ebd., 165).

Eine zweite Strömung der „Bündischen“ waren die „Kampfbünde“, die aus den Freikorps hervorgegangen waren. Ähnlich wie die Jugendbewegungen waren auch sie militärisch-hierarchisch organisiert und unterstanden in der Regel einem „Führer“. Die Idee des „Bündischen“ hatte in der Weimarer Zeit einen so großen Einfluss, dass beinahe jede Partei einen eigenen „Kampfbund“ als Schutztruppe unterhielt, der „Rote Frontkämpferbund“ der KPD, „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ von SPD und Zentrum, der „Jungdeutsche Orden“ der DDP, die „Sturmabteilung“ der NSDAP sowie der „Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten“ der DNVP. Darüber hinaus gab es noch unzählige rechte „Kampfbünde“, wie den „Wehrwolf“, „Wiking“, „Ekkehard“ und „Oberland“ (vgl. ebd. 169ff.).

Die fünfte und letzte Gruppe, die zur KR gehört, ist das „Landvolk“. Diese Bewegung hat ihren Ursprung in Bauernverbänden und -protesten, die wegen der zahlreichen wirtschaftlichen Krisen und Destabilisierungen in den letzten Jahren der Weimarer Republik zunehmen. Das „Landvolk“ steht in Tradition zu den unzähligen Bauernaufständen, die es in der deutschen Geschichte gab, wie dem Bauernkrieg von 1524/25. Ihren Anfang nahm sie bei einer Demonstration am 28. Januar 1928 in Schleswig-Holsteins, bei der sich 14.000 Bauern versammelten und gegen die miserable wirtschaftliche Situation und die Weimarer Politik protestierten. Zu ihren Aktionen zählten stille Märsche, Boykott von Steuerzahlungen und Hof-Versteigerungen. Die Bewegung plädierte für Schutzzölle, Autarkie, die Aufhebung des Versailler Vertrags und damit auch der Reparationen und der Kriegsschuld, für die Achtung des Bauernstandes und der Landwirtschaft. Besonders verhasst war ihnen das „tatenlose“ „Weimarer System“ und der demokratische Parteienstaat. Das „Landvolk“ versammelte sich unter einer schwarzen Fahne, auf der ein weißer Pflug und ein rotes Schwert abgebildet waren (vgl. ebd., 171-174).    Ab Sommer 1929 begann sich das „Landvolk“ unter der Führung von Claus Heim und Wilhelm Hamken zu radikalisieren. Heim verübte in Kooperation mit „Kampfbünden“ und einigen nationalrevolutionären Gruppen acht Sprengstoffanschläge, die sich in erster Linie gegen Sachgegenstände richteten, doch diese Aktionen isolierten die Spitze vom Rest der „Landvolk“-Bewegung und sorgten für stärkere staatliche Repressionen gegen die Bauerngruppen. Heim wurde zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, damit war das „Landvolk“ quasi führerlos und die NSDAP konnte die Proteste für sich vereinnahmen, trotz einiger Vorbehalte der NS-Parteispitze (vgl. ebd., 174ff.).


[1] Eine Art von „kosmischer Urkraft“ (vgl. Mohler; Weissmann 2005, 113).

[2] Spengler schrieb 1919 ein Buch mit dem Titel „Preußentum und Sozialismus“, wo er „seinen“ Sozialismus (eine Mischung aus Klassenkooperation, preußischen Tugenden und deutschen Nationalismus)  der marxistischen Variante gegenüberstellt. Des Weiteren vergleicht er die preußische mit der englischen Kultur (vgl. Spengler 2016).

3. Neue Rechte

3.1 Begriffserklärung und erste Generation

Bevor dargelegt wird, wer und was die „Neuen Rechten“ (frz. „Nouvelle Droite“) sind, muss erläutert werden, wer und was die „Neuen Rechten“ nicht sind. Grundlegend lässt sich erst einmal sagen, dass es sich bei den „Neurechten“ um eine geistig-intellektuelle Strömung innerhalb des politisch-rechten Spektrums handelt, die sich auf die Denker der Konservativen Revolution, so z. B. auf Carl Schmitt und seiner Theorie von der „politischen Freund-Feind-Erkennung“ (vgl. Sunic 2011, 83-90) und ebenso auf einige linke Theoretiker wie Antonio Gramsci bezieht und die die „alten Rechten“ (Nationalsozialismus, Faschismus, rechtsautoritäre Ideologien wie Franquismus, Estado Novo[1], Metaxismus, dem österreichischen Ständestaatsgedanken, Militärjunta usw.) ablehnt. Abzugrenzen sind sie von liberalkonservativen[2] Persönlichkeiten, wie sie in der „Christlich Demokratischen Union Deutschlands“, der „Österreichischen Volkspartei“, den „Freien Wählern“, in Teilen der „Alternative für Deutschland“ sowie in Teilen der US-Republikaner zu finden sind. Sie sollte ebenso wenig mit der „New Right“ verwechselt werden, eine neoliberale, individualistische, anti-egalitäre, konservative rechte Strömung, die sich auf die Theorien von Ludwig van Mises und Friedrich August von Hayek bezieht und ihre Ideen in Politikern wie Ronald Reagan und Margaret Thatcher verwirklicht sieht (vgl. ebd., 55f.).

Auch gehört die sogenannte US-amerikanische „Alternative Right“ trotz einiger Gemeinsamkeiten nicht zu den „Neuen Rechten“. Bei der „Alt-Right“ handelt es sich um eine in den frühen 2010ern entstandene Sammelbewegung aus Neo-Nazis, Neo-Konföderierten, Neoreaktionären[3], Libertären, „Weißen Nationalisten“, „Trollen“ und Konservativen, die zum größten Teil nur im Internet existiert, wobei einige Gruppierungen den Sprung in die „echte Welt“ geschafft haben, wie z.B. das „National Policy Institute“, „Antelope Hill Publishing“, „Imperium Press“, die „Unite the Right“-Rally von 2017 usw. Vereint sind sie durch ein anti-liberales, anti-marxistisches, anti-globalistisches, nationalistisches Weltbild (vgl. Hermansson, et al. 2020, 1-23).

Wichtig ist die Differenzierung der „Neuen Rechten“ von sogenannten „One Topic (bzw. Anti-)“-Bewegungen, wie die „Patriotischen Europäer Gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA) und die „Querdenker“, da ihnen ein kohärentes Weltbild sowie eine nennenswerte politische Programmatik fehlen. Es muss aber erwähnt werden, dass es zwischen diesen Bewegungen und den „Neuen Rechten“ einige Verbindungen gibt.

Die „Neue Rechte“ ist vormalig ein deutsch-französisches Phänomen, aber es gibt auch eine russische Variante, die sich um den Philosophen Alexander Dugin (vgl. Laqueur 1993, 119-180) und die (verbotene) „Nationalbolschewistische Partei Russland“ unter dem bereits verstorbenen Eduard Limonow (vgl. Shenfield 2001, 190-220) gebildet hat. Dugin selbst nimmt sehr oft Bezug auf die Denker der KR (vgl. Dugin 2022, 118-128). Die Arbeit beschränkt sich aber auf die deutsch-französischen Vertreter.

Die „Neuen Rechten“ wirken über Zeitschriften („Sezession“, „Die Kehre“, „Der Eckart“, „Heimatkurier“, „élements“, „Krisis“), Denkfabriken („Institut für Staatspolitik“, „GRECE“, „Institut Iliade“), Verlage („Verlag Antaios“, „Jungeuropa Verlag“, „Hydra Comics“), Podcasts („Neuschwabenfunk“, „Die Schwarze Fahne“) und aktivistische Gruppen („Identitäre Bewegung“, „Eisenfaust“).

Die Bezeichnung „Neue Rechte“ hat seinen Ursprung in französischen Medien während der 1970er, die den Begriff nutzten, um eine Gruppe von Intellektuellen zu kategorisieren (vgl. Sunic 2011, 50), die zehn Jahre früher „an all-out war against communism, liberalism, and the Judaeo-Christian heritage in Europe“ ausriefen (ebd.). Einer der Vorreiter der „Neuen Rechten“ ist der Franzose Alain de Benoist, der 1968 die Forschungsgruppe „GRECE“ gründete. Er sieht die „Neurechten“ nicht als eine politische Bewegung, sondern als eine Denkschule an. Außerdem verortet er sie nicht innerhalb der Rechten, sondern eher als eine Mischung aus linken wie rechten Ideen, mit einem starken pan-europäischen und metapolitischen Fokus. Diese Denkschule richtet sich gegen Kapitalismus, freie Marktwirtschaft, Individualismus, die „Bourgeoisie“ und den USA (vgl. de Benoist, The New Right. Forty Years After 2011, 21-28). Laut Tomislav Sunic wäre der Name „Europäische Linkskonservative“ ebenfalls zutreffend (vgl. Sunic 2011, 44).

In vielen Punkten ähneln die frühen „Neuen Rechten“ den damals ebenfalls erscheinenden „Neuen Linken“, die durch die unterschiedlichen nationalen 68er-Bewegungen Bekanntheit erhielten. Beide Gruppen glauben, dass politische Bewegungen nur die Macht sichern können, wenn diese sich auch kulturell engagieren und dort „Stützpunkte erobern“ (vgl. ebd., 53).

Der Begriff der „Metapolitik“ wird im nächsten Kapitel näher erläutert. Vorerst soll nur gesagt sein, dass sich die „Neue Rechte“ in ihren kulturellen und politischen Theorien auf den marxistischen Denker Antonio Gramsci bezieht. Der Denkansatz der „Kulturrevolution von rechts“ ist der Metapolitik verwandt. Die Idee dahinter ist, dass es zur Veränderung einer Gesellschaft nicht reicht, nur die politische (sprich: die parlamentarische) Macht zu erlangen, sondern es muss auch der kulturelle „Überbau“ (die kulturelle Macht) erobert werden. Nur wenn eine politische Bewegung beide Sphären kontrolliert, kann sie ihre Ideen reibungslos umsetzen. Wahlkampf- und andere politisch-parlamentarische Siege sind nur kurzfristige Erfolge, die Besetzung der „Kulturhegemonie“ ist hingegen ein langfristiger Prozess. Erreicht werden soll das durch politisch gebildete Intellektuelle und Künstler, die in die Universitäten, in die Schulen, in die Medienproduktion, in die Verlage und Zeitungen „eindringen“ und das „Overton-Fenster“[4] zu ihrem Gunst verschieben (vgl. de Benoist 2022, 65-81). De Benoist schreibt, dass „ein Roman, ein Film, ein Theaterstück, eine Fernsehsendung etc. auf lange Sicht politisch umso wirkungsvoller sind“ (ebd., 79), da ihr politischer Charakter in der Regel nicht erkannt wird, im Gegensatz zu einem Werk, welches eindeutig und offensichtlicher politischer Natur ist. So können Ideen einfacher in den „Mainstream“ sickern (vgl. ebd.). Doch auch die Erlangung der „Kulturhegemonie“ bleibt impotent, wenn das Parlament sich in weiter Ferne befindet. Für den maximalen Erfolg müssen „Vorfeld“ (Intellektuelle, Verlage, Künstler, außerparlamentarische Bewegungen) mit der „Partei“ (die politische Vertreterin im Parlament) eng verzahnt sein, es muss ein weitverzweigtes „Mosaik“ gebildet werden (vgl. Kaiser 2022).

Zuletzt werfe ich ein Blick auf die deutsche Variante der frühen „Neuen Rechten“, die in den 1970ern und 80ern aktiv war. Diese wurde sehr stark von ihrem französischen Vorbild inspiriert, bis zur Übernahme der Grundlagen von Theorie und Praxis. Impulse gab der „neurechte“ Publizist Henning Eichberg, der sehr häufig Reisen in das französische Nachbarland unternahm. Sein Ziel war es, eine „neue Rechte“ zu schaffen, die es vermag, sich von der „alten“, als bürgerlich-konservativ empfundenen Rechten zu lösen (vgl. Kaiser 2023, 222ff.).

Die frühen deutschen „Neurechten“ waren ein Amalgam aus „post-strasseristischen“ Ideen, pan-europäischen Netzwerken wie dem „Jungeuropäischen Arbeitskreis“ von Arthur Ehrhardt und verschiedenen Zeitschriften. Zwei Organisationen standen dabei im Vordergrund: die „Solidaristische Volksbewegung“ (gegründet von Lothar Penz) und die „Sache des Volkes/Nationalrevolutionäre Aufbauorganisation“ (gegründet von Henning Eichberg), abgekürzt als „SdV/NRAO. Erstere Gruppe orientierte sich an Otto Strasser, bekannt für seine Zugehörigkeit zum und späteren Ausscheiden aus dem „linken“ Flügel der NSDAP, und an ökologische Themen. Die SdV/NRAO hingegen nahm den nationalbolschewistischen Denker Ernst Niekisch sowie radikal-linke Persönlichkeiten zum Vorbild und befasste sich mehr mit sozialistischen Ideen (vgl. ebd. 225).

Die Vertreter der ersten Generation deutscher „Neurechte“ wirkten bis in die Anfänge der 1980er, bis sie schließlich „geschrumpft und gespalten, ohne formelle Auflösungserklärungen ihre Arbeit einstellten“ (ebd.).


[1] Auch bekannt unter dem Namen „Salazarismus“.

[2] Unter Liberalkonservatismus wird  in der Regel eine wirtschaftsliberale Ideologie mit einem christlich-konservativen Gesellschaftsbild, einer Abneigung gegen Wohlfahrtstaat und Etatismus, einer Favorisierung transatlantischer Außenpolitik und einem besonderen Fokus auf Israel verstanden.

[3] Eine lose Gruppe (abgekürzt als „NRx“) von obskuren Philosophen des „Dark Enlightenment“, die sich durch ein anti-demokratisches, anti-egalitäres, technikverherrlichendes Weltbild auszeichnen. Vertreter sind z.B. Nick Land und Curtis Yarvin, der Verbindungen zum Silicon Valley und zu Peter Thiel besitzt (vgl. Hermansson, et al. 2020, 81-103).

[4] Rahmen des Sagbaren

3.2 Zweite Generation

Im Folgenden werden die Begrifflichkeiten Metapolitik, „Großer Austausch“ bzw. „Bevölkerungsaustausch“, „Ethnopluralismus“ und „Solidarischer Patriotismus“ thematisiert.

Metapolitik ist ein Begriff, der, wie bereits erwähnt, auf den italienischen Marxisten und Theoretiker Antonio Gramsci zurückgeht und eng mit den Konzepten der „kulturellen Hegemonie“ und der „Kulturrevolution“ verknüpft ist. Metapolitik bedeutet übersetzt so viel wie „hinter der Politik“. Sie ist ein Herrschaftswerkzeug, ein anderes Element ist der Repressionsapparat, des Staates (vgl. von Waldstein 2021, 13f), „also dessen Fähigkeit, sich auf geistige, ethische und traditionelle Werte zu stützen, die von der Mehrheit der Bürger bejaht werden“ (ebd., 14). Metapolitik ist somit nichts anderes als eine Möglichkeit der Einflussnahme auf das Verhalten und das Denken der Bürger (bzw. der Zivilgesellschaft) und der Beeinflussung des kulturellen Überbaus, wodurch ein „Kulturkrieg“ gewonnen und somit auch die politische Macht gesichert werden kann (vgl. ebd., 14f.). Dabei wird vor allem mit Bildern und Begriffen gearbeitet (Metaphern, Schlagworte, Kampfbegriffe, Slogans, Phrasen etc.), diese müssen stetig und wiederholt in den Diskurs gebracht werden, um ihre Wirkung entfalten zu können (vgl. Sellner 2022, 192ff.). Auch können Filme, Videospiele, Theaterstücke, Bücher, Plakate und Aktionen (z.B. eine Bannerausbreitung an symbolischen Orten) metapolitisch verwendet werden.

Ein solch metapolitischer Begriff und auch ein zentraler für die zweite Generation der „Neuen Rechten“ ist der des sogenannten „Großen Austausches“ bzw. des „Bevölkerungsaustausches“ (oder auch „Le Grand Remplacement“, „große Ersetzung“ und „replacement migration“). Geprägt wurde er vom französischen Schriftsteller Renaud Camus. Er versteht darunter den Austausch „des eingeborenen […] Volkes durch ein anderes Volk oder mehrerer anderer Völker; seiner Kultur durch die multikulturalistische Antikultur; seiner einst großen und vielbewunderten Zivilisation durch ein pluriethnisches ‚globales Dorf‘“ (Camus 2022, 98). Verantwortlich macht er sowohl linke als auch konservative Regierungen (Familienzusammenführung in Frankeich), aber primär Kapitalisten und der vorherrschende „Ökonomismus“, der Einwanderer zu billigen Arbeitskräften degradiere und deshalb mehr Anreize zur Einwanderung schaffe (vgl. ebd., 57-60). Für ihn sind die „Herren des internationalen Handels, die Geldgeber des globalen Dorfes, die Unternehmer der globalisierten Konzerne, die Schar der Manipulateure und Spekulanten“ (ebd., 63) die Schuldigen, Menschen, die, seiner Ansicht nach, in einer grenzenlosen, internationalisierten, gleichförmigen Welt leben wollen und daher daran arbeiten, die Nationen nach und nach zu zersetzen und abzuschaffen (vgl. ebd.). Ziel sei der „austauschbare Mensch, eine entwurzelte Spielfigur, der man alle Ecken und Kanten ihrer nationalen, ethnischen und kulturellen Zugehörigkeit abgeschliffen hat“ (ebd.).

Exporteure des „Bevölkerungsaustauch“-Begriffs im deutschsprachigen Raum sind allen voran die „Identitäre Bewegung“ (im Folgenden als „IB“ abgekürzt), eine „neurechte“, aktivistische Gruppierung, die sich 2012 aus der französischen Partei „Bloc Identitaire“ (gegründet 2003, heute bekannt unter „Les Identitaires“) und ihrer nun unabhängigen Jugendabteilung „Génération Identitaire“ herausgebildet hat. Die IB besitzt über elf Ableger in anderen europäischen Ländern (so in Deutschland, Österreich und Großbritannien), einer ihrer bekanntesten Sprecher ist der Österreicher Martin Sellner (vgl. Hermansson, et al. 2020, 66). Der „Große Austausch“ wird als rechtsextreme Verschwörungstheorie bezeichnet.

Eng verbunden mit der „Identitären Bewegung“ und den „Neurechten“ allgemein ist der Begriff des „Ethnopluralismus“, wie er im Werk von Martin Lichtmesz und in den Schriften Alain de Benoist verwendet wird. Dabei handelt es sich um ein anti-globalistisches Konzept, das sich gegen Universalismus, Liberalismus, Multikulturalismus, Sozialismus und Faschismus stellt (vgl. Lichtmesz 2020, 284f.). Martin Lichtmesz beschreibt es als „das entsprechende Grauen vor der Verflachung, Nivellierung und Gleichschaltung der Welt durch den Globalismus, der kein Anderswo und Anderswie zuläßt“ (ebd., 285) und als „das Bestreben, eine vitale Vielfalt der Daseinsformen zu erhalten – seien dies Menschentypen, Völker, Kulturen und Lebensweisen, aber auch Sprachen, Orte, Landschaften, Tier- und Pflanzenarten“ (ebd.). Der „Ethnopluralismus“ geht davon aus, dass es viele (einzigartige) Völker, Ethnien und Kulturen auf der Welt gibt, die alle different zueinander und nicht immer kompatibel miteinander seien. Die Vielfalt, die „Differenz“, die Einzigartigkeit der Völker, Kulturen und Menschengruppen zu erhalten, gilt als erstrebenswert (vgl. ebd., 284-298).

Anders ausgedrückt, „Ethnopluralismus“ ist die Idee, dass alle Völker/Menschengruppen/Kulturen „gleichwertig“ seien, aber getrennt leben sollten, dass jeder ein „Recht auf Unterschiede“ besäße. Bedroht würden diese Gruppen durch „Masseneinwanderung“, „Islamisierung“, Multikulturalismus, Globalismus und den dadurch resultierenden „Bevölkerungsaustausch“ (vgl. Hermansson, et al. 2020, 65f.). Kritiker des Begriffs sehen darin ein System der „globalen Apartheid“ und eine neue Rassenlehre.

Als letztes möchte ich den „Solidarischen Patriotismus“ behandeln, ein Konzept erdacht von Benedikt Kaiser. Dieser stellt den Versuch dar, die „soziale Frage“ von rechts zu beantworten. Der „Solidarische Patriotismus“ besteht aus zwei Komponenten, dem Solidarismus (bzw. der Solidarität), also das der Einzelne in der Gemeinschaft Verantwortung für das soziale Ganze trägt und dem Patriotismus (vgl. Kaiser 2021, 264f.), also das „Bekenntnis zum Eigenen, das man verteidigen und erhalten möchte“ (ebd., 265).

Die beiden Komponenten bedingen sich einander und sind untrennbar verbunden, ohne Solidarität keinen Patriotismus, ohne Patriotismus keine Solidarität. Der „Solidarische Patriotismus“ vereinigt ein rechtes Konzept mit „linken“ Elementen, denn nur eine Synthese der beiden könne die Probleme der Zukunft lösen. Die „rechte Seite“ beinhaltet ein Bekenntnis zu einer „relativ ethnisch-homogenen Gesellschaft“, eine daraus resultierende Ablehnung der „Masseneinwanderung“, einen Fokus auf soziale und innere Sicherheit, der Wunsch nach nationaler wirtschaftlicher Autarkie, die „Entbürokratisierung“ des Staates und die Förderung kleiner wie auch mittlerer Unternehmen (vgl. ebd., 265-273).

Auf der „linken Seite“ stehen die „relative sozial-homogene Gesellschaft“, der Schutz des Einzelnen vor den Kräften des Marktes, ein ausgebauter Sozialstaat, die höhere Besteuerung von „mühe- und leistungslosen Kapitalanhäufungen“ (z.B. Dividendenausschüttungen, Spekulation etc.), die Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien und -bereichen, staatliche Interventionen in das Marktgeschehen (vgl. ebd.), immer unter der Beachtung dass „relative Homogenität“ nicht „Gleichmacherei und Einheitsbrei“ (ebd., 268), sondern ein Garant für Stabilität ist.

4. Ernst Jünger und „Gläserne Bienen“

4.1 Leben und Wirken

Ernst Jünger wurde am 29. März 1895 in Heidelberg geboren, er war der älteste Sohn von Ernst Georg Jünger und Karoline Lampl. In seiner Schulzeit kam er in Kontakt mit den deutschen Klassikern (Goethe, Schiller, Hölderlin, Lessing), ausländischen Werken (Victor Hugo, Dostojewski, Ariost), Reisebüchern, Detektivromanen, Krimis, antiken Autoren (Plutarch, Platon, Tacitus) und Abenteuerromanen, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten sollten. 1901 wurden er und sein Bruder Friedrich Georg Jünger Mitglieder des „Wandervogels“, wo sie viel Zeit in der Natur verbrachten und Kameradschaft unter Gleichaltrigen kennenlernten (vgl. Kiesel 2009, 22-47).

1914 bekam er mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs eine Möglichkeit, der bürgerlichen Enge zu entkommen, er meldete sich als Freiwilliger beim Füsilierregiment 73 Prinz Albrecht von Preußen. Vier Jahre verbrachte er als Soldat an verschiedenen Fronten, schrieb Tagebuch, wurde mehrmals verwundet, stieg zum Kompanieführer und Offizier auf und erhielt am 22. September 1918 den „Pour le mérite“-Orden von Kaiser Wilhelm II. verliehen (vgl. ebd., 110-127).

Nach dem Ende des Krieges begann er seine Karriere als Schriftsteller und veröffentlichte seine Kriegstagebücher unter dem Titel „In Stahlgewittern“ erfolgreich im Selbstverlag (vgl. ebd., 169-176). In der Weimarer Republik machte er sich einen Namen als Verfasser von antidemokratischen, anti-liberalen, nationalistisch-militaristischen Texten und verbrachte viel Zeit in nationalrevolutionären (mitunter auch nationalbolschewistischen und sogar linksorientierten) und konservativ-revolutionären Zirkeln. Er suchte Kontakte zu nationalistischen Gruppen wie den Freikorps, stellte aber fest, dass ihn Organisationen eher abstießen (vgl. ebd., 266-279, 282-297, 323). Mit dem Nationalsozialismus sympathisierte er einige Zeit, es gab auch Positionen, in denen er der Bewegung deutlich widersprach, wie der „Rassenfrage“, dem legalistischen Kurs und dem extremen Antisemitismus. Ab 1927 distanzierte er sich zunehmend wieder von der NS-Bewegung. Mit dem Aufstieg der NSDAP und des Dritten Reiches endete auch seine politisch-publizistische Karriere, gegenüber dem „nationalsozialistischen Staat“ verhielt er sich passiv und lehnte auch eine Zusammenarbeit deutlich ab. (vgl. ebd., 407-415).

Während des Zweiten Weltkriegs diente er als Soldat in der Wehrmacht, u.a. als Besatzungssoldat und Wachtruppführer in Paris, wo er im Kommandostab des Militärbefehlshabers arbeitete (vgl. ebd., 486-491). Am 14. August 1944 löste sich der Generalsstab in Paris auf und Jünger kehrte in seine Heimat zurück, da er unwürdig entlassen wurde (vgl. ebd., 525-530).

Nachdem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Publikationsverbot veröffentlichte Jünger noch jahrelang Tagebücher, Romane und Essays (vgl. ebd., 534-545). Trotz seiner Kontakte zu konservativen und „neurechten“ Persönlichkeiten wie Heidegger, Schmitt, Gottfried Benn, Mohler und de Benoist (vgl. de Benoist 2022, 158) hatte er selbst keine politischen Ambitionen[1] (vgl. ebd., 578-584, 654-657). Am 17. Februar 1998 verstarb er (vgl. ebd., 662-669).

Ernst Jünger hinterlässt ein umfangreiches literarisches Werk, darunter Tagebücher („In Stahlgewittern“, „Strahlungen“, „Feuer und Blut“, „Siebzig verweht“), Essays („Der Kampf als inneres Erlebnis“, „Feuer und Bewegung“, „Die Totale Mobilmachung“, „Der Arbeiter“, „Das Abenteuerliche Herz“, „Der Friede“, „Der Waldgang“, „Der Weltstaat“), Erzählungen  („Sturm“, „Aladins Problem“) und Romane („Afrikanische Spiele“, „Auf den Marmorklippen“, „Heliopolis“, „Gläserne Bienen“, „Eumeswil“, „Die Zwille“).

Der zu untersuchende Text trägt den Titel „Gläserne Bienen“ und erschien erstmals 1957. Die Arbeit bezieht sich auf die Ausgabe des Klett-Cotta-Verlags von 2014. Der Roman aus der Perspektive eines homodiegetischen Erzählers behandelt den Weg des  Rittmeisters Richard zu einer Anstellung bei den Zapparoni-Werken, vorgetragen in Form eines historischen Seminars. Richard ist ein ehemaliger Soldat mit finanziellen Problemen, der in einer nicht näher bestimmten zukünftigen Welt lebt. Eines Tages trifft er den „alten Kameraden“ Twinnings, der ihm einen Job bei Giacomo Zapparoni anbietet, dem Chef eines monopolistischen Weltkonzerns, der sich auf die Herstellung von Robotern spezialisiert hat. Zapparoni holt den Rittmeister zu sich und testet ihn, ob er genug Skrupellosigkeit und Sezierfähigkeit für das Unternehmen besitzt. Um das herauszufinden, präsentiert Zapparoni ihm „Automatenbienen“ (die titelgebenden „Gläsernen Bienen“) und abgeschnittene, menschlich wirkende Ohren (von Puppen). Richard besteht den Test nicht, aber Zapparoni stellt den Rittmeister trotzdem ein, und zwar als Vermittler zwischen seinen „exzentrischen“ Arbeitern, denn dafür besitze der Rittmeister genug Sinn für Gleichheit und „alte Werte“ (vgl. E. Jünger 2014, 7-143).


[1] Andererseits gab (und gibt) es aber auch Zugehörige der „Neuen Rechten“, die sich auf Ernst Jünger beziehen und von ihm „inspiriert“ (sowohl politisch als auch literarisch) wurden, wie z.B. den französischen Aktivisten Dominique Venner (vgl. Venner 2022).

4.2 Technologie: Automatisierte Drohnen in einer Managerwelt

Technologie und deren Auswirkungen auf die Welt bzw. der Übergang der „alten Zeit“ zur Moderne bilden den thematischen Schwerpunkt im Roman „Gläserne Bienen“. Im Zentrum stehen dabei der „visionäre Erfinder“ und Monopolkapitalist Giacomo Zapparoni, seine Werkstätten und die daraus strömenden, an magische Geräte grenzenden Automaten, Drohnen, Puppen und Maschinen. Zapparoni gleicht dem Typus des modernen und medienpräsenten CEO des heutigen Technokapitalismus, wie z. B. Mark Zuckerberg, Jeff Bezos, Peter Thiel und Elon Musk. Seine „Weltfirma“ (E. Jünger 2014, 25) steht unangefochten und konkurrenzlos an der Spitze. Zapparoni ist ein Medienstar, es vergeht kein Tag, an dem die Nachrichten nicht über ihn berichten, es erscheint keine Zeitung, die nicht über ihn schreibt, Journalisten schwärmen von ihm. Kein Lebensbereich kommt mehr ohne seine Automaten aus, egal ob es sich um Bankgeschäfte, Sprengstoff- und Gefahrgutbehandlung, Reparaturen, Brandbekämpfung oder sogar die Entfernung von Umweltverschmutzungen handelt (vgl. ebd., 10f., 67).

Besonders in der Unterhaltungsbranche entfaltet sich seine „Magie“, mit seinen lebensechten Puppen ist er in der Lage, jede Märchenfigur, jede Gestalt zum Leben zu erwecken. Die Automaten wirken so realistisch, so menschlich, dass sich ein Mann in sie verlieben kann (vgl. ebd., 32f., 95f.). Zapparoni erschafft „Romane, die man nicht nur lesen, hören und sehen konnte, sondern in die man hineintrat, wie man in einem Garten tritt“ (ebd., 32). Das brachte ihm den Ruf eines liebenswürdigen Großvaters ein, der den Kindern gerne Märchen erzählt (vgl. ebd., 33). Rittmeister Richard bemerkt bei seiner ersten Begegnung mit dem Unternehmer, dass das überhaupt nicht der Realität, sondern einem bewusst verzerrten, propagandistischen Bild entspricht (vgl. ebd., 63ff.).

Zapparonis „Werkstättenlandschaft“ ähnelt den utopischen Arbeiterstädten von Henry Ford und Walt Disney sowie den zukünftigen Amazon-Städten (vgl. Press 2021) oder dem „New Work“-Konzept, sprich der totalen Verschmelzung von Arbeit und Freizeit. Jeder möchte in Zapparonis Werken arbeiten, jeder träumt davon, „[e]inmal so ausgebeutet zu werden wie von Zapparoni“ (E. Jünger 2014, 12). Mitarbeiter bei Zapparoni werden fürstlich belohnt, es gibt keine festen Arbeitszeiten, jeder kommt und geht und arbeitet, wie er möchte. Der Unternehmer lässt seinen Mitarbeitern sehr viel Freiraum, auch für ihre „Exzentrik“. Auf der Kehrseite jedoch bedeutet das, dass die Arbeiter auch beim Unternehmen bleiben sollen, am besten rund um die Uhr. Die Erfindungen sollen im alleinigen Besitz von Zapparoni sein, nur so kann er seinen Status als Monopolist sichern. Ein Abwandern zur Konkurrenz muss verhindert werden. Um das zu gewährleisten, wird den Arbeitern nicht nur ein stattliches Gehalt, eine freie Arbeitsgestaltung und ein Raum zum Ausleben ihrer kreativen Fähigkeiten geboten, sondern auch eine dystopische Überwachung – samt eigenem  Sicherheitsdienst und Polizei, die über jeden Angestellten eine akribische und detailreiche Akte führen (vgl. ebd., 11-14, 34, 43).

Zapparoni ist der Herold eines neuen Zeitalters nie dagewesener Technologie, die an Magie grenzt, er verkörpert quasi den technikbegeisterten Zeitgeist. Er ist das Symbol für eine neue Ordnung, in der das Organische, das Natürliche langsam, aber stetig durch das Mechanische und Materialistische verdrängt wird (vgl. ebd., 67). Verdeutlicht wird das auch durch Zapparonis Privatwohnung: ein altes Zisterzienserkloster, ein alter Ort der Religion, schon lange verlassen, nun bewohnt von einem technokratischen und rationalen Manager, umgeben von Ateliers, Fabrikhallen und Drohnen (vgl. ebd., 35f.). Das „Neue“ dringt in das „Alte“ wie ein Parasit ein, saugt es aus und trägt die Fassade als Hülle, die Welt wird quasi „entzaubert“. Zurück bleibt nur kalte Rationalität und ökonomisch-materialistisches Denken. Rittmeister Richard steht dem kritisch gegenüber: „Aber seitdem es Heilige wie Zapparoni gab, war die Erde bedroht. Die Stille der Wälder, der Abgrund der Tiefsee, der äußerste Luftkreis waren in Gefahr“ (ebd., 68).

Symbol dieses Umschwungs, dieser „Gefahr“ ist besonders eine der neuesten Erfindungen Zapparonis: die titelgebenden „gläsernen Bienen“. Diesen begegnet der Rittmeister, während er beim Bewerbungsgespräch auf den Unternehmer wartet. Es handelt sich dabei um durchsichtige Maschinen, ungefähr so groß wie Walnüsse, somit deutlich größer als Bienen und Hornissen, ausgestattet mit rüsselartigen Sonden, Zangen und Greifarmen. Die Maschinen sind in der Lage, mehr Honig zu produzieren, mehr Blumen an einem Tag abzuarbeiten, als ein natürliches Bienenvolk in seinem gesamten Leben vermag (vgl. ebd., 88-92). Die Natur wird hier völlig wegrationalisiert, selbst eine eigentlich „ökonomisch effiziente“ Tierart wie die Biene wird verbessert. Zapparoni hat „die Natur vereinfacht, die ja bereits im Drohnenmord einen ökonomischen Ansatz wagt“ (ebd., 91). Alles Überflüssige wird entfernt, die „gläsernen Bienen“ kennen keine Geschlechtsteilung mehr, keine Königin, keine Eier, kein Wachstum, keine Wachsgewinnung, selbst der Honig wird in einem automatischen Prozess synthetisiert (vgl. ebd.). Es wird „nur [der] Stand geschlechtsloser Arbeitswesen gebilligt und zur Brillanz gebracht“ (ebd.). Alles was eine Biene zur „Biene“ macht, fällt der materialistischen Planung zum Opfer. Es bleibt der kleinste gemeinsame Nenner: die Honigproduktion. Rittmeister Richard erkennt aber schon bald den wahren Zweck dieser merkwürdigen Drohnen, nämlich als Waffe zu dienen. Denn der „Stachel“ wurde nicht entfernt (vgl. ebd., 97). Der Rittmeister spricht auch die „dunkle Seite“ von Zapparonis Werken an, die Produktion von Kriegsmaschinen. Die Fabriken „glichen […] einem Janustempel mit einem bunten und einem schwarzen Tore, und wenn sich der Himmel bewölkte, quoll aus dem dunklen ein Strom von ausgeklügelten Mordinstrumenten hervor“ (ebd., 67). Das ist relevant für unsere Zeit, in der global agierende Konzerne wie General Motors und Boeing Company nicht nur Technik für die breite Masse und den „friedvollen Zweck“ zur Verfügung stellen, sondern auch Maschinen und Waffen zur Kriegsführung. Drohnen können nicht nur zur Fotografie und zur allgemeinen Belustigung beitragen, sie können auch „feindliche Stellungen“ auslöschen. Rittmeister Richard spricht hier die enge Verzahnung der Privatwirtschaft (bzw. Konsumwirtschaft) mit dem militärischen Komplex an.

Rittmeister Richard ist auch derjenige, der den Umschwung von „alter“ zu „neuer“ Zeit am heftigsten bemerkt und am meisten Schwierigkeiten damit hat. Er diente früher als sogenannter „Leichter Reiter“, doch bald verschwanden die Pferde aus der Öffentlichkeit (vgl. ebd., 26) und wurden „durch Automaten ersetzt“ (ebd.). Auch die Menschen veränderten sich, wurden kälter, berechenbarer, verloren ihre Menschlichkeit (vgl. ebd.). Der Rittmeister betont immer wieder, dass die „Worte“ und die „Werte“ sich verändert haben und nicht mehr wiederzuerkennen sind, so z. B. das Wort „Haus“. Früher war das Haus auch ein Zuhause, jetzt gehört es einem nicht einmal mehr, sondern jemand anderem, einem Vermieter, einer Gesellschaft, einem Konzern (vgl. ebd., 42). Wer heutzutage noch ein Haus baut, „errichtet einen Treffpunkt für Leute, die ihn zu Fuß, im Wagen oder telefonisch heimsuchen“ (ebd.). Die Tür steht für jeden offen, vom Versorgungsangestellten über den Finanzbeamten und Gläubigern bis hin zur Geheimpolizei (vgl. ebd.).

Krieg ist nicht mehr Krieg, Frieden nicht mehr Frieden, das Vaterland nicht mehr das Vaterland, Soldaten nicht mehr Soldaten. Die Pferde verschwinden und werden durch Panzer ersetzt (vgl. ebd., 46f.), „heiße Maschinenarbeit, unsichtbar, ruhmlos und immer von der Aussicht auf den Feuertod begleitet, die sich nicht abweisen ließ“ (ebd., 46f.). Zwar wurde das Leben einfacher, aber auch ungesünder, wobei etwas fehlte. Die kapitalistisch getriebene Technologisierung der Gesellschaft löste eine Rüstungsspirale und die Umwertung  der traditionellen Werte aus, die nicht mehr aufzuhalten sind. Nick Land schreibt Jahre nach Ernst Jünger: „Capital is machinic (non instrumental) scaling dilation: an automatizing nihilist vortex, neutralizing all values“ (Land 2017, 444). Reiter werden von jungen Schützen getötet, dieselben Reiter rücken mit Panzern vor, der Feind greift mit verbesserten Panzern an (vgl. ebd., 52-57), „stählerne Schildkröten und eherne Schlangen [krochen über die Erde], während am Himmel Dreiecke, Pfeile und Raketen in Fischform sich mit Gedankenschnelle zu wechselnden Figuren ordneten“ (ebd., 57). Die Welt verkommt zu einer „planetaren Werkstättenlandschaft“, ähnlich wie die, die Ernst Jünger in „Der Arbeiter“ noch prophezeite und begrüßte. Das „Alte“, das Organische wird auf dem ökonomisch-materialistischen Technik-Altar der Moderne geopfert. Zeuge dessen ist der Rittmeister Richard, ein fossiles Überbleibsel einer vergangenen Zeit.

4.3 Soldatentum: Ein alter Krieger ohne Zweck

Das Soldatentum wird durch den (ehemaligen) Rittmeister Richard verkörpert, aus dessen Perspektive „Gläserne Bienen“ erzählt wird. Er ist ein älterer Mann, der wahrscheinlich in Deutschland lebt und auch von dort stammt. Richard ist verheiratet mit Theresa, einer armen Frau (vgl. E. Jünger 2014, 14f.). Er selbst ist auch arm, er besitzt nur einen einzigen schmutzigen Anzug (vgl. ebd., 7). Seine bittere Armut erwähnt er des Öfteren im Verlauf der Handlung: Die Wohnung ist kalt, der Strom wurde längst abgestellt, es flattern nur Mahnungen hinein, Gläubiger lauern ihm auf (vgl. ebd., 22), er kann sich kaum Bücher leisten (vgl. ebd., 58), Sachen mussten bereits verkauft werden (vgl. ebd., 15), Telefonanschlüsse wurden gesperrt, er hungerte (vgl. ebd., 27), bezeichnet sich selbst als „Mann des Mißerfolges“ (ebd., 71) und sei ein „abgedankter Rittmeister ohne Aussichten“ (ebd., 86). Aus seiner Familie kann er keinen materiellen Reichtum beziehen, sein Vater, ein einfacher Beamter, ist tot, das schmale Erbe aufgebraucht. Es gibt zwar einen Onkel, der Senator war, doch auch dieser war schon lange vorher verstorben und niemand kannte ihn mehr (vgl. ebd., 8). Seine Lage ist somit äußerst prekär. Er weiß aber auch, dass er sich selbst in diese Situation gebracht hat, ihm „widerten“ Geschäfte an, er war gänzlich unfähig, in allen möglichen wirtschaftlichen Dingen etwas zu erreichen (vgl. ebd., 15), „die ganze Misere kam von [Rittmeister Richards] Bequemlichkeit“ (ebd.). Eine Eigenschaft, die er bereits als Kind und Schüler besaß, wo er sich krankstellte, um nicht zur Schule gehen zu müssen. Dafür verabscheute er es aber, als „armer Kranker“ und später von Theresa als „guter Mensch“, als „Märtyrer“ wahrgenommen zu werden (ebd.).

 Seine aussichtslose finanzielle Lage veranlasst ihn, sich mit Twinnings zu treffen, der ein Stellenangebot für ihn bereithält, nämlich für Zapparoni zu arbeiten, um dessen „exzentrischen“ Arbeiter auf Linie zu halten (vgl. ebd., 7-14). Richard hält das Angebot für fragwürdig, sagt, dass „ein Mann für schmutzige Wäsche gesucht [wird]“ (ebd., 14), etwas, das ihm nicht behagt und das er eigentlich nicht tun möchte. Er willigt nur ein, weil er weiß, dass Theresa zu Hause auf ihn wartet und die beiden sich in einer schwierigen Situation befinden (vgl. ebd., 14f.).

Rittmeister Richard wirkt in dieser technologisierten Welt fehl am Platze, verloren. Er trauert einer lange vergangenen Zeit hinterher, als er noch Kriegsschüler und später bei der Leichten Kavallerie war. Er empfindet diese Phase zwar als „harte Zeit“ (ebd., 16), doch er „muß zugeben, daß das faule Fleisch verschwand. Die Muskeln wurden wie Stahl, der auf dem Amboß eines erfahrenen Schmiedes von jeder Schlacke gereinigt worden ist“ (ebd., 28). Er lernte Fähigkeiten (Stürzen, Reiten, Fechten u.a.), die er sein ganzes Leben gebrauchen konnte (vgl. ebd., 26).

Immer wieder betont Rittmeister Richard, wie sehr er bedauert, dass die „alte Zeit“ unwiderruflich vorbei sei und nicht mehr wiederkäme. Früher „hörte [Richard] noch das Alte wie den Klang der Trompete im ersten Sonnenstrahl und wie das Wiehern der Pferde, das die Herzen erzittern ließ. Das ist vorbei“ (ebd.). Mit Furcht betrachtet er den viel zu schnellen Wandel der Zeit, er beobachtete, wie seine Kameraden und Gegner „durch ein und dieselbe Maschine niedergemacht [wurden]“ (ebd., 85), wie das Natürliche verschwand und er zu einem Rittmeister ohne Sinn und Zweck verkümmerte. Dieses Problem betrifft nicht nur Richard. Als er noch im Dienst war, wurde er Zeuge, wie der Kamerad Lorenz sich aus dem Fenster stürzte und dabei zu Tode kam. Lorenz war nicht für die Soldatengesellschaft geschaffen, er hasste die moderne Zivilisation mit ihren Auswüchsen und den technologischen Umschwung, las Tolstoi und Saint-Simon (vgl. ebd., 48f.). Seine Idee „bestand darin, daß die Maschine Quelle allen Übels sei. Er wollte daher die Fabriken in die Luft sprengen, das Land neu verteilen und in ein Bauernreich umwandeln“ (ebd., 48). Als er erkannte, dass die „alte Zeit“ sich nicht mehr wiederherstellen lässt und er auch nicht ernst genommen wird, wählte er den Freitod. Der Soldat Lorenz erinnert an die Maschinenstürmer in der Frühzeit der Industrialisierung, an die Landvolkbewegung der Weimarer Republik und sogar an radikale, technikfeindliche „Öko-Aktivisten“ wie Pentti Linkola und Theodore John Kaczynski.

Nachdem die Pferde „ausgestorben“ waren und durch Panzer ersetzt wurden, wechselte auch Richards Position von einem Kavalleristen zu einem Panzerinspekteur, er durfte gar, da er ein umfangreiches Wissen über die Fahrzeuge erwarb, die Rolle als Ausbilder neuer Kriegsschüler übernehmen, etwas, in dem er sogar gut war (vgl. ebd., 52). Es bereitete ihm Freude, die Kadetten zu unterrichten, besonders da er selbst nie Söhne hatte, die er sich immer wünschte. Doch persönliche Schwächen hielten ihm davon ab, weiter aufzusteigen. Er besitzt zu viel Skrupel, ist einzelgängerisch, defaitistisch (vgl. ebd., 58f.), lässt sich zu sehr von Gefühlen leiten (vgl. ebd., 72)„[u]ngeeignet für leitende Stellungen“ (ebd., 61), wie sein Stabschef in „Asturien“ über ihn urteilte. Rittmeister Richard empfindet Empathie mit den „Besiegten“ (ebd., 60), spürt Ekel, wenn Stärkere sich auf Schwächere stürzen. Er selbst hat eigentlich keine Probleme damit, Gewalt auszuüben, vorausgesetzt, es handelt sich um einen Kampf zwischen Gleichwertigen, es muss immer ein gewisses Gleichgewicht herrschen. Beide Seiten müssen bewaffnet und auf derselben Stufe stehen, ansonsten wäre der Kampf weder fair noch ehrenvoll (vgl. ebd., 108f.). Der Krieg, in den Richard kämpfte (im Roman wird ein „Asturischer Bürgerkrieg“[1] genannt), entwickelte sich genau in solch eine Richtung. Der Rittmeister beschreibt eine Stadt, in der „man die Klöster geplündert, die Särge in den Grüften aufgebrochen und die Leichname in grotesken Gruppen auf die Straße gestellt [hatte]“ (ebd., 121), Geistliche wurden in Fleischereien wie Waren aufgehängt und präsentiert. Das schockierte Richard und er erkannte, dass die „alte Welt“, wo „Ehre“ noch etwas bedeutete, zu Ende ging (vgl. ebd., 122).

Ernst Jünger zeichnet in „Gläserne Bienen“ das Bild eines bettelarmen, konservativen (eher nostalgischen) Soldaten, der mit den Veränderungen der Welt nicht zurechtkommt, der einer vergangenen (durchaus idealisierten) Epoche hinterhertrauert und dem nichts mehr bleibt, außer die Chance auf einen gut bezahlten Job sowie seine Ehefrau, die ihn über alles liebt. Rittmeister Richard ist ein atomisiertes Individuum in einer sich rapide verändernden, mechanisierenden Gesellschaft, die „alten Kameraden“ sind entweder tot oder längst weitergezogen, die Pferde sind ausgestorben, Maschinen übernehmen nun das Töten auf den Schlachtfeldern. Richard sieht selbst ein, dass er in diese neue Welt nicht passt, dass er zu empathisch ist, zu nachdenklich, zu emotional, zu sehr an „alten Werten und Vorstellungen“ hängt und er nur noch ein wandelnder Anachronismus ist.


[1] Eine fiktionalisierte Version des Spanischen Bürgerkrieges, der von 1936 bis 1939 tobte. In diesem Krieg kämpften die von Franco geführten Nationalisten, Monarchisten und die spanische Falange gegen Republikaner, Anarchisten, Separatisten, Sozialisten und Kommunisten (vgl. Blankertz 2022, 98f.)

4.4 Autorität: Zwei Formen – Monteron und Antje Hanebut

Ernst Jünger präsentiert in seinem Werk zwei Formen der Autorität. Die erste wird durch den Major und ehemaligen Kriegsschullehrer und Erzieher Richards Monteron verkörpert, die andere durch den „Schulkameraden“ aus der Kindheit des Rittmeisters, Atje Hanebut. Beginne möchte ich mit Monteron.

Dieser wird von Richard als überaus streng beschrieben, selbst kleinste Abweichungen der Uniform wurden von ihm getadelt (vgl. E. Jünger 2014, 17). Besonders die Montage der Ausbildung sollen schlimm gewesen sein, da auf Monterons Tisch „schon ein Päckchen von unangenehmen Briefen, Anzeigen und Tatberichten“ (ebd.) und weitere gemeldete Vorfälle (Vorgesetzten nicht richtig gegrüßt, Urlaub überschritten, Bordellbesuch etc.) lagen. Die vielen Fehlleistungen ließ er die Kriegsschüler im sogenannten „Sandkasten“[1] spüren, dann rief er sie ihnen wieder ins Gedächtnis (vgl. ebd., 16-19). Mit seinem Auftreten, das einem „Erzengel mit drohender Gewitterfalte“ (ebd., 17), jagte er seine Schüler Angst und Respekt ein. Für ihn waren diese Fehltritte nicht nur einfache Fehltritte, sondern es wurde gleich „die Axt an die Wurzel des Staates gelegt, die Monarchie in Gefahr gebracht“ (ebd., 19). Doch Richard erinnert sich, dass das „Davor“ immer schlimmer war als das eigentliche Geschehen. Der alte Major konnte im ersten Moment aufbrausend sein, doch sein Zorn ging auch spätestens bis Mittag wieder vorüber (vgl. ebd., 20) und „[i]m Grunde hatte der Alte ein goldenes Herz“ (ebd.). Er missbrauchte nie seine Macht, nie stellte er anderen Schülern Fallen oder freute sich, wenn er sie erwischt hatte. Im Gegenteil, es schmerzte ihn. Deswegen kamen manchmal auch Kriegsschüler zu ihm und berichteten von ihren „Übeltaten“ (vgl. ebd.),  wie ein Sohn, der abends zu seinem Vater ins Arbeitszimmer geht, um ihn zu erzählen, was er denn „ausgefressen“ hat, bevor der Vater es selbst herausfindet.

Das Training unter Montero galt als besonders hart, er kannte keine Ausflüchte. Wenn ein Schüler vom Pferd fiel, hatte er wieder aufzustehen, solange die Knochen noch unversehrt waren (vgl. ebd., 16). Richard und seine Kameraden verfluchten ihn dafür, „wenn [sie] todmüde auf den Betten lagen nach einem Tage, an dem ein Dienst den anderen gehetzt hatte, zu Fuß, zu Pferde, im Stall und auf den endlosen Sandflächen“ (ebd., 28). Doch Richard erkennt später auch den Sinn dieser Tortur, denn „das faule Fleisch verschwand“ (ebd.) und er lernte Fähigkeiten, die er im späteren Leben brauchte. Dies wurde bereits im vorherigen Kapitel besprochen.

Monteron brachte ihnen besonders den „Geist der Kameradschaft“ nahe. Wenn es eine Sache gab, die er nicht ausstehen konnte, dann wenn „man einen Kameraden im Stich gelassen hatte, während er sich in einer unsicheren Lage befand“ (ebd.). Dem Major war es überaus wichtig, dass Kameraden einander helfen, egal wo sie sich aufhalten, egal in welcher Lage sie sich befinden (vgl. ebd.). Das ist auch der Grund, warum Twinnings auf Richard mit dem Stellenangebot zugeht. Die Klasse von Richard war die letzte des Majors, kurz darauf fiel er als einer der ersten in einem Gefecht (vgl. ebd., 29). Für die Kriegsschüler „wurde deutlich, daß etwas hinter dem Alten stand, mehr als der König, mehr als sein Amt“ (ebd.).

Die zweite Form der Autorität wird durch den Jugendlichen Atje Hanebut verkörpert, einen sechzehn- bis siebzehnjährigen Burschen, der im selben Dorf wie Rittmeister Richard lebte. Dieser kommandierte eine Truppe von Zwölfjährigen, die ihm bewunderten und förmlich anbeteten. Dadurch galt seine Herrschaft als uneingeschränkt und unangefochten (vgl. ebd., 109). Er duldete keine Geheimnisse unter seinen Untergebenen. Als ein Nachbarsohn eine Goldmünze von seinen Eltern gestohlen und versteckt hatte, ordnete er sofortige Nachforschungen an, ließ das Versteck ausfindig machen und nahm die Münze an sich (vgl. ebd., 112).

Hanebut selbst stammt aus einfachen Verhältnissen, sein Vater war ein Kutscher, der für einen Hofrat auf Abruf bereitstand und ansonsten seine Zeit in der Kneipe verbrachte (vgl. ebd.), seine Mutter war „eine bekümmerte Frau, die dem Hofrat aufwartete“ (ebd.). Hanebut übernahm des Öfteren kleinere Aufträge, sei es für Buchhändler oder für die Bauern. Die Jungen, die sich seiner Truppe anschlossen, waren allesamt Gymnasiasten, standen also gesellschaftlich über ihm (vgl. ebd., 112f.), „[d]as verhinderte aber nicht, daß er sie tyrannisch behandelte“ (ebd., 113).

Bei den Eltern der Kinder war Hanebut nicht beliebt. Besonders Richards Vater warnte vor den schlechten Einfluss und dass er den Jungen „richtige Proletenmanieren“ (ebd.) beibringt. Er lag damit nicht unbedingt falsch. Alle Jungen unter seinem Kommando trugen, genau wie er, Kanonenstiefel, „[d]as waren Stiefel, mit denen man durch dick und dünn gehen konnte, durch Sumpf und Dickicht, unentbehrlich für Waldläufer“ (vgl. ebd.). „Waldläufer“ war ein Begriff, den Hanebut geprägt hatte. Er setzte diesen im Kontrast zum Soldaten, der „strammstehen“ muss. Ein Waldläufer ordne sich nicht unter, er sei frei. Soldaten verachtete Hanebut nur (vgl. ebd.). Um seinen Untergebenen diese Welt näher zu bringen,  las er ihnen aus dem Buch „Der Sohn des Bärenjägers“[2] vor. Dabei saßen sie halbnackt, nur mit Kanonenstiefel und kurzen Hosen bekleidet, in einem Stall um ihren Anführer herum. Ab und an ließ er sie durch den kalten Park zur „Abhärtung“ laufen (vgl. ebd., 114).

Die Mitglieder seiner Clique benutzte er als Geldbeschaffung für sich, sie mussten Kreuzottern fangen und verkaufen. Für jedes gefangene Tier bekamen die Jungen drei Taler vom Uhlenhorster Schulze, das Geld gaben sie dann ihrem Anführer. Hanebut benutzte die Schlangen auch mit einem „Mutprobenritual“, bei dem Ausgewählte eine der Ottern von einer Hand auf die andere gleiten lassen mussten, dabei durften sie weder in Panik geraten noch sich beißen lassen. Richard hat sich diesem „Ritual“ auch unterzogen. Jeder der es schaffte, durfte Hanebut bei seinem „geheimen Kriegsnamen“ nennen, bekam auch einen und gehörte von nun an zum „Kreis der Unzertrennlichen“, was die Jungen mit ungeheurem Stolz erfüllte (vgl. ebd., 114ff.). Hanebut „wußte bereits als Knabe, wie man sich Menschen zu eigen macht“ (ebd., 116).

Zu den weiteren Aktivitäten der Hanebut-Bande gehörten Prügeleien mit den Kindern der „Kosaken“, den Leuten, die auf der anderen Seite des Sumpfes lebten. Handgreiflichkeiten und „territoriale Streitigkeiten“ gab es davor auch schon, Hanebut gab seiner Bande aber militärische Disziplin, Waldläufertaktiken und als Waffe die „Zwille“[3]. Eines Tages wurde das Gerücht verbreitet, dass einer der Jungen von Hanebuts Bande bei einem Angriff der „Kosaken“ ein Auge verloren hatte (das Gerücht war maßlos übertrieben). Als Hanebut davon hörte, befahl er sofort einen „Strafzug“. Kurze Zeit später sahen sie auch einen einzelnen „Kosakenjungen“. Sie stürzten sich auf ihn und verprügelten ihn. Richard hielt es zuerst für in Ordnung, doch bald sah er, dass der Junge begann zu bluten. Er wies seinen Chef darauf hin, ein anderer Junge wiederholte den Hinweis, doch nichts geschah, das Prügeln ging weiter (vgl. ebd., 116ff.). Richard hatte genug, „der Auftritt wurde [ihm] zuwider; die Kräfte waren ungleich verteilt“ (ebd., 118). Er packte Hanebut am Arm und hielt ihn zurück. Er tat es nicht, weil er sich der Autorität seines Anführers widersetzen, sondern weil er ihm auf den Umstand hinweisen wollte, dass der Junge bereits blutete und er glaubte, dass Hanebut ihn nicht gehört hatte. Doch das Gegenteil war der Fall, Hanebut hatte kein Problem damit, den „Kosaken“ blutig zu prügeln. Viel mehr störte es ihn, dass sich nun ein Untergeordneter ihm widersetzte. Der „Kosake“ vermochte zu fliehen und Hanebut befahl seiner Bande, zu der auch die besten Freunde von Richard gehörten, sich auf den „Rebellen“ zu stürzen und ihn zu verprügeln (vgl. ebd., 118f.). Richard erinnert sich, dass „[e]in Wort von [Hanebut] genügte, damit sie [ihn] als Feind behandelten“ (ebd., 119).

Monteron ist ein Militär alter Schule, der Repräsentant einer vergangenen Zeit, das Ideal eines konservativen preußischen Offiziers. Er gilt als streng, aber gerecht, eine sehr harte Schale mit einem weichen Kern. Ein Major, der auf Ordnung setzt und der möchte, dass seine Schüler ihre Kameraden unter keinen Umständen in Stich lassen.

Atje Hanebut hingegen ist ein populistischer Tyrann, ein Demagoge mit Landknechtsnatur, der mehr einem Söldnerführer aus dem Dreißigjährigen Krieg als einem preußischen Offizier ähnelt. Er nutzt einen Personenkult, Angst, Überwachung und Gewalt, um seine Ziele durchzusetzen und seine Herrschaft zu sichern. Hanebut wendet sich bei Kritik und angeblicher Befehlsverweigerung sofort gegen seine „Kameraden“. Er nutzt auch die Masse seiner Anhänger, um unterlegene Feinde zu überfallen und zu bekämpfen.


[1] Eine Art Truppenübungsplatz.

[2] Dabei handelt es sich um eine tatsächlich existierende Erzählung für Jugendliche, geschrieben von Karl May.

[3] Eine Art Schleuder, gefertigt aus einer Astgabel.

5. Volker Zierke und „Enklave“

5.1 Leben und Wirken

Volker Zierke wurde 1992 im bayerischen Schwaben geboren. Nach dem Abitur war er Zeitsoldat bei der Bundeswehr, wechselte dann 2015 zur „Deutschen Militärzeitschrift“. Momentan arbeitet er als Journalist, selbstständiger Autor und Politikberater in Dresden (vgl. Zierke 2021a, 183). Bisher veröffentlichte er die Novelle „Enklave“, den Roman „Ins Blaue“, mehrere Artikel in militärischen Fachzeitschriften, einen Artikel zu „Natur, Black Metal und Revolution“ in „Die Kehre“ (vgl. Zierke 2021b, 52-57) sowie die Nachworte für „Waffenbrüder“[1] (Zierke 2021c, 140-160) und „Ein Traum aus Blut und Dreck“[2] (vgl. Zierke 2022, 453-457). Er ist auch sehr häufig Gast beim „Kultur-, Literatur- und Szenepodcast“ des Jungeuropa Verlags „Von rechts gelesen“, organisiert von Philip Stein.

Zu Zierkes Lieblingsbüchern gehören Ernst Jüngers „Kriegstagebuch 1914-1918“, Christian Krachts „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“, Hermann Hesses „Demian“, J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“-Trilogie und Dr. Stefan Scheils Biografie über Joachim von Ribbentrop (vgl. Zierke 2023).

Der zu untersuchende Text ist die Novelle „Enklave“, erschienen im Jahre 2020. Die Arbeit bezieht sich auf die Ausgabe des Jungeuropa Verlags aus demselben Jahr. Die Handlung besteht primär aus zwei Strängen: einen aus Sicht eines homodiegetischen Erzählers, der andere aus Sicht eines hetereodiegetischen. Der erste Handlungsstrang folgt einem namenlosen Oberleutnant der sogenannten „Legion“, einer Eliteeinheit, die sich besonderer Kriegseinsätze annimmt. Der Text wird in Form von Tagebucheinträgen präsentiert. Im zweiten Handlungsstrang steht der Zivilist und Inspektor Blüche im Zentrum. Die Kapitel werden mit „Interludium“ betitelt.

Der Oberleutnant bekommt den Auftrag, eine feindliche Einheit zu eliminieren, die sich auf eine Insel zurückgezogen hat. Dabei stellt sich heraus, dass sich bei den Feinden um Soldaten handelt, die desertiert sind und von Oberst Khyber, dem ehemaligen Lehrer des Oberleutnants angeführt werden. Der Oberst offenbart dem Protagonisten, dass der gesamte Krieg nur eine Illusion ist, dass nichts echt sei und sie sich alle in einer Simulation befinden. Dies wird in den „Interludium“-Kapiteln bestätigt, die in der „realen Welt“ stattfinden. Alle Kriegsteilnehmer befinden sich in der sogenannten „Agoge“, der Schulungsinstanz des Staates. Dort wird ein nicht endender Krieg simuliert. Sobald ein Schüler „digital gestorben“ ist, wird er wieder in die reale Welt zurückgeholt. Damit ist auch die Ausbildung beendet. In der „Agoge“ gibt es eine Rebellion oder einen Aufstand, der nun „von außen“ korrigiert werden soll. Das ist Blüches Aufgabe. Eigentlich soll er einen speziell ausgebildeten Agenten in die Simulation schicken, doch er übernimmt die Aufgabe selbst, da er sich nach einem echten Abenteuer sehnt.

Die Novelle endet damit, dass der namenlose Protagonist eine Signalrakete abfeuert, woraufhin die Stellung mit ihm und Oberst Khyber, der bereits am Sterben war, durch Artilleriefeuer vernichtet wird (vgl. Zierke 2020, 7-130).


[1] Geschrieben von Viljo Saraja, Erzählung über den finnisch-sowjetischen Winterkrieg von 1939/40 aus der Perspektive eines finnischen Soldaten.

[2] Geschrieben von Christian de la Mazière, Erlebnisbericht eines französischen Waffen-SS-Angehörigen der Einheit „Charlemagne“.

5.2 Technologie: Totale Technologie, ewiger Krieg

Technologie spielt in „Enklave“ lediglich am Rande eine Rolle, im Gegensatz zu „Gläserne Bienen“ wo sie im Zentrum steht. Erst im letzten Drittel der Novelle kommen die „Science-Fiction“-Elemente deutlich zu tragen. Es ist nicht genau klar, zu welchem Zeitpunkt die Handlung stattfindet, der Krieg wird „seit hundert Jahren ausgefochten“ (Zierke 2020, 36). Gegen Ende wird den Lesern deutlich gemacht, dass die Handlung nach dem 21. Jahrhundert passiert, in einem Zeitalter geprägt von Globalisierung, Digitalisierung, Individualismus, Umweltzerstörung, Klimaerwärmung und einem sogenannten „Großen Krieg“ (vgl. ebd., 121f.).

Die Technologie der Diegese wirkt an einigen Stellen wie aus der Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs, es kommen „Schlachtkreuzer“ (ebd., 19), „Artillerie“ (ebd., 60), „Karabiner“ (ebd., 63) und „Maschinengewehr[e]“ (ebd., 61) zum Einsatz, es werden „Schützenlöcher und Gräben“ (ebd., 58) ausgehoben, ein „Stellungskrieg“ (ebd., 13) und große Schlachten (vgl. ebd.) finden Erwähnung. Aber auch „Drohnen“ (ebd., 101) und „Automatikwaffen“ (ebd., 63) werden, wenn auch selten (vgl. ebd.), im Kampf eingesetzt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts entwickelt sich die Kriegsführung weg von großen Materialschlachten mit Millionenheeren und ungefähr gleich aufgestellten Feinden, hinzu kompakteren spezialisierten Einheiten, asymmetrischer Kriegsführung (in der Regel hochtechnologisierte und trainierte Kampfeinheiten gegen einfach bewaffnete Truppen, die sich aus der regulären Bevölkerung rekrutieren), Luftkampf (bspw. riesige Flächenbombardements wie in Vietnam und Kambodscha[1]) und „gezielte“ Drohnenangriffe, die in der Regel Individuen töten sollen (Jemen, Pakistan, Afghanistan). Ziel ist es nicht mehr, komplette Armeen in „feindliches“ Gebiet einmarschieren zu lassen, sondern „gezielte“ und kraftvolle Schläge gegen Infrastruktur und einzelne Gruppen auszuführen, um so die Moral des Feindes zu brechen und Kriege (bzw. „Konflikte“) „begrenzt“ und „kurz“ zu halten. Der gegenwärtige Krieg in der Ukraine hat diese Tendenz zum Teil revidiert, nun werden wieder größere Heere und Materialmengen verwendet, auch werden Schützengräben ausgehoben. Ebenso erstarrt der Krieg an einigen Fronten zu einem regelrechten Stellungskrieg. Der Unterschied zu den „alten“ Kriegen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist der vermehrte Einsatz von hochmodernen „Kamikaze-Drohnen“ (oder allgemein der Einsatz autonomer Waffensysteme). Die Novelle ist hierbei erstaunlich aktuell, präsentiert sie doch auch eine Synthese aus „alter“ Kriegsführung mit moderner, technologischer Bewaffnung.

Der „Interludium“-Handlungsstrang geht bei der Technologiefrage mehr ins Detail. Hier wird deutlich gemacht, dass es sich um eine zukünftige, weitaus fortschrittlichere Diegese handelt, als es in den „Oberleutnant“-Kapiteln präsentiert wird. Der Inspektor Blüche besitzt eine Haushalts-KI namens „Fabienne“, die ihn an Termine erinnert und sich meldet, wenn es Anrufe aus dem Büro gibt (vgl. ebd., 53) und einen „künstlichen Sekretär“ mit dem Namen „Molotow“, der ihn bei seiner Arbeit im Ministerium unterstützt (vgl. ebd., 125).

In den letzten Kapiteln wird deutlich, wie sehr Technologie bereits das Leben der Menschen vereinnahmt. Das geht sogar so weit, dass Reisen gar nicht mehr physisch stattfinden, sondern nur noch digital. Wenn Blüche mit seinem Sohn nach München reist, einen Biergarten oder die Großeltern besucht (vgl. ebd., 121f.), „dann ging dieser Ausflug nur wenige Meter weit“ (ebd., 122). Zeit ist auch nicht mehr relevant, wochen- oder gar monatelange Urlaube können in der Mittagspause oder innerhalb eines Nachmittags erledigt werden (vgl. ebd., ). Es kann angenommen werden, dass die Virtual-Reality-Technologie (VR) in dieser Welt extrem weit fortgeschritten ist oder dass die Menschen gar über eine ähnliche Version des „Holodecks“ aus Star Trek verfügen, also einen abgrenzten Ort, der durch holografische Mittel einen künstlichen Raum erschafft, mit dem Menschen in der Lage sind, in vergangene Epochen oder an ferne Orte zu reisen. Dabei werden auch „Statisten“ historisch und kulturell korrekt simuliert, um die Illusion einer funktionierenden, realistischen Welt aufrechtzuerhalten. 

Autobahnen, „die gegen jeden Sinn und Verstand quer durch die Landschaft gebaut worden waren“ (ebd.), sind in dieser Welt überflüssig geworden. Gearbeitet und gewohnt wird in riesigen „Zitadellenstädten“ (ebd.), die Arbeitswege werden dadurch erheblich reduziert (vgl. ebd.).

Herzstück der technologischen Wunder ist die sogenannte „Agoge“, „die zentrale Bildungsinstanz [des] Staates“ (ebd., 117). Dabei handelt es sich um eine simulierte, sich größtenteils selbstregulierende Welt, in der junge Menschen (in der Novelle als „Aspiranten“ bezeichnet) trainiert und ausgebildet werden. Die Simulation wird dabei von Inspektoren wie Blüche und einem speziellen Ministerium überwacht. Sollte es Probleme innerhalb der „Agoge“ Probleme geben, werden sogenannte „Vollstrecker“ entsendet, die etwaige Meutereien und Rebellionen unterbinden sollen (vgl. ebd., 94-97). Im Laufe der Handlung wird immer deutlicher, dass der beschriebene Krieg, der seit unzähligen Jahren stattfindet, in Wahrheit nicht existiert, sondern nur eine Simulation ist. Dies führt zum Konflikt zwischen dem „Staat“ und rebellierenden Elementen, die sich um den ehemaligen Oberst Khyber geschart, hinter die „digitale Fasse“ geschaut und die „Wahrheit“ erkannt haben (vgl. ebd., 115-118). Die „Aspiranten“ wissen nicht, dass sie in einer Simulation leben. Sie wissen von der Existenz der „Agoge“, aber halten sie nur für eine elitäre Bildungseinrichtung zur Auslese von besonderen Kindern und Jugendlichen. Das alles ist im Interesse des Staates, der die Illusion um jeden Preis aufrechterhalten möchte (vgl. ebd., 98, 115-118). Es wird impliziert, dass bereits Kinder im jungen Alter (wie der Sohn von Blüche) zur Ausbildung in die „Agoge“ geschickt werden (vgl. ebd., 52). Das Konzept erinnert an Ansätzen der „simulierten Welt“ der „Matrix“-Tetralogie (Matrix, Matrix Reloaded, Matrix Revolutions, Matrix Resurrections). Auch hier findet eine Gruppe von Menschen heraus, dass die Welt, in der sie leben, nur eine Illusion ist, woraufhin sie gegen ihre „Unterdrücker“ und gegen die Simulation rebellieren.

Die Technologie der Diegese hat totalitäre Züge angenommen, kein Aspekt des menschlichen Lebens wird von ihr verschont. Die Menschen verbringen den größten Teil ihrer Zeit in digitalen Sphären. Das wird von Seiten des Staates (repräsentiert durch den Inspektor Blüche) und der Bevölkerung aber nicht negativ aufgenommen. Im Gegenteil, Blüche argumentiert, dass durch die totale Digitalisierung die „Probleme des 21. Jahrhunderts“ (fortschreitende Umweltzerstörung, Klimawandel, Kriege, individualistischer Egoismus etc.) komplett gelöst wurden (vgl. ebd., 121), „[d]er junge Staat war groß, aber die Welt, in der sich die Bürger bewegten, war klein […] Es war weniger anstrengend für alle und natürlich sicherte es den Frieden“ (ebd.). Durch die Digitalisierung kam es zur „notwendigen regionalen Rückbesinnung der Menschen […] statt zu einem »globalen Dorf«“ (ebd.). In der Realität sind Menschen zu atomisierten Individuen geworden, die nun in ihren eigenen digitalen Welten leben und von einem Staat beherrscht werden, der in alle Bereiche eindringt. Es ist nicht die Abkehr vom „globalen Dorf“, sondern die Endstufe. Der neue Staat kennt keine Kultur, keine eigene Geschichte, keine Geografie, kein Volk, keine Traditionen und keine Nation.

Die Menschen leben zurückgezogen in ihre eigenen vier Wänden, von jeglichen nennenswerten Verbindungen abgekapselt. Wirkliche Gemeinschaft scheint es nur noch in der „Agoge“ zu geben und auch nur so lange, wie die Simulation aufrechterhalten wird. Jegliche Rebellion gegen das System wird kurzerhand unterbunden, wenn nötig mit Gewalt und Zwang.


[1] Diese Tendenz gab es aber auch schon im Zweiten Weltkrieg, wie bei der Luftschlacht um England, der alliierten Bombardierung deutscher Städte (Dresden, Hamburg, Köln, Potsdam etc.) und der Bombardierung militärisch-industrieller Zentren in Japan.

5.3 Soldatentum: Heroische Soldaten

Personifiziert wird die Figur des Soldaten durch den Protagonisten von „Enklave“, der im Range eines Oberleutnants steht und Marineinfanterie-Zugführer der sogenannten Legion ist, einer Spezialeinheit von Elite-Soldaten und „schnellen Eingreiftruppe“ (Zierke 2020, 14). Er kämpfte zwei Jahre lang an der Front in einem Stellungskrieg (vgl. ebd., 13), der „den kaum erwachsenen Jungen, der [er] gewesen war, zum Mann gemacht [hat]“ (ebd.). Da er weder mit der Kriegsmüdigkeit seiner Kameraden noch mit dem Leben in den engen Gängen der Bunkeranlagen und der damit einhergehenden Lethargie etwas anfangen konnte, meldete er sich freiwillig zur besagten Legion. Er durchlief dafür eine speziell ausgerichtete Akademie, die er übrigens mit Bestleistungen abschloss (vgl. ebd., 31), wurde nach einigen Einsätzen zum Offizier befördert und schließlich in das Marineinfanterie-Regiment der Legion versetzt (vgl. ebd., 14). Seitdem dient er auf dem Schlachtkreuzer „April“, wo der Auftrag lautet: nach den Ursachen für Überfälle auf Küstenstationen und Booten zu suchen (vgl. ebd., 10).

Der Protagonist lebt ausschließlich für das Soldatendasein. Erinnerungen an die Eltern oder an ein Leben außerhalb des Militärs sind eher schwach. Für Romantik und Liebe ist kein Platz im Krieg, Gefühle werden beiseitegeschoben, der Soldat hat in erster Linie zu funktionieren und nichts anderes (vgl. ebd., 36f.). Der Oberleutnant beschreibt seine Kameradin Fechter als „eine Spielfigur auf dem Feld, ein Objekt, eine Maschine, die zu funktionieren hatte. Wie wir alle“ (ebd., 37). Es wird angedeutet, dass er sich zu der jungen Offizierin zumindest eine Zeitlang hingezogen gefühlt hat, er würde sie sogar als „hübsch“ und „attraktiv“ beschreiben. Die beiden besuchten gemeinsam die Akademie, waren im selben Jahrgang, vielleicht hatte sich eine Liebesbeziehung zwischen den beiden Soldaten entwickelt, doch diese Gefühle werden unterdrückt und ignoriert, damit die beiden ihre Rolle im Krieg korrekt ausführen können und nicht von „menschlichen Neigungen“ abgelenkt werden (vgl. ebd., 26f., 37). Dem Protagonisten stört es übrigens nicht, dass eine Frau eine Soldatin ist. Er sagt, dass es niemanden zu stören hat. Der Frauenanteil im Heer ist hoch, bei der Legion deutlich geringer (vgl. ebd., 37), doch „[w]enn man eine traf, dann gehörte sie meist jener Art von Soldaten an, die den vollen Respekt der Truppe genoss“ (ebd.). Angeblich gibt es bei der Legion sogar komplett weibliche Kommandoeinheiten, doch das sind bisher nur unbestätigte Gerüchte (vgl. ebd., 38). Wahrscheinlich „entsprang das Ganze nur allzu einsamen Soldatengehirnen“ (ebd.).

Der Oberleutnant hadert definitiv beim Umgang mit Zivilisten und den Gepflogenheiten der außermilitärischen Welt. Als er von einem Verbindungsoffizier der Militärischen Abwehr (ein Zivilist) einen Whisky überreicht bekommt, ist sein erster Gedanke nicht, wie edel und geschmackvoll das alkoholische Getränk ist, sondern wie er es potenziell an der Front als Tauschartikel nutzen kann. Seine Überlegung ist, dass er mit zwei Kisten Whisky möglicherweise ein Automatikgewehr auftreiben könnte, was ihm einen nicht unerheblichen Vorteil im Kampf sichert (vgl. ebd., 22). Als er das Glas Alkohol in der Hand hält, „unterdrückte [er] den Drang, den Whisky in einem Zug hinunterzustürzen, und nippte daran, als verstünde [er] wirklich etwas von dieser Welt“ (ebd.). Nicht nur zeigt das eindeutig, dass er wirklich kaum etwas von der Welt versteht, sondern auch wie sehr er das Kriegsleben verinnerlicht hat. Soldaten an der Front haben keine Zeit, „etwas zu genießen“, es muss schnell gehen, Trinken (egal wie kostbar) wird heruntergespült, Essen wird heruntergeschlungen, denn wer weiß, wann der nächste Angriff, der nächste Bombeneinschlag, der nächste Artillerieschuss kommt. Im Krieg müssen Soldaten immer einsatzbereit sein.

Diese Einsatzbereitschaft wird in der Novelle immer wieder aufs Neue demonstriert. Jeder ausgelöste „Alarm mobilisierte die gesamte Mannschaft und schweißte sie innerhalb von Sekunden zu einer Einheit und einer perfekt funktionierenden Maschine zusammen“ (ebd., 74), im Einsatz „lief alles militärisch korrekt und diszipliniert ab“ (ebd., 106) und sollte es einen Moment geben, wo etwas nicht nach Plan funktioniert oder die militärische Hierarchie nicht respektiert wird, wird kurzerhand mit Handgreiflichkeiten nachgeholfen (vgl. ebd., 45). Sobald es zum Kampf kommt, verschwindet das Organische, das Menschliche, der Soldat transformiert sich zu einer Maschine, wird zu einem Zahnrad einer komplexen Apparatur, die keine Fehler duldet. Es „würde […] keine dreißig Sekunden brauchen, um aus diesem […] Haufen […] eine funktionierende Maschine zu machen – eine die Wellen bricht und Feuer speit“ (ebd., 11). Dafür sorgt ein extrem hartes und physisch wie auch psychisch forderndes Training (vgl. ebd., 80), wodurch „Bewegungsabläufe […] in Fleisch und Blut übergegangen [waren]“ (ebd.). Ähnlich formuliert es auch Rittmeister Richard, als er sich an sein Training erinnert.

Der Oberleutnant ist sehr stolz auf seinen Dienst in der Legion. Die Legionäre bekommen immer die „brenzligsten Aufträge“ (ebd., 20) von den Stabsoffizieren zugeteilt. Alles Unnötige wird von ihren Körpern entfernt, weder Medaillen noch Dienstgradabzeichen werden auf der Brust präsentiert, auch die Kleidung ist nicht auf Vordermann gebracht, denn die Arbeit ist schmutzig und hart (vgl. ebd., 42). Legionäre glauben an keinen Gott, sie knüpfen auch nicht an die Traditionen der Vergangenheit an (vgl. ebd., 55), denn die Legionäre „schaffen [ihr] eigenes Schicksal, [ihre] eigene große Erzählung vom Kampf […] Die Legion schmiedet sich ihre eigene Erzählung, jeden Tag aufs Neue“ (ebd.). Der Oberleutnant sieht die Legionäre in einer Reihe mit „großen Eroberern und Entdeckern“ wie Marco Polo, Leif Eriksson, Sitting Bull, John Wesley Hardin und „Blackbeard“ (vgl. ebd., 56). Dienst in der Legion bedeutet Selbstverwirklichung, „die jedem vernünftigen Kerl innewohnt“ (ebd.), es bedeutet, die „ureigensten Instinkte anzuerkennen und in geordnete Bahnen zu lenken“ (ebd.). Das ist auch der Unterschied im Menschenverständnis zwischen abrahamitischen und paganen Religionen. Im Christentum, Judentum und Islam ist der Mensch den Wirken Gottes ausgeliefert, alles was der Mensch tut, kann er nur mit der Hilfe Gottes. Ohne Gott ist der Mensch nichts. Hingegen beim „heidnischen“ Glauben steht der Mensch häufig in Konflikt mit den Göttern und muss sich gegen diese behaupten, somit formt er sein eigenes Schicksal, er ist der Macher der Geschichte. Zwar sind die Götter mächtig, aber nicht allmächtig, der Mensch hat immer eine Chance gegen sie. Die Legionäre ähneln den Kriegern Spartas oder den nordischen Wikingern in ihrem Verständnis.

Der Oberleutnant jubelt im Inneren, wenn es „endlich“ zum Kampf kommt (vgl. ebd., 78). Somit verkörpern die Legionäre das, was Ernst Jünger in „Der Kampf als inneres Erlebnis“ beschreibt: „Das ist der Ring von Gefühlen, der Kampf, der in der Brust des Kämpfers tobt, wenn er die Flammenwüste der riesigen Schlachten durchirrt: das Grauen, die Angst, die Ahnung der Vernichtung und das Lechzen, sich im Kampfe völlig zu entfesseln“ (E. Jünger 2017, 17).

Zierke präsentiert das Bild eines Soldaten als mechanischen Krieger, einen organischen Terminator, der im Einsatz zum entmenschlichten Zahnrad wird. Das Humanistische, die Gefühle treten in den Hintergrund, wenn sie nicht gar komplett verschwinden, zurück bleibt nur kalter, rationaler Stahl. Individuen verschmelzen zu einer Einheit. Zierkes Soldaten (bzw. seine Legionäre) sind grundsätzlich heroisch und, selbst wenn sie weiblichen Geschlechts sind, überaus „männlich“. Die Soldaten bejubeln und erwarten mit inniger Inbrunst den Kampf. Jünger beschreibt es, als „Feuertaufe! Da war die Luft so von überströmender Männlichkeit geladen, daß jeder Atemzug berauschte, daß man hätte weinen mögen, ohne zu wissen, warum. O Männerherzen, die das empfinden können!“ (ebd., 19). Die Legionäre erledigen ihre Aufträge bis zum bitteren Ende, ohne Wenn und Aber.

5.4 Autorität: Äußere und innere Autorität, Alt gegen Jung

In der Novelle werden zwei Formen der Autorität identifiziert. Diese möchte ich als „äußere“ und „innere“ bzw. „zivile“ und „militärische“ Autorität definieren. Auch wird ein Konflikt zwischen „Alten“ und „Jungen“ beschrieben, der sich ebenfalls auf „äußere“ und „innere“ Autorität übertragen lässt.

Repräsentiert wird die „innere Autorität“ durch den Oberst Khyber, der als Lehrer an der Akademie Taktik unterrichtete und Mentor des Oberleutnants war (vgl. Zierke 2020, 28). Der Oberst hat den Status einer „lebende[n] Legende“ (ebd.), ein hochdekorierter und viel respektierter Stabsoffizier (vgl. ebd., 33), „[e]in Legionär, wie er im Buche stand, der keine Liebe für den Schreibtisch und den warmen Herd hegte“ (ebd., 28). Sein Arbeitsplatz quillt über von Akten, Büchern und Papieren, wodurch der Oberst eher klein wirkt (vgl. ebd., 33), doch der Oberleutnant bemerkt, dass „seine Autorität […] den gesamten Raum [erfüllt]“ (ebd.). Das Büro des Militär strotzt vor Andenken aus vergangenen Schlachten und Kampagnen, an den Wänden befinden sich Karabiner, Kompanie-Wimpel, ein Schild und ein Degen (vgl. ebd., 34). Das zeigt, dass er kein „Beamter“ ist, sondern tatsächlich Kampferfahrungen vorzuweisen hat und die Realität des Krieges kennt. Das deckt sich mit dem Selbstverständnis der Legionäre als „Eroberer und Entdecker“, als Krieger, die immer an vorderster Front sind und mit dem „normalen Leben“ kaum etwas anfangen können. Für sie (und damit auch dem Oberst) bedeutet Leben nur noch Kampf.

Die Beziehung zwischen dem Oberleutnant und Oberst Khyber ist geprägt von „gegenseitigen Respekt“. Der Stabsoffizier gibt dem jungen Fahnenjunker sogar eine Zigarette und sie rauchen gemeinsam. Der Oberleutnant sieht in Khyber den Ranghöheren, den Helden, die Autorität, während Khyber in seinem Schüler enormes Potenzial entdeckt (vgl. ebd., 35). Er sagt dem Soldaten, dass er „ein hervorragender Legionär und ein guter Offizier“ (ebd.) werden kann, wenn er den Willen dazu besitzt. Allgemein sind die Beziehungen zwischen den Soldaten in der Novelle geprägt von „gegenseitigen Respekt“. Der Kapitän der „April“ reagiert auf eine vorgeschlagene Vorgehensweise sehr kritisch, „aus Sorge um sein Schiff und seine Männer“ (ebd., 19).

Interessanterweise ist es Khyber, der die Rebellion (bzw. die „Meuterei“) gegen das „System“ führt, da er und seine Kameraden erkannt haben, dass sie sich in einer Simulation befinden und in ihrer Freiheit eingeschränkt werden. Sie rebellieren dagegen, dass sie angelogen (ihre gesamte Identität, ihre Familie, ihre Geschichte ist vorgeschrieben und frei erfunden), dass sie in einen Krieg verheizt werden, der keinen Sinn hat. Die „innere Autorität“ rebelliert gegen die „äußere“. Als der Oberleutnant erfährt, dass sein ehemaliger Mentor der „Anführer“ der Rebellen ist, fragt er sich, ob er ihn dann vertrauen kann. Letztendlich tut er es (vgl. ebd., 109-130).

Die „äußere Autorität“ wird durch das System dargestellt, das sich physisch außerhalb der „Agoge“ befindet, verkörpert durch Blüche, die Inspektoren, den Staat und dem gesichtslosen Ministerium, das sich um die Simulation kümmert. Die Zeit in der „Agoge“ soll die „Aspiranten“ zu „selbstständig denkenden und verantwortungsbewusst handelnden Bürgern des Staatskollektivs“ (ebd., 95) formen. Die Aufgabe der Inspektoren ist es dabei, den „Aspiranten“ genügenden Freiheiten zu lassen, damit sie sich entwickeln können, aber auch bei etwaigen Störungen „sanft“ entgegenzusteuern. Dazu werden, wie bereits angesprochen, sogenannte „Vollstrecker“ in die Simulation geschickt (oder der Inspektor geht selbst hinein) (vgl. ebd., 95-98, 125). Es muss aber vorsichtig geschehen, da ansonsten die Illusion der digitalen Welt zerstört werden könnte (vgl. ebd., 124). Die „Aspiranten“ werden so an der langen Leine gehalten, mit genügend Freiraum, um innerhalb der „Agoge“ eigene Entscheidungen zu treffen. Die Inspektoren müssen darauf achten, „dass Dinge [nicht] außer Kontrolle gerieten und eine gefährliche Eigendynamik entwickelten“ (ebd., 95). Auch besteht die Gefahr, dass Inspektoren von einen ungeheuren Machthunger angefallen werden, beginnen, sich zu „Göttern“ aufzuschwingen und die „Agoge“ unter ihren Willen zu bringen, daher werden sie in der Regel schnell befördert, damit sie nicht allzu lange Zeit in der Simulation verbringen (vgl. ebd., 96).

Revolten, Meutereien und Rebellionen kommen in der „Agoge“ immer wieder vor. Das wird aber nicht als besonders katastrophal betrachtet (vgl. ebd., 123), der „Exekutivrat“ sieht darin „nur [den] Drang der jungen Menschen nach Veränderung“ (ebd., 123f.). Sollte dieser „Drang“ zu sehr ausufern, greift das Ministerium aktiv in die Simulation ein und entsendet Vollstrecker, um wortwörtlich „den Willen der Älteren den Jüngeren über[zu]stülpen“ (ebd., 98).

Hier wird also insgesamt ein Konflikt zwischen zwei unterschiedlichen Autoritäten gezeichnet. Auf der einen Seite die „äußere“, sehr kalt wirkende, technokratische, konservative, ältere (und auch eher „zivilere“) Autorität, die zwar der jungen Generation einen gewissen Freiraum lässt, aber trotzdem die Rahmenbedingungen vorgibt und zur Not auch „gewaltvoll“ eingreift und korrigiert. Die andere Seite ist die „innere“, militärische, heroisch und beinahe schon revolutionär wirkende Autorität, die gegen die ältere Generation rebelliert, ähnlich wie es Kinder und Jugendliche mit ihren Eltern tun. Auch wenn die Verhältnisse innerhalb der „inneren Autorität“ eher kalt und mechanisch wirken, sind sie doch eher geprägt von Kameradschaft und Respekt. Aufstiege innerhalb der Hierarchie werden hier nicht durch einen orwellschen Staatsapparat gewährleistet, sondern durch Fleiß, Arbeit und Einsatz im Krieg. Die militärische Hierarchie wird als etwas „Natürliches“ und „Positives“ betrachtet.

6. Vergleich und Schlussfolgerungen

Abschließend möchte ich die verschiedenen Auslegungen der Themenkreise der beiden Schriftsteller in ihren Werken miteinander vergleichen und die Frage beantworten, ob literarisch-thematische Kontinuitätslinien zwischen der Konservativen Revolution und der Neuen Rechten exemplarisch an Ernst Jüngers „Gläserne Bienen“ und Volker Zierkes „Enklave“ erkannt werden können.

Beiden Texten ist gemein, dass sie eine kritische Haltung gegenüber moderner Technologie einnehmen, wobei diese Kritik bei „Gläserne Bienen“ deutlich ausgeprägter ist und mit einer konservativen Kulturkritik verbunden wird. Jünger wie auch Zierke zeichnen eine kalte, mechanische, industrialisierte Diegese, wo Technologie zu einem totalen Aspekt der Gesellschaft geworden ist und die Werte der „alten Welt“ verdrängt hat, wobei es bei Jünger noch gewisse Überbleibsel und unberührte Orte gibt, während in „Enklave“ bereits jeder Bereich technologisiert und digitalisiert wurde und es keine Möglichkeit der Flucht mehr gibt, mit Ausnahme vielleicht der „Agoge“. Ernst Jünger behandelt das Thema „Technologie“ und deren Auswirkungen tiefgehender, in „Enklave“ bildet sie mehr einen Rahmen. Wie es den Menschen in der Diegese geht, wie sie leben, wird nur angedeutet. Wie groß das Ausmaß wirklich ist und wie  negativ (oder positiv) es wahrgenommen wird, bleibt unbekannt. Der Oberleutnant nimmt nie eine direkte Haltung zur Technologie-Frage ein. In „Gläserne Bienen“ ist spürbar, dass Rittmeister Richard unter der „schönen, neuen Welt“ leidet und die „alten Zeiten“ vermisst. Er erkennt die potenziell negativen Einflüsse und Auswirkungen der Zapparoni-Technik, wie diese für z. B. Krieg eingesetzt werden kann und wie sie die Welt verändert. Es erfüllt ihn mit einem hohen Maß an Grauen. Hingegen bleiben bei „Enklave“ die Auswirkungen der Existenz der „Agoge“ auf die Gesellschaft nebulös. Zwar scheinen die Jüngeren gegen die Simulation zu rebellieren, da diese die „Freiheit“ raubt. Dann wiederum wird erwähnt, dass der Eintritt in die „Agoge“ eher freiwillig stattfindet. Beide Schriftsteller vertreten in ihrer Technologiekritik aber das, was Pentti Linkola in seinem Essay „Can We Survive? A Model for a Controlled Future“ schreibt: „[T]echnology is never a servant, but always a master“ (Linkola 2011, 194).

Bei der Darstellung von Soldaten werden die Unterschiede zwischen den beiden Werken weitaus deutlicher. Zierke zeichnet das Bild eines eher kalt wirkenden, mechanischen Soldaten, der fast ausschließlich für den Kampf und den Krieg lebt. Die Legionäre sehen sich als Entdecker und Eroberer, die wie die „großen Männer“ der Vergangenheit sind. Sie glauben an keinen Gott und knüpfen auch nicht an die uralten Traditionen des Heeres an, sondern „schmieden“ ihr eigenes Schicksal. Die Soldaten der Legion sind kriegerisch, „männlich“, beinahe heidnisch, jung und dynamisch, sie stürzen sich mit Freude in die Schlacht und sind immer an vorderster Front. Gefühle und Romantik werden beiseitegeschoben und wenn nötig unterdrückt, denn solche Sachen „haben keinen Platz im Krieg“. Wenn Gefühle geäußert werden, dann in der Form von „Respekt“ und Kameradschaft zwischen den Soldaten. Zweifel werden nur vereinzelt geäußert.

Es fällt auch sehr stark auf, dass Zierke der Militarisierung der Sprache wesentlich mehr Raum gibt und auch viel genauer ist.

Ernst Jünger präsentiert mit Rittmeister Richard das komplette Gegenteil. Richard ist ein alter, gebrochener Mann, der unter schweren finanziellen Problemen leidet. Nostalgisch hängt er an eine vergangene Zeit und vermisst die Tage mit seinen „alten Kameraden“. Er ist empathisch, rücksichtsvoll und handelt moralisch, auch wenn er einen Hang zu „Defätismus“ hat, aber in den Augen seiner Vorgesetzten ungeeignet für höhere Führungspositionen ist. Richard hat prinzipiell nichts gegen Gewalt oder gegen den Kampf an sich, doch er verabscheut, wenn der Stärkere den Schwächeren angreift. Auch übermäßige und unnötige Brutalität schreckt ihn ab. Wo der Oberleutnant seine Gefühle beiseiteschiebt, lebt der Rittmeister sie aus. Er liebt seine Frau, weshalb er auch zu Zapparoni geht. Er hat Mitgefühl mit Lorenz, der sich aus dem  Fenster stürzte. Auch mit dem Kosaken, der von seiner Bande niedergeprügelt wird, fühlt er mit. Richard ist ein Mann, der den Krieg erlebt hat und von diesem gezeichnet ist. Die Welt, die er von früher kannte, existiert nicht mehr. Die Pferde sind tot, ihr Wiehern verstummt und nur noch graue gepanzerte Maschinen kriechen über das Niemandsland.

Bei der Thematik der „Autorität“ lassen sich wieder einige Gemeinsamkeiten erkennen. Beide Autoren unterscheiden in ihren Werken zwischen zwei verschiedenen Formen der Autorität. Bei „Gläserne Bienen“ sind es die militärische (Monteron) und eine tyrannisch-populistische (Hanebut) Autorität. In „Enklave“ gibt es eine „äußere“ (die Welt außerhalb der „Agoge“ in Form des Staates, des Ministeriums und der Inspektoren) und „innere“ Autorität (Oberst Khyber, die militärische Hierarchie innerhalb der Simulation), die auch als „zivil“ gegen „militärisch“ beschrieben werden kann und sich in einem Konflikt zwischen „Alt“ und „Jung“ äußert. Bei Zierke und Jünger ist die militärische Autorität definitiv positiv konnotiert, sie wird grundsätzlich als etwas Gutes, etwas „Natürliches“ betrachtet. Oberst Khyber und Monteron sind beide in ihrer Diegese respektierte und hochdekorierte Individuen, die trotz ihrer Fehler von den Protagonisten als Vorbilder gesehen werden. Monteron wird als ein überaus strenger, preußisch-konservativer, aber letztendlich gutherziger Lehrer gesehen, der für Rittmeister Richard eine zweite Vaterfigur darstellt. Monteron vermittelt Werte wie Durchhaltevermögen, Ordnung, Kameradschaft, Treue, gegenseitige Unterstützung und Zusammenhalt. Oberst Khyber gilt in „Enklave“ als eine „lebende Legende“, er ist ein typischer idealisierter Kriegsheld, hochausgezeichnet, erfahren, intelligent. Er ist jemand, der seine Zeit nicht am Schreibtisch verschwenden, sondern zusammen mit seinen Kameraden an der Front kämpfen möchte. Khyber fungiert als Lehrer, Vorbild und Motivator für den Oberleutnant. Er ist auch derjenige, der die Rebellion gegen die „äußere Autorität“ initiiert.

Die andere Seite der Autorität unterscheidet sich bei beiden Autoren in der Art ihrer Negativität. Atje Hanebut wird als ein populistischer Tyrann dargestellt, der die „Massen“ (in diesem Fall Gymnasiasten) um sich schart und seine Macht und Herrschaft durch Gewalt und Überwachung sichert. Seine Legitimation ist, dass er der Älteste unter den Jungen ist. Die Befehle Hanebuts sind absolut, jeder der es wagt, ihn zu kritisieren, bekommt seinen Zorn zu spüren und wird verprügelt. Zwar hat auch er seine guten Seiten, er liest den jungen Kindern aus der wohlhabenden Schicht aus Karl-May-Büchern vor, füllt ihre Köpfe mit Abenteuern und zeigt ihnen eine „einfachere“ und „spaßigere“ Seite des Lebens, doch all das dient nur der eigenen Bereicherung. Hanebut wird als eine pervertierte Version von Monteron identifiziert, gleich einen cäsaristischen Führer, der Menschenmassen anziehen kann, vergleichbar mit einem Boulanger, einem Mussolini, einem Hitler oder Stalin.

Die „äußere Autorität“ bei „Enklave“ ist wesentlich gesichtsloser, eher von orwellscher Natur. Abgesehen von Inspektor Blüche, einigen namenlosen Akteuren und der Nennung eines „Exekutivrats“ werden in der Novelle keine genaueren, staatstragenden Persönlichkeiten beschrieben. Das Staatskollektiv, das „System“ bleibt unsichtbar, nichtsdestotrotz übt es einen ungemeinen Einfluss aus. Alles in der Realität scheint unter der Kontrolle des Staates zu sein, die Bevölkerung wird in digitalen Räumen eingesperrt, um ihre „negativen Einflüsse“ gering zu halten, die jungen Menschen in der „Agoge“ werden nichtsahnend dem Willen des Systems unterworfen. Sie bekommen gerade genug Freiraum, um sich „gesund zu entwickeln“, was auch immer das bedeutet. Sollten sie hinter die digitale Illusionen blicken, wird die „Agoge“ korrigiert, entweder sanft oder durch direktes Eingreifen der Inspektoren oder sogenannter Vollstrecker. In der Novelle wird dies als ein Generationskonflikt beschrieben. Die Jungen streben nach Veränderungen, nach „Revolution“, doch die Alten halten sich an der Macht und verhindern irgendwelche nennenswerten Änderungen am System.

Beide Autoren kritisieren einen speziellen Auswuchs von Autorität, nämlich einer übergriffigen, illegitimen, totalen und (teils auch) gewalttätigen Macht. In „Gläserne Bienen“ ist diese negative Autorität persönlicher und direkter, während sie in „Enklave“ deutlich anonymer und vager auftritt.

Können Kontinuitätslinien zwischen der KR und den Neuen Rechten in ihren literarischen Werken anhand der gewählten Beispiele erkannt werden? In Ansätzen und einigen Punkten, ja. Aber es klaffen auch erhebliche Unterschiede auf. In der Kritik an den Auswirkungen von Technologie auf die Gesellschaft geht „Gläserne Bienen“ wesentlich weiter als „Enklave“, dort bildet es eher einen Rahmen. Hingegen bei Jünger steht die Thematik im Zentrum des Romans. Das Bild des Soldaten ist bei „Gläserne Bienen“ ausgeschmückter, menschlicher. Rittmeister Richard wirkt wie eine lebendige Person, der Oberleutnant bei Zierke aber erscheint eher kalt und unpersönlich. In punkto Autorität gibt es zwischen beiden Werken viele Gemeinsamkeiten. Beide favorisieren militärische Autorität und Hierarchie, während die übergriffige, „totale“ und gewaltbesessene abgelehnt wird. Es gibt auch zumindest Hinweise darauf, dass Zierke sich mit Jüngers Werk beschäftigt hat. Gesichert ist, dass er die Kriegstagebücher gelesen hat.

„Enklave“ ist ein durchaus unterhaltsames und „actionreiches“ Werk, doch Ernst Jüngers „Gläserne Bienen“ behandelt seine Thematiken wesentlich ausführlicher und tiefgründiger.

Festzuhalten ist weiterhin, dass beide Autoren „fortschrittsfeindlich“ und kulturpessimistisch sind und militärische Hierarchien favorisieren. Bei Ernst Jünger liegt der Fokus auf die Idealisierung einer vergangenen Zeit und auf die Ablehnung der von „Degeneration“ und „Mechanisierung“ geplagten Gegenwart. Zierke propagiert in seinem Werk ein militärisch-männliches Bild.

Es müssen noch andere Werke wie „EuropaPowerBrutal“ von John Hoewer, „Ein Tag im Leben des Dimitri Leonidowitsch Oblomow. Eine Chronik aus dem Zeitalter des Archäofuturismus“ von Guillaume Faye, „Ins Blaue“ von Volker Zierke und die Werke von Ernst Salomon (“Die Kadetten“, „Die Geächteten“, „Der Fragebogen“) miteinander verglichen werden, um das behandelte Thema zu vertiefen und auszuweiten. Ebenso kann ein Blick auf die belletristischen Texte von „faschistischen“ Schriftstellern geworfen werden, wie „Die Kadetten des Alcázar“ von Robert Brasillach und „Der falsche Belgier“ von Pierre Drieu la Rochelle. Auch sollen noch andere thematische Aspekte herangezogen werden, wie Männlichkeitsdarstellungen, Europakonzeption, Krieg und Gewalt. Die Untersuchung dieser Werke ist durchaus wichtig, denn wie Alain de Benoist bereits schrieb: Romane sind metapolitische Mittel und dabei weitaus effektiver als jedes politische Manifest.

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Eidesstattliche Erklärung

Hiermit versichere ich an Eides statt, dass ich die vorliegende Arbeit selbstständig und nur mit den angegebenen Quellen und Hilfsmitteln (z. B. Nachschlagewerke oder Internet) angefertigt habe. Alle Stellen der Arbeit, die ich aus diesen Quellen und Hilfsmitteln dem Wortlaut oder dem Sinne nach entnommen habe, sind kenntlich gemacht und im Literaturverzeichnis aufgeführt. Weiterhin versichere ich, dass weder ich noch andere diese Arbeit weder in der vorliegenden noch in einer mehr oder weniger abgewandelten Form als Leistungsnachweise in einer anderen Veranstaltung bereits verwendet haben oder noch verwenden werden. Die Arbeit wurde noch nicht veröffentlicht oder einer anderen Prüfungsbehörde vorgelegt.

Die „Richtlinie zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis für Studierende an der Universität Potsdam (Plagiatsrichtlinie) – Vom 20. Oktober 2010“ ist mir bekannt.

Es handelt sich bei dieser Arbeit um meinen ersten Versuch.

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