Zeuge des Stahls

Dunkel war es, der Abend bitterkalt,
der Himmel wolkenlos und sternenklar,
einsame Spuren des Schnees verdeckten,
die grauen Pflastersteine des Hbfs,
geflohen war ich vor der Kälte,
zurückgezogen im Bahnhofsgebäude,
weiße Neonröhren summten und brummten,
im Dönerladen war noch Betrieb,
die Backerei machte langsam Feierabend,
das chinesische Restaurant war schon lange verwaist,
Läden verschwanden und gingen,
man sah es überall in dieser sterbenden Stadt,
gelangweilt war ich, schaute nutzlos aufs Handy,
checkte Telegram und Instagram,
und all diese anderen Zeitfresser,
um die sich alles dreht,
da vernahm ich plötzlich von draußen,
ein lautes Geräusch, ein Hupen, ein Brausen,
ich blickte zur Tür und war erstaunt,
mit schnellen Fuße ging ich hinaus,
hinaus in die bittere Kälte,
seit Tagen war es bereits so,
und es wurde nicht besser,
aber für einen Moment dachte ich nicht daran,
denn ich sah das Spektakel auf der Straße,
Traktoren und Trecker und LKWs,
in Reih und Glied, mechanische Bullen,
und mechanische Stiere,
Biester aus Stahl und Eisen und Gummi und Plastik,
die Spitze, die Krönung industrialisierter Agrarwirtschaft,
zweihundert Jahre Industrialisierung führten zu diesem Punkt,
mehrere Tonnen Stahl rauschten an mir vorbei,
eine agrarische Maschinenflut,
sie hupten und lärmten,
ihre Lichter flammten auf,
erhellten die dunkle, bitterkalte Nacht,
und ich war dabei,
stand am Rand,
war Beobachter des Spektakels,
mit zittrigen, kalten Händen holte ich das Handy hervor,
öffnete die Fotokamera,
doch genau in diesem Moment,
musste sie natürlich spinnen,
ich bereute es zutiefst,
meine echte, die gute Kamera,
nicht dabeigehabt zu haben,
was wären das doch für Bilder geworden,
diesmal musste die minderwertige Handykamera reichen,
auch wenn sie nicht in der Lage war,
diesen Moment wirklich einzufangen,
sei es drum,
meine Augen werden alles aufnehmen,
ich ging an den Rand der schwarzen Straße,
und schaute mit großen Augen zu,
ich fühlte mich zurückversetzt,
viele Jahre zurück,
in die Kindheit zurück,
damals war ich mit meinen Großeltern,
bei einer Monster Truck Show,
da fuhren dieselben Ungeheuer aus Stahl und Eisen und Gummi und Plastik,
für einen jungen Burschen war das einschneidend,
die Maschinen lärmten und brummten und machten Krach,
genauso war es jetzt,
in Massen fuhren sie vorbei,
und der Strom wollte einfach nicht aufhören,
Traktoren und Trecker und LKWs und andere Landwirtschaftsmaschinen,
sie hupten und lärmten,
und ihre Scheinwerfern erhellten die Nacht,
zerschnitten die Dunkelheit in zwei,
und ich sah viele Flaggen,
Deutschlandflaggen und Brandenburgflaggen,
schwarze Flaggen und weiße Flagen,
und die vielen Plakate,
sie alle hatten denselben Ton,
denselben rebellischen Ton,
was war es, was ich fühlte,
war es Gemeinschaft,
war es Verbundenheit,
war es Stolz,
war es Überwältigung,
oder alles zusammen,
in diesem Moment,
da sah ich es,
war das der Funke,
den dieses verstaubte Land braucht,
um neu zu entfachen,
was lange bereits tot war,
war das der Wind der Veränderung,
war das Revolution,
so viele Menschen waren unterwegs,
die Träger der Nation vereinten sich,
und fanden eine Stimme,
fanden für einen Moment zurück zur Heimat,
war das die Stunde,
und wenn es sie nicht war,
wenn es doch wieder verebbte,
und wir in den Trott zurückkehren,
ohne Veränderung,
in diesem Moment war es egal,
in diesem Moment verstummte der Pessimismus,
und ich blickte optimistisch in die Zukunft,
das war die mechanische Mobilisierung,
nun war alles wieder möglich,
wir waren noch nicht am Ende angekommen,
noch lange nicht,
ich stand am Rand der Straße,
mit Tränen in den Augen,
war es der Wind,
oder die Überwältigung,
das spielte keine Rolle,
mir war es auch egal,
dass ich bitter fror,
und das der Bus,
wesentlich später kam,
denn in diesen Moment,
spürte ich es deutlich,
uns steht Großes bevor.

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